
Laraina Joller wurde 2004 In Urnäsch geboren. Schulzeit im Häuslichen Unterricht absolviert, welcher viel Freiheiten für eigene Interessen ließ. Begann bereits früh mit dem Schreiben kleiner Geschichten und beendete 2023 einen dreijährigen Studienlehrgang an der Hamburger Schule des Schreibens.
Auszeichnungen:
- Nominierung für Wedekind-Preis 2025
- Stipendienplatz (Textstatt Lenzburg)
- Stipendienplatz (Verein Jugend-Literatur-Werkstatt Graz)
- Dritter Platz beim Jugendliteraturpreis in Vechta (geest-verlag)
Ein Mann liegt zwischen den Sitzreihen und stellt sich tot. Die Bierflasche neben ihm ist zerbrochen, seine Haare klebrig und nass. Um neun Uhr zwei ist ihm jemand auf dem Weg zum Ausgang auf den Bauch getreten.
Zwei junge Männer brüllen sich an. Wer den letzten freien Sitzplatz zuerst gesehen habe. Eine Frau steht daneben, eine Hand auf den schwangeren Bauch gepresst, und räuspert sich. Ich stehe auf und zeige auf meinen Sitzplatz. Die Frau beginnt, mir von ihrem Tag zu erzählen. Von geplatzten Einkaufstüten und einem Anruf ihrer Mutter und davon, dass ich das Beste sei, was ihr heute passiert ist. Mir wäre es lieber, sie wäre still.
Die vorderste Sitzreihe ist frei, obwohl die Übelkeitsattacke der Rothaarigen schon fast zwei Stunden her ist. Um das zu wissen, muss jemand wie ich nicht auf seine Uhr schauen. Ich kenne die Stationen. Kenne die Bewegungen und Geschwindigkeiten der Bahn. Ich sitze vielleicht im falschen Abteil, aber das hier ist immer noch meine Bahn.
Ein Mann greift nach meiner Hand und beginnt, sie zu schütteln. Er hat rote Augen, und ich glaube, ihm fehlt etwas.
Die Bahn hält.
An einem Pfeiler hängt ein großes Schild. „Waffen verboten“ steht darauf. „Rauchen nur im Raucherbereich“ auf einem kleineren gleich dahinter. Beim Schild mit der Aufschrift „Alkohol verboten“ steht die Polizei.
Ein Mann sitzt in einer Ecke und weint. Unser Freund und Helfer schaut hin, wenn auch nicht sehr. Er will nur sehen, ob der Mann betrunken ist. Nein? Gut so. Bitte weiter machen.
Eine Gruppe von Teenagern steigt ein. Die Schwangere steigt aus. Ich setze mich wieder auf meinen Platz und ernte Gefluche von einem alten Herrn. Erstaunlich, welche Emotionen man mit einem Plastikstuhl auslösen kann. Der Junge mir gegenüber bekommt einen roten Kopf und macht dem Alten Platz. Der Alte grinst. Die roten Augen schütteln dem Jungen die Hand, und ich schlafe ein.
Ich spüre die Bewegungen meiner Bahn, und es kommt mir vor, als führe sie an einen anderen Ort. Eine Station, die ich noch nicht kenne. Ein Halt, der nicht im Fahrplan steht. Niemand bemerkt das außer mir, und ich begreife, dass meine Bahn nur wegen mir dort hält. Mein Halt. Endstation.
Ich erwache. Die Bahn ist noch voller, und mir gegenüber sitzt ein vertrautes Gesicht.
Der Herbert habe gesagt, ich würde hier sitzen. Wie es denn so gehe, alter Kumpel.
Die Bahn hält. Leute steigen ein. Einer klemmt sich in der Tür den Schal ein. Das Erbrochene wird weggewischt. Der Schlafende am Boden auch.
Dass er sich ein bisschen Sorgen mache. Wie lange ich denn schon hier säße. Worauf ich denn warte.
Ich schaue ihn an. Ich kann lange schauen. Reden gehört zum Warten nicht dazu. Ich greife in meine Tasche. Greife nach dem Papier, mit dem er mich verabschiedet hat, und lege es auf meine Knie. Die Ränder sind speckig und so gelb wie meine Nägel. Irgendwann ist mir etwas draufgetropft. Ich habe es behalten, weil ich etwas behalten musste. Weil ich da schon wusste, dass ich mich zurück in meine Bahn setzen würde.
Ob ich meine Ersparnisse nicht lieber für etwas anderes ausgeben wolle. Ob ich denn immer noch kein Leben hätte.
Ich schaue aus dem Fenster. Zwei kleine Hunde sind an einer Bank angebunden. Einer trägt einen pinken Mantel und einer einen blauen. Graue Regenschlieren zerreißen das Bild. Dann sind sie vorbei.
Das vertraute Gesicht lädt mich zum Essen ein. Freitags in zwei Wochen, da sei es noch frei. Jetzt müsse es aber wieder los. Die Kinder, ich wisse schon.
Ja, ich weiß schon.
Einen schönen Tag noch, und ich solle gesund bleiben. Nie den Kopf hängen lassen und immer schön gesund bleiben. Ob er denn Grüße ausrichten solle.
Er solle nicht.
Ich stehe auch auf und gehe ans Kopfende des Zuges. Ganz nahe zu meinem früheren Abteil. Ein Platz ist noch frei, und ich setze mich. Die Frau neben mir beginnt zu kreischen. Sie schlägt auf meinen Arm ein und zerrt an meinem Hemd.
Ich säße auf ihrem Kind. Mitten auf ihrem Kind.
Ich stehe auf und schaue auf die Brotkrümel auf dem Sitz. Einer davon ist zerbrochen. Der Mann gegenüber schüttelt den Kopf und beginnt, über das System zu schimpfen. Die Frau weint, und ich lege ihr eine Hand auf die Schulter. Wo ihr Kind denn sei.
Auf diesem Platz. Ich hätte es fast kaputtgemacht.
Warum ich es nicht sehen könne.
Weil ich nicht richtig hinsehen würde.
Niemand würde mehr richtig hinsehen, das sei das Problem mit unserer Welt.
Der Mann uns gegenüber steht auf und geht. Ich setze mich auf seinen Platz.
Die Frau lächelt und streichelt der Luft den Kopf.
Ich lächle auch. Ich kann sie verstehen.
Veilchenblaue Zehennägel bleiben auf meinem Fuß stehen. Ein Vater redet auf sein Handy ein. Sein Kind klettert in den Mülleimer und baut sich aus dem Weggeworfenen eine Burg. Essenspakete werden ausgepackt. Ein Mann setzt sich auf den Platz des unsichtbaren Kindes und bewegt sich nicht mehr. Ein Schaffner arbeitet sich von hinten her durch den Wagen. Recht und Ordnung muss sein.
Aber ich suche meine Sachen zusammen. Ich bin lange genug gesessen, habe genug gesehen.
Ich steige aus.
Anregungsfragen:
- Was sagt der öffentliche Raum über den Zustand einer Gesellschaft aus?
- Wann wird Alltagsabsurdität zu sozialer Verrohung – und wer trägt dafür Verantwortung?
- Wie sichtbar sind Einsamkeit, psychische Krisen und soziale Ausgrenzung im öffentlichen Leben?
- In welchem Maß haben wir verlernt, wirklich hinzusehen – und warum?
- Ist Rückzug eine Form von Selbstschutz oder bereits ein stilles Scheitern an gesellschaftlichen Strukturen?
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