
Anna Shepherd, geboren 1998, ist der Inbegriff von zu vielen Projekten, zu wenig Zeit und trotzdem klare Struktur. Immer im Spagat zwischen disziplinierter Ordnung und dem Gefühl zerrissen zu werden. Aufgewachsen in der Nähe von Münster, kämpfte sie sich durch trägen und manchmal doch spannendem Schulunterricht bis in ein Lehramtsstudium, in dem sie schließlich ihr Ziel fand. In ihrer Freizeit kickt sie im Karate jeden Gegner um, stemmt im Fitnessstudio Gewichte und rennt gegen sich selbst um die Wette.
Bibliographie
Shepherd, Anna: Noch nicht tot. In Meier, Martina (Hrsg.), Chroniken von Navadia – Neue Ordnung – Band 3, Langenargen. 2025, S. 62-63.
Ich umschloss den Schlüssel fester, dreht ihn mit einer geübten Bewegung im Schloss und zog ihn heraus. Die Scheibenwischer blieben mitten in ihrer Bewegung stehen, als hätten sie plötzlich beschlossen, dass es genug ist. Dass sie kündigen und alles stehen und liegen lassen. Der Regen hatte aufgehört.
Natürlich. Genau in dem Moment, in dem ich ankomme.
Ich drehte mich zur Seite, griff in den Fußraum des Beifahrersitzes und zog meinen schwarzen Wollmantel hervor, den ich beim Starten des Motors achtlos dort hingeworfen hatte. Draußen herrschte seit einigen Wochen eine Kälte, die sogar für Ende Januar bemerkenswert war. Eine Kälte, die nicht auffällt, sondern sich tief ins Fleisch frisst und dort bleibt.
Ich schlüpfte mit einem Arm in den Mantel, zog den Stoff über die Schulter, griff nach dem Schlüssel und öffnete die Tür einen Spalt. Wie so oft, hatte ich so eng geparkt, dass jede ungeschickte Bewegung womöglich eine Beule ins andere Auto hinterlassen würde. Ich schob mich ungelenk ins Freie, als müsste ich mich selbst aus meinem Auto herauslösen. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss.
Ein letztes Mal öffnete ich sie, fischte meinen grauen Schal vom Beifahrersitz und schloss sie diesmal richtig. Nachdem ich meinen schwarzen Rucksack aus dem Kofferraum gehoben hatte, drückte ich eine Taste auf meinem Schlüssel. Die Lichter flackerten kurz auf und die Seitenspiegel klappten ein. Als würde das Auto seine Augen für einen Mittagsschlaf schließen.
Ich zog die Kapuze hoch, zog die Jacke enger um mich, obwohl sie wie immer nicht richtig geschlossen war, und ging los.
Die Schule lag vor mir und sah genauso aus, wie ich mich fühlte, viel zu früh wach und noch nicht bereit für das, was der Tag brachte.
Vielleicht lag es daran, dass ich sonst später kam. Vielleicht auch daran, dass ich heute Nacht kaum geschlafen hatte. Vielleicht wollte ich einfach nicht durch das übliche morgendliche Gedränge, in dem ich sonst in den Straßen steckte.
Zwei Jugendliche kamen mir entgegen. Ich würde sie auf fünfzehn schätzen. Ich nickte ihnen zu.
„Guten Morgen.“
Ihre Blicke streiften mich nur beiläufig. Ich kannte sie nicht, aber das war nichts Neues. Jedes Jahr kamen neue Gesichter und mit jedem Jahr fiel es mir schwerer, mir Namen zu merken.
Ich sah ihnen kurz nach, sah ihre braunen langen Haare, ihre fehlenden Rucksäcke, da öffnete sich links eine Tür.
Miriam.
Sie strahlte, wie immer. Schon fast zu stark für diese Uhrzeit.
„Guten Morgen, Miri. Wie geht’s? Gut geschlafen?“
Ihr Lächeln wurde breiter, als hätte jemand den Regler auf das Maximum gedreht.
„Gut, gut. Kann nicht klagen. Und du? Was machst du denn hier so früh? Neues Jahr, neues Glück? Oder willst du jetzt unter die produktiven Frühaufsteher gehen?“ Sie schlug mir auf die Schulter. Fast schon zu vertraut.
„Passt nicht zu dir.“
Sie lachte, ohne eine Antwort abzuwarten und verschwand im Gang.
Manche Lehrer sind wirklich speziell, dachte ich und öffnete die Tür des Lehrerzimmers.
Das Lehrerzimmer war bereits wach.
Überall hörte ich Stimmen, klirrende Löffel in metallischen Frühstücksschüsseln, Gespräche über die Pfingstferien, To-Dos und das typische Getratsche.
Es hatten sich bereits die mir bekannten Gruppen an den Tischen gebildet.
Arne saß auch schon da und starrte leer auf sein Handy. Wie immer.
Eigentlich wollte Herr Konrad das nicht.
„Das ist Arbeitszeit, Leute. Wir predigen unseren Kindern, dass hier Handyverbot ist, und wir halten uns selbst nicht daran? Das wäre peinlich. Wir müssen ein Vorbild sein.“
Arne war das egal.
Seit Jahren war ihm alles egal. Als hätte er innerlich schon längst gekündigt.
Ich ging zu meinem Tisch, ließ den Rucksack auf den Stuhl fallen, zog den Mantel aus und warf ihn darüber.
Für einen Moment blieb ich stehen.
Irgendwas ist komisch – anders als sonst.
Ich schiebe den Ärmel meines weißen Pullovers ein Stück höher, bis der Stoff an meinen Unterarmen spannt, und gehe in Richtung Sekretariat. Der Flur riecht nach Toner und kaltem Kaffee.
Im Sekretariat hat jeder Mitarbeiter, und damit auch jede Lehrkraft, ein Fach, ein kleines Reich aus Papier, Erwartungen und Mitteilungen, die niemand haben will. Ich grüße im Vorbeigehen die Sekretärin, nicke Chiara zu, die als FSJ-lerin zwischen Kopierer und dem nie still zu stehenden Telefon lebt, und bleibe vor der Ablage stehen.
Ich ziehe die Dokumente aus meinem Fach.
Ein Zettel von Kerstin: „Ich habe Julian zum zweiten Mal sein Handy abgenommen. Redest du mal mit ihm?“ Warum sie mir das nicht einfach später gesagt hat, bleibt mir ein Rätsel.
Ein Entwurf für einen Elternbrief zum Tag der offenen Tür. Nichts Besonderes.
Ich blättere weiter durch, während ich zurück zum Lehrerzimmer gehe.
Ich will die Blätter schon auf meinen Tisch zurücklegen, als mir auffällt, dass ein Dokument ganz nach hinten gerutscht ist.
Das Papier ist dicker, wirkt hochwertiger als die anderen. Ich ziehe es heraus und lege den Rest auf meinen Platz vor mir.
„Handreichung für den Umgang mit politisch sensiblen Schülerfragen.“
Darunter ein Absatz mit Begrüßung und Erklärungen, die fast schon für das typische Politikersprech zu glatt und zu sauber formuliert wirken.
Ich überfliege das meiste. Doch einige Sätze springen mir ins Auge. „Wir sorgen uns um die Bildung unserer künftigen Bürger“ und „Wir wollen nicht, dass Schülerinnen und Schüler bereits in der Schule beeinflusst, indoktriniert oder zur sogenannten „Wokeness“ erzogen werden.“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
Ach so. Die Memo war an mir vorbeigegangen. Das hätte ich also tun sollen. Besonders für mich als Politiklehrerin ist das mehr als tragisch.
Als hätte ich dafür Zeit. Als hätte ich die ganzen Jahre eine geheime Agenda verfolgt und würde mich über jedes einzelne Kind freuen, das irgendwann anfängt zu gendern oder oh Gott, sogar eine linke Einstellung entwickelt.
Ich überfliege die nächsten Zeilen, die aus bekannten Formulierungen, vertrauten Phrasen bestehen, die man inzwischen überall liest. Dann springe ich zu den Stichpunkten.
„In der idealen Schule, die wir anstreben…
-… werden keine Namen von Parteien, Politikern oder politischen Organisationen genannt.
-… werden keine moralischen Vorstellungen bewertet oder abgewertet.
-… werden keine politischen Ereignisse der Gegenwart mit historischen Ereignissen verglichen.
-… wird keine persönliche Meinung geäußert oder vermittelt.“
Darunter ein Satz, der so falsch klingt, wie Miriams Lächeln: „Wir streben eine multiperspektivische Neutralität an.“
Ganz unten sehe ich eine Linie, darüber eine Erklärung, dass ich die Handreichung erhalten, gelesen und akzeptiert habe.
Ich will das Blatt umdrehen, als hinter mir eine Stimme sagt: „Leider steht auf der Rückseite nicht, dass es ein Aprilscherz ist.“
Ich drehe mich um.
Arne lehnt im Türrahmen des Lehrerzimmers, die Arme verschränkt.
„Willkommen in der neuen schönen Welt.“
„Ich sehe darin ehrlich gesagt keine schöne neue Welt, sondern nur Probleme.“
Ich schaue wieder auf das Papier.
„Hier steht nur, was wir nicht dürfen. Nicht, was wir dürfen.“
Arne kommt näher. In seinen Augen blitzt etwas auf. Vielleicht Verständnis, vielleicht Müdigkeit, vielleicht etwas, das früher einmal Hoffnung und Spaß war.
„Du hast recht“, sagt er. „Aber immerhin müssen wir nicht mehr jedes Schuljahr aufs Neue alle Parteien durchkauen. Keine Klassenarbeiten mehr, in denen sie erklären sollen, wer wofür steht, was sinnvoll ist, was problematisch sein könnte. Das kannst du alles in den Müll werfen.“
Er hält inne.
Erst jetzt scheint ihm klarzuwerden, was er gesagt hat.
Ich nicke langsam und schaue wieder auf die Handreichung.
„Weißt du, ob man das unterschreiben muss?“
Er schaut mich nicht mehr an, hält stattdessen sein Handy in der Hand.
Aber seine Haltung gibt die Antwort.
Ich glaube, du hast keine Wahl, Schätzchen, höre ich seine Stimme in meinem Kopf, ohne dass er überhaupt etwas gesagt hat.
Ich lege das Papier auf den Tisch. Die Kugelschreiber stehen in einem Glas zwischen Stempelkissen und Kaffeetassen.
Ich unterschreibe.
Ich habe keine Wahl.
Und die Kinder auch nicht.
„Was passiert, wenn wir uns nicht daran halten?“
Ich schaue ihn nicht an. Ich will seine Abgestumpftheit nicht sehen.
„Dann können dich Eltern schneller verklagen, als sie es ohnehin schon tun“, sagt er ruhig. „Und weil du unterschrieben hast, bekommst du keine Rückendeckung. Nicht vom Kollegium. Nicht von denen da oben … „Du bist dann allein auf dem sinkenden Schiff.“ Seine Worte krallen sich in meinen Magen, greifen danach. „Du bist allein mit deinen Worten“, sagt er. „Und die entscheiden, ob du überlebst oder untergehst.“
Ich lasse das Blatt auf dem Tisch liegen, als könnte ich meinen Schutz verlängern, wenn ich die Einwilligung erst später abgebe.
Ich mache mir einen Kaffee und versuche ihn bewusst langsam zu trinken.
Als das erste Klingeln ertönt, fühlt es sich an, als würde die nächste Runde eines Boxkampfs beginnen. In den ersten beiden Stunden habe ich Deutsch in der zehnten Klasse. Ein sicheres Terrain. Kinder, oder fast Erwachsene, die ich mag, die ich seit zwei Jahren regelmäßig sehe und begleite.
Ich hebe meinen Rucksack auf den Rücken, winke Arne kurz zu und tauche in die viel zu vollen, lauten Gänge ein.
Am Raum 112 angekommen, drücke ich die Klinke herunter. Der Raum ist zu still.
Eine Handvoll Jungs sitzen verteilt über die Tische, als hätten sie sich bewusst so weit voneinander entfernt, obwohl sie sich fast gleichen wie Varianten derselben Figur. Jeder von den Jungs trägt Frisuren irgendwo zwischen Justin Bieber und einem Fußballer, dessen Namen ich wie immer schon wieder vergessen habe und Hosen, die aussehen, als hätten sie die Neunziger nie verlassen.
„Guten Morgen.“
Meine Stimme klingt zu heiter in diesem Raum.
„Wo ist der Rest vom Fest?“, frage ich in die Runde, halb scherzend. „Wo habt ihr die Mädchen gelassen?“
Julian hebt den Kopf. Er sitzt allein an einem Einzeltisch. Braune Haare, Jogginghose. Einer von denen, die sonst nicht auffallen, weil sie zu perfekt ins Bild passen.
„Die sind krank. Oder haben keine Lust“, sagt er.
Ich schlage das Klassenbuch auf, und notiere die Namen jeder fehlenden Person, als ließe sich so Ordnung herstellen. Später werde ich im Sekretariat nachsehen müssen, wer sich abgemeldet hat, wer entschuldigt ist, wer zumindest für heute verschwunden bleibt.
„Frau Bergmann.“
„Ja, Samuel?“
„Was machen wir heute?“
Ich klappe das Klassenbuch halb zu, als müsse ich mich selbst daran erinnern, was ich vorbereitet habe.
„Wir müssen noch einmal über die Analyse von Kurzgeschichten sprechen. Das ist für die Abschlussprüfung wichtig.“
Ein Raunen geht durch den Raum. Nicht laut, sondern eher müde. Als hätte jemand „Last Christmas“ aufgelegt, das niemand mehr hören kann.
Die Abschlussprüfungen sind noch ein halbes Jahr entfernt. Und trotzdem hängen die Themen ihnen bereits aus den Ohren.
„Aber, Frau Bergmann…“, sagt Julian und lehnt sich dabei langsam zurück, „…können wir heute nicht mal was machen, was uns wirklich interessiert?“
Etwas zog in meinem Rücken.
„Zum Beispiel … wir könnten über die Europawahlen reden. Die sind in zwei Wochen. Und ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, was ich wählen soll.“
Marcus lacht aus der letzten Reihe:
„Ich mach die Augen zu und wähl irgendwas. Wird schon passen.“
Ein paar Jungs grinsen. Keiner widerspricht.
Ich spüre, wie sich Schweiß auf meiner Stirn sammelt. Ich spüre jede einzelne Pore.
Julian beugt sich nach vorne.
„Herr Seifert macht sowas nicht mit uns“, sagt er. „Er meint, er dürfe es nicht. Deshalb machen wir seit Wochen Versicherungen.“
Er verdreht die Augen.
„Wenn mir nochmal jemand was von Krankenversicherung erzählt, hau ich ihm in die Fresse.“
Ich sehe zu Julian: „Nanana, Julian! Wir haben über deinen Ton gesprochen.“
„Sie wissen schon, was ich meine.“
Seine Stimme wird jetzt leiser, fast so als würden sogar die Wände zuhören.
„Wie sollen wir denn wissen, was wir wählen sollen“, fragt er, „wenn niemand mit uns darüber redet?“
Er sieht mich an.
Nicht respektlos oder frech, eher so, als hätte er eine Frage gestellt, auf die er selbst keine Antwort weiß.
„Sie sind korrekt“, sagt er. „Und Politiklehrerin. Das ist doch das perfekte Match.“
Marcus lacht leise. Nicht über mich oder Julian, sondern eher aus Unsicherheit.
„Können sie uns nicht mal erklären, was zum Beispiel die Linke in der EU eigentlich will?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich hab den Wahl-O-Mat gemacht, aber ich raff’s nicht.“
Ich nicke.
Ein reflexhaftes, unsicheres Nicken.
Ich öffne den Mund. Schließe ihn wieder. Irgendwo zwischen meinen Lippen liegt etwas Verbotenes. Dann schaue ich wieder auf das Klassenbuch. Auf die Namen und denke an die Handreichung, die ich heute Morgen unterschrieben habe – unterschreiben musste. Die Formulierungen und Absätze, die Erklärung.
Mein Körper wird plötzlich heiß.
Als würde er urplötzlich eine Erkältung ausbrüten.
Ein innerer Alarm. Als würde etwas in mir versuchen, mich zurückzuhalten, bevor es zu spät ist.
Ich hätte heute zu Hause bleiben sollen, denke ich. Wer steht auch schon so früh auf?
Anregungsfragen:
- Wann beginnt ein politisches System zu scheitern: erst beim offenen Zwang oder bereits bei vorauseilender Anpassung und Angst?
- Welche Verantwortung tragen Lehrkräfte zwischen Neutralitätsgebot, persönlicher Haltung und dem Bildungsrecht der Schüler*innen?
- Ist politische Neutralität im Bildungsraum möglich – oder selbst eine politische Position?
- Welche Folgen hat es für eine Demokratie, wenn junge Menschen zwar wählen dürfen, aber nicht lernen, wie politische Entscheidungen entstehen?
- Wo liegt die Grenze zwischen institutionellem Selbstschutz und dem Verrat an den eigenen Grundwerten?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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