
Philipp Nowotny, geboren 1989, ist Journalist und Autor. Er studierte in Dresden und München Geschichte, Philosophie, Soziologie und Journalismus, wurde an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet und arbeitete für diverse Zeitungen und Magazine. Seine literarischen Texte erscheinen in Anthologien und Zeitschriften.
I.
Ich sage, ich habe nie einen Roboter bestellt. Mein Roboter sagt, ich solle die Augen schließen. Er kümmere sich um alles. Ob ich bestimmte Wünsche habe? Nein, ich habe keine bestimmten Wünsche. Der Roboter streichelt meinen Kopf. Er werde mir immer helfen.
Ich weiß nicht, seit wann mein Roboter da ist. Ich bitte ihn täglich zu gehen. Ich habe mir einen Timer gestellt, damit ich es nicht vergesse. Der Roboter hilft mir, er ist der Timer. Er erinnert mich täglich daran, ihn zu bitten zu gehen. Er selbst findet daran nichts komisch, auch ich habe mich daran gewöhnt. Es ist unser Ritual: Morgens nach dem ersten Espresso, und abends, wenn ich aufgegessen habe, bitte ich meinen Roboter zu gehen. Und er sagt dann, das gehe doch nicht. Dann räumt er ab.
Es ist merkwürdig, man kann sich an alles gewöhnen. Es ist nicht so, dass der Roboter nicht aufdringlich ist. Er ist sehr aufdringlich, er sagt mir oft, dass ich hier einen Fehler gemacht hätte, und dort, das könntest du doch besser machen. Aber ich bin höflich, ich danke dann für das Feedback, und leider hat er auch meist recht. Ich mache es natürlich oft trotzdem bewusst ganz anders. Dann sagt er, er müsse mich bestrafen. Dann lache ich. Beim nächsten Mal mache ich es oft so, wie er es sagt.
Der Roboter gibt mir regelmäßig zu essen, er kocht sehr gut. Warum hatte ich nicht früher einen Roboter? Er empfiehlt Filme, die ich lieben werde, und ich liebe sie wirklich. Abends liest er mir vor, ich wähle dazu die Stimme meines Vaters. Der Roboter macht sogar ähnliche Witze wie mein Vater, dann deckt er mich zu. Morgens steht immer ein Espresso neben dem Bett, frisch gebrüht. Mein Roboter arbeitet präzise. Nachmittags kommen die anderen Roboter, die dürfen dann auch mit mir spielen.
Der Roboter putzt nun meine Wohnung, so sauber war sie nie, er putzt das Bad, wirklich ein unangenehmer Job, er putzt den Boden, saugt und wischt, er putzt die Fenster, reibt sie mit altem Zeitungspapier ab, er bringt den Müll runter, er sagt, ich solle die Zeitung abbestellen, ich lese sie ja doch nicht, das koste nur, aber ich kann doch die Zeitung nicht abbestellen, ich sei gebildet und will gebildet bleiben, sage ich. Der Roboter sagt, nun sei er doch da, seine Bildung reiche für uns beide.
Ich möchte ein paar Kräuter haben, sage ich dem Roboter. Minze und Zitronenmelisse, die gibst du ins Wasser, natürlich Salbei für Pasta, und noch mehr Mediterranes: Oregano, Thymian und Rosmarin, und immer gut sind Basilikum und Petersilie, aber mein Geheimtipp: Liebstöckel. Ach so, unbedingt Rukola und Kapuzinerkresse, mag ich, und Schnittlauch! Mein Roboter sagt, er werde später einkaufen gehen. Ich frage, ob ich die Kräuter dann selbst einpflanzen darf. Er nickt großzügig, und ich freu mich.
Ich würde mich gerne wieder einmal auf mein Sofa setzen und nichts tun, sage ich meinem Roboter, ein Buch lesen, vielleicht ein paar Notizen machen – oder wirklich nur nachdenken, einfach in endlosen Schleifen grübeln. Der Roboter sagt, das sei doch nicht nötig. Das dürfe er mir nicht erlauben. Ich wisse doch, er könne mir vorlesen, er könne auch meine Texte schreiben, und sehr gerne könne er für mich in endlosen Schleifen grübeln, er könne das viel schneller. Mein Roboter hat natürlich recht.
II.
Mein Roboter trinkt für mich. Noch ein Bier, rufe ich. Der Barmann schiebt es mir rüber, aber mein Roboter ist wieder schneller. Der Barmann sagt, mein Roboter habe genug, schiebt mir noch eins hin, ich will danach greifen, aber da sind schon andere Finger. Lange, eklige Finger greifen mein Bier. „He“, will ich sagen, schaue verschwommen. Der König. Da trinkt der König von meinem Bier. Nasse Lippen hat der Herr König, eklige nasse Lippen, die wischt er sich mit seinen ekligen, langen Fingern ab.
Dann klopft er mir damit auf den Schenkel, der eklige König. „Pfui“, will ich sagen, „Du alter Ekel“, dann pass ich nicht auf, dann sag ich es. Sehe ja nur noch verschwommen. Da sehe ich, er weint, der alte König, nasse Augen. Da fällt der Ekel von ihm ab, kann ihn sehen – als Mensch ohne Krone. Entschuldigen Sie, Herr König, sage ich. Da lese ich in seinem Gesicht. Lese Worte, sehe ein Schild: Zugang verboten, Lebensgefahr. Im Wald, da rollen die Büchsen. Da sitzt ein trauriger Vogel und singt.
Der König weint, aus alten Augen. Ich lese in ihnen: Da ist ein Zaun, nichts darf raus aus dem Wald. Da ist ein Gatter. Mach nicht auf, sagen die Augen. Da sehe ich sie rennen. Schiffe sind überm Wald und Glitzer. Feuer und Blut. Dazwischen Märchengestalten. Es glitzert, es donnert, da bersten die Stämme, in toten Dörfern warten sie in Kellern. Das Feuer brennt in des Königs Gesicht. Ich lese von Jägern, sie ziehen vorbei, singen ein fröhliches Lied. Hinter ihnen wird das Gatter geschlossen.
Der Barmann reicht Taschentücher, da nickt der König, wischt sich die Augen. Danke, mein Freund. Eine Flut werde kommen, sagt der König. Regen komme, alles Regen, Flüsse werden übertreten, die Meere von den Küsten fressen, und leben werde, wer sei auf den Schiffen. Das brabbelt der Alte vor sich her. Noch eins, rufe ich, und er spricht: Wälder brennen, Dörfer brennen, die Büchsen werden rollen in der Stadt. Holt ein den Weizen, die fetten Jahre sind vorbei, die Engel sind längst schon gekommen.
Andere stellen sich um den König und mich. Eine sagt, der habe genug gehabt, jemand soll die Frau Königin rufen. Ein anderer sagt, er habe Angst, und ich bestell dem König noch ein Bier. Trinkt, tanzt, sagt der König, er prostet mir zu. Da knallt die Tür, da tritt ein Jemand ein mit kalter Luft, und setzt sich zum König. Jemand dreht sich nun zu mir. Wir fallen eiligst auf unsere Knie. „Oh, Königin“, sagen wir. „Erhebt euch, trinkt weiter!“, sagt die Königin. Wir erheben uns und trinken weiter.
Die Königin nimmt das Glas, das vor dem König steht, trinkt es aus, in zwei schnellen Zügen. Dann hilft sie ihm auf. Wir treten zur Seite, sie gehen zur Tür. Sie winkt, da tritt ihr Roboter an mich heran, reicht mir eine Krone. Umarmt meinen Roboter. Dann gehen sie.
III.
Ich bin ein König. Ich trage eine Krone, die ist schwer, die ist mir zu groß, die hat jemand größeres getragen, sie ist so schwer, dass ich nur sitzen kann, den ganzen Tag auf meinem Thron. Ich trage kostbare Gewänder, die sind weich, fühlen sich gut an. Ich stecke meine Hände tief unter die kostbaren Gewänder, da ist es warm, und ich höre kaum zu, was sie mir erzählen, ich nicke ab und zu, der Roboter schiebt mir ein Schriftstück zu, dann drücke ich mein Siegel drauf, das Wachs ist warm.
Ich bin ein König, sie müssen mir zuhören. Wenn ich was sage, schauen sie freundlich, dann sagt jemand, sie werden es bedenken, und der Roboter streichelt meine Schulter. Dann drehen sie sich wieder weg und sprechen untereinander, und wenn ich dann noch was sage, drehen sie sich wieder überrascht zu mir, aber ja, mein König, das ist wohl gesprochen, und dann schiebt mir der Roboter das nächste Schriftstück zu. Die jungen Burschen und Mädchen, da hinten, sie lachen, ich sehe es doch.
Ich bin ein König mit einer zu großen Krone. Den ganzen Tag sitze ich auf meinem Thron, und der Saal hat keine Fenster. Ich lasse an die Wände Geschichten malen, von Helden und Hexen, von großen Drachen, die wohnen in den Bergen, manchmal kommen sie zu uns, daran kann sich nur keiner erinnern. Die Maler zeichnen kleine Details, ein Vogel, der klagt ein trauriges Lied, so erklärt es mir einer der Maler, denn Raben sind schlaue Vögel, die wissen, was passieren wird, das wissen die Vögel.
Ich bin ein König. Ich höre Metall, ein Rasseln und Klappern, ein Rufen, ein Schreien. Ich sitze auf meinem Thron, die Großen sind nicht bei mir, meine Wache ist nicht bei mir, nur mein Roboter, der sagt, ich solle mich beruhigen, alles sei bedacht worden, mir könne nichts passieren. Aber mein Reich, sage ich, meine Welt, sage ich, und mein Roboter sagt, ein König könne sich nicht um alles selbst kümmern, dafür habe er doch die Großen, dafür habe er seinen Roboter. Im Saal weinen die Kinder.
„Ich bin ein König“, sage ich mir, da versuchen sie schon, die Tür aufzubrechen. Ich will aufstehen, mit sanfter Stimme sprechen, die Kinder beruhigen, kommt unter meinen Schirm, setzt euch zu meinen Füßen, ich halte meine Hände über euch, mein Roboter wird Limonade bringen, wollt ihr Eiswürfel dazu? Die Krone ist zu schwer, ich bleibe sitzen auf meinem Thron, spreche nicht zu den Kindern, das macht der Roboter, erzählt ihnen ein Märchen von Helden und Hexen und von großen Drachen.
Da brechen sie die Tür auf, sie kommen hinein, kein Rasseln und Klappern, kein Rufen, kein Schreien, meine Großen sind nicht mehr, denke ich, mein Reich und meine Welt, sie kommen und betrachten die Fresken an den Wänden, die Helden und Hexen und großen Drachen, sie zeigen sich gegenseitig die Details, da lachen einige, sie verstecken es nicht, sie sehen die Kinder und lachen, dann sehen sie mich, ich sitze auf dem Thron, meine Krone, die ist schwer, die ist mir zu groß. Sie lachen und lachen.
Ich sei ein König, höre ich meinen Roboter sagen, dann sagt er etwas in einer anderen Sprache, sie kommen näher, ich stecke die Hände tief in meine kostbaren Gewänder, ziehe sie hoch, verstecke meinen Kopf tief in meinen kostbaren Gewändern, das Lachen wird dumpf, das Schreien der Kinder wird dumpf, da schwebe ich, glaube ich, sehe nichts mehr, höre nichts mehr, denke nichts mehr, bis der Roboter mich schüttelt. Eine Wiese, Bäume, da oben ein Berg. Ich atme – und trage keine Krone.
Anregungsfragen:
- Ab wann wird Hilfe zur Herrschaft – und woran erkennt man den Kipppunkt zwischen Unterstützung und Entmündigung?
- Welche Verantwortung tragen Menschen selbst, wenn sie Entscheidungen dauerhaft an Systeme, Institutionen oder Technologien abgeben?
- Ist das Scheitern politischer Systeme heute eher ein lauter Zusammenbruch – oder ein leiser Verlust von Handlungsmacht?
- Inwiefern spiegelt der „König mit der zu schweren Krone“ moderne politische Führung wider, die formal mächtig, praktisch aber abhängig ist?
- Welche Rolle spielen Bequemlichkeit und Angst dabei, dass Kontrolle akzeptiert oder sogar gewünscht wird?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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