
Anne Mette Overgaard Jensen wurde 1998 in Dänemark geboren und lebt in Andalusien. Sie studierte Germanistik und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität Bonn. Ihre Gedichte erschienen in mehreren Anthologien, u. a. in Versos en el Aire XI und in der Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts. Ihr erster Gedichtband trägt den Titel Entre luces y silencios.
I. Kartografie des Beginns
Ich wurde im Norden gezeichnet
mit Bleistiftlinien – gerade, korrekt.
Mir sagten sie früh:
Das richtige Leben sei das leise.
„Geh nicht zu weit vor,
sonst wirst du gesehen.“
In den Schulbüchern übten wir
die Topografie der Welt,
aber niemand erklärte uns
wie man den eigenen Körper antworten lässt
wenn er Raum verlangt.
Ich dachte immer,
die Haut sei nur Verpackung,
kein Gebiet mit Recht auf Sonne,
kein mapa que reclama nombre.
Doch manchmal
zitterte mir der Wille
unter der Winterjacke,
als hielten meine Rippen
einen Aufstand zurück.
Ich wusste:
die Freiheit dort drohte immer
zu viel zu sein.
II. Grenzkontrolle
Europa ist eine Frau,
die nie stillsteht.
Sie zieht Grenzen und hebt sie wieder auf
je nachdem, wie sich der Wind entscheidet.
Ich wurde Reisende
lange bevor ich verstand,
dass mein Körper der Koffer ist,
den ich nicht loswerde.
Im Flughafenbad
wechsle ich Dialekte
wie andere Mascara.
Meine Haltung passt sich
den Passkontrollen an:
im Norden eine Linie,
im Süden ein Atemzug.
Jede Nation
fordert eine Version von mir,
und ich lerne,
dass Identität
eine Art Diplomatie der Seele ist.
III. Sevilla: Topografien der Intuition
Hier sprechen die Straßen
ohne Semikolons.
Die Häuser lehnen sich
wie Körper, die tanzen,
und die Stille ist nie leer,
sondern geladen
wie eine Frage,
die kurz vor dem Kuss steht.
Ich beobachte:
Hier weiß man mit den Augen,
hier folgt die emoción
der geometría
der Hüfte.
Die Frauen gehen nicht –
sie eröffnen Wege.
Das Licht verbeugt sich
wenn sie vorbeikommen.
Ich lerne zu lesen was flamante ist:
die pausa en el hombro,
die Biegung des Knöchels,
den Atem, der nicht lügt.
Es ist eine Wissenschaft
ohne Universitäten,
und doch die präziseste,
die ich je studiert habe.
IV. Der Körper als Zukunftsentwurf
Wie nennen wir das,
wenn eine Frau lernt
ihren eigenen Raum zu glauben?
In Sevilla entdeckt mein Blick
eine neue Syntax:
Der Satz beginnt im Schlüsselbein,
endet im Schritt.
Zwischen beiden
schreibt die Freiheit
ohne Rechtschreibfehler.
Ich wage Rot auf den Lippen,
bevor die Vernunft widerspricht.
Ich wage Gold an den Füßen
und höre: klick-klick-clic
wie ein Manifest
auf heißem Pflaster.
Kein Applaus.
Kein Urteil.
Nur Sehen.
Ich erkenne,
dass Selbstbewusstsein
keine Pose ist,
sondern eine Geografie:
Ein Ort,
den du endlich bewohnst.
V. Politiken des Blicks
Ich frage mich:
Wer besitzt die Deutung einer Frau?
Der Norden sagt:
„Bescheidenheit ist Respekt.“
Der Süden flüstert:
„Lass die Sonne sprechen.“
Zwischen beidem
lerne ich einen dritten Weg:
Ich werde nicht Objekt,
wenn ich mich entscheide
Subjekt zu sein.
Mein Körper ist kein Plakat.
Keine Auslage.
Er ist Autor.
Und seine Sprache
ist nicht entschuldbar.
Ich beobachte die Männerblicke –
zögerlich, vorsichtig,
ehrlich manchmal.
Hier ist das Begehren
kein Angriff,
sondern ein Rätsel
mit Augenlidern.
Es gibt eine Ethik darin,
die ich noch nicht ganz verstehe,
aber schon fühlen kann
wie Vokale im Blut.
VI. Postkarten von Zwischenwelten
Aus Kopenhagen schickt mir der Wind
Postkarten aus Schnee
mit dem Satz:
„Vergiss nicht, wer du warst.“
Aus Bonn weht mir die Ordnung nach
wie ein Kalender ohne Blumen.
„Definiere dich sauber“,
mahnt die Stimme der Syntax.
Sevilla antwortet nicht.
Sie spielt Gitarre auf meinem Brustkorb
und sagt:
„Siente.“
Ich falte die Karten.
Ich breite die Flügel.
Ich schreibe mich neu –
in drei Sprachen,
die keine Heimkehr fordern,
sondern offenen Himmel.
VII. Das Archiv der Haut
Es gibt Erinnerungen,
die nicht denken,
sondern glühen.
Meine Schultern erinnern sich
an die Zeit,
als sie sich verkleinern sollten.
Heute tragen sie
Sonnenlicht wie ein Recht.
Meine Kehle erinnert sich
an Worte der Anpassung.
Heute spricht sie
mit Farbe –
nicht um zu gefallen,
sondern um zu existieren.
Die Haut archiviert jede Stadt,
aber sie löscht nicht –
sie erweitert.
Wo andere Grenzen sehen,
baut sie Brücken.
VIII. Schlussbild mit offener Tür
Ich bin weder Flucht noch Ankunft.
Ich bin Durchgang
und Bleiben zugleich.
Eine europäische Frau,
deren Kontinent
im Körper beginnt.
Ich habe keine feste Nationalhymne,
aber mein Herz schlägt
in Dreivierteltakten:
ein bisschen Hygge,
ein bisschen Ordnung,
viel fuego lento.
Dies ist meine Zeit:
Eine Gegenwart aus Licht,
die nicht mehr verhandelt,
ob sie Platz verdient.
Wenn der Abend fällt
und die Straßenlampen
ihr Gold verteilen,
weiß ich:
Ich bin kein Gast.
Ich bin kein Wunder.
Ich bin eine Stimme
im archipiélago
der Gegenwart.
Und ich schreibe,
was ich werde:
Eine Frau,
die sich nicht mehr
verkleinert.
IX. Glossar der inneren Migration
Ich habe gelernt,
dass man nicht nur
von Land zu Land zieht,
sondern auch
von sich selbst
zu sich selbst.
Umzüge,
die keine Kartons verlangen,
nur Mut.
Es dauert Jahre,
bis die Hände
endlich behalten,
was die Seele
bereits wusste:
Ich darf bleiben,
wo ich mich wach fühle.
X. Europa in meinem Puls
Kontinente verlaufen
nicht entlang von Grenzen,
sondern entlang
von Sehnsüchten.
Ich bin Hauptstadt
meiner Möglichkeiten –
eine gebaute Brücke,
ein unwiderrufliches
Ja zur Veränderung.
Meine Adern sind Eisenbahnen –
die Züge fahren
in zwei Richtungen:
Vorwärts und tiefer.
Ich bin nicht auf der Durchreise:
Die Reise
ist meine Adresse.
Anregungsfragen:
- Inwiefern ist der eigene Körper ein politischer Raum – und wer entscheidet darüber, wie er „richtig“ zu sein hat?
- Der Text beschreibt Europa als Gefühl, Haltung und Blick. Wie unterscheidet sich dieses Europa von dem politischen Projekt „EU“ – und was bedeutet das für europäische Identität?
- Reicht innere Selbstermächtigung aus, um gesellschaftliche Strukturen zu verändern, oder bleibt sie ein individuelles Privileg?
- Wer besitzt die Macht, Frauenkörper zu deuten – und wie kann diese Macht verschoben werden, ohne neue Normen zu erzwingen?
- Was bedeutet „innere Migration“ in einer Zeit, in der äußere Migration politisch stark reguliert und emotional aufgeladen ist?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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