
Kolja Krummel und wurde 2008 in Tübingen geboren. Seitdem hat er überall in Deutschland sowie in Australien, Japan und Kanada gelebt. Die unterschiedlichen Kulturen haben seinen Schreibstil wie auch seine politische Einstellung geprägt. Zudem ist er mit drei Geschwistern aufgewachsen. Das, zusammen mit den vielen Menschen, die er ständig neu kennenlernen musste, hat zu seiner Faszination für die Psyche anderer beigetragen.
Immerzu fragt er sich „warum?“ bei den Taten anderer, und kann es einfach nicht ruhen lassen, bis er eine Antwort findet.
Es war Montagmorgen auf einer Parkwiese, wo eine zarte Stimme mir durchs Telefon mitteilte, ich solle ins Krankenhaus.
„Ihre Mutter hatte einen Schlaganfall“, sagte sie. Sie hatte sich keine Mühe gemacht, die Nachricht zu verschönern, sodass ich vollkommen überrumpelt auf der Wiese anhielt.
Erstarrt hielt ich das Telefon an mein Ohr, mit weit aufgerissenen Augen. Ich konnte keine Antwort formulieren. Ungeplante, stockende Atemzüge waren das einzige, was meinen Mund verließ.
„Hallo? Sie sind doch Janis Streber, richtig?“, fragte die Krankenschwester durch meinen Hörer. Ein Hauch des Reizes, den sie mit ihrer Zierlichkeit zu vermummen versuchte, drang noch aus ihrer Stimme hervor.
„Ihre Mutter hat Sie als Notfallkontakt angegeben –“
„Ja, ich weiß“, unterbrach ich sie, endlich aus meiner Starre befreit. Ich umklammerte Hannos Leine, sodass sich meine Nägel beinahe zum Bluten in meine Handballen einbohrten.
„Sie hatte einen Schlagan…“
„Ja, ich weiß“. Meine Stimme war lauter geworden, und genauso fühlte ich auch, wie ihr Reiz aufzuwallen drohte.
„Tut mir leid … Ich komme, so schnell ich kann.“
Ich legte auf und schaute über die Bäume hinweg in den Himmel. Die Luft war kalt. Bei jedem Atemzug war es mir, als zögen Tausende Scherben durch meine Lungen und rissen durch jedes Vesikel. Mein Telefon rutschte mir aus meinen zu Eis gefrorenen Händen und fiel ins Gras, gefolgt vom Rest meines Körpers.
Oben lag der immer noch blass indigoblaue Morgenhimmel, und ich spürte, wie Hanno sich mit seinem warmen Labradorfell an meine Seite schmiegte. Darauf näherte er sich mit seinem Kopf meinem Gesicht, kitzelte mich mit seiner nassen Zunge, und zum Lachen gebracht umarmte ich den unangebracht verspielten Hund.
Ihm war so oder so nach Umkehren. Er machte schon seit langem keine längeren Strecken mehr mit.
Sibylle schaute aus dem Krankenbett trotzig aus dem Fenster. Der Trotz war niemandem Bestimmten gedacht, nur dem Leben selbst. Ihr Blick traf auf roten Klinker, und ihre Hand zappelte mit leichten Schlägen auf ihre Bettlaken. Es war jedoch nur die rechte Hand, die zappelte, die linke lag gelähmt an ihrer Seite.
Ich seufzte und fragte erneut:
„Wieso willst du mir nicht erzählen, wo du warst?“
„Hab ich doch“, erwiderte sie, ihr Kopf nun mir zugeneigt. Ihre Augen hingen in langen Falten herab, doch waren sie immer noch gefüllt mit so viel Leben wie vor 50 Jahren. Wie aus den Jugendbildern, die mein Vater mir immer von ihr gezeigt hatte.
„Ich hab mit Friederike telefoniert“, fuhr sie fort, „Mein Handy fiel mir aus der Hand … und als ich Friederike dann keine Antworten mehr gab, hat sie den Notarzt gerufen.“
Ich erkannte, dass sie log. Nicht daran, wie ihre Hände zappelten — diese hatte sie ihr ganzes Leben nie stillgehalten —, sondern an den Zügen ihrer Mundwinkel. Man sah ihr immer etwas Trauer an, wenn sie sich zum Lügen verpflichtet fühlte.
„Friederike war auf einem Flug nach Mallorca“, widersprach ich ihrer Geschichte.
„Woher weißt du das?“, fragte sie mit Schuld gefülltem Ausdruck.
Ich zog mein Handy aus der Tasche und schüttelte es.
„Ich hab auch eins der Dinger“, erklärte ich, „Ich hab sie angerufen, um ihr zu sagen, dass ihre Schwester einen Schlaganfall hatte. Was sie ohne mich wahrscheinlich nie erfahren hätte!“
Sie schaute wieder aus dem Fenster, als sähe sie durch die Ziegelhäuser hindurch die weiten Wiesen und Wälder – die sicherlich dahinter lagen. Nach langer Stille antwortete sie endlich:
„Ich hab auf meinen Bus gewartet.“
„Welcher Bus?“
„Zur Arbeit.“
Ich erschrak, dass der Schreck sich schnell zu Ekel gegenüber diesen Wortes umwandelte, und fragte leise:
„Warum denn zur Arbeit, Mama? Was ist denn mit der Rente?“
„Für die Hütte? Ohne deinen Vater?“, spottete sie und fiel in verkrampftes Gelächter, wie sie es schon getan hatte, wenn sie mir als Kind etwas hatte ausschlagen müssen.
„Hättest du was gesagt, ich hätte –“
Sie unterbrach mich, durch das Halten ihrer Hand vor meinen Mund.
„Ich weiß doch, dass du genauso wenig Geld dafür hast wie ich.“
„Und Friederike –“
„Die soll das gar nicht erst erfahren.“ Sie schaute nach vorne – wieder in diese weite, durch die Wände des Krankenhauses unsichtbare Ferne.
„Die wird mir das nur unter die Nase reiben. Und dazu brauch ich die Hilfe ja nicht“, sie schmunzelte mich gutmütig an und doch spürte ich ein dumpfes Weinen in ihrem Inneren.
Eine Krankenschwester klopfte an die Tür und trat gleich darauf in das Zimmer ein. Sie hetzte zu meiner Mutter, legte zwei Scheiben Graubrot mit Käse auf ihren Tisch und hetzte wieder aus dem Zimmer hinaus.
Sybille schaute auf das Brot und rief der Schwester hinterher:
„Agnes!“
Sie war schon weiter durch den Flur gelaufen und man hörte den Reiz in ihren Schritten, als sie sich wieder zu Sybilles Raum zurückdrehte.
Sie lehnte sich durch einen Spalt in der Tür, worauf Sybille mit ihrem Kopf und gutmütigen Blick auf das Brot zeigte:
„Du weißt, Glutenintoleranz“, erklärte sie.
Agnes hielt die Hand vor den Mund und rief auf:
„Ach du scheiße! Tut mir furchtbar leid, Sybille, Ich hatt‘ das nicht auf den Schirm.“
Sie hetzte wieder schnell in das Zimmer und ging mit dem Brot in der Hand wieder hinaus.
Ich starrte auf sie mit Wut und Empörung, doch hielt mich Mutter mit ernstem und zügelndem Blick davon ab, ihr nach zu pöbeln.
„Ich bring dir schnell etwas anderes“, rief sie aus dem Flur.
„Was war das denn!?“, forderte ich, „Vor einem Monat warst du noch Stunden lang mit der Stadtverwaltung am Telefon, hast gezornt und getobt, weil der Müll zu spät abgeholt wurde und jetzt lässt du dir das gefallen?“
Ich schaute sie fragend an, verzweifelt damit, wie ich sie in dem Krankenbett wiederfand. Sie schwieg, schaute mich an und drehte ihren Kopf zur Decke. Ich war in meinem Klappstuhl nach hinten gefallen, bevor sie schließlich anfing:
„Genau die Schwester hatte mich das letzte Mal hier behandelt.“
Ich zuckte auf. Bis auf den jetzigen hatte ich von keinen ihrer Krankenhausbesuche gewusst. Mein Unwissen schmerzte mich, doch erschloss sich mir auch nicht, was ich getan hätte, wäre ich mir dessen schon vorher bewusst gewesen.
„Sie ist einfach ein Herz. Sie hatte mir von ihren Geschwistern erzählt. Drei kleine Jungs. Alle mindestens fünf Jahre jünger als sie. Immer nur erzählte sie, wie nervig sie sind, dass sie ihnen immer bei jeder Kleinigkeit helfen musste, und wie oft sie zu Hause sitzen musste, um ihre vielen Krankheiten zu lindern. Doch als sie die Kleinen nach ihrem Fachabitur endlich los war, hat sie direkt ihre Ausbildung angefangen, wo sie doch hier genauso mit Kleinigkeiten genervt wird“, sie lachte auf, „Nur dass die Empfänger keine putzigen Knilche, sondern nur alte Knacker sind.“
Sie zeigte mit ihrem rechten Daumen auf sich selbst und lächelte mich an. Ich schmunzelte, wobei mir der Gedanke ihres immer weiter voranschreitenden Alters heute mehr beängstigend war als komisch.
„Jedenfalls…“, fuhr sie fort, „…hat sie mir erzählt, wie hoch die Auslastung hier ist. Kaum noch Betten sind frei. Und sie, wie beinahe jeder ihrer Kollegen, arbeiten beinahe jeden Tag Überstunden.“ Sie schaute mich nochmals an, ihr Blick noch immer lebendig, ihr Gesicht jedoch immer träger. „Es ist eine Scheibe Brot, lass es gut sein.“
Ich schloss die Tür zu meiner Wohnung auf, noch immer benommen vom Besuch meiner Mutter. Mein Chef hatte mir glücklicherweise erlaubt, einen meiner Urlaubstage kurzfristig auf heute zu verschieben, wodurch ich noch einen ganzen Tag vor mir liegen hatte. Ich freute mich, den Platz zu haben, meine Gedanken zu ordnen, welche mehr einem Kabelsalat glichen als dem fein gestrickten Netz, das einem Gehirn eigentlich zusteht.
Hanno hatte sich schon hinter der Tür positioniert und kläffte mit wedelndem Schwanz, als ich eintrat.
„Hallo, Süßer. Ja, da bin ich wieder.“
Ich hing meine Jacke auf und zog meine Schuhe aus, ging zur Küche – wobei Hanno mir folgte.
„Was wollen wir denn Gutes essen?“
Ich blickte zuerst in den hoch angesiedelten Wandschrank neben dem Kühlschrank. Ich hatte Hanno noch kein Frühstück gegeben, um stattdessen schnell ins Krankenhaus zu eilen.
Ein fröhlich schauender Hund hechelte auf der Hundefuttertüte. Ich nahm die Tüte aus dem Schrank und schaute zu Hannos erwartungsvollen Augen nieder. Mit dem Maskottchenhund als Vergleich fiel mir Hannos abgemagerte Form wieder mehr auf, auch durch das dicke Fell hindurch.
Ich füllte den Napf an der Seite des Kühlschranks auf und setzte mich an den Esszimmertisch, dass ich Hanno nicht mehr sehen konnte.
Das Futter war nicht das, was der Tierarzt mir vor zig Monaten empfohlen hatte. Hypoallergen sollte es eigentlich sein, doch, solange mein Vermieter mir dafür keinen Rabatt auf die Miete gab, musste ich das gleiche Futter wie vor der Diagnose kaufen.
Ich lauschte Hannos Schmatzen und Keuchen und dachte mir, die Ohren zu zuhalten, doch wollte ich der Wahrheit nicht so weit entgehen.
Als ich hörte wie er zu schmatzen aufhörte, schaute ich zu ihm herüber. Voll und glücklich erschien er mir und mein Herz schien wieder leichter. Bis ich doch ein letztes Würgen hörte und ich die Pellets noch braun auf dem Boden verstreut sah.
Ich ging in schnellem Tempo durch die Fußgängerzone, ließ die maroden Ziegel- und Fachwerkhäuser der Altstadt an mir vorbeiziehen. Heraus stachen nur die wenigen herausgeputzten Gebäude, deren touristische Kundschaft sich unter dem grauen Vormittagshimmel wohl nicht hinaus getraut hatte.
Ich wurde angehalten. Hanno zog mit stärkster Kraft an seiner Leine.
„Komm! Wir müssen wirklich weiter“, mahnte ich ihn, als er begann, unter dem Rock einer älteren Dame zu schnüffeln. Ein Geschwür aus Angst schien sich in meinem Magen zu bilden, als ich seinen Schwanz aus dem Rock der Dame hinauswedeln sah.
Es schmerzte mir.
Die Dame stand mit parteieigenem Shirt an einem der vielzähligen Parteistände, die entlang der Fußgängerzone verstreut lagen. Die Dame kicherte und bemerkte:
„Sie haben wirklich einen süßen Hund.“ Sie entnahm aus einem der Stapel des Standes einen Flyer und hielt ihn mir entgegen. „Ich nehme an, Sie interessieren sich auch für das Wohlbefinden aller Art Tiere –“
„Tut mir leid, wir müssen wirklich weiter jetzt“, fiel ich ihr ins Wort und zog noch einmal an Hannos Leine, der schließlich doch aus den Stoffen der Dame hervorkroch, um mir zu folgen.
Sie waren vielzähliger als die Fliegen eines Kadavers, und genau wie diese brummten sie auch, sodass mir zum Ohrabschneiden war. Während jeder Blick auf Hanno und seine glasigen Knopfaugen mein Magengeschwür weiter festigte, stich das parteiische Dröhnen wie Tausende Nadelstiche auf es ein.
Sie alle wussten ihre Worte zu verkleiden, mit Versprechen, Vorwürfen, Verherrlichung vergangener Zeiten und so vielen weiteren Halbwahrheiten, die ihre Sprache beinahe vollständig ausmachten, sodass der Kern meistens verloren blieb.
Ich wusste nicht, ob der langsam in mir köchelnde Hass mich blendete oder erhellte, doch schien es mir, als hörte ich endlich durch diese Trügerei hindurch. Wenn ich nur genug zuhörte, hörte ich, wie Rasierklingen an meinen Ohren schneiden:
Du weißt nicht, was du brauchst, nur wir wissen es!
So schien es im Chor durch die gesamte Altstadt zu schallen.
Es brauchte bloß einen Funken, um den nun in mir aufbrodelnden Hass zu entfachen, und diesen Funken würde ich bekommen.
„Sind Sie an Klimaschutz interessiert?“, kam es von meiner Rechten. Ich ignorierte die Frage und fokussierte mich mit meinem ganzen Sein auf das ferne Ende der Fußgängerstraße.
Er wandte sich mir ab und sprach mit seinem Kollegen:
„Dieses Desinteresse an Politik, das ist es, was unserem Land schadet, ich sag es dir.“
Ich hielt an, so abrupt, dass Hanno in meine Hacke stieß. Meine Füße bewegten mich, wie von selbst, an das Podest der beiden Parteischafe. Ich schlug mit beiden Händen auf den Stand. Hanno erschrak und zog seine Ohren ein.
„Könnten Sie das noch einmal wiederholen?“, fragte ich – zähneknirschend und meine Wut wie kochendes Wasser brodelnd.
Der Mann hatte die Glut aus meiner Stimme anscheinend nicht bemerkt und antwortete mit leicht genervtem Ton:
„Der Politikverdruss! Wären Leute endlich wieder interessiert an Politik, könnten wir Parteien auch endlich wieder Politik für sie machen.“
Dreiste Lügen waren alles, was ich hörte – auch wenn er sie mit voller Wahrhaftigkeit gemeint hatte.
„Ich hatte Sie also doch richtig verstanden!“
Meine Worte schienen aus mir hinausgedrückt, als presse mir jemand gegen die Lungen und krümmte meine Stimmbänder gegen meinen Willen.
Ich wurde lauter:
„Es ist also die Schuld der Bürger, dass ihr keine vernünftige Politik macht. Wenn wir nur Interesse zeigten, dann wüsstet ihr auch, was ihr tun müsst. Ist es so?“
Ich lehnte mich über das Podest näher und näher an das Gesicht des Mannes.
„Dann lass mich Interesse zeigen!
Ganz im Klartext sage ich euch, was mich zu einem Wähler umstimmen würde: Wie wär’s, wenn ihr diese Stadt saniert? Nein? – Okay, dann vielleicht zumindest diese Fußgängerzone? – Auch nicht? Könnt ihr dann dafür sorgen, dass eine alte Dame nach einem Schlaganfall im Krankenhaus ordentliches Essen bekommt oder dass sie, nachdem sie entlassen wird, nicht wieder anfangen muss zu arbeiten, obwohl sie Mitte sechzig ist? – Könnt ihr zumindest dafür sorgen, dass ich nicht in Angst leben muss, meinen Hund abgeben oder sogar einschläfern zu müssen, weil ich mir seine Behandlung sonst einfach verdammt-noch-mal nicht leisten kann? Nein?“
Tränen hatten sich in meinen Augen angestaut, und ich merkte, wie das Dröhnen in meinem Kopf sich langsam zu lichten begann. Ich schaute mich um, ein paar wenige Passanten waren angehalten, um meine Tirade zu beobachten, und ich sah den Parteiwerbern an, wie in ihnen Nervosität aufstieg. Ich atmete tief ein, wischte meine Tränen weg, und bevor einer der Parteiwerber noch etwas sagen konnte, fuhr ich mit dumpfem und ernstem Ton fort:
„Erst wenn ihr realisiert, dass wir die Politik sind und nicht ihr, dann kann man euch wählen.“
Mit meinen von Tränen geröteten Augen drehte ich mich zu Hanno, der erwartungsvoll zu mir hochblickte.
„Komm, Hanno! Wir gehen weiter.“
Hanno folgte, mit fröhlich wedelndem Schwanz.
Anregungsfragen:
- Ab welchem Punkt wird individuelle Verantwortung zur strukturellen Überforderung?
- Warum erreichen politische Angebote oft gerade diejenigen nicht, die am stärksten betroffen sind?
- Wie beeinflussen Pflege, Krankheit und finanzielle Unsicherheit politische Teilhabe?
- Ist Politikverdrossenheit Ursache oder Folge politischer Praxis?
- Was bedeutet der Satz „Wir sind die Politik“ jenseits von Wahlbeteiligung konkret?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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