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Jochen Seitz – Der Auftrag

Jochen C. Seitz, geb. am 14.12.1968, ledig, 3 Kinder
Ausbildung zum Schreiner, Studium der Innenarchitektur, Auslandsaufenthalt in Australien
Derzeit Innenarchitekt bei der HUK-COBURG VVaG

Mein ganzes Leben war geprägt von der Suche nach dem, was man nicht vordergründig wahrnimmt – dem, was jenseits des Geschreis der Welt passiert, und wie es sich darstellen lässt.
Mein Weg führte mich über die Malerei und die Bühne bis zum Schreiben, das ich für mich als eine Art Wünschelrute entdecke. In Kurzgeschichten, die ich für meine Kinder verfasst habe, verarbeitete ich meine Erlebnisse und Erkenntnisse. Mit ihnen wollte ich sie ermutigen, selbst zu denken und regelmäßig die Perspektive zu wechseln.
Die Geschichten sind moderne Märchen für Erwachsene, in denen Themen wie die eigene Persönlichkeit, aber auch sozial- und gesellschaftskritische Gedanken beleuchtet werden.
Die Geschichten führen mein Wirken in der Malerei fort, die stets unter dem Motto stand: „Ein Kunstwerk lebt im Betrachter.“ So entstand 2025 mein erstes Buch: „Meine Welt Deine Welt – Geschichten zum Nachdenken“. Daraus ist es die erste Geschichte, die mich zu dem vorgelegten Theaterstück inspiriert, ja fast gedrängt hat. Sie möchte beschreiben, wie sich unsere Gesellschaft dort hin entwickeln konnte, wo wir gerade stehen.


Der Dialog war nicht neu. Er wird seit Jahren geführt, wahrscheinlich seit Generationen – nur die Fahrzeuge sind moderner geworden. Jetzt haben sie integrierte Navigationsgeräte. James sitzt am Steuer, wie so viele vor ihm, die Hände fest umklammert, der Blick pendelt zwischen Straße und Display. Der Sir auf dem Rücksitz spricht ruhig, bestimmt, mit jener Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch duldet.
Sir: „Schnell, James, wir haben keine Zeit. Starten Sie den Wagen und geben Sie diese Adresse ins Navigationsgerät ein. Machen Sie das ausnahmsweise während der Fahrt. Wir müssen schneller sein.“
Es ist die Stimme derer, die nie selbst lenken mussten und doch immer wissen, wo es langzugehen hat.
James: „Aber Sir, das ist während der Fahrt verboten.“
Sir: „Wenn wir angekommen sind, werden Sie sehen, dass die Eile sich lohnt – und auch das Zudrücken eines Auges bei den Regeln.“

Das Auto beschleunigt. Die Landschaft zieht vorbei wie im Zeitraffer: Felder, einst fruchtbar, Fabrikhallen mit blinden Fenstern, Werbetafeln, die Glück versprechen.
James: „Wie Sie wünschen, Sir. Wenn ich jedoch anmerken darf: Laut Navi liegt das Ziel in unwegsamem Gelände.“
Das Navi zeigt eine klare Linie, schnurgerade, optimiert, berechnet. Es kennt keine Zweifel, nur Effizienz. Seine Stimme ist freundlich, beinahe fürsorglich – und gerade deshalb so gefährlich.
Sir: „Das kann nicht sein! Wenn ich meine Quellen richtig deute, ist der Weg eben und führt leicht, aber stetig bergauf. Sie werden sehen. Und nun drücken Sie aufs Gaspedal!“
Die Regeln, die Schilder am Straßenrand, wirken plötzlich wie Relikte aus einer langsameren Epoche
James: „Die Geschwindigkeit ist hier begrenzt, Sir.“
Sir: „Denken Sie, ich bin blind? Machen Sie schon!“
Geschwindigkeitsbegrenzungen werden zu Vorschlägen, Warnhinweise zu lästigen Unterbrechungen.
James: „Da vorn zeigt das Navi eine Fahrbahnverengung. Ich passe die Geschwindigkeit besser den Verhältnissen an.“
Wer bremst, fällt zurück. Wer zögert, verliert. Und verlieren kann man sich nicht leisten. Nicht in einer Welt, in der der Zweite nichts bekommt außer einem mitleidigen Lächeln und der Erklärung, er habe sich eben nicht genug angestrengt.
Sir: „Nichts da. Das Ziel ist lukrativ, und der Zweite verliert immer.“
Man redet sich ein, so etwas sei nur eine Phase. Innovation. Anpassung. Flexibilität. Worte wie Aufkleber auf der Windschutzscheibe – man sieht kaum noch hinaus.
James: „Ich habe das Navi mit exakt den Koordinaten gefüttert, Sir, die Sie mir gegeben haben. Sollen wir die Daten nicht doch noch einmal überprüfen?“
Sir: „Zweifeln Sie etwa an meiner Kompetenz? Die Adresse stimmt! … Warum bremsen Sie?“

Die Landschaft verändert sich.
Der Asphalt wird rissig, der Schotter gibt nach. Doch im System ist das nicht vorgesehen.
James: „Weil hier die Asphaltdecke endet, Sir, und es ab hier nur noch auf einer geschotterten Straße weitergeht.“
Das System ist mit Daten aus der Vergangenheit gefüttert – aus Zeiten, in denen der Boden tragfähig war und Ressourcen unerschöpflich schienen.
Sir: „Das hält der Wagen schon aus. Fahren Sie weiter und zeigen Sie Ihre Fahrkünste.“
James spürt das Ruckeln, hört das Knacken im Fahrwerk.
James: „Die Schlaglöcher werden immer größer. Ich befürchte, das Fahrwerk nimmt Schaden.“
Der Sir winkt ab.
Sir: „Immer feste drauf. Das Fahrwerk lassen Sie mal meine Sorge sein.“

Verschleiß sei einkalkuliert.
James: „Vor uns endet nun auch die befestigte Straße, Sir. Wir müssten über eine Wiese weiterfahren.“
Das Navi zeigt nur noch eine grüne Fläche.
Sir: „Na, sowas. Davon hat man mir gar nichts gesagt. Sei’s drum. Nehmen Sie Schwung!“
Er glaubt, Grün bedeute Fortschritt. Grün bedeute freie Fahrt.
James: „…Entschuldigen Sie, Sir. Den Graben eben habe ich im hohen Gras nicht kommen sehen.“
Sir: „Zum Glück hatten wir genug Tempo und sind hinübergekommen.“
James: „Ja – aber ich glaube, ich habe mir dabei den Arm gebrochen.“
Sir: „Papperlapapp! Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Gleich wird’s wieder besser.“
Schmerz stört den Ablauf – wie Müdigkeit eine Schwäche ist, Zweifel Illoyalität und Innehalten Zeitverschwendung.
James: „Im Gegenteil, Sir. Das Navi zeigt hier weit und breit nur Grün. Und da vorne sehe ich eine Mauer aus aufeinandergeschichteten Steinen.“

Vor ihnen erhebt sich die Mauer. Sie ist nicht neu. Stein auf Stein haben Generationen sie errichtet: aus Schulden, aus Emissionen, aus Ungleichheit, aus erschöpften Böden und erschöpften Menschen. Aus der Ferne wirkt sie harmlos.
Sir: „Das ist nur ein kleines Hindernis. Das durchbrechen wir. Geben Sie Gas!“
Ein weiteres Hindernis, das man mit genug Kraft überwinden könne. Schließlich war man bisher immer durchgekommen. Immer schneller. Immer lauter. Immer weiter.
James: „Aber Sir, wir könnten uns ernsthaft verletzen – oder gar umkommen!“
Stillstand jedoch bedeutet Absturz. Und deshalb folgt –
immer wenn Vernunft zur Angst wird – die feige Erpressung.
Sir: „Wofür bezahle ich Sie eigentlich? Wenn Sie lieber Ihren Job verlieren und in Kauf nehmen wollen, dass Ihre Familie hungert, dann können Sie jetzt anhalten und aussteigen.“

Dabei sitzen sie alle längst in der Limousine.

Anregungsfragen:

  1. Wie viel Absurdität entsteht im Alltag durch blinden Gehorsam gegenüber Autorität, selbst wenn alle Warnsignale sichtbar sind?
  2. Welche Rolle spielen technische Systeme (Navigation, Kennzahlen, Algorithmen), wenn sie menschliche Urteilskraft verdrängen?
  3. Wie wirkt existenzieller Druck (Jobverlust, soziale Unsicherheit) auf die Bereitschaft, gefährliche oder unsinnige Anweisungen auszuführen?
  4. Warum wird das Einhalten von Regeln oft dann eingefordert, wenn es nützt – und ignoriert, wenn es stört?
  5. Ab wann ist es politisch und moralisch legitim, sich zu verweigern – selbst wenn persönliche Nachteile drohen?

Soll der Text "Der Auftrag" von Jochen Seitz Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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