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Jochen Seitz – Die Moral

Jochen C. Seitz, geb. am 14.12.1968, ledig, 3 Kinder
Ausbildung zum Schreiner, Studium der Innenarchitektur, Auslandsaufenthalt in Australien
Derzeit Innenarchitekt bei der HUK-COBURG VVaG

Mein ganzes Leben war geprägt von der Suche nach dem, was man nicht vordergründig wahrnimmt – dem, was jenseits des Geschreis der Welt passiert, und wie es sich darstellen lässt.
Mein Weg führte mich über die Malerei und die Bühne bis zum Schreiben, das ich für mich als eine Art Wünschelrute entdecke. In Kurzgeschichten, die ich für meine Kinder verfasst habe, verarbeitete ich meine Erlebnisse und Erkenntnisse. Mit ihnen wollte ich sie ermutigen, selbst zu denken und regelmäßig die Perspektive zu wechseln.
Die Geschichten sind moderne Märchen für Erwachsene, in denen Themen wie die eigene Persönlichkeit, aber auch sozial- und gesellschaftskritische Gedanken beleuchtet werden.
Die Geschichten führen mein Wirken in der Malerei fort, die stets unter dem Motto stand: „Ein Kunstwerk lebt im Betrachter.“ So entstand 2025 mein erstes Buch: „Meine Welt Deine Welt – Geschichten zum Nachdenken“. Daraus ist es die erste Geschichte, die mich zu dem vorgelegten Theaterstück inspiriert, ja fast gedrängt hat. Sie möchte beschreiben, wie sich unsere Gesellschaft dort hin entwickeln konnte, wo wir gerade stehen.


Innenminister (mit geschwollener Brust):
„Wir haben die Moral abgeschafft, zugunsten einer gesteigerten Effizienz … Rücksichtslosigkeit steigert den Wettbewerb auch zwischen den Arbeitskräften, was die Produktivität erhöht. Maßlosigkeit steigert den Konsum, das schafft Bedürfnisse, was den Konsum weiter steigert. Mehr Konsum führt zu Habgier. Das erhöht wiederum das Bruttosozialprodukt und spült Steuergelder in die Kassen. Der Index für Mitgefühl liegt nur noch bei 30 %.
Das hilft uns letztlich auch, die Menschen besser zu manipulieren. Inzwischen sind wir sogar schon so weit, dass unsere Ideologien von den Eltern selbstständig an die nächste Generation weitergegeben werden.“

Kanzler (kaum berührt):
„Gute Arbeit! Was gibt es sonst noch zu berichten?“

Justizminister (wichtig grinsend):
„Die immer stärker steigende Anzahl an Straftaten hofften wir mit immer mehr Gesetzen verhindern zu können. Aber das schlug fehl. Wir setzen nun darauf, weitere Gesetze zu erlassen und die bestehenden zu verschärfen … Wir experimentieren gerade auch mit Gesetzen, die vom Ernst der Lage ablenken, und entfachen zusammen mit der Abteilung für Agitation Diskussionen, z. B. über Gendergerechtigkeit mit der Einführung eines zusätzlichen Geschlechts und der Anpassung der Sprache … Hilfreich sind auch Berichte über Machenschaften von Machthabern anderer Staaten.“

Kanzler (gelangweilt):
„Interessant! … Was noch?“

Innenminister (auf seinen Posten bedacht):
„Ich muss darauf hinweisen, dass die Durchsetzung neuer oder schärferer Gesetze Ressourcen benötigt, die wir gerade nicht haben. Die Polizei benötigt einen höheren Etat!“

Gesundheitsminister (ins Wort fallend):
„Wenn wir über die Etatverteilung sprechen, müssen wir zuerst das Gesundheitssystem diskutieren. Der Krankenstand ist explodiert. Dazu kommen neue Krankheitsbilder, die langfristig der Arbeitsproduktivität entgegenstehen. Das wirkt sich auch schon negativ auf die Zuverlässigkeit der Versorgung aus – ganz zu schweigen von der Pflege älterer und bedürftiger Personen. Uns allen ist die Alterspyramide bewusst. Dazu kommt die Tatsache, dass durch die Erfolge des Innenministeriums auch immer weniger alte Menschen zu Hause bei der Familie wohnen.“

Außenminister (Ja-sagend):
„Die Nachbarländer machen ähnliche Erfahrungen.“

Verteidigungsminister (bedeutsam einmischend):
„Und sie schmieden Pläne, von ihren inneren Problemen durch militärische Interventionen im Ausland abzulenken! So berichten uns die Geheimdienste. Die letzte Regierung hat unsere Wehrhaftigkeit zu Tode gespart. Wir benötigen mehr Mittel, um gegen eine Invasion gewappnet zu sein.“

Umweltminister (schließlich ebenfalls ermutigt, etwas beizutragen):
„Die Menschen gehen immer achtloser mit unserer Umwelt um. Sowohl die Bevölkerung als auch die Industrie – mit noch viel verheerenderen Folgen – verursachen erstens durch den maßlosen Abbau von Ressourcen, zweitens durch den immensen Verbrauch von Energie, hauptsächlich fossilen Ursprungs, und drittens durch den ungehemmten Konsum irreparable Schäden. Inzwischen können wir ohnehin nur noch auf eine Schadensbegrenzung setzen – trotz immer größerer Anstrengungen und letztlich steigender Kosten. Wir beobachten, dass die Böden immer unfruchtbarer werden, die Gewässer mehr und mehr verschmutzen und die Luft verpestet ist. Dadurch nehmen wir uns nicht nur unsere Lebensgrundlagen; auch die Erträge in Land-, Vieh- und Forstwirtschaft sowie in der Fischerei gehen zurück, was schlussendlich auch geringere Einnahmen bedeutet. Dazu kommt eine weltweite Verknappung der Ressourcen. Wir brauchen mehr Geld, um überleben zu können!“

Kanzler (resümierend):
„Meine Herren, wenn ich das richtig sehe, haben wir durch die Abschaffung der Moral immense Verschlechterungen über alle Ministerien hinweg und in den meisten Bereichen der Gesellschaft erreicht. Zudem müssen wir den größten Teil aller finanziellen Einnahmen, die wir zusätzlich generieren, dazu verwenden, all diese negativen Erscheinungen abzumildern, um überhaupt leistungsfähig zu sein. Was haben wir dann am Ende gewonnen?“

Anregungsfragen:

  1. Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Effizienz zum höchsten Wert wird und Moral nur noch als „Störfaktor“ gilt?
  2. Wann kippt Rechtsstaatlichkeit in bloße Symptombekämpfung?
  3. Inwiefern nutzen politische Systeme gezielt Nebendebatten und äußere Feindbilder, um von strukturellem Versagen abzulenken?
  4. Kann ein System, das seine eigenen negativen Folgen kennt, aber dennoch weiter so handelt, überhaupt noch reformiert werden?
  5. Was bleibt von einem Staat übrig, wenn Wachstum zwar steigt, aber Vertrauen, Gesundheit, Umwelt und Solidarität gleichzeitig zerfallen? Woran messen wir politischen Erfolg wirklich?

Soll der Text "Die Moral" von Jochen Seitz Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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