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Katharina Dollmann – Eine von 630

Katharina Dollmann, geboren 1977 in Fulda, lebt in Hessen und arbeitet in Rheinland-Pfalz. Sie studierte Deutsch und Katholische Religion in Kassel sowie Schulmanagement an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Seit vielen Jahren unterrichtet sie Deutsch/Kommunikation und Religion/Ethik an einer Berufsbildenden Schule.
Neben ihrer Lehrtätigkeit entwickelt sie Theaterprojekte mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In ihrer literarischen Arbeit setzt sie sich mit Sprachmacht, gesellschaftlichen Zuschreibungen und inneren Grenzerfahrungen auseinander. Kennzeichnend ist eine reduzierte, rhythmisierte Sprache.
Das Gedicht „Vision im Netz“ erschien 2026 in der Frankfurter Bibliothek – Jahrbuch für das neue Gedicht (Brentano-Gesellschaft).


Es ist spät.
Der Raum ist leer.
Zu leer für ein ganzes Land.

Reihen von Sitzen stehen im Halbrund.
Polster in gedecktem Blau, sauber ausgerichtet,
jeder mit einem kleinen Schild.
Namen, die man kennt.
Namen, die man nicht kennt.
Namen, die für Verantwortung stehen.

Ich bleibe stehen.
Zähle die Reihen.

Ich zähle sie.
630.
Zumindest in meiner Vorstellung.

Eine Zahl, die für gewählte Stimmen steht.
Für Mandate.
Für Vertrauen auf Zeit.

Ich stehe zwischen ihnen.

Nicht eingeladen.
Nicht gewählt.
Nicht vorgesehen.

Nur da.
Es ist still hier.
Keine Zwischenrufe.
Kein Applaus.
Kein Rascheln von Papier.
Nur das leise Summen der Lüftung.
Ein sachliches Atmen,
das den Raum zusammenhält.

Ich gehe eine Reihe entlang.
Die Schritte hallen stärker, als sie sollten.
Vielleicht, weil niemand sonst hier ist.
Vielleicht, weil Leere immer größer klingt als Fülle.

In meiner Vorstellung:
630 Plätze.
630 Stimmen.
630 unterschiedliche Wege,
Verantwortung zu tragen.

Und doch fühlt sich der Raum kleiner an, als er ist.
Nicht beengt – sondern konzentriert.
Als läge in jedem Sitz die Aufgabe,
sorgfältig zu entscheiden.

Draußen bewegt sich die Gegenwart schnell.
Nachrichten wechseln im Minutentakt.
Eilmeldungen jagen Eilmeldungen.
Überschriften fassen komplexe Zusammenhänge knapp zusammen.

Meinungen entstehen oft zeitgleich mit Informationen.
Wir äußern uns.
Wir teilen.
Wir diskutieren.
Wir widersprechen.
Wir positionieren uns.

Manchmal mit Überzeugung.
Manchmal spontan.
Manchmal noch während wir
uns selbst eine Meinung bilden.

Und am Ende eines Tages bleibt oft das Gefühl, beteiligt gewesen zu sein –
und zugleich die Frage,
was Beteiligung eigentlich bedeutet.

Vielleicht ist das eine Herausforderung unserer Zeit:
nicht Sprachlosigkeit,
sondern Gleichzeitigkeit.

Viele Stimmen.
Viele Perspektiven.
Viele Einschätzungen.

Und irgendwo dazwischen die Frage:
Wie finde ich eine Haltung, die ich vertreten kann?

Es ist leicht,
sich zu äußern.
Es ist anspruchsvoller,
sich ein Urteil zu bilden.
Es ist noch anspruchsvoller,
eine Position zu entwickeln,
die auch dann Bestand hat,
wenn sie geprüft wird.

Ich setze mich auf einen der Sitze.
Er knarrt leise.
Ein normales Geräusch
in einem großen Raum.

Ich lege die Hände auf die Armlehnen.
Sie sind kühl.
Sachlich.
Unpersönlich.

Für einen Moment stelle ich mir vor,
hier entscheiden zu müssen.
Nicht als Beobachter.
Nicht als Kommentierender.
Sondern als jemand,
dessen Entscheidung Wirkung entfaltet.

Entscheidungen,
die abgewogen werden müssen.
Zwischen unterschiedlichen Interessen.
Zwischen Ideal und Machbarkeit.
Zwischen Überzeugung und Verantwortung.

Wie fühlt sich das an?
Zwischen Klarheit und Zweifel?
Zwischen Zustimmung und Kritik?
Was ist eine Stimme?

Ein Wort?
Eine Entscheidung?
Ein Kreuz auf einem Wahlzettel?
Ein Gespräch am Küchentisch?
Ein Nein, das man ausspricht?
Ein Ja, das man verantwortet?

Oder ist sie etwas, das entsteht,
wenn man bereit ist,
die Folgen des eigenen Wortes mitzutragen?

Ich erinnere mich an eine Situation,
in der jemand geschwiegen hat.
Nicht, weil er nichts zu sagen hatte.
Sondern weil er unsicher war,
ob sein Beitrag etwas verändern würde.

Die Diskussion war lebhaft.
Positionen standen einander gegenüber.
Und er war überzeugt,
dass es auch ohne ihn weitergehen würde.

Es ging weiter.
Aber sein Schweigen blieb.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Nur spürbar.

Vielleicht beginnt die Macht des Einzelnen genau hier:
in dem Moment,
in dem man erkennt,
dass auch Zurückhaltung
eine Form von Entscheidung ist.

Verantwortung ist selten spektakulär.
Sie trägt keine Schlagzeilen.
Sie fordert keine Bühne.

Sie zeigt sich im Durchhalten.
Im sorgfältigen Abwägen.
Im Aushalten von Ambivalenz.

In einem Wort,
das bedacht gewählt wird.
In einer Haltung,
die nicht vorschnell wechselt.
In einem Zweifel,
der ausgesprochen wird.
In einer Entscheidung,
die mitgetragen wird.

Vielleicht erwarten wir
zu oft Eindeutigkeit.
Die eine klare Linie.
Die perfekte Lösung.

Doch Wirklichkeit ist selten eindeutig.
Sie ist komplex.
Vielschichtig.
Manchmal widersprüchlich.
Die Macht des Einzelnen besteht nicht darin, Komplexität zu beseitigen.
Sondern darin,
sich ihr verantwortungsvoll zu stellen.
Sich ihr zu stellen,
ohne vorschnell zu vereinfachen.
Sich ihr zu stellen,
ohne andere abzuwerten.
Sich ihr zu stellen,
ohne die eigene Haltung leichtfertig aufzugeben.

Jede Mehrheit beginnt
mit einzelnen Stimmen.
Mit Menschen, die bereit sind,
Verantwortung zu übernehmen –
für ihre Worte,
für ihre Entscheidungen.

Und doch gibt es diese andere Möglichkeit.

Sich nicht festzulegen.
Abzuwarten.
Zu hoffen,
dass andere klarer sehen.

Man kann Verantwortung aufschieben,
ohne es bewusst zu wollen.
Man kann sich auf Verfahren verlassen.
Auf Strukturen.
Auf bestehende Prozesse.
Das ist verständlich.
Gemeinschaft lebt von
Rollen und Zuständigkeiten.

Und doch bleibt immer ein Anteil,
der beim Einzelnen liegt.

Vielleicht ist das Unbequeme
an der Macht des Einzelnen
nicht ihre Größe –
sondern ihre Unmittelbarkeit.

Sie beginnt nicht erst im großen Amt.
Nicht erst im öffentlichen Raum.
Sondern im eigenen Denken.

Bei der Bereitschaft,
sich zu informieren.
Bei der Geduld,
Argumente abzuwägen.
Bei der Disziplin,
nicht jedes Gefühl
sofort zur Gewissheit
zu erklären.

Es ist anspruchsvoll,
differenziert zu bleiben.
Anspruchsvoller
als schnelle Gewissheit.
Anspruchsvoller
als Gleichgültigkeit.
Doch zwischen Vereinfachung und Rückzug
liegt Verantwortung.

Vielleicht ist genau das
die eigentliche Kraft
einer einzelnen Stimme:
nicht, dass sie alles verändert –
sondern dass sie sich bemüht,
verlässlich zu sein.

Ich frage mich:
Wenn viele sich bemühen,
sorgfältig zu handeln –
verändert das nicht bereits etwas?

Vielleicht ist Beteiligung nicht nur ein Recht.
Vielleicht ist sie auch eine Übung.

Eine Übung in Klarheit.
In Geduld.
In dem Mut,
nicht alles zu wissen
und dennoch Verantwortung
zu übernehmen.

Ich stehe wieder auf.

Vielleicht ist meine Stimme nur eine von vielen.
Vielleicht ist sie eine von Millionen.
Vielleicht wird sie hinterfragt.
Vielleicht ergänzt.
Doch sie ist nicht bedeutungslos.

Bedeutung entsteht nicht durch Lautstärke,
sondern durch Integrität.
Nicht durch Zuspruch,
sondern durch Verlässlichkeit.
Nicht durch Perfektion,
sondern durch Bereitschaft
zur Verantwortung.

Die Gegenwart fühlt sich manchmal schnell an.
Unübersichtlich.
Vielstimmig.
Manchmal herausfordernd.

Doch vielleicht liegt
die eigentliche Kraft
nicht im perfekten Standpunkt,
sondern im ernsthaften Bemühen
um Orientierung.
Nicht im schnellen Urteil,
sondern im verantworteten Wort.
Nicht im Anspruch, alles zu wissen,
sondern im Willen, sorgfältig zu handeln.

In meiner Vorstellung:
630 Sitze.
630 übertragene Mandate.
630 Formen, Verantwortung wahrzunehmen.
Und unzählige weitere Stimmen
außerhalb dieses Raumes.
Ich gehe zur Tür.
Drehe mich noch einmal um.

Der Raum ist still.

Aber die Stille wirkt nicht leer.

Sie wirkt wie eine Einladung.

Eine Einladung,
die eigene Stimme
nicht als Selbstverständlichkeit
zu betrachten –
sondern als Aufgabe.
Nicht als Recht allein –
sondern als Verantwortung.

Und vielleicht beginnt
Veränderung genau dort,
wo jemand beschließt,
diese Einladung
ernst zu nehmen.

Anregungsfragen:

  1. Beginnt politische Verantwortung erst mit einem Mandat – oder bereits mit der eigenen Meinungsbildung?
  2. Wie lässt sich Integrität im Zeitalter schneller Urteile bewahren?
  3. Ist Zurückhaltung eine Schwäche – oder eine Form bewusster Verantwortung?
  4. Welche Rolle spielt persönliche Disziplin im demokratischen Prozess?
  5. Kann die sorgfältige Haltung des Einzelnen langfristig politische Kultur verändern?

Soll der Text "Eine von 630" von Katharina Dollmann Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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