Sieglinde Schwede – In the year

Sieglinde Schwede war Lehrerin und Schulleiterin. Veröffentlicht hat sie in der Zeit Texte aus dem pädagogischen Bereich. Seit ihrer Pensionierung beschäftigt sie sich aktiv mit Musik, Malerei, Bildhauerei und dem Schreiben von Geschichten. Etliche Texte wurden in Anthologien veröffentlicht, außerdem wurden von ihr vier Geschichtenbände und ein Roman verlegt.

„In the year twenty-five twenty-five, if man is still alive, if woman can survive, they may find …“

Kennen Sie diesen Hit aus den 60er-Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts?

Wir haben heute den 25. November 2525. Meine Redaktion schickte mich los, einen Kurzbericht über die Flora und Fauna in unserer Region zu schreiben und überlebende Menschen zu suchen. Sie weiß, dass ich noch viele alte Bildbände besitze, die die Artenvielfalt der Erde beschreiben. Ich hege und pflege diese Bücher. Ihre papiernen Seiten sind teilweise schon brüchig, ich lese sie mit Vorsicht und doch immer noch mit Vergnügen und Begeisterung.

Hier ist mein Bericht:

Städte und Dörfer sind verlassen, Ruinen ragen wie faule Zähne in den Himmel. Es gibt nur noch wenige Insekten, ein paar Schaben und Spinnen. Kleine Reptilien huschen über Steine und Mauern, Vögel zeigen sich gar nicht mehr am Himmel, und von den Säugetieren gibt es nur noch Ratten, Mäuse und ein paar Eichhörnchen. Die Erde, so wie man sie noch aus Büchern kennt, gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr.

Menschen traf ich zunächst nicht.

Was ist aus ihnen geworden? Was war damals nach dem Nuklearkrieg geschehen? Waren sie tatsächlich alle getötet worden? Menschen haben bisher alle Katastrophen überlebt! Sie haben es nach der Überflutung im 22. Jahrhundert geschafft, nachdem die Gletscher geschmolzen und die Meere um zwei Meter angestiegen waren. Sie haben es nach dem weltweiten konventionellen Krieg im 23. Jahrhundert geschafft, die Städte und ihre Wirtschaft wieder aufzubauen. Aber natürlich, ein Nuklearkrieg ist etwas anderes! Welche Chance habe ich, irgendwo Menschen anzutreffen?

Unsere Region besteht hauptsächlich aus urwald-ähnlicher Vegetation. Ganz klar gab es einen großen Gewinner nach der größten aller Katastrophen: die Pflanzen.

Zurückblickend muss man sagen, dass die Vegetation sich erstaunlich schnell erholt hat. Invasive Pflanzen breiteten sich schnell und in großen Zyklen aus – es gab keine Fressfeinde und keine heimischen Pflanzen, die es mit ihnen aufnehmen konnten. So entstanden Riesenbäume, Riesenranken, Riesenfarne – alles explodierte, einige mutierten. Pflanzen, die nicht an einen Ort gebunden waren, die keine Wurzeln, sondern Tentakel hatten, mit denen sie Wasser und Nährstoffe aufnahmen, entwickelten sich prächtig. Zunächst ließen sie sich vom Wind hin- und hertreiben, hakten irgendwo ein und verblieben eine Weile an dem Ort, meistens an Brachflächen, da, wo einmal Menschen gelebt hatten, wo sie ihre Gärten hatten. Schließlich umschlangen sie ganze Häuser, drangen in sie ein, zerbrachen Mauern, bis sich Sprosse wieder weitertreiben ließen.
Bald entwickelten sich bei den kleineren Spezies aus den Tentakeln Scheinfüßchen, mit denen sie sich zentimeterweise fortbewegen konnten. Es dauerte nur fünfzig Jahre, bis sie richtige Füße ausgebildet hatten. Die größeren Pflanzen zogen nach. Während sie anfangs nur die feuchten Gebiete besiedelten, schafften sie es durch Anpassung und Mutation, auch in wärmeren Regionen zu überleben. Als Flachwurzler bildeten die Koniferen auch bald Füße aus. Einzig die Laubbäume blieben an ihrem Standort.

Auf der Suche nach Menschen musste ich mich mit den Wanderpflanzen anfreunden. Sie kannten die Gegend am besten. Ich verstand ihre Sprache ziemlich schnell, obwohl sie einen harten Dialekt sprachen. Eine Mutterpflanze führte mich eines Tages zu einer Höhle, in der eine kleine Gruppe von Menschen – vielleicht dreißig Erwachsene und zehn Kinder – hauste. Sie wurden von einigen Mutterpflanzen versorgt, denn sie durften die Höhle wegen der radioaktiven Strahlung nicht verlassen. Sie lebten dort sehr bescheiden, aber es hatte den Anschein, dass sie sich in ihr Schicksal ergeben hatten. Die Behausung wirkte gemütlich. Sie hatten mit verkohlten Holzstücken Bilder an ihre Höhlenwände gemalt – Tiere, die sie noch in ihrer Erinnerung hatten oder von denen die Großeltern erzählt hatten. Aus Pflanzenfasern hatten sie Matten gewebt, auf denen sie schliefen, und eine Feuerstelle wurde immer bewacht, damit sie es einigermaßen warm hatten.

Die Mutterpflanzen versorgten die Sippe mit Wurzeln und Früchten, mit Blättern und Blüten, die sie teilweise roh aßen oder kochten. Als ich das erste Mal mit in die Höhle kam, begrüßten mich die Menschenkinder besonders freundlich, erinnerten sie sich doch noch an ihre Weihnachtsbräuche. Sie wollten mich gerne in ihrer Behausung behalten und überlegten, wie sie mich wohl schmücken könnten. Ich ließ mir den wunderschönen Brauch erzählen und werde in einer der nächsten Ausgaben ausführlich davon berichten.

Soweit mein Bericht.

Gern wäre ich heute ein bisschen länger bei ihnen geblieben, es sah alles so friedlich und gemütlich bei ihnen aus, die Alten erzählten Geschichten, denen ich gerne länger gelauscht hätte. Doch ich musste zurück in die Redaktion und meinen Text abliefern, und so ein Weg von zehn Kilometern ist für eine Tanne doch recht beschwerlich.

Anregungsfragen:

  1. Was verändert sich in politischen Entscheidungen, wenn nicht der Mensch, sondern das Ökosystem im Zentrum steht?
  2. Warum erscheinen Nuklearkrieg und ökologische Verwüstung im Text fast selbstverständlich – und wie nahe sind wir dieser Haltung bereits?
  3. Müssen wir die Sichtweise im Überlebenskampf ändern? Was macht das mit uns, wenn wir zu Verlierern werden?
  4. Welche Rolle spielen Rituale, Geschichten und Bräuche für das Überleben von Menschlichkeit – selbst unter unmenschlichen Bedingungen?
  5. Wie viel Zukunftszerstörung darf eine Generation in Kauf nehmen, ohne ihr Existenzrecht zu verspielen?

Soll der Text "In the year" von Sieglinde Schwede Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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