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Daniel Mylow – Und dann begann er zu sprechen

Daniel Mylow wurde 1964 in Stuttgart geboren – Aufenthalte in Düsseldorf, Willich, Hannover, Berlin, Krefeld. Studium in Bonn und Marburg. Ausbildung in Kassel. Oberstufenlehrer in Hof und Wernstein, Marburg, Mainz, seit 2018  in Überlingen/Bodensee. Lebt auf der Halbinsel Höri.
Poesiepädagoge und Dozent für Literatur.

Letzte Publikationen:
Rotes Moor (Poetischer Thriller), Cocon Verlag Hanau 2017.
Greisenkind (Roman) net Verlag Chemnitz 2020.
Wenn du mir folgst…(Poetischer Thriller), EinBuch Literaturverlag Leipzig 2022.
2025 erschien Das Weiß zerrissenen Papiers , ein Erzählband über vergessene Dichter, in der Edition Hibana, inzwischen in der 2. Auflage.
2026 erscheint ein Erzählband über vergessene Dichterinnen.

Zahlreiche Publikationen von Lyrik und Kurzprosa in Anthologien und Literaturzeitschriften. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 2022  Lore Perls Literaturpreis und Bonner Literaturpreis. 2023 Bad Godesberger Literaturpreis, Kempener Literaturpreis 2017, Preis der Sparkassenstiftung Groß Gerau 2017, Merck-Stipendiat der Stadt Darmstadt 2018


Sie kommen nicht mehr zurück. Vor ihnen treibt der Wind Papierfetzen über die Gleise. Der Nebel rückt über die Felder. Im Morgenlicht werden sie unsichtbar.

Ich laufe durch die Straßen. Alles sinkt und fällt und gefriert und glänzt unter meinen Schritten. Im Carpe Diem
setze ich mich an die große Fensterfront. Passanten hasten vorüber. Lustlos blättere ich im Darmstädter Echo. Auf dem Fenstersims lässt ein Schmetterling seine Flügel von Wind und Märzsonne durchleuchten. Ich erinnere mich, wie wir als Kinder Schmetterlinge gefangen, mit Äther betäubt und im Inneren einer zerbrochenen Spielzeugpuppe versteckt hatten. Wir waren fest davon überzeugt, dass die Puppe eines Tages als Schmetterling davonfliegen würde.
Der Falter fliegt auf.
Farhad sitzt plötzlich neben mir. Wir reichen uns schweigend die Hand. Er wirkt erleichtert ob meines Lächelns.
„Dann sind sie übermorgen in Syrien“, sagt er leise.
„Ja“, erwidere ich.
Farhad bestellt sich einen flämischen Kaffee. Es sei Dienstag und Dienstag trinke er immer einen flämischen Kaffee, beeilt er sich zu erklären. Für einen syrischen Geschäftsmann sieht er mit seinen blauen Augen und dem blassen Teint fast wie ein Nordeuropäer aus. Er spricht nicht viel. Mit leisen Worten dankt er mir, dass seine Tochter und sein Sohn die letzten beiden Wochen bei mir wohnen konnten.
„Schon gut. Mein Vater hat mir erzählt, was du für ihn damals in Damaskus getan hast – einen mittellosen Ausländer, dem man gerade sein ganzes Gepäck gestohlen hat, einfach so aufzunehmen…“
“Das war gar nichts“, winkt er ab.
Farhad trinkt den Kaffee in hastigen Zügen.
„Sie glauben an die Revolution“, sagt er versonnen.
„Ja. Das tun sie. Und deshalb wollten sie zurück nach Syrien. Doch vorher wollten sie dich sehen. Ohne Visum. Ohne die Gewissheit, einfach so wieder über die Grenze zu kommen. Es ist eine verdammt gefährliche Reise.“
Farhad nickt. Er legt mir eine Hand auf den Arm. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht geht er. Ich sehe ihm nach. Er geht vorbei an der alten Bäckerei und an Gebäuden voller fremder Namen. Ich starre ihm nach, bis ich nicht mehr weiß, ob er noch da ist oder schon Geschichte. In diesem Augenblick gibt es niemanden, der ihm sagen kann, ob er seine Kinder je wieder sehen wird.
Schneckengleich schwindet das Licht vor den Fenstern der Bibliothek. Als die letzten Besucher gegangen sind, schließe ich ab. Nebel hängt, zu Kristallen mutiert, in den Bäumen.
In meinem Zimmer zappe ich zwischen N-TV, BBC und N24. Es gibt kaum Nachrichten aus Syrien – ein Krieg unter vielen. Ich lege mich schlafen. Seitdem ich in der Bibliothek arbeite, bin ich immerzu müde. Die Doktorarbeit schiebe ich jetzt fünf Jahre vor mir her. Nur der Bibliotheksjob hält mich über Wasser. Mein Vater sagt mir, ich sei ein Versager. Oder zumindest ein großes Kind. Meine Mutter hat erfolgreich verdrängt, dass ich überhaupt existiere.
Mitten in der Nacht wache ich auf. Der Himmel über mir ist ein fenstergroßes Stück schwarzes Universum. Die Finsternis hat alles ausgebleicht. Mein Zimmer scheint ein Loch in der Zeit. Jemand starrt mich an. Erschrocken fahre ich auf. Es ist, als wäre ich in dieser Aufwärtsbewegung erstarrt. Irgendetwas muss passiert sein. Die Uhr hängt wie ein verwunschenes Fundstück an der Wand. Ihr Ticken ist verstummt.
Neben mir am Bettrand sitzt ein alter Mann. In dem spärlichen Licht sehen seine Augen aus wie gesponnenes Glas.
Die hageren Gesichtszüge und das schulterlange graue Haar des Alten erinnern mich an meinen Großvater. Ich kenne ihn nur von Fotografien. Soweit ich mich erinnere, starb mein Großvater 1943 im Konzentrationslager Mittelbau-Dora.
Der alte Mann wendet mir jetzt den Rücken zu. Mit tiefer, sonorer Stimme fängt er an zu sprechen. Der Alte redet. Er redet, wie man Bruchstücke von Erinnerungen aneinanderfügt – von Sekunde zu Sekunde. Und wenn er nicht weiter weiß in seiner Erzählung, erfindet er einfach einen Tag. Und einen anderen dazu. Er redet und hört nicht auf. In der Morgendämmerung scheint die Erde stillzustehen. Ich frage mich, ob der Alte noch da ist oder schon Geschichte. Ich sehe in den Spiegel. Für einen Augenblick habe ich das Gefühl, in einem Foto von mir aufgewacht zu sein.

Statt mich meiner Doktorarbeit zu widmen, gehe ich die Heidelberger Landstraße ein Stück hinunter. Vor dem Kaffeehaus Eberstadt bleibe ich stehen. Das Eberstadt ist das Café der Müßiggänger. So ein Ort, wo man mit einem Satz der Welt entrückt, wenn man einmal angefangen hat zu schreiben. Ich kann die Stimme des Alten nicht mehr hören, und doch ist sie da.
In den folgenden zwei Nächten ist es nicht anders. Der alte Mann sitzt an meinem Bett. Er redet. Er sieht mich nicht an. Morgens gehe ich ins Eberstadt. Zur Sichel gemagert steht der Mond am bleichen Himmel.

Er war so alt wie ich. Anfang Dreißig war er, als Hitler in Deutschland an die Macht kam. Keiner politischen Gruppierung angehörend, war er anfangs sprachlos über das, was er mit ansehen musste. Über die Hälfte der Darmstädter wählte die NSDAP. Darmstadt wurde zu einer braunen Hochburg. Das Stadtviertel, in dem er aufgewachsen war, veränderte sich. Der Luisenplatz wurde in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Freunde verschwanden. Der überzeugte Junggeselle begann, seiner Wut und Empörung Worte zu geben. Zusammen mit seiner Schwester verfiel er auf die Idee, sogenannte Revolutionskärtchen zu entwerfen. Sie warben vor allem für die Versammlungsfreiheit. Dieses Grundrecht war damals längst aufgehoben. Seine Schwester malte die Motive. Er versah die Karten mit Textzitaten von Büchner, über den er, was damals mehr als ungewöhnlich war, als junger Mann promoviert hatte. Sie vervielfältigten die Karten, deren Aufmachung sie Monat für Monat neu gestalteten. Auch als Deutschland 1939 Polen überfiel, ließen sie sich nicht beirren. Sie glaubten an die Revolution, und hätte es auch zehntausend Jahre gedauert.
Jede Woche wählten sie ein anderes Viertel, manchmal eine andere Stadt, um die Karten in Briefkästen, Hausfluren, auf Kirchenbänken, Parkbänken und in Wartehäuschen zu verteilen. Das war ihre Art, das Grundrecht der Versammlungsfreiheit wahrzunehmen. Dass sie nicht entdeckt wurden, erschien ihnen wie ein Gebot, niemals aufzuhören. Sie empfanden beide keine Furcht. Nicht einmal die eigene Familie wusste von ihrem Tun. Der Alte erzählte, wie er seiner Schwester aus Dantons Tod, aus Büchners Briefen und Jugendschriften vorgelesen hatte. Noch während er las, fertigte sie die Zeichnung an, die das Konterfei der Postkarte schmücken würde. Nächtelang vervielfältigten sie alles in Handarbeit. Manchmal beobachteten sie die Menschen, die eine Revolutionskarte gefunden hatten. Auch wenn fast alle das kleine Stück Papier rasch wieder verschwinden ließen, hinterließ dieser Moment doch ein Gefühl des Glücks in ihnen. In diesen Augenblicken, dachten sie, waren sie mehr als nur „Schaum auf der Welle“. Ihre Größe war mehr als „purer Zufall“.
Der Alte schilderte jeden dieser Streifzüge, die sie meist im Schutz der Dunkelheit unternahmen oder auf den Wegen zu ihrer Arbeit, als Teil einer unablässigen, nie vergehenden Gegenwart. Und doch hörte er niemals auf zu sprechen, als wäre er in einem Kokon gefangen und jede Minute zu klein und zu eng, als dass man in ihr verharren könnte.

Ende 1942 wurde seine Schwester verhaftet. Eine Frau hatte sie beobachtet, als sie ihre Postkarten vor dem Landgerichtsgefängnis, einer Haft- und Folterstätte der Gestapo, auf den Parkbänken liegen ließ.
Schreiend war die Frau zu einer Gruppe von SA-Männern gelaufen, die rauchend an der Ecke standen. Marie, zum ersten Mal nannte er sie beim Namen, wurde verhört. Sie wurde geschlagen. Sie wurde gefoltert. Marie war nicht schwach. Aber als ihre Familie in Sippenhaft kam, gab sie die Mittäterschaft ihres Bruders preis. Er war nach ihrer Verhaftung geflohen. Man verhörte ihn. Marie sah er nie wieder. Sie wurde im Januar 1943 in der Kaiserstraße 31 im Innenhof der dortigen Gestapo-Folterstätte erschossen.
Warum man ihn nicht auch hinrichtete, sondern nach Dora brachte, sollte er niemals erfahren.

In der letzten Nacht hatte der alte Mann schweigend an meinem Bett gesessen. Ich hielt mein Gesicht ins Helle, bis es schmerzte. Als ich den Kopf wendete, war es, als ob sich ein Vorhang beiseite schöbe. Es war nicht dunkel dort und nicht hell. Der alte Mann war verschwunden.

Farhads Kinder schicken mir eine Nachricht auf mein Handy: Sind in Aleppo angekommen. Büchner auch. Danke.

Ich drehe meinen Bleistift in den Händen. Der zerschlissene Band Büchner. Werke und Briefe stammte aus dem Besitz meines Großvaters. Ich hatte ihn den beiden zum Abschied geschenkt.
Ich sehe auf. Der Himmel vor dem Café gleicht einem Passepartout aus Regenwolken. Ich habe geträumt, dass ich geträumt habe. Und auf einmal ist es kein Traum mehr.
Noch zwei Stunden bis zum Dienst. Vielleicht sollte ich am nächsten Wochenende meinen Vater in Hamburg besuchen. Wir haben uns nicht viel zu sagen. Vielleicht freut es ihn, wenn ich ihn nach Großvater frage. Vielleicht lacht er mich aus. Solange ich nicht die Sprache auf meine Lebensverhältnisse bringe, ist es erträglich.

Ich sehe auf die Heidelberger Landstraße. Alles was ich sehe, scheint nach einer bloßen Mechanik zu funktionieren, die man nur aufziehen muss. Die Passanten hasten vorwärts, einem unbekannten Ziel zu. Ein Bus mit Kindern fährt vorüber, die Hände und Gesichter glatt und weiß an die Scheiben gepresst. Der Strom der Autos kommt zum Stillstand und setzt sich wieder in Bewegung. Wollten sich zwei oder drei oder mehr jetzt versammeln und für ihr Anliegen demonstrieren, es würde niemanden stören. Wenn ich länger so dasitze und alles beobachte, denke ich, es müsste etwas passieren. So wie ich als Kind daran geglaubt hatte, dass die Puppe sich eines Tages in einen Schmetterling verwandeln würde. Aber es passiert nie etwas.

Ich verlasse das Café. Ziellos laufe ich durch die Straßen. Vor einem Geschäft stehen ausgemusterte Schaufensterpuppen. Nackt und vom Wind durchleuchtet scheinen sie zu allem bereit. Neben mir hält plötzlich der Bus zum Hauptbahnhof. Ohne zu überlegen, steige ich ein. Auf meinem Handy wählen meine Fingerspitzen eine Nummer. Ich muss lange auf das Freizeichen warten:
„Vater?“

Anregungsfragen:

  1. Reicht Erinnerung, um politisches Handeln auszulösen?
  2. Ist heutige politische Freiheit vielleicht zu selbstverständlich geworden?
  3. Was bedeutet Revolution in einer funktionierenden Demokratie?
  4. Ist Schweigen bereits ein politischer Akt?
  5. Beginnt ein „besserer Morgen“ mit einem Gespräch zwischen zwei Menschen?

Soll der Text "Und dann begann er zu sprechen" von Daniel Mylow Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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