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Rolf Breuer – Schrei macht frei

Dr. Rolf Breuer, Jahrgang 1952. Satiriker, Rezitator und Kabarettist (Bühne, Fernsehen, Radio). Früher: Sonderpädagoge, TV-Redakteur und Fernsehjournalist. Heute Rentner und ab und zu immer noch Rhetorik-Coach für TV-Moderatoren, TV-Journalisten und Manager diverser Unternehmen. Leiter einer Schreibwerkstatt.

Veröffentlichungen neben Radio und Fernsehen in Anthologien und Literaturzeitschriften. Spezialgebiete: Authentizität und das narrative Prinzip „Erzählen statt Quälen!“


14.11.2025, Breaking News – weltweit

Das Rätsel um das „Schrei-Bild“ ist gelöst. Das Bild war vor vier Wochen verschiedenen seriösen Medien in Europa und den USA anonym zugespielt worden – mit dem Hinweis, es sei ein Original-KI-Dokument aus den Eduardo-Monaco-Studios in Kalifornien.

Jetzt steht fest: Das Bild beweist tatsächlich eine gefährliche neue Form von Eingriffen in menschliches Leben. Das konnte durch die Entschlüsselung des umfangreichen Datensatzes nachgewiesen werden, der im Bild eingebettet ist. Er enthält den kompletten Ablauf eines erschreckenden Experiments zur Realitätsveränderung.
An der Recherche beteiligt waren weltweit mehr als 50 vernetzte Medien mit ihren Investigativ-Reportern.

Ergebnis: Eine schier unglaubliche Geschichte!

Zunächst konnten von den beiden Figuren oben im Bild Teile eines Dialoges zu Beginn des Experimentes rekonstruiert werden.

29.09.2025 – Schwabenbronn, Deutschland –
15:45 Uhr

„Mein Gott, siehst Du es auch!“
„Ja, schrecklich, da will man nur ein Selfie machen – und da sieht man hinter sich – ja wer ist das eigentlich?“
„Oh Mann, die sehen aus wie … wie … Geheimdienstler. Die verfolgen uns! Scheiße!“
„Was wollen die bloß? Wir haben doch gar nichts gemacht!“
„Oh doch, da fällt mir genug ein! AFD gewählt, Migranten gekloppt, Finanzamt betrogen, bei Rot über die Ampel, schwarz mit der U-Bahn gefahren …“
„Und Du musstest auch unbedingt den Riesen-SUV haben! Nicht mal Hybrid! Du elender Klima-Sünder!“
„Und Du? Methan-Junkie, maßloser Wurst-Fresser!“
„Hör auf, ich weiß ja, und noch die ganzen … Hilfe, die kommen näher!“
„Was sollen wir machen? Und dann der Himmel, hast Du gesehen?“
„Bin ja nicht blind! Bestimmt der totale Klima-Gau! Oder sogar das jüngste Gericht!“
„Du glaubst doch gar nicht an Gott!“
„Jetzt schon, Du Trottel – wer kann denn sonst noch helfen?“

Und so ging es noch eine ganze Zeit, bis sich der Hintergrund plötzlich auflöste und die beiden Männer wieder vor dem Brunnen auf dem Marktplatz vor der Schwabenbronner Stadtkirche standen. Die beiden, Brüder übrigens, hatten den Zwischenfall überlebt, aber blendeten die Erfahrung sicherheitshalber aus und machten genauso weiter wie immer. Man kann ja schließlich nicht alles im Kopf behalten und sich womöglich noch beunruhigende Gedanken machen!

Die Investigativ-Reporter konnten schließlich auch die Bedeutung der beiden Figuren im Bild unten klären, denn am gleichen Tag geschah Folgendes:

29.09.2025 – Eduardo-Monaco-Village, USA –
15:30 – 16:00 Uhr

Die optisch so netten, aber rein digitalen Figuren gehören zur Steuerzentrale dieses Ereignisses und tragen die Bezeichnung X19 und X24. Per KI haben sie ein hohes Maß an Eigenleben entwickelt und steuern die Prozesse auf riesigen Servern in den Eduardo-Monaco-Studios in Kalifornien. Mit Hilfe einer App, der X-Ray-App, wählen sie nach dem Zufallsprinzip irgendwelche Empfänger weltweit aus, um in deren Leben einzugreifen. Zunächst testweise – später dann total. Die Empfänger müssen allerdings die X-Ray-App geladen haben – wie eben auch die Schwabenbronner Brüder.
Sie wurden dadurch zum Opfer eines KI-Hologramm-Projektes, mit dem Dinge, Situationen und Ereignisse so in die eigene Realität gebeamt werden, dass letztlich verloren geht, wo und wer man wirklich ist und was mit einem geschieht.
Aber dann gelang es einer Hacker-Gruppe, ein dramatisches Ereignis zu rekonstruieren, das die beiden Schwabenbronner Brüder aus ihrem Dämmerschlaf aufweckte.

07.10.2025 – Schwabenbronn, Deutschland –
13:05 Uhr

Sie hatten sich wie üblich mittags zur After-Work-Party im Szene-Lokal Pinker Engel getroffen. Plötzlich stürmte eine Horde von 70 Schulkindern vom benachbarten Schulcampus durch die Eingänge, lärmten, lachten und schrieen wie irre, sprangen über Stühle, Bänke und Tische. Darunter waren auch die Tochter des einen und der Sohn des anderen. Die X-Ray-App hatte sich inzwischen auch unter den Schulkindern verbreitet.
Von X19 und X24, so konnte rekonstruiert werden, waren die Schüler in eine Sprungbude gebeamt worden – ähnlich wie das Jump & Fly im Nachbarort. Das Ergebnis waren verschiedene Knochenbrüche, leichte bis mittelschwere Kopfverletzungen, Einsatz von Polizei, Feuerwehr und 50 Rettungsambulanzen aus der Region sowie eine Überforderung aller Krankenhäuser im Umkreis von bis zu 100 Kilometern – abgesehen von der notwendigen Total-Renovierung des Pinken Engel.

Unter den mittelschwer Verletzten waren auch die beiden Brüder – aber als sie ihre eigenen Sprösslinge entdeckten, entrang sich ihren Kehlen ein markerschütternder Schrei, der selbst am Bodensee zu hören war – und auch am Regierungssitz der Landeshauptstadt, wo dem Ministerpräsidenten der Löffel in die Suppe fiel.

Stand 15.11.2025 – Schwabenbronn, Deutschland
und darüber hinaus

Dieser Schrei der beiden war weltweit ein solches Fanal, dass man alle Verantwortlichen für die X-Ray-App sofort enteignete und die freiwerdenden Gelder in eine Stiftung steckte. Einen Teil davon erhielten die beiden Schwabenbronner Brüder. Sie gründeten damit ein sehr erfolgreiches Start-up, mit dem weltweit alle asozialen Apps auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen werden konnten.
Zentrales Element: eine App-Vernichtungs-App namens Schwabie – nach dem Vorbild eines selbstvernichtenden Stadtbahn-Projektes in der Stadt. Mit der blitzschnellen Verbreitung der App verringerte sich schon in den ersten vier Wochen der Stromverbrauch weltweit um sagenhafte 25 % – erste Gas- und Kohlekraftwerke wurden bereits abgeschaltet. Die beiden Brüder konnten es kaum glauben:
„Wahnsinn, was wir da alles losgetreten haben! Kneif mich mal! … Aua, so hatte ich das nicht gemeint!“
„Gern geschehen!“, scherzte der andere.
„Oder ist das vielleicht nur ein Strohfeuer?“, fragte der Gekniffene und rieb sich die Wange.
„Ein Funke kann einen Steppenbrand auslösen,“, war die hobby-philosophische Antwort.

Danach folgte eine intensive Diskussion über eine neue Start-up-Idee, passenderweise zur Entwicklung von Feuerlöschern aus nachwachsenden Rohstoffen – warum eigentlich nicht? Auch ein Steppenbrand muss schließlich kontrollierbar bleiben, wenn er nützlich sein soll.

Anregungsfragen:

  1. Braucht gesellschaftlicher Wandel immer eine persönliche Katastrophe?
  2. Kann Technologie sich selbst korrigieren – oder ist das eine Illusion?
  3. Ist Empörung ein nachhaltiger Motor für Reformen?
  4. Wie realistisch sind schnelle globale Systemveränderungen?
  5. Entsteht eine bessere Zukunft durch Moral – oder durch Kontrolle?

Soll der Text "Schrei macht frei" von Rolf Breuer Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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