
Sigune Schnabel, geboren 1981 in Filderstadt, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und schloss mit dem Diplom ab.
Ihre Texte erschienen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften, darunter das Jahrbuch der Lyrik (2022, 2023, 2024/25), Seitenstechen, Krautgarten, Sprache im technischen Zeitalter und mosaik.
Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem beim Thuner Literaturfestival Literaare sowie mit dem Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis (2017), im postpoetry-Wettbewerb (2018) und mit dem Wiener Werkstattpreis (2022). 2022 war sie Finalistin beim Lyrikpreis Meran.
2021 erhielt sie ein Merck-Stipendium der Darmstädter Textwerkstatt, 2023 folgten Arbeitsstipendien der Kunststiftung NRW sowie des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.
Zuletzt erschien ihr Einzeltitel Glas und andere Irrtümer (Geest-Verlag, Visbek, 2025).
Weitere Informationen unter: www.sigune-schnabel.de
Mona wartet auf ein Wunder, das es nicht gibt. Auf einen Körper, der sich an die Welt anpasst. Wäre das nicht angenehm?
Aber die Welt ist an sie herangewachsen, ganz nah. Hat sich immer enger an ihre Haut gepresst. Jetzt hat Mona keinen Platz mehr.
Wieder steht sie im Wohnzimmer vor dem Spiegel. Den Blick auf ihr Abbild braucht sie nicht, um zu wissen, dass etwas nicht stimmt. Dass sie völlig verquer wirkt, nicht glatt und geschmeidig, wie es sich gehört.
Draußen liegt erster Schnee. Auf dem Balkon sind die Pflanzen zugedeckt, und der Himmel streckt sein Grau über die Landschaft. Alles wirkt leiser, als es ist. Ein Versteckspiel.
Mona spielt mit, aber ihr gelingt es weniger gut. Sie muss noch üben. Warum? Sie braucht eine Anstellung. Und im Arbeitsleben ist es wichtig, die Gardine vor dem eigenen Gesicht zu schließen – so wie vor all den Fenstern der Nachbarn. Manchmal lugt einer hervor, schaut in den Morgen, prüft, wer schon wach ist.
Sie öffnet die Balkontür einen Spalt. Ein kalter Luftzug kommt ihr entgegen, erschreckt sie, fährt unter die Haut. Also macht sie wieder zu. Die Scheibe beschlägt. Auch das Glas hat etwas zu verbergen.
Die Einladung zum Vorstellungsgespräch kam unerwartet. Sie hat Mona geradezu überrascht. Nach dreißig Absagen ist das Gefühl längst in ihren Körper übergegangen: Du schreibst, und die Welt schickt ein Nein. Oder sie schweigt. Das ist ein Prozess, der sich eingespielt hat. Wie ein Knopfdruck auf Taste eins, der immer dieselbe Ansage auslöst:
Hier bin ich.
Geh.
Ich würde gern.
Geh.
Also schaut Mona noch einmal auf den Schnee vor dem Fenster und überlegt, wie sie eine bewegliche Figur aus Bluse werden kann, ohne mit der Luft zusammenzufrieren. Sie nimmt drei Wollunterhemden aus dem Schrank und zieht sie übereinander.
Aber es klappt nicht: Die Blusenfrau ist durchsichtig, das Weiß verrät, dass sie mogelt. Anders als der Schnee da draußen deckt es sie nicht zu. Es legt sich nicht schützend über sie. Mona bleibt sichtbar. Und zwar genau dort, wo sie nicht sichtbar sein darf. Dort, wo Kleidung etwas verstecken soll, das nicht dem vorgesehenen Zweck entspricht.
Als Nächstes holt sie die Schuhe aus dem Schrank und versucht, diese Baustelle in den Griff zu bekommen. Eine Blusenfrau trägt schwarze Lederschuhe. So hat Mona es gelernt. Auch die Socken müssen schwarz sein. Der hohe Schaft ihrer Winterstiefel verrät die Farbe nicht, also schummelt sie und wählt rote Kuschelsocken. Sie zieht einen Schuh darüber, nur zur Probe. Man sieht nichts.
Am schlimmsten ist es mit der Hose. Auch sie muss schwarz sein, notfalls grau. Jedenfalls unauffällig. All die Geschäfte haben nichts, was Monas Bauch freilässt. Unter der Bluse wäre es doch zulässig, denkt sie, wenn der Stoff an den Hüften endet. Aber es geht nicht. Dafür gibt es keine Nachfrage.
Die schwarze Konstruktion drückt Mona zusammen, während sich ihr Bauch in den Nachmittagsmodus begibt: Er dehnt sich weiter in die Welt hinein, als wäre dort noch Platz. Die Hosen sind gemacht, um zurückzuhalten. Doch das funktioniert nicht. Der Bauch will Raum. Raum, den ihr die Vorstellungsgespräche nicht geben.
VERstellungsgespräche – das wäre zutreffender.
Mona setzt sich auf die Bettkante. Die Hose liegt neben ihr, aufgeklappt wie ein Gerät, das sie noch in Betrieb nehmen muss. Sie probiert es erneut, atmet ein, zieht den Bauch ein, hält die Luft an. Für einen Moment passt alles zusammen. Dann atmet sie aus, und die Ordnung zerfällt.
Der Bauch kehrt zurück, zuverlässig. Er hat eigene Termine, kommt jeden Nachmittag zu ihr. Sie denkt an den Raum, in dem das Gespräch stattfinden wird. An den Tisch, an die Stühle, an die Fragen, die gestellt werden:
Warum haben Sie sich hier beworben?
Was sind Ihre Stärken?
Haben Sie auch Schwächen?
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Fragen mit glatten Oberflächen. Enge Fragen, in die nur wenige Antworten passen. Auch sie haben keinen Platz für etwas, das sich ausdehnt, das in die falsche Richtung läuft.
Draußen fällt weiter Schnee. Er legt sich über alles, was hervorsteht, macht Kanten weich, lässt die Umgebung sanfter erscheinen. Mona stellt sich vor, sie könnte so auftreten: makellos bedeckt.
Und dann der Gedanke: Sie will das Gespräch, aber sie will nicht erklärt werden. Erst recht nicht von sich selbst.
Müde erhebt sie sich. Zieht die Hose doch an, schließt den Knopf, auch wenn er viel zu weit oben sitzt. Es ist nur für drei Stunden, denkt sie. Eine Stunde Verstellung, zwei Stunden Bahnfahrt. Danach darf der Bauch wieder leben. Jetzt muss sie funktionieren. Mit einem Körper, der sich angemessen verhält.
Aber die Luftblasen sind überall, in ihr drin, draußen im Zimmer. Mona spürt sie beim Atmen, kleine Bewegungen unter der Haut.
Sie denkt: Wenn ich mich jetzt bewege, platzt nichts. Wenn ich stillhalte, auch nicht. Es ist nicht gefährlich, nur unpraktisch. So wie alles, was nicht vorgesehen ist.
Sie nimmt die Tasche, überprüft den Inhalt, vergewissert sich, dass alles Nötige da ist: Schlüssel, Geld, Einladung.
Hauptsache, es ist kein Rucksack. Rucksäcke stören die Ordnung.
Im Flur schlüpft sie in den Mantel. Er ist weit genug, um zu verbergen, was sich darunter nicht fügt. Ein Mantel ist erlaubt. Er gehört zur Jahreszeit.
Der Schnee knirscht unter ihren Schuhen. Jeder Schritt ein kleiner Beweis dafür, dass sie da ist, dass sie sich bewegt, trotz allem. Mona reiht sich ein in den Strom der anderen. Mal hebt sie den Kopf, mal senkt sie den Blick, findet das richtige Maß.
Ich gehe sparsam mit mir um.
Sie bleibt langsam, während sich Blicke über ihren Körper legen, ihn deuten. Die Welt liest auf ihr. Flüchtige Projektionen, die niemand zu Ende denkt. Sie macht sich schmal zwischen Mänteln, Taschen, Körpern. Achtet auf das richtige Tempo. Geschwindigkeit ist auch eine Form der Anpassung.
Ihre Füße fühlen sich kalt an, der Bauch meldet sich leise, sagt etwas. Schon wieder. Sie antwortet nicht.
Die Bahn fährt ein. Türen öffnen sich. Die Ordnung verschiebt sich für einen Moment, dann findet sie sich neu. Mona setzt sich ans Fenster.
Dort sieht sie ihr Spiegelbild. Ein Körper, zusammengesetzt aus Glas und Winterlicht. Er wirkt ganz leicht, lässt sich so besser ertragen.
Die Bahn setzt sich in Bewegung. Auch Monas Atem regt sich. Sie zählt die Stationen, denkt an die drei Stunden, die vor ihr liegen. Zieht die vergangenen Minuten ab.
Früher war die Welt einfacher, als sie noch ein rosafarbenes Mädchen war, das an der Hand seiner Mutter ging. Die Mutter war ein Filter zwischen ihr und den anderen. Sie entschied, wie Mona gesehen wurde, sprach, nahm Fragen entgegen, ließ abprallen, traf Entscheidungen allein. Mona musste nur mitgehen, Schritt für Schritt, immer der Hand hinterher.
Damals dehnte sich ihr Körper noch nicht unkontrolliert aus. Nur selten fiel etwas aus dem Rahmen.
In der Bahn ruckelt es leicht. Mona muss gleich aussteigen. Sie greift nach der Stange, mehr als Beruhigung für sich selbst. Das rosafarbene Mädchen bleibt sitzen. Seine Mutter ist verschwunden.
Jetzt drückt sich die Welt direkt an Mona, ungefiltert.
Sie zieht den Mantel enger um sich. Noch zweieinhalb Stunden, denkt sie. Zweieinhalb Stunden, in denen sie erwachsen und wohlgeformt sein muss.
Wohlgeformt heißt: nichts ragt hervor. Keine Fragen, keine Regungen, keine Abweichung. Ein Körper, der sich einfügt, statt Raum zu beanspruchen.
Die Bahn bremst. Türen öffnen sich. Kalte Luft dringt herein, vermischt sich mit Parfüm, Stoff, Atem. Mona reiht sich ein in die Bewegung nach draußen.
Der Bahnsteig ist schmal. Menschen weichen einander aus, ohne sich anzusehen. Sie geht mit, immer weiter bis zur Treppe.
Der Schnee liegt noch immer da, ruhig. Er hat Zeit. Sie bleibt einen Moment stehen – zieht den Schal fester.
Der Weg zum Gebäude ist kurz. Kurz genug, um ihn zu schaffen, ohne einen Fehler zu machen. So ein Fehler ist: Wasserflecken auf der Hose, Schlammspritzer, Dreck an den Schuhen.
Vor dem Eingang stehen Menschen. Sie bilden Gruppen, ordnen sich. Einige gehen durch die Drehtür. Mäntel werden geöffnet, Taschen zurechtgerückt. Übergänge brauchen kleine Korrekturen. Auch Mona schaut an sich herab. Dann betritt sie das Gebäude.
Drinnen ist es warm. Die Luft riecht nach Heizung und etwas Süßlichem. Der Mantel wird zu viel, aber noch darf sie ihn nicht ausziehen. Im Aufzug spiegelt sich ihr Gesicht, verzerrt. Mona senkt den Blick. Spiegel sind jetzt nicht hilfreich.
Oben öffnet sich die Tür. Sie hört Schritte und Stimmen. Eine Gruppe lacht. Dann ist es wieder still.
Sie bleibt stehen. Der Bauch ist da. Der ganze Körper ist zu spüren. Sie überprüft die Uhrzeit. Noch zu früh. Also nimmt sie auf einem der Stühle im Eingangsbereich Platz. Die Tasche stellt sie ordentlich neben sich, nicht zwischen die Füße. Platznehmen ist auch eine Übung.
Sie richtet den Rücken auf – legt die Hände ineinander.
Gleich wird jemand kommen.
Am anderen Ende des Gangs sieht sie das rosafarbene Mädchen. Das Kleid ist ganz zerknittert. Sie erschrickt. Was hat es hier verloren? Es hängt zwischen zwei Stühlen, als wüsste es nicht, was hier erlaubt ist. Die Füße baumeln in der Luft.
Mona sieht weg – dann wieder hin. Das Rosa passt nicht hierher. Es widerspricht dem Grau, dem Teppich. Niemand sonst scheint das Kind zu bemerken.
Es schaut sie an, ohne etwas zu sagen.
Sie will rufen: Du darfst hier nicht sein. Nicht jetzt. Und vor allem nicht so.
Aber jemand könnte sie dabei hören.
Sie glaubt, das Rot ihrer Kuschelsocken zu spüren, schaut an sich herab. Aber die Schuhe sitzen, verraten nichts.
Schritte nähern sich – entfernen sich wieder.
Eine Tür fällt ins Schloss. Das Mädchen bleibt an seiner Stelle. Mona zieht den Bauch ein und senkt den Blick – zählt ihre Atemzüge. Als sie wieder aufsieht, sitzt das Mädchen nicht mehr zwischen den Stühlen. Es ist näher gerückt.
Mona bewegt sich nicht.
Im Gang öffnet sich eine Tür. Jemand kommt auf sie zu. Sie erhebt sich, streckt die Hand zum Gruß aus.
Das rosafarbene Mädchen steht nicht mit auf. Aber es ist auch nicht verschwunden.
Anregungsfragen:
- Wie stark formen gesellschaftliche Erwartungen unseren Körper – und unser Selbstbild?
- Ist Anpassung im Berufsleben notwendige Kompetenz oder struktureller Zwang?
- Wer definiert, was „angemessen“ ist – und wer bleibt dabei außen vor?
- Ist Sichtbarkeit heute ein Risiko oder eine Chance?
- Was geschieht mit dem „rosafarbenen Mädchen“ in uns, wenn wir erwachsen werden müssen?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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