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Josef Helmreich – Warteschleife

Josef Helmreich, geboren 1975 war unter anderem als Tischler und diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger im psychiatrischen Bereich und ist aktuell als Pharmareferent tätig.

Zahlreiche seiner Kurzprosa, Gedichte und lyrischen Texte wurden in verschiedenen Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht, darunter Zwielicht, Reibeisen, & Radieschen, DUM, LitGes, Maskenball, Veröffentlichungen des Schweizerhaus Verlags sowie der Editionen Wendepunkt, Alfa, Dorante und Anima incognita, außerdem im Net-Verlag, in Neues aus der Anderwelt und beim Papierfresserchenverlag.

Er schreibt Kurzgeschichten, Lyrik, Gedichte und Romane und nimmt regelmäßig an Lesungen in Wien teil, die er teilweise auch selbst organisiert.

Darüber hinaus war er Gründer der Kleinkunstveranstaltung Kulturschockabend in Wien, bei der er als Organisator und aktiver Teilnehmer unter anderem mit Lesungen, Kurzkabarett und Moderation auftrat.

Über viele Jahre hinweg war er zudem ehrenamtlich als Lektor für die Plattform „Junges Lektorat“ tätig.


„… haben Sie noch ein wenig Geduld, es wird …“
„Klar habe ich Geduld“, antwortete die Frau auf die weibliche Stimme der Tonbandansage. Die Fahrzeugkolone auf der zweispurigen Autobahn nach München, in der sie seit fast einer halben Stunde steckte, schob sich ein paar Meter weiter, bevor sie erneut stoppte. Wie zwei Schlangen, die nebeneinanderliegend, ab und zu, langsam weiterkrochen. „Ich habe Zeit. Ihr wollt etwas von mir und nicht umgekehrt.“ Die Frau lachte.
Mit der Anwaltskanzlei Buck & Partner, die vor drei Jahren in der Innenstadt eine Zweigstelle eröffnete, hatte sie einen der größten Kunden ihrer Firma an Land gezogen. Ein präzise geschnürtes Paket aus Rabatten und speziellen Konditionen für die gesamte Produktpalette an Bürobedarf hatte ihr den entscheidenden Vorsprung vor der Konkurrenz verschafft. Allen voran hatte die Firma Büro-Gigant schon mehrfach versucht, sie auszustechen.
An Tagen wie diesen, an denen sie einem solchen Großkunden die von ihm gewünschten und vom Abteilungsleiter abgesegneten Konditionen unterbreiten und damit einen Deal über mehrere hunderttausend Euro besiegeln konnte, fühlte sie sich unantastbar. Weder der zähe Verkehr noch irgendeine öde Tonbandansage konnten ihre Stimmung trüben.
„… wählen Sie die Taste Zwei. Wenn Sie ein Geschäftspartner sind, wählen Sie die Taste Drei …“
„Das ist neu“, wunderte sich die Frau und blickte auf das Display ihres Handys. Es steckte in einer Halterung in der Mitte des Armaturenbretts.
„Seit wann habt ihr diese Tonbandansage?“
Sie drückte die Taste Drei auf ihrem Handy.
„Vielen Dank. Sie werden nach Freiwerden einer Leitung mit einem Mitarbeiter verbunden.“
„Natürlich werde ich das. Was denn sonst?“, murmelte sie.
Amüsiert malte sie sich aus, wie diese Stimme von einem Mitarbeiter berichtete, der zwar Zeit und eine freie Leitung hätte, aber gerade keine Lust auf Kommunikation verspürte.
„Das wäre doch mal was“, platzte sie heraus, die Stimme brüchig vor Lachen.
„Wenn Sie Frau Hansen von der Firma Office-World sind, wählen Sie die Taste Sieben.“ Die Aufforderung aus dem Handy erstickte ihre Heiterkeit.
Die Stille, die folgte, wurde von einem Hupen durchbrochen. Erschrocken riss sie den Kopf hoch und starrte durch die Windschutzscheibe. Von links schob sich ein Lastwagen in die Lücke direkt vor ihr. Während sie den Abstand verringerte, drang erneut die Stimme aus dem Handy an ihr Ohr und wiederholte die Aufforderung von vorhin.
„Hast du gerade meinen Namen …?“, flüsterte sie und unterbrach sich, als säße am anderen Ende der Leitung eine reale Person.
„Wählen Sie die Taste Sieben!“
Die Frau tat es.
„Frau Hansen, wir freuen uns über Ihren Anruf. Sobald ein Mitarbeiter frei ist, werden Sie zu ihm weiterverbunden. Wollen Sie warten, so bleiben Sie in der Leitung. Wollen Sie wissen, warum der Vertrag mit Ihrer Firma aufgekündigt wurde, wählen Sie die Taste Drei.“
„Was?“, schrie die Frau. „Das ist unmöglich. Der Vertrag hat eine Mindestlaufzeit von drei Jahren. Der ist nicht so einfach kündbar.“
Ein krächzendes, abgehacktes Lachen entwich ihrer Kehle. Zaghaft und mit zittriger Hand drückte sie die Drei auf dem Display.
„Ihr Kollege der Firma Büro-Gigant setzte uns davon in Kenntnis, dass gegen Sie ein Disziplinarverfahren …“
„Was soll dieser Schwachsinn!“, schrie sie und drosch mehrmals auf das Lenkrad ein. Dabei rutschte die Hand ab und prallte gegen die Hupe.
Sie klappte das Handschuhfach auf, blickte hinein und rief mit weinerlicher Stimme: „Wo ist die versteckte Kamera?“
Sie spähte in den Rückspiegel, untersuchte beide Sonnenblenden, überflog das gesamte Armaturenbrett und blickte sich hastig im gesamten Wagen um. Doch nirgends gab es einen Hinweis darauf.
„Wenn Sie den Kollegen der anderen Firma sehen wollen, wählen Sie die Taste Vier.“
Ohne nachzudenken, drückte sie diese Taste.
„Blicken Sie durch das Fenster zu Ihrer linken Seite.“
Die Frau gehorchte sofort.
In dem Auto direkt neben ihrem saß ein Mann am Steuer, der genauso wie sie in dem Stau feststeckte. Mit seinem kurzärmeligen blauen T-Shirt, dem unrasierten Gesicht und dem struppigen Haar wirkte er wie das Gegenteil eines seriösen Außendienstmitarbeiters. Er drehte sich in ihre Richtung, lächelte und nickte ihr zu.
Sie schrie: „Du verdammter Arsch!“
Ihre Augen fixierten den Mann, während ihre linke Hand blind über die Innenseite der Autotür tastete, bis sie den Hebel fand. Sie zog daran und stieß die Tür auf. Metall schlug auf Metall, als die Tür gegen das andere Auto prallte. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie, wie sein Lächeln in blankes Entsetzen umschlug. Im nächsten Moment kreischten Reifen auf dem Asphalt. Er jagte das Auto auf die Kreuzung zu, die er nach der Ewigkeit im Stau endlich erreicht hatte.

***

Eine halbe Stunde früher hörte der Mann in dem Auto auch eine weibliche Tonbandstimme in der Warteschleife der Firma.
„… haben Sie noch ein wenig Geduld, es wird …“
„Ich möchte euch nur sagen, dass ich zu spät komme, wegen dieses beschissenen Staus hier“, schrie der Mann aus Regensburg.
Wie viel zusätzliche Zeit soll ich denn noch für die Fahrt nach München einplanen? Ist die ganze Stunde, die ich vorsichtshalber zu der üblichen eineinhalbstündigen Fahrt für einen möglichen Stau dazurechnete, am Ende immer noch zu wenig?
„… freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen, in Kürze …“
Dem Mann fiel auf, wie sanft und beruhigend die Stimme der Tonbandansage klang. Doch das hatte gerade jetzt keine Wirkung auf ihn. Davon war er zu weit entfernt.
Er drückte auf die Hupe.
Ist dieser Termin überhaupt so wichtig?
Diese Rechtsanwaltskanzlei, der Name fiel ihm gerade nicht ein, hatte die letzten Jahre immer nur um den Preis gefeilscht. Gekauft hatten sie dann ohnehin ihre Seifenspender, Papierhandtücher, Servietten, Packungen Druckerpapier und sonst noch alles Mögliche an Kleinkram von Office-World.
Andererseits wären sie vielleicht gerade heute für einen Deal bereit.
„Und ich kann euch nicht einmal sagen, dass ich in diesem verdammten Stau stecke, weil mich diese bescheuerte Telefonanlage nicht durchstellt.“
Es ging wieder eine Autolänge vorwärts.
„… alle Mitarbeiter im Gespräch.“
Er zuckte zusammen. Die Stimme des Tonbandes war auf einmal männlich und forsch.
Der Mann starrte auf den Monitor des Armaturenbretts, als würde auf dem Display eine Erklärung hierfür stehen. Doch mehr als den Namen des angerufenen Kontaktes, die gewählte Nummer, die Dauer des Anrufs und einige Symbole zu den diversen Funktionen, waren auch jetzt nicht zu sehen.
„… Sie ein Geschäftspartner sind, wählen Sie die Taste Drei“, sagte die Tonbandstimme und schwieg. Sie war wieder weiblich, sanft und beruhigend. Der Mann hinter dem Steuer lächelte – zum ersten Mal, seitdem er in diesem Stau steckte.
Ein gellendes Hupen fuhr ihm wie ein elektrischer Schlag durch den Körper. Hastig blickte er sich um. Erst der Blick aus dem rechten Seitenfenster verriet ihm, wer ihn so erschrocken hatte. Die Frau am Steuer des Wagens direkt neben ihm drosch auf ihr Lenkrad ein, schrie und fluchte.
„… Taste Drei.“ Erklang wieder die sanfte, weibliche Stimme. Doch diesmal, da war er sich sicher, entstand sie direkt in seinem Kopf.
Er drückte die Taste auf dem Display und lauschte.
„Achtung, blicken Sie aus dem rechten Fenster!“ Die Stimme war leiser geworden. Sie wirkte zaghaft und bebte, als ob sie Angst hätte. Er befolgte den Ratschlag. Es war noch immer die Frau von vorhin. Diesmal blickte sie in seine Richtung. Sie fixierte ihn mit zusammengekniffenen Augen.
Ohne darüber nachzudenken, zwang er sich zu lächeln und nickte ihr zu.
„Du verdammter Arsch!“, schrie die Frau in seine Richtung, die er trotz der geschlossenen Fenster deutlich hören konnte. Sie schüttelte dabei den Kopf so energisch, dass ihre Haare um ihren Kopf wehten, als sei ein Sturm über sie hereingebrochen.
„Sie wird Sie töten! Fahren Sie weiter! Sofort! Die Straße ist frei!“ Jedes Wort flutete seinen Verstand wie ein dunkler Nebel, der allmählich alles aufsog, was er eigentlich hätte wahrnehmen müssen. Das Röhren der Motoren, unterbrochen durch wütende Hupkonzerte, die freigewordene Fahrbahn, die Ampel an der Kreuzung und die Autos im Querverkehr – selbst die Wärme der Sonne auf seiner Haut wurde von dem Stimmennebel verschluckt.
Seine Finger krallten sich in das Leder des Lenkrads. Der Fuß drückte das Gaspedal durch. Der Motor heulte auf und schoss den Wagen direkt in die Kreuzung.
Ein explosionsartiger Knall verschlang die Welt des Mannes.
„Wir hoffen, Sie waren mit unserem Service zufrieden“, hörte er, bevor er mit der Gewissheit starb, dass die Frau schuld an seinem Tod war.

***

Die Frau beobachtete, wie der Wagen des Mannes in die Kreuzung raste. Reflexartig riss sie ihre Fahrertür zu. Sie sah den LKW, der von links heranwalzte, sah ihn ungebremst in die Flanke des Autos donnern, sah wie es – einer Billardkugel gleich – zurück in die zweispurige Zufahrtsstraße geschossen wurde. All das sah sie und verharrte, wie eine Zuschauerin in einem Kino, die im sicheren Polstersessel miterlebte, wie ein Fahrzeug auf der Leinwand direkt auf sie zusteuerte und wusste, es bliebe auf der Leinwand. So beobachtete sie das seitwärts über den Asphalt auf sich zu schlitternde, mittlerweile zum Totalschaden zerbeulte Fahrzeug. Innerhalb eines einzigen Herzschlags wurde sie von der Zuschauerin zur Hauptdarstellerin, als das Wrack frontal in ihren Wagen einschlug. Da sie nicht angegurtet war, schleuderte es ihren Körper nach vorn, während ihr Auto nach hinten katapultiert wurde. Ihr Kopf prallte auf das Armaturenbrett.
„Versuchen Sie, zu einem späteren Zeitpunkt erneut anzurufen“, waren die letzten Worte, die sie hörte, bevor alles um sie herum und in ihr selbst in die Dunkelheit stürzte.

Anregungsfragen:

  1. Wie sehr beeinflussen automatisierte Systeme unsere Wahrnehmung von Wahrheit?
  2. Können Algorithmen und digitale Kommunikationssysteme gezielt Konflikte verschärfen?
  3. Wann wird Konkurrenzdenken gefährlich – individuell und gesellschaftlich?
  4. Wie unterscheiden wir zwischen realer Information und Suggestion?
  5. Wer trägt Verantwortung, wenn technische Systeme menschliches Verhalten indirekt steuern?

Soll der Text "Warteschleife" von Josef Helmreich Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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