
Fabian Wollgast, geboren 1990 in Berlin, Vater zweier Kinder und studierter Journalist. Lebte seine Vorliebe für das geschriebene Wort zunächst in Kommunikationsberufen und als Ghostwriter aus. Schreibt seit über zehn Jahren auch Gedichte und Kurzgeschichten und veröffentlicht diese seit Sommer 2025. Die Texte beschreiben Chancen, bevor wir sie verpassen und konstruieren Verbindungen dies- und jenseits roter Linien. Mit dieser Gratwanderung zwischen Trüb- und Frohsinn hat er 2025 bei einem Lyrikwettbewerb zum Tag des Friedhofs gewonnen und anlässlich der Veranstaltung in einer Lesung und Ausstellung veröffentlicht. Es folgten erste Erscheinungen von Texten in Literatur-Magazinen und Anthologien.
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Wir leben in finsteren Zeiten.
Wir wachen jeden Morgen in einer Welt voller Katastrophen auf. Ständig fliegen uns die schlechten Nachrichten um die Ohren. Wann ging das eigentlich los? Spätestens 2020: Corona, Lockdown, tote Fußgängerzonen, tote Schulen, tote Menschen. Das war das schlimmste Jahr. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Wir waren uns sicher: Nächstes Jahr wird alles besser, frohes Neues! Von wegen. Keine Woche später, Januar 2021: Sturm aufs Kapitol. Dann Taliban in Afghanistan, Klimakrise, neue Virusvarianten. Aber 2022 wird’s werden. Ein paar Wochen sind geschafft, da rollen wieder Panzer auf europäischem Boden. Der Ukraine-Krieg hält bis heute an. Auch FIFA-Friedenspreisträger Donald Trump konnte ihn – wie versprochen – nicht binnen 24 Stunden beenden. Manch einer mag staunen, wie kompliziert unsere Welt doch ist. Und schlimm.
So schlimm. Da sind wir uns einig.
Und wäre das nicht schon schrecklich genug, verschlimmbessern wir, was vor uns liegt. Wir katastrophisieren. Während es an realen Krisen schon nicht mangelt, nehmen wir düstere Zukunftsaussichten dazu: Die NATO zerbricht, Russland greift Europa an, die EU verfällt dem Rosenkrieg, Faschisten besetzen die Parlamente. Das machen wir nicht nur im Großen, auch im Kleinen: Die Sonne scheint, aber später soll‘s noch Regen geben; aus den Kopfschmerzen google ich mir einen Hirntumor; schlechten Leuten geht’s immer gut.
Aber was, wenn alles besser wird? Wenn alles schlecht werden kann, kann genauso auch alles gut werden. Für beide Aussichten haben wir keinerlei Garantie. Den Glaubenssatz bestimmen wir selbst: Morgen wird gut. Morgen gibt‘s Frieden.
Grünphase
Frühlingserwachen,
grau wird grün
Ein Hoffnungsschimmer flimmert
Leben findet einen Weg
Grüner wird‘s nicht
Freie Fahrt voraus
Denke groß
Vertrau mir – trau dir
Begrünte Dächer, begründete Hoffnung
Morgen wird besser
Was immer wir auch kennen, es liegt hinter uns. Es ist vergangen oder vergeht in diesem Moment. Nichts von dem, was wir gesichert wissen, liegt vor uns. Wir kennen einzig und allein die Vergangenheit, und erleben die Gegenwart, aber die Zukunft nehmen wir nur an – auf Grundlage von Erfahrungen, als kollektive Vorstellung, was kommen kann, aber nicht muss. Wenn heute Sonntag ist, geht morgen die neue Woche los. Mit Sicherheit, darauf haben wir uns geeinigt, so steht es im Kalender. Wenn ich aber keinen Kalender nutze oder einen anderen verwende, kann morgen auch der Blumentag sein – oder gar keiner. Was interessiert es die Elchkuh in der finnischen Taiga, welcher Tag heute ist – oder morgen. Wir allein manifestieren die Logik der Zukunft und bilden uns ein, sie vorherzusehen. Beim Wetterbericht fällt uns dieser Widerspruch am ehesten auf. Es sollte doch nicht regnen heute. Die Sonne sollte scheinen. Und doch: Jetzt regnet es, und wir räumen zunächst den Irrtum und dann den Terrassentisch ein.
Was wäre, wenn wir uns kollektiv darauf verständigen, anders in die Zukunft zu blicken? Was wäre, wenn wir das Instrument der Katastrophisierung nehmen, aber umkehren; wenn wir gemeinsam annehmen, dass die Zukunft gut wird? Wenn wir uns alle gemeinsam darauf verständigen, ist das Glück nur diese eine Einigung entfernt. Es läge an dir – und mir –, uns auf ein gutes Morgen zu verständigen und in dieser gemeinschaftlichen Annahme auch ein solches zu schaffen. Es müssen nicht alle mitmachen – eine einfache Mehrheit reicht.
Die Wahrscheinlichkeit für Krieg, Krisen und Kummer mag auch in Zukunft hoch sein. Wenn wir aber den Fernseher ausmachen, das Handy beiseitelegen und in den Himmel schauen, ist davon erstaunlich wenig zu sehen. Die Bewahrheitung des Glaubenssatzes, dass wir Frieden finden, ist genauso wahrscheinlich, wie die Aussicht darauf, dass die Welt immer schlechter wird. Was morgen ist, wissen wir nicht. Niemand. Wir alle mutmaßen und interpretieren auf Grundlage dessen, was wir sehen. Und darauf gründend stellen wir im Selbstbewusstsein der Lebenserfahrung fest: So geht es weiter. Es muss ja so kommen.
Muss es nicht!
Kinder wissen das!
Sie haben keine Lebenserfahrung. Sie wissen nicht, was morgen kommt – und damit wissen sie es besser.
Aber die gesellschaftspolitische Wirklichkeit ist immer das, was wir gemeinschaftlich denken. Lasst uns mehr denken, was Kinder denken. Im Hier und Jetzt. Und was morgen kommt, wird gut! Denn das, was die meisten denken, bestimmt unsere Realität. Das Böse macht es doch nicht anders. Winston Churchill kannte sich aus mit dem Bösen, er hat es besiegt – und seinerzeit sinniert, dass jede Diktatur den Anschein erwecke, für die Ewigkeit gemacht zu sein – bisher sei es aber noch keine gewesen.
Das „Tausendjährige Reich“, dass das NS-Regime beschworen hat, fand nach zwölf Jahren ein ziemlich frühes Ende. Das Böse wollte 1000 Jahre herrschen, nach zwölf Kalenderausgaben war Schluss. „Zwölf“, in dieser Größenordnung schreibt man Zahlen noch aus. Wenn das personifizierte Böse Europa in Schrecken hält und statt 1000 Jahren Herrschaft bereits nach zwölf Jahren verschwindet, wer vermag da mit Sicherheit sagen zu können, dass er oder sie wüsste, was die Zukunft bringt und geschweige denn, dass sie gewiss düster aussieht. Das weiß niemand, und außer uns stört es auch niemanden – nicht die Elchkuh in der finnischen Taiga und auch kein Kind dieser Welt. Nur wir Realos finden keinen Gefallen in der Unverbindlichkeit des vor uns liegenden. Die Zukunftsforschung ist sich ihrer Herausforderungen bewusst.
Sie arbeitet mit Modellen, Räumen und Prognosen. Was bleibt ihr auch übrig? Was uns übrig bleibt, ist mehr als ein Modellversuch und mehr als Manifestation.
Das macht die Gegnerseite.
Das Böse lebt von der Manifestation. Alles wird immer schlimmer. Setzen wir dem etwas Gutes entgegen. Gönnen wir dem Kopf eine Lymphdrainage. Morgen wird besser! Das ist mehr als Manifestation, weil wir etwas dafür tun können. Morgen kaufe ich mir Blumen; ich grüße den Nachbarn, den ich eigentlich nicht so gern habe; ich werfe dem Straßenmusiker am Bahnhof einen Euro in den Hut. Morgen wird gut. Je mehr Menschen dem folgen, desto besser wird der Tag. Unser Tag.
Wie können wir uns diese Idee am besten merken? Dafür haben wir unsere Sprache zur Kunst erhoben. Liedtexte oder Gedichte nutzen die geballte Energie der Worte, sie komprimieren das Denken und Fühlen derjenigen, die sie lesen und schicken sie auf eine Reise zu sich selbst.
Wir schreiben und lesen Gedichte, um Emotionen oder Ideen in einer Tiefe auszudrücken, die wir in der Sprache des täglichen Umgangs nicht finden. Die Poesie verdichtet die Inhalte und die Gefühle, die sie auslösen. Ein und dasselbe Wort kann sowohl die schreibende als auch die lesende Person gleichermaßen zum Nachdenken anregen und so Brücken zwischen Menschen bauen, die sich dafür noch nicht einmal begegnen müssen. Das funktioniert über alle Grenzen, die wir Menschen uns setzen können, hinweg, und auch über solche, die von höherer Gewalt gesetzt sind, wie z. B. die Zeit: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein“, immer noch. Finden wir das wahre, schöne Gute und setzen wir uns mit uns selbst auseinander, um eine positive Veränderung zu bewirken. Dann ist die Utopie eines besseren Morgen nur eine Nacht entfernt.
Deshalb schließt dieser Denkanstoß in Gedichtform und hofft, diese Zeilen bleiben und gedeihen in den Köpfen derer, die sie lesen:
Was wäre wenn
wir ernten was, wir säen
wenn wir sähen, wer wir sind
wenn wir blieben, statt zu gehen
und bewahrten unser Kind?
Was wäre wenn
das Tal der Tränen still versiegt
in jedem Geiste Licht noch brennt
ein jeder kriegt, was er verdient,
und niemand sich allein nur kennt?
Was wäre wenn
wir nur nehmen, was wir brauchen,
und gäben, was wir hätten
wenn die Flinten nicht mehr rauchen,
und sich alle Wogen glätten?
Was wäre wenn
uns allen Glück beschert
Liebe zieht in ihren Bann
nichts bleibt niemandem verwehrt,
und jede darf was jeder kann?
Was wäre wenn
wir alle für einander stehen,
uns befreiten aus dem Loch
niemals wird das Nie nicht gehen –
träum mit mir: was wär, wenn doch?
Anregungsfragen:
- Ist Hoffnung eine politische Ressource – oder wird sie zur Gefahr, wenn sie reale Machtverhältnisse unterschätzt?
- Wie stark prägt kollektives Denken tatsächlich gesellschaftliche Realität, und wo stößt diese Idee an ihre Grenzen?
- Brauchen demokratische Gesellschaften bewusst positive Zukunftsnarrative, um nicht autoritären Heilsversprechen zu erliegen?
- Wo verläuft die Grenze zwischen konstruktivem Optimismus und Verdrängung realer Krisen?
- Kann eine „Utopie im Kleinen“ (alltägliche Handlungen, Haltung, Sprache) langfristig politische Strukturen verändern?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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