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Tommy B. Brandl – 24 Jahre

Tommy B. Brandl (Jg. 1994) ist, Autor, Buchhändler und Marketingprofi aus Brühl (NRW). Der studierte Kommunikationswissenschaftler und psychologische Berater veröffentlichte 2024 sein Debüt »Runaways«, einen historischen Roman. Sein zweites Buch »Die Letzte Hoffnung«, ein Klima-Thriller, erscheint am 25.07.2026.

In seinen Texten beschäftigt Brandl sich mit Menschen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und ihrer Suche nach Halt und Orientierung in den unterschiedlichsten Epochen der Menschheitsgeschichte. 

Auf Instagram (@tommy_schreibt) teilt er regelmäßig Lyrik und Poesie mit einer aktiven Community von mehr als 4.400 Followern. Außerdem ist er der Initiator des »Selfpublisher Speeddatings«, einer deutschlandweiten Initiative, die unabhängige Autor:innen mit inhabergeführten Buchhandlungen vernetzt.


24 Jahre sind verdammt wenig Zeit.
24 Jahre sind verdammt bald.
24 Jahre sind 2,0 Grad.
Dann bin ich 55 und du so alt wie ich jetzt.
Ein Leben halb vorbei, eins halb verloren.

Dann können wir wieder Fotos nebeneinander legen,
Du heute – ich damals, und uns darüber freuen,
wie ähnlich wir uns sehen.
Das gleiche Babygesicht mit der viel zu großen Sonnenbrille.
Das gleiche Kindergesicht mit dem schiefen Pony und der Zahnlücke.
Das gleiche Männergesicht mit den müden Augen –
und auch in der nächsten Generation ohne Bartwuchs.
Dafür habe ich dir etwas anderes vererbt:
Einen Planeten,
deinen Planeten,
den wir zugrunde gerichtet haben.
Aber, hey, schau nicht mich so böse an!
Ich war das nicht.
Behaupte ich.

Was hätte ich denn auch getan haben sollen,
in 24 Jahren?
Während du hier liegst,
auf unserem Wohnzimmerboden,
wo deine Lego-Männchen mit Schmackes über das Laminat toben.
„Drachenjagd der Zombie-Ritter“, rufst du strahlend zu mir nach oben.
Was hätte ich bloß getan haben sollen?

Hätte ich dein Spiel unterbrechen sollen –
Während mich die Wogen der Ohnmacht
ohne Unterlass
in Sturmfluten überrollen –
und ich nur noch schreien will?
Schreien in die Welt,
gegen die Wand,
in mein Kissen,
in mich hinein.
Was hätte ich denn bloß getan haben sollen?
Du warst doch ein Kind.
Du solltest doch ein Kind gewesen sein dürfen.

Ich hätte mich freuen können sollen,
als du mir erklärtest, dass du später Archäologe werden willst.
Und doch war da nur der Gedanke:
Wenn du schon in verdorrter Erde buddeln willst; lern lieber, wie man einen Brunnen gräbt.
Damit du nicht sterben musst, mein Kind.
Wenn deine Welt vertrocknet, mein Kind.
Wenn deine Welt dich im Stich lässt, mein Kind.
Gelassen haben wird.
Weil sie wird.

Doch wer bringt dir das Brunnenbuddeln bei?
Ich?!
Ich hab‘ ja noch nicht einmal einen Spaten.
Wozu auch?
Im Umkreis von 25 Kilometern – alles versiegelt.
Asphalt und
Beton und
Hoffnung und
Zukunft –
außer unserem kleinen, überwucherten Garten,
in dem Unkraut austreibt,
in dem Liegestühle verschimmeln,
in dem Schaukeln verrosten.
Gesperrt nach DIN EN 1176/1177.
Abreißen zu teuer.
Neu kaufen auch.
Also schauen wir beim Zerfallen zu.
Oder weg.
Weil wegschauen in keiner Excel-Tabelle auftaucht.

Ich hoffe, in 24 Jahren reden wir noch.
Ich hoffe, in 24 Jahren leben wir noch.
Ich hoffe, in 24 Jahren ist das Land, in dem wir leben, noch dasselbe.

Wobei, nein, ich hoffe nicht!
Ich hoffe, in 24 Jahren haben wir eingesehen,
dass es nichts bringt,
weiter zu tanken,
wenn das Auto brennt.

Weißt du, was lustig ist?

In 24 Jahren verstehst du diesen Witz auch noch,
weil wir auch dann noch weiter Benzin verbrennen,
obwohl wir wissen, dass es uns umbringt.
Weil wir sie alle zum Teufel gejagt haben, die uns helfen wollten.
Weil wir sie ausgelacht haben.
Weil wir sie gehasst haben.
Weil wir sie bekämpft haben.
Die Dinkel-Dörten.
Und Öko-Spinner.
Und Greenpeace-Terroristen.
Und Heizungsgesetz-Faschisten.
Und Links-Grüne-Klima-Stasi.
All die Feinde unserer Wirtschaft.
Die Volksverräter.
Sperrt sie ein.
Bringt sie um!
DIE SCHWEINE!
Auf dass unser Land wieder fruchtbar wird,
während unsere Erde vertrocknet
und unsere Gesellschaft sich in Nächstenhass verliert.

Weil wir wütende, naive, belogene Kinder waren,
haben wir euch gezwungen,
hoffnungslose, alleingelassene, viel zu junge Erwachsene zu sein.
Und während die Erde verzweifelt nach der Hand eines echten Erwachsenen suchte –
mit Umsicht, Empathie und positiver Ambition,
haben wir ihr einen ölgetränkten Fehdehandschuh hingehalten.
Und mit der Anderen unseren wertlosen Profit gezählt;
Sicherheitspapier brennt in der gleichen Farbe wie Träume.

Ich hoffe, in 24 Jahren werden wir unseren Irrweg erkannt haben.
Ich hoffe, in 24 Jahren wird es ein Anlass zur Freude gewesen sein,
als du mir das Ultraschallbild gezeigt hast.
Aber weißt du, was gar nicht lustig ist?
Ich glaube nicht daran.
Nicht mehr.

Hey, schau mich nicht so an – ich wünschte, es wäre anders!
Aber kennst du dieses Gefühl, wenn du mit zwei Händen im Matsch wühlst
und versuchst einen Damm zu bauen,
während links und rechts achtzehn Schaufelbagger zerstören,
was du mit blutigen Fingernägeln erschaffen hast?
Auch du wirst es kennenlernen,
kennenlernen müssen,
dieses Gefühl,
wenn man nach der Schule, dem Studium, dem Job versucht,
einen See oder Fluss oder Strand oder Wald oder Park aufzuräumen,
während die laufenden Maßanzüge hauptberuflich alles dafür tun,
sie vollzumüllen.
Mit ihrem Abfall aus künstlich erzeugter Nachfrage
und Verachtung fürs Leben.
Hätte ich dich auf dieses Gefühl vorbereitet haben sollen?
Oder ist es grausam,
dir von der Grausamkeit der Welt zu erzählen,
mit der ihr deine guten Ideen
und Ideale
und rationalen Lösungen egal sind?
Du sollst doch ein Recht auf Naivität gehabt haben sollen.

Ich hoffe, in 24 Jahren habe ich dir beibringen können,
was du zum Überleben brauchst.
Auch wenn ich es in deinem Alter selbst nicht gebraucht
und erst recht nicht gewusst habe.
Wir lernen einfach gemeinsam, okay?
Bereiten uns vor
auf ein Leben, von dem ich nicht weiß, wie es sein wird.
Hart.
Entbehrlich.
Gezeichnet von Krisen.
Gespalten.
Polarisiert.
Ersetzt von KI.
Entmenschlicht.
Verzerrt.
Liebevoll.
Hoffnungsvoll.

Heimat.
In dir und uns.
Selbst wenn alles andere zerfällt.

24 Jahre sind verdammt wenig Zeit.
24 Jahre sind verdammt bald.
Und ich schreibe diesen Text, während du neben mir schläfst.
Weil ich es nicht kann.
Weil ich nicht dabei zusehen kann, wie sich dein Brustkorb friedlich hebt und senkt.
Weil ich nicht ertrage, dass du träumst, von einer Welt, die nicht mehr existiert.
Weil wir sie dir weggenommen haben.
Ich möchte schreien,
jede Nacht,
aber ich will dich nicht wecken.
Du hast doch ein Recht auf deine Träume.
Also schreie ich auf Papier.
In der Hoffnung, dass du in 24 Jahren eine Antwort findest auf die Frage:
„Papa, was hast du eigentlich gemacht, damit es nicht so schlimm wird?«„
Und ich hoffe, in 24 Jahren ist
Was ich konnte
Antwort genug.

Anregungsfragen:

  1. Welche Verantwortung tragen Eltern und heutige Erwachsene gegenüber Kindern für politische Entscheidungen – und wo beginnt strukturelles Versagen?
  2. Ist das Gefühl „Ich konnte nichts tun“ eine ehrliche Beschreibung oder eine bequeme Entlastung in einer komplexen Gesellschaft?
  3. Was sagt der Text über den gesellschaftlichen Umgang mit Klimaschutz aus – und warum wurden warnende Stimmen so massiv delegitimiert?
  4. Haben Kinder ein Recht darauf, nicht mit den Krisen der Welt konfrontiert zu werden – oder ist genau das Teil politischer Verantwortung?
  5. Ist Hoffnung notwendig, um zu handeln – oder kann auch Verzweiflung ein legitimer Ausgangspunkt politischen Engagements sein?

Soll der Text "24 Jahre" von Tommy B. Brandl Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.

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