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J.W. Anders – Anstand – Eine Reflexion

An Kurzgeschichten versuchte sich J. W. Anders schon während der Schulzeit. Danach drängte der Alltag das kreative Texten zunächst in die dritte Reihe. Durch das Schreiben von Theaterstücken und deren Aufführung mit dem eigenen mittelalterlichen Figurentheater kehrte die Freude am Fabulieren zurück. Lieblingsthemen sind, neben Frühzeit und Mittelalter, postapokalyptische Zukunftsszenarien. Anders ist aktives Mitglied der Autor*Innengruppe 7punkt3. Erzählungen und Poesie erschienen in Anthologien und auf Online-Plattformen.


Laut Wörterbuch der Gebrüder Grimm bedeutete Anstand im 16. und 17. Jhdt. vorwiegend das Anstehen des Krieges und somit Waffenstillstand. Ist diese Bedeutung tatsächlich so weit von der heutigen entfernt? Ohne Anstand, d. h. einen Waffenstillstand zwischen den einzelnen Individuen einer Gesellschaft, könnte diese nicht funktionieren. Streit bis hin zu Mord und Totschlag wären alltäglich. Bedeutet anständig zu sein aber nur, dass ich meinem Nächsten nicht an die Gurgel gehen darf, wenn er mich nervt?
Als ich klein war, hatten wir eine Großtante, vor der meine Schwester und ich noch knicksen mussten. Zugegeben – schon damals ziemlich antiquiert, doch meine Mutter bestand darauf. So wie auf viele andere Regeln: Nicht mit vollem Mund reden; Kinder sieht man, aber man hört sie nicht; Kinder grüßen zuerst; Mädchen müssen aufrecht und mit geschlossenen Beinen sitzen, immer hilfsbereit und freundlich sein. Gutes Benehmen nannte sie das.
Man kann schon heraushören, dass Anstand auch eine geschlechtsspezifische Seite hat. Schön, ich darf inzwischen ohne Anstandswauwau auf die Straße und über mein selbstverdientes Geld verfügen. Doch während Männer in der S-Bahn oder Kino mit breit gefläzten Beinen und ausgefahrenen Ellbogen ihr Revier abstecken, sollen Frauen immer noch rücksichtsvoll sein. Echt klasse! Ich habe mir inzwischen angewöhnt, weder meine Füße unter den Sitz zu ziehen noch meine Ellbogen von der Armlehne zu nehmen. Nervig und mitunter unangenehm ist eine solche Nachbarschaft dennoch. Zum Glück halten sich nicht alle Männer an solche Machoregeln.
Zudem gibt es Anstandsregeln, die gesellschaftliche Schichten voneinander abgrenzen. Vom korrekten Gebrauch der Serviette bis zu „Echt, Dicker“ existiert eine Bandbreite an Identifikationsmöglichkeiten – die sich jedoch nach Moden und äußeren Umständen richten können. So erleben Knigge und Benimm-Kurse regelmäßig Revivals bei Menschen, die angesagt sind oder sein wollen. Eine Zeit lang war es schick, sich mit Wangenküsschen zu begrüßen und man musste dies über sich ergehen lassen – ob man wollte oder nicht –, um dazuzugehören. Inzwischen schüttelt man sich dank Corona nicht länger die Hand. Dafür bin ich tatsächlich sehr dankbar. Allzu häufig bekam man zur Begrüßung statt Hand einen schlaffen, toten Fisch gereicht, der noch dazu feucht war. Nichts, was ich vermisse.

Wir Deutschen reisen gern und treffen im Ausland auf fremde Regeln. Schon wer in Großbritannien auf ein Bier eingeladen wird und dann selbst keines ausgibt, begeht einen großen Fehler. Noch schlimmer: bei einem Nomadenvolk die linke Hand zum Essen zu benutzen. Wer sich nicht informiert, hat hier unendliche Möglichkeiten, zumindest von einem Fettnäpfchen ins nächste zu trampeln.

Wenn Anstand eine Gesellschaft zusammenhalten und sich der Zeit anpassen soll, um Frieden und Zufriedenheit zu wahren, dann gibt es noch etliches neu zu regeln. Dann reicht es nicht, zu gendern und Frauen die Tür vor der Nase zufallen zu lassen. Meine Kollegin und ich wurden bei einer Dienstbesprechung einmal als „die Damen von Abteilung …“ vorgestellt, aber ohne Namen. Es hörte sich an, als wären wir für den Kaffee zuständig und nicht die Expertinnen in unserem Fachgebiet. Wie wäre es z. B. mit einer geschlechts- und somit wertneutralen Anrede? Fräulein ist zum Glück schon länger passé, doch ist dies auch der Gedanke, dass ein fünfzigjähriger Single ein toller Hirsch ist, während eine ebensolche Frau als alte Jungfer gilt, die keinen Mann abgekriegt hat? Schubladen im Kopf. Deren Haltbarkeitsdatum eigentlich schon abgelaufen sein sollte und die sich dennoch halten? So wie die Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Jeder, der sich anders fühlt, muss sich outen. Auch hier wäre eine geschlechtsneutrale Anrede und ebensolche Personalpronomen als Standard für alle sinnvoll.
Dazu noch der Umgang mit verschiedenen Ethnien.
Wie darf man sie nennen?
Darf man überhaupt über Unterschiede sprechen?

Seit der Schulzeit habe ich mich mit der Geschichte, Kultur und Kunst der nordamerikanischen Ureinwohner beschäftigt. Und mit den Gräueln, die sie durch die weiße Besiedelung erfahren mussten. Ich war also immer eine Verfechterin ihrer Rechte und Indianer kein negativ belastetes Wort für mich. Eher im Gegenteil. Doch meine Töchter berichtigen mich regelmäßig, wenn ich diesen Ausdruck benutze. Natürlich ist dies richtig. Denn erstens beruht der Name auf einem Irrtum, und zweitens wurde er von den weißen Siedlern so abfällig benutzt wie Rothaut. Wenn auch nur einer der Betroffenen sich dadurch schlechter fühlt, sollte man diesen Begriff nicht mehr verwenden. Ich versuche, mich daran zu halten und benenne die Stämme in ihrer Gesamtheit inzwischen als Native Americans oder First Nations.

Was bedeutet also Anstand für mich? Er gilt immer und überall. Ist wandelbar mit Zeit, Raum und Bedürfnissen. Eigentlich gibt es doch nur eine wirklich anständige Anstandsregel:
Überlege, was Dein Gegenüber verletzen könnte, in welcher Art auch immer – und unterlasse es!

Im World Happiness Report 2025 rangiert Deutschland auf dem 22. Platz und ist somit weiter abgesackt. Wäre eine Gesellschaft nicht viel zufriedener, wenn sich alle an diese Regel halten würden?
Und – um total zu fantasieren – könnte dies nicht auch über Grenzen hinweg wirken?
Ganz gleich, wo sie sich befinden: in unseren Köpfen, geografisch, zwischen uns und dem Rest der Welt … Ich gebe zu, ich träume. Doch ich wünsche den nächsten Generationen eine friedliche Welt ohne Klimakrise und Artensterben.

Also, Ihr Politiker, Ihr Staatslenker und Lobbyisten: Geht mit gutem Beispiel voran und seid anständig!

Anregungsfragen:

  1. Ist Anstand universell – oder kulturell relativ?
  2. Wo endet individuelle Rücksichtnahme und wo beginnt moralische Überforderung?
  3. Verändert Sprache tatsächlich gesellschaftliche Realität?
  4. Haben Höflichkeitsregeln noch Macht – oder sind sie nur soziale Codes?
  5. Kann individuelles Verhalten globale Krisen beeinflussen?

Soll der Text "Anstand - Eine Reflexion" von J.W. Anders Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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