
Jasmin Song wurde 1988 in Bochum geboren und lebt heute nach mehreren Stationen in verschiedenen Ländern in Europa, Asien und (Zentral-)Amerika mit ihrer Familie wieder im mittleren Ruhrgebiet.
Als Ren Mundo schreibt sie Insomnia-Poesie und feministisch-dystopische Belletristik.
Das ist so das Höchste an politischer Aktion in diesem Jahr. Eine Vereinsweihnachtsfeier. Zählt das überhaupt?
Bereits beim Betreten der Räumlichkeiten ist es wieder da. Dieses nagende Gefühl. Bedauern. Schuld. Das Gefühl, nicht genug zu tun. Irgendetwas dazwischen. Vielleicht auch Wut. Und nicht wissen, ob man genug getan hat, um wütend sein zu dürfen. Und das alles an der Klippe zu Resignation.
Wir müssten doch eigentlich. Gerade wir.
Ich lasse den Blick schweifen über die Schwerlastenregale, vollgestellt mit Kisten und Boxen, säuberlich beschriftet: Winterhosen Herren, Winterhosen Damen, Pullover Herren, Pullover Damen, Winterjacken Damen, Babykleidung, Accessoires: Schals, Mützen, Handschuhe, Hygieneartikel, Damenhygiene, Spenden Misc, Lesbos, Calais…
Mein zweijähriges Kind zupft die essbare Deko vom Tisch. Hält sich mit einer Hand an mir fest, hat sich einen Schritt, eine halbe Armlänge von mir entfernt, um an die kandierten Nüsse und Zuckerstangen zu kommen. Nach ein paar Begrüßungsfloskeln und einem nicht zielgerichteten Nicken in die Runde setze ich mich an den mit Tannenzweigen und Weihnachtssüßigkeiten dekorierten Tisch, das zweijährige Kind nun auf dem Schoß, glücklich den Plätzchenteller durchforstend. Das sechsjährige Kind ist mit seinem Vater in der kleinen Teeküche verschwunden, in der vegane Waffeln gebacken werden. Er unterhält sich mit unserer Freundin, Vereins-Vorständin und eine von den Zweien, die diesen Verein eigentlich am Leben halten. Die der Verein sind.
„Südafrika“, sagt die Frau, die ich schon einmal gesehen habe, irgendwann, auch schon vor längerer Zeit. Ich bin mir sicher, dass es bisher nicht im Vereinskontext war. Sicher auf irgendeiner Demonstration. Man kennt sich in Bochum. Sie muss in ihren Sechzigern sein, ihre von feinen Falten umzogenen Augen sind weit aufgerissen. Ihr Haar ist weiß und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ihre helle Haut von Epheliden übersäht.
„Wäre noch eine Option“, schiebt sie hinterher. Sie spricht zum Tisch gerichtet, eine weitere Frau neben ihr und der Mann rechts von mir nicken stumm und blicken auf den Tisch.
Ohne zu wissen, worum es in der Konversation geht, aber angetrieben von meinem ständigen Fernweh und vielleicht auch der Konvention, sich an offenen Tischgesprächen zu beteiligen, frage ich nach: „Südafrika?“
„Wir überlegen, wohin man auswandern kann. So wie es sich hier entwickelt“, antwortet mir der Mann. Er trägt eine dicke Brille, hat kleine helle Augen. Achso, denke ich, und bereue direkt, dass ich mich an dem Gespräch beteiligt habe. Höflich nicke ich.
„Die politische Lage. Schrecklich!“, nickt die zweite Frau mit gesenkten, lilafarben angemalten Augenlidern. Sie ist sehr klein und mager, hat dunkelbraunes Haar und trägt ein rotes Halstuch. Sie sieht etwas jünger aus als die beiden anderen.
„Darf ich dich fragen … also, das soll nicht … Ich wollte fragen, wo deine Familie…“, beginnt die erste Frau.
„Meine Eltern stammen aus China. Sie sind als Studierende in den 80ern hergekommen. Und geblieben“, biete ich als Antwort an.
„Ah“ und „Aha“, machen die drei. Sie nicken und blicken abwechselnd auf den Tisch. „Dann hast du einen Ort, wo du hingehen kannst, nickt die Frau mit den weißen Haaren und blickt mich mit ihren wässrig-blauen Augen direkt an.
„Nun ja, ich habe tatsächlich einige Jahre im Ausland, auch in China, gelebt und viele Freund:innen…“, beginne ich und merke, dass ich ihre Einladung missverstanden habe und auf was ganz anderes hinaus will als meine Gesprächspartnerin. Also verstumme ich. Die Räumlichkeiten des Vereins sind von Gemurmel und Lachen erfüllt. Gesprächsfetzen springen durch den Raum, prallen ab und drehen wieder um. Meine Gesprächspartnerin nickt, als hätte ich ihr eine vollständige Antwort geliefert und fährt fort:
„Für uns ist es so. Wir sind in Deutschland geboren. Unsere Eltern ebenso. Und unsere Großeltern. Edi, deine Großmutter kam aus Polen, oder?“ Sie blickt den Mann fragend an. Der nickt, ohne aufzublicken.
„Auch nicht in Echt Polen“, antwortet er.
„Ich will damit sagen, wir kennen das nicht. Auswandern. Das ist kein Teil unserer Familiengeschichte. Und wir wissen auch nicht, wohin. Haben keine Freunde oder Familie, zu denen wir könnten.“
„Aber wie sich das entwickelt, da muss man. Da kann man nicht mehr hierbleiben“, schiebt die dunkelhaarige Frau nach. Alle drei nicken.
Neben mir sitzt meine Mutter, die wie ich Passdeutsche ist, sich aber entweder bereits wieder aus dem Gespräch herausgezogen oder sich gar nicht erst hineinziehen lassen hat. Sie schwebt oft über den Gesprächen, bleibt höflich lächelnd in ihren eigenen Gedanken. Oder sie beschäftigt sich mit den Kindern. Vielleicht, weil sie die Themen nicht interessieren. Oder sie nicht weiß, was sie dazu sagen soll. Das Thema hier, vermute ich, ist ihr vielleicht auch unangenehm. Immerhin ist sie vor fast vierzig Jahren hier eingewandert, hat ihre Familie und ihr Leben zurückgelassen und hat seitdem jeden einzelnen Tag alles getan, um dazu zu gehören oder zumindest teilhaben zu können und nicht aufzufallen. Damit ihre zwei Kinder die Chance haben, dazu zu gehören. Die Chance auf ein besseres Leben. Was bedeutet es dann für sie, wenn hier andere in ihrem Alter sitzen und über ihre Exitstrategien sprechen?
Ich verstehe die drei. Vollkommen. Die aktuelle politische Lage, die soziale und politische Entwicklung macht ihnen Angst. Uns geht es nicht anders. Aber auszuwandern kann doch nicht die Lösung sein. Wenn alle auswandern, das sinkende Schiff verlassen, was passiert dann mit dem Schiff? Was oder wem überlässt man es? Was passiert dann mit dem, was jetzt noch da ist. Was passiert mit dem zweijährigen Kind auf meinem Schoß und dem Sechsjährigen, das jetzt fleißig zwischen Küche und Tisch herumläuft und Waffeln „ausliefert“? Wenn Superreiche ihre Ressourcen für eine Marsbesiedlung einsetzen, bleibt kein Interesse mehr für die Erde. Wenn selbst wir, die wir zu der Dunstwolke des Vereins gehören, der seine nächste Fahrt nach Calais plant, um Spenden ins Geflüchtetenlager zu transportieren, alles stehen und liegen lassen und weglaufen, wie sieht dann die Zukunft aus?
Und doch verstehe ich es so gut. Auch wir haben uns diese Gedanken gemacht. Natürlich. Wir haben zwei Kinder, die nicht-deutsch gelesen werden könnten. Ich habe erst im Alter von knapp zehn Jahren meine deutsche Staatsbürgerschaft erhalten und auch wenn ich in meinen Jahren in Asien und (Zentral-)Amerika unter den Expats immer „the German girl“ war, bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Staatsbürgerschaft und ihre Privilegien in den nächsten Jahren behalten darf. Wir haben uns diese Gedanken gemacht, als wir uns entschieden haben, Kinder zu bekommen. Und dann, als wir uns entschieden haben, ein Haus zu kaufen. Wir haben uns damals dafür entschieden, zu bleiben und dafür zu sorgen, dass es weiter geht, dass es wieder besser wird, dass unsere Kinder hier auch weiterhin eine Zukunft haben. Das war vor 2025. Und trotzdem hat diese Entscheidung Sinn gemacht, macht sie auch weiterhin Sinn. Weigern wir uns, aufzugeben.
Aber dann sind da dieses Schuldgefühl und auch das Gefühl von Ohnmacht. Denn wir sind sicher nicht die, die in der ersten Reihe stehen, um für Stabilität und Demokratie zu kämpfen. Im Gegenteil. Das liegt nicht daran, dass wir nicht wollen. Im Alltag mit kleinen Kindern, Arbeit, Haussanierung und all den anderen Verpflichtungen, Vorfällen und Befindlichkeiten haben wir kaum mehr Kapazitäten für politische Arbeit. Nehmen nicht an Demonstrationen teil, weil doch wieder ein Kind Fieber hat. Oder die Nacht nur zwei Stunden Schlaf – nicht am Stück – gebracht hat. Klar, wir teilen die Nachrichten von Kundgebungen, von Demonstrationen, von Spendenaufrufen, erhalten den Newsletter vom Verein, unterzeichnen Petitionen, teilen Beiträge auf Insta und Facebook – aber manchmal vergehen Monate oder wie jetzt ein Jahr, ohne, dass wir das Soll an politischer Aktion erreicht hätten, das wir uns selbst setzen. Wo wir es noch nicht einmal geschafft haben, ein einziges Mal aufzutauchen, um Spendenkleidung zu sortieren oder Schlafsäcke einzuladen. Geschweige denn alle Wahlprogramme zu lesen. Und da geht es nicht darum, dass wir unseren Hintern nicht von der Couch hochbekommen, weil Netflix läuft. Es vergehen Monate, ohne dass wir diese Couch – ohne Kinder – berühren.
Und trotzdem ist da dieses Gefühl. Dass die anderen dafür kein Verständnis haben, weil sie selbst keine Kinder bekommen, kein baufälliges Haus gekauft, vielleicht keinen Vollzeitjob haben, nicht in unseren Schuhen stecken. Und dass wir ja selbst schuld daran sind. Denn irgendwie sind all diese an-sozialisierten Meilensteine plötzlich zu Sollbruchstellen geworden. Meilensteine, die eigentlich ein Leben in dieser Gesellschaft ordnen, Teilhabe an dieser Gesellschaft bedeuten und doch dafür sorgen, dass wir uns jetzt, in dieser Phase, unfähig fühlen, die Entwicklungen in dieser Gesellschaft nachhaltig zu beeinflussen.
Oder sind das, sind wir die Sollbruchstellen im demokratischen System? Familien, die so sehr mit sich selbst beschäftigt sind, keine Zeit, keine Ressourcen haben, um laut zu werden, weil sie bis zum Hals in Erwerbs- und Care-Arbeit stecken und dabei immer noch einen Fuß vor den anderen setzen im kapitalistischen Hamsterrad?
Ist das vielleicht der Grund?, denke ich, und lächle noch einmal unverfänglich in die Richtung der drei, die sich wieder in ihr Gespräch vertieft haben, während ich eine Waffel für meine Kinder in viele kleine, gleich große Stücke schneide. Ist das der Grund, warum es mir so aufstößt, wenn andere über Auswanderung sprechen statt sich verantwortlich zu fühlen, hier alles zusammenzuhalten? Weil ich es selbst nicht schaffe? Mich unfähig und ohnmächtig fühle?
Selbst schuld, denke ich. Wir wussten, was es bedeutet, ein Kind zu bekommen. Und dann noch eins. Was es bedeutet, ein altes Haus zu sanieren und herzurichten. Wir wussten das alles. Aber was wir nicht wussten ist, wie viele Sorgen wir uns machen würden, weil es nicht mehr nur um unsere Zukunft geht. Wie unfähig wir uns fühlen würden, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und wie schwer es sein würde, zu ertragen, dass andere mehr tun oder weniger. Und dass die Zeit gerade jetzt fehlt. Und die Kraft. Und auch das Geld. Obwohl das Jetzt jetzt wichtig und ausschlaggebend ist. Fomo, dass die Welt, wie wir sie kennen, sich jetzt irreversibel verändert, wo wir uns unfähig fühlen, einzugreifen und dass wir irgendwann zu spät sind.
Aber das heißt noch nicht, dass wir aufgegeben haben. Immerhin wollen wir bleiben. Und wir wollen noch etwas verändern, glauben, dass das immer noch möglich ist. Glauben, dass es noch nicht zu spät ist, glauben, dass unsere Nächte auch wieder länger werden und Kraftreserven auch wieder gefüllter sind. Glauben, dass es jetzt noch andere gibt, die etwas mehr Kapazitäten haben als wir. Die die Stellung und uns den Rücken freihalten.
Und dass es weiter geht und wieder besser wird, statt schlechter. Dann sind die Sollbruchstellen vielleicht doch ein Zeichen von Hoffnung.
„Warum sollte man sonst Kinder bekommen oder ein Haus kaufen, überhaupt noch weitermachen, wenn man nicht mehr hoffen kann, dass es sich ändern lässt?“
Habe ich das eben laut gesagt? Drei Paar von Fältchen umrahmte Augen sehen mich an. Sie haben alles gehört.
„Ich kann euch verstehen.“ Ich nicke ihnen zu. „Aber wenn wir alle weglaufen, dann bleibt niemand mehr, der die anderen aufhält. Wir sind gerade selbst nicht in der Lage viel zu tun, aber wir sind weiterhin da und das wollen wir auch gerne bleiben. Aber dafür brauchen wir euch.“
Anregungsfragen:
- Ist Auswanderung eine legitime politische Reaktion – oder ein Rückzug aus Verantwortung?
- Wird politisches Engagement in unserer Gesellschaft ungleich verteilt – und warum?
- Wie beeinflusst Care-Arbeit die politische Teilhabe von Familien?
- Sind Schuldgefühle ein Motor oder ein Hindernis für demokratisches Engagement?
- Was bedeutet „Bleiben“ – ist es Passivität oder Widerstand?
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