
Franziska Vanessa Ferner Schmitz wurde 1993 in Neu-Ulm geboren und war 10 Jahre lang wohnhaft in Frankreich mit Besuch der französischen Grundschule und des Deutsch-Französischen Gymnasiums in Saarbrücken.
Ausbildung zur Krankenschwester am rechts der Isar in München/Krankenpflegeschule Erding.
Studium der Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Giessen.
Derzeit Assistenzärztin in der psychiatrischen Vitos Klinik in Giessen.
Ich stehe im Überwachungszimmer. Vor mir kauert der Patient auf dem Boden. Er war mit akuter Suizidalität angekündigt. Um uns herrscht gähnende Leere, nur in der Ecke liegt eine Matratze. Alles womit man sich selbst verletzen könnte, wurde aus dem Raum entfernt. Neben mir stehen die Übersetzerin, die die Erstaufnahmeeinrichtung mitgeschickt hat, und eine Pflegemitarbeiterin.
Ich gehe vor dem Patienten in die Hocke und versuche herauszufinden, was passiert ist. Die Übersetzerin hält sich im Hintergrund und gibt meine Worte in seiner Sprache weiter. Nach und nach finde ich heraus, dass der Patient eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen zwei Männern beobachtet hatte. Dadurch war er immer wieder in Flashbacks gerutscht. Diese waren unaushaltbar, und er wollte sich das Leben nehmen. Er ist verzweifelt und bittet mich, ihm zu helfen. Mir wird übel, denn ich weiß genau, dass ich wenig ausrichten kann. Das, was er braucht – eine Psychotherapie mit Traumaexposition –, kann er wegen der Sprachbarriere nicht bei uns machen, und aufgrund seines Status wird sie ihm auch nicht bezahlt. Ich kann nur in der Akutsituation sein Leben schützen, einzelne unterstützende Maßnahmen mit ihm besprechen und im Arztbrief empfehlen, den Patienten in einer anderen, ruhigeren Umgebung unterzubringen. Mir bleibt nicht viel übrig, als zu hoffen, dass der Patient genug Vertrauen fasst, um sich das nächste Mal wieder zu melden, wenn er akute Suizidgedanken hat.
Zurück in meinem Büro atme ich tief durch. Die Übelkeit ist noch immer da. Mir ist klar, dass ich den Patienten in den Monaten oder sogar Jahren, bis sein Asylantrag bearbeitet wird, immer wieder sehen werde. Ziemlich sicher in genau der gleichen Situation. Ich fühle mich hilflos.
Es klopft. Eine Patientin mit Halsschmerzen. Ich untersuche sie kurz. Sie hat bisher keine weiteren Symptome. Ich verschreibe Halstabletten und bitte sie, in den Gruppentherapien eine Maske zu tragen.
Nach 11 Stunden verlasse ich gegen 7 Uhr abends endlich die Klinik. Es ist bereits dunkel. Der Patient im Überwachungszimmer geht mir nicht aus dem Kopf. Erschöpft hieve ich mich auf mein Fahrrad. Der Akku von meinem Licht ist leer. Ich fluche, nehme mein Handy, mache die Taschenlampe an und versuche es so zu halten, dass entgegenkommende Fahrzeuge es sehen. Irgendwie schaffe ich es heim, ohne mein Handy fallen zu lassen oder überfahren zu werden.
Als ich durch meine Wohnungstür trete, schlägt mir ein leckerer Geruch entgegen. Sofort meldet sich mein Magen. Mein Mann ruft mir aus der Küche zu, dass es gleich Essen gibt; ich solle mich schon mal hinsetzen. Wärme durchflutet mich, ich bin dankbar ihn an meiner Seite zu haben. Schnell wasche ich meine Hände, ziehe mich um und gehe in die Küche, um ihm einen Kuss zu geben. Er fragt wie mein Tag war, ich will nicht darüber reden. Er erzählt mir von seinem Tag, er hatte ein Treffen mit einem potenziellen Kunden, es scheint, als würde der Vertrag zustande kommen. Ich freue mich für ihn. Kurz öffne ich die Nachrichten-App:
In der Ukraine sind noch immer Tausende von Menschen ohne Strom und Heizung. Mein Blick gleitet auf das Thermometer an der Anrichte. Es zeigt 23°C an und meine Füße sind warm von der Fußbodenheizung. Es fühlt sich an wie eine Parallelwelt. Mein Mann reißt mich aus meinen Gedanken. Das Essen ist fertig.
Ich starre auf die Linguine mit Steinpilzen. Sie sind perfekt, die Nudeln al dente und die Steinpilze genau wie ich sie mag. Ich lasse es meinen Mann wissen, und er freut sich. Es erscheint mir wie ein Riss in der Realität, dass ich hier sitze – mit warmen Füßen und Linguine gekocht bekommen, während in der Klinik mein Patient darüber nachdenkt, sich umzubringen, und in der Ukraine die Menschen um ihr Leben kämpfen. Der Steinpilz fällt von meiner Gabel und mein Mann lacht und zieht mich liebevoll damit auf. Manchmal bin ich sehr ungeschickt beim Essen. Nach dem Essen kümmere ich mich um den Abwasch und schalte noch eine Waschmaschine an. Dann setze ich mich zu meinem Mann auf das Sofa. Er schaut sich gerade auf Netflix um. Es gibt jetzt eine Doku über die Epstein-Files. Ich spüre einen Kloß im Hals. Wir schauen die neue Folge unserer Lieblingsserie. Nach und nach schaffe ich es abzuschalten und mich zu entspannen. Wir machen uns bettfertig, mein Mann liest bereits, als ich ins Schlafzimmer komme. Es ist ein tausendseitiges Fantasy-Buch. Ich ziehe ihn auf und frage, wie viele Jahre er dafür brauchen wird. Er tut beleidigt und piekst mich. Bevor ich mir mein eigenes Buch nehme, möchte ich noch meinen Wecker stellen und nehme mein Handy in die Hand. Auf dem Sperrbildschirm sehe ich eine Eilmeldung der Nachrichten App:
Ein bekannter Musiker ist tot – mir wird schwer ums Herz. Ich drehe mich zu meinem Mann und möchte ihm davon erzählen. Er ist bereits eingeschlafen, das Buch noch in der Hand. Ich schmunzele. Es wird Jahre dauern, bis er es durchgelesen hat. Ich stupse ihn an, damit er das Buch weglegt, und wir schlafen.
Neben mir: tiefe, regelmäßige Atemzüge – meine eigenen Gedanken sind noch unruhig. So viel Leid auf der Welt. So viele Nachrichten, die einen um die Zukunft bangen lassen. Angst vor einem neuen Weltkrieg machen. Ich würde gerne auf die Politik vertrauen, dass sie das Richtige tun. Aber ich fühle mich nicht durch sie vertreten. Meine Stimme, die ich als Bürgerin habe, wird von der Politik nicht gehört. Ich fühle mich hilflos. Kurz möchte ich am liebsten weinen. Aber letztendlich bleibt mir nichts anderes übrig, als das zu tun, was ich als einzelner Mensch tun kann und hoffen, dass die Welt nicht untergeht.
Bis dahin geht sowieso der Alltag weiter.
Anregungsfragen:
- Wie viel Leid kann ein einzelner Mensch wahrnehmen, ohne innerlich zu verhärten?
- Ist es moralisch problematisch, persönliches Glück zu empfinden, während andere leiden?
- Wie geht man mit struktureller Ohnmacht im Berufsalltag um?
- Führt ständige Nachrichtenverfügbarkeit zu Mitgefühl – oder zu Abstumpfung?
- Kann der Alltag ein Schutzraum sein – oder ist er Teil der Verdrängung?
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