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Martin Kreuels – Hallo, wer spricht denn da?

Martin Kreuels wuchs in Kevelaer am Niederrhein auf. Für die Bundeswehr zog es ihn zunächst nach Rotenburg an der Wümme, anschließend nach Oldenburg. Zum Studium der Biologie und Landschaftsökologie ging er nach Münster (Westfalen) – mit einem Zwischenstopp in Berlin.
In Münster gründete er eine Familie, die er später teilweise wieder verlor. Mit den vier Halbwaisen zog er nach Bunde in Ostfriesland, bevor er einige Jahre später nach Darmstadt ging, um dort eine neue Familie aufzubauen.
Seit 2023 lebt er wieder in Bunde – diesmal ohne Kinder. Sie sind inzwischen erwachsen und gehen ihre eigenen Wege.

Veröffentlichungen und weitere Informationen finden Sie hier: Dr. Martin Kreuels: Biologe, Autor, Dozent, Fachmann evolutionäre Männertrauer – Kontakt


Stimmen, überall und immer. Alle schreien durcheinander, alle sagen das Gegenteil, alle haben eine Meinung, alle haben Recht. Ich kann hingehen, wohin ich will, es wird immer lauter, es wird immer aggressiver, gefühlt steigt der Druck auf jeden und damit verbunden die Verunsicherung. Keiner weiß wirklich, was richtig und was falsch ist. Gehe ich zu einer Veranstaltung, gehe ich in die Sozialen Medien? Wohin nur, um mich zu informieren? Es ist egal. Ich will die Neuigkeiten mit dem F-Wort gar nicht benennen – weiß ich denn, woher sie stammen? Sind es Aussagen eines Menschen? Und wenn ja: Denkt er klar, will er mich manipulieren oder ist er gar verrückt? Steht er an der Seite der Realität oder badet er noch in ihr?
Wer denkt noch klar und aufrichtig?
Oder stammt die Aussage gar nicht von einem Menschen, sondern von einer menschengeschaffenen digitalen Scheinintelligenz? Sie schreibt wie ein Mensch, sie spricht wie ein Mensch. Der Film, den ich mir ansehe, ist vielleicht gar kein Film, der irgendwo aufgezeichnet wurde. Vielleicht ist er nur konstruiert von jemandem, der bei Kaffee und Käsebrötchen in seinem Sessel im zehnten Stock seines Hochhauses sitzt und Langeweile hatte.
Auf dem Bildschirm wird unsere subjektive Wirklichkeit von Tag zu Tag besser – und für mich schlechter zu identifizieren. Noch ist ihre Haut auf dem Bildschirm zu glatt, zu künstlich, trotzdem sieht sie gut aus. Die Unterscheidung fällt mir zunehmend schwerer.
Überall sind wir erreichbar, vierundzwanzig-sieben. Bewusst muss ich mich dagegenstellen, muss die Technik – die mir viele Hilfestellungen gibt, ja sicher, ich nutze sie gerne und viel – abschalten, damit der Lärm aufhört. Der Krach, der meinen Kopf anbohrt und immer wieder meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit fordert. Kein gemeinsames Essen ohne ein Aufmerksamkeitspiepen. Ihr Hämmern klopft mein Gehirn weich und macht aus einer noch halbwegs funktionierenden grauen Masse einen Klumpen Matsch.
Ihr Piepen ruft:
„Hallo, ich bin auch noch da und habe extrem wichtige Neuigkeiten für dich, die du dir unbedingt und sofort ansehen musst. Du kannst mich doch jetzt nicht minutenlang ignorieren! Ich will dich doch nur informieren, damit du nichts verpasst. Ich sorge mich um dich. Ich bin immer für dich da. Ich bewache dich, auch wenn du schläfst. Vielleicht steht die Welt vor ihrem Untergang und du isst jetzt einen Döner? Bist du verrückt? Ich will, ich will, ich will…“

Ist das die babylonische Sprachverwirrung, in der wir alle durcheinanderreden und keiner mehr den anderen versteht? Und warten wir deshalb auf den Heiland, und welchen Militäranzug trägt er?
Und können wir das direkte Gespräch überhaupt noch führen? Sind wir noch in der Lage, unserem Gegenüber zuzuhören? Einige Minuten Aufmerksamkeit für einen anderen Menschen, für das was er mir sagt, ohne dass ich ihm ins Wort falle, laut werde und mich angegriffen fühle?
Die Alten sind überfordert. Für sie kam es zu schnell, sie müssen Nachhilfekurse belegen. Für die Jungen ist es zu viel, sie können noch nicht reflektieren, differenzieren und selektieren. Sie haben es nicht gelernt, und die Bildungseinrichtung steckt noch im vergangenen Jahrhundert. Auch für sie kam alles zu schnell und damit ähneln sie den Alten. Die Stimmen machen sie dumm, denn das elektronische Geplapper liegt in ihrer Hand und ist überzeugend, akzeptiert keinen Widerspruch.
Dabei leben wir Menschen von dem Diskurs, dem direkten Gespräch, in dem wir die Gedanken sortieren, anderen Meinungen lauschen und den aufgenommenen Gedanken überdenken, uns eine Meinung bilden, vielleicht Sachverhalte noch einmal nachschlagen, uns informieren, um dann das Gegenargument zu formulieren.
All das geht verloren. Wir werden dümmer von Tag zu Tag und bereiten damit den Boden dafür, geführt zu werden, denn wir suchen Halt in einer Zeit ohne Orientierung.
Bitte sage mir: Was ist richtig oder falsch?
Bitte zeige mir den Weg!

Ich habe Glück. Ich arbeite als Biologe und darf jeden Tag nach draußen, wenn ich es will. Ich höre Tiere, sehe Pflanzen, genieße Stille, spüre Wind auf meiner Haut. Ich sehe die Sonne, nehme ihre Wärme auf oder stehe auf dem Deich im Wind und blicke auf das Meer. Hier draußen spricht niemand, hier kann ich mich erden, immer wieder neu. Die Graugans, die in Formation vorbeifliegt, hat keine Ahnung von der Lüge, sie ruft, um mit den anderen Gänsen zu sprechen. Aus dem „F“ wird hier das „V“.
Aber was tun die, die nicht hier zwischen den Bäumen, auf den Wiesen, am Wasser sein können? Sie werden meine Argumente nicht hören wollen. Und ich wäre einer von Vielen, der nur seine Meinung versucht zu verbreiten. Vielleicht bin ich ja verrückt und stehe am Rand der Realität. Gut möglich.
Ich sehe, ich höre und habe Angst, dass wir als Menschen den falschen Weg einschlagen.

Aber am Samstagnachmittag sitze ich mit meinem Nachbarn dann wieder auf der Holzbank zwischen unseren Häusern und wir reden darüber, wie es uns geht und wir regen uns über die auf, die in die Welt hineinschreien, um dann schnell thematisch zu unseren Fußballvereinen zu wechseln. Dann schauen wir uns an, sehen, dass wir faltiger werden, grinsen uns ins Gesicht, trinken unser Bier und gehen wieder in unsere Häuser zurück, nicht ohne uns gegenseitig ein schönes Wochenende zu wünschen. Und wir wissen, dass der andere es ehrlich meint, auch wenn er Fan vom konkurrierenden Verein ist.
Er ist echt, runzelig, faltig, mit öligen Händen von der Arbeit an seinem Trecker und mit Schweiß verklebten Haaren. Er riecht nach seinem Tagewerk, und mir ist es egal. Aber er lacht mich an und kann mich so sein lassen, wie ich bin: ein Bürohocker, der Buchstaben in die Tastatur hinein sortiert. Dafür kennen wir uns schon zu lange. Uns macht es nichts aus, dass wir verrückt sind. Beide.
Definiere verrückt!

Anregungsfragen:

  1. Wie verändert die permanente digitale Verfügbarkeit unser Verständnis von Wahrheit und Vertrauen?
  2. Wer trägt Verantwortung dafür, Wahrheit von Lüge unterscheidbar zu halten: Individuen, Medien, Institutionen oder Technik?
  3. Führt Informationsüberfluss zu mehr Mündigkeit – oder begünstigt er den Wunsch nach einfachen Antworten und Autoritäten?
  4. Welche Rolle spielen analoge Begegnungen und persönliche Beziehungen in einer zunehmend medial vermittelten Wirklichkeit?
  5. Ab wann wird Skepsis gegenüber Informationen gesund – und ab wann gefährlich für gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Soll der Text "Hallo, wer spricht denn da?" von Martin Kreuels Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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