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Maximilian Muck – Rondellplatz

Maximilian Muck wurde 2002 in Karlsruhe geboren.
In den Jahren 2015/16 nahm er an der Kulturakademie der Baden-Württemberg-Stiftung teil, wo er unter anderem von Silke Scheuermann und Matthias Göritz gefördert wurde.
2021 legte er sein Abitur ab. Seit dem Wintersemester 2021/22 studiert er Deutsch, Geschichte und Politikwissenschaft in Freiburg.


Der Sand auf dem Schlossplatz knirschte unter den Reifen meines Fahrrads. Die Sonne stand hoch oben am blauen, wolkenlosen Himmel und brannte auf die Stadt. Das Schloss sog die Strahlen in seine hellgelbe Fassade und reflektierte das Licht. Ich fühlte mich geblendet von dem einige hundert Meter entfernten Gebäude, an dem ich vorbeiradelte.
Ich umrundete das Denkmal des Großherzogs und bog in eine der Seitenstraßen, die in die Innenstadt führten. Aus dem Augenwinkel sah ich das Bundesverfassungsgericht, das linkerhand des Schlosses hinter dichtbelaubten Bäumen in seiner schlichten, grauen Ästhetik hervorlugte. Seit meiner Kindheit gehörte dieser Ort zu meinem Alltag. Ich hatte nicht über seine Bedeutung nachgedacht, wenn ich Tag ein, Tag aus auf dem Weg zur Schule an ihm vorbeikam. Im Gegenteil – ich hatte mich gelangweilt, jeden Tag das Bundesverfassungsgericht zu sehen. Ich empfand es als hässlich und sagte einmal zu meinen Eltern, wie furchtbar es war, dass man diesen Betonklotz an den einzigen Ort gesetzt hatte, an dem ich die Stadt im Umfeld des barocken, dreiflügeligen Schlosses mit dem bunten Park zumindest ein bisschen schön fand.

Ich hatte ursprünglich nicht gedacht, dass ich in meine Heimatstadt zurückkehren würde. Ich wäre auch nicht auf die Idee gekommen, dass irgendjemand anderes aus meiner Schulzeit noch oder wieder in der Gegend sein könnte. Zum Studieren war ich weggezogen. Es war Zufall gewesen, dass es mich nach meinen beruflichen Anfängen als Lehrer im Norden des Landes zurück in den Süden verschlagen hatte. Völlig unerwartet traf ich eines Tages beim Einkaufen Andreas. Er war es, der mich zuerst erkannte und mich ansprach. Überrumpelt von dem Zufall unserer Begegnung standen wir im Supermarkt zwischen Kühlregal und Gemüsetheke, und wussten kaum, worüber wir uns unterhalten sollten. Wir beschlossen, uns noch in derselben Woche an einem angemesseneren Ort zu verabreden. Ich schlug das Café am Rondellplatz vor und fragte Andreas, ob er sich noch an den Spaziergang mit dem Geschichts-Leistungskurs dorthin erinnerte, vor vielen Jahren. Er verneinte. Wir könnten ja im Café in Erinnerungen schwelgen.
Mit Andreas hatte ich in den letzten beiden Schuljahren am meisten Kontakt gehabt. Wir hatten eine ähnliche Fachkombination gewählt. Insbesondere verband uns unser Interesse für Geschichte. Nicht nur in der Schule, sondern auch privat verbrachten wir viel Zeit miteinander. Ich hatte einige Schicksalsschläge in seiner Familie mitbekommen und war immer ein Ansprechpartner für ihn gewesen – besonders damals, als sein Vater seinen Job gekündigt bekommen hatte und arbeitslos gewesen war. Mit Andreas nahm ich zum ersten Mal an einer Demonstration teil. Ich erlebte, was es hieß, wenn Politik nicht nur in den 20-Uhr-Nachrichten im Fernsehen stattfand, sondern auch auf der Straße. Es ging gegen die Agenda-Politik; dagegen, dass alle Arbeitslosen über einen Kamm geschert wurden. Viele unserer Klassenkameraden hatten keine Ahnung, warum die Stimmung im Land so aufgeheizt war. In der Schule diskutierten wir nicht darüber. Ich realisierte in dieser Zeit, wie wichtig politische Bildung war und fasste den Entschluss, einmal Politikwissenschaften und Geschichte auf Lehramt zu studieren. Du musst dann einmal einiges besser machen als unsere Lehrer, hörte ich Andreas noch wie damals zu mir sagen, als ich in Richtung Rondellplatz radelte. Wir hatten uns noch einige Male in der Stadt getroffen – auch, als ich schon zum Studieren weggezogen war. Doch irgendwann hatte sich unser Kontakt verflüchtigt. Weil wir nie im Streit auseinandergegangen waren, freute ich mich unvoreingenommen auf das Treffen. Es interessierte mich, was aus ihm geworden und wie sein Leben verlaufen war. Ich dachte auf dem Fahrrad darüber nach, in welchen Punkten ich mich selbst verändert haben könnte und in welchen ich noch immer derselbe war.
Ich bog von der Erbprinzenstraße in das Rondell, umrundete einmal den Platz und hielt an dem Café, das wir als Treffpunkt ausgemacht hatten. Andreas kam kurze Zeit später. Wir bestellten jeder einen Kaffee und brauchten nicht lange, um ins Gespräch zu kommen. Nach einem belanglosen Smalltalk tauchten wir in unsere Lebensgeschichten ein. Als ich Andreas zum letzten Mal gesehen hatte, war er dabei gewesen, eine Ausbildung zum Hotelfachmann zu absolvieren. Er erzählte, dass er mit Mitte zwanzig nach Frankfurt gezogen war und dort einen Club aufgemacht hatte. Er erzählte, dass er zwei Kinder habe und ich merkte, dass er sehr stolz auf sie war. Ich fragte, auf welche Schule sie gingen, doch auf sonderbare Weise wiegelte er ab. Schule sei ein gutes Thema, er wollte wissen, wie es so sei als Lehrer und wie ich mich fühlte, nachdem ich die Seiten gewechselt hatte.
Ich erzählte ihm, dass ich vieles anders machte als unsere Lehrer damals, aber eben auch nicht alles verwarf. Ich deutete in Richtung Rondellplatz. In der Mitte befand sich die Verfassungssäule, bestehend aus einem Brunnen mit löwenköpfig umrandeten Wasserspeiern und dem mit ihm verbundenen, senkrecht gen Himmel ragenden Obelisken.
„In der Elften“, erinnerte ich ihn. „… als wir die Revolutionen im 19. Jahrhundert durchgenommen haben, sind wir mit dem Geschichtsleistungskurs hierher gelaufen. Herr Müller hat uns erklärt, dass die Säule Großherzog Karl von Baden gewidmet ist, der 1818 die Badische Verfassung unterzeichnet hat. Ich weiß noch, wie langweilig ich es damals fand, an diesen Ort zu gehen, an dem ich jeden Tag vorbeikam. Genauso langweilig fand ich es, jeden Tag das Bundesverfassungsgericht zu sehen. Als ich wieder hier herkam nach all den Jahren, habe ich erst begriffen, wie viel Bedeutung mit all diesen Orten einhergeht. Wie sie die Demokratie in unserem Alltag verankern. Wie wir mit dem höchsten Gericht vor der Nase täglich daran erinnert werden, dass die Verfassung geschützt werden muss gegen ihre Feinde. Und wie uns diese Säule hier zeigt, dass es auf die Menschen ankommt, die für ihre Ziele, ihre Rechte, ihre Freiheit einstehen müssen. Auch ich gehe mit meinen Geschichtskursen hier hin. Viele von meinen Schülern werden wahrscheinlich genauso wenig damit anfangen können wie wir damals. Aber vielleicht erinnern sie sich irgendwann einmal daran. Ich sage ihnen immer, dass die Art unseres heutigen Zusammenlebens keine Selbstverständlichkeit ist. Dass es nicht immer so war.“
Andreas sah mich an. Etwas war merkwürdig an seinem Blick. Kalt und unbeteiligt.
„Tut mir leid“, sagte ich. „Ich neige leider auch vor der Klasse zu Monologen.“
Andreas wiegelte ab. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass wir von seiner Lebensgeschichte abgekommen waren und hatte kurzzeitig das Gefühl, dass er gar nicht dahin zurückkehren wollte. Doch dann erzählte er relativ offen. Durch die Pandemie sei sein Club pleitegegangen. Seine Ehe war schon davor brüchig gewesen, doch durch die Zeit in der Quarantäne hätten sie sich vollständig überfordert. Seine Frau war mit den Kindern in Frankfurt geblieben. Er war zurückgezogen, weil er die Wohnung seiner Eltern übernehmen konnte und deshalb keine Miete zahlen musste. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, hatte aber nicht viel Geld. Seine Kinder sah er selten. Ich merkte, wie traurig ihn das machte. Er starrte geradeaus. Ich beobachtete, wie sein Blick einem Obdachlosen folgte, der in einem Mülleimer auf der anderen Seite des Rondellplatzes nach Pfandflaschen suchte.
„Wenn ich die Penner sehe, die hier auf Kosten des Staates leben und sich auf den Dreck von anderen Menschen stürzen, könnte ich kotzen“, hörte ich Andreas plötzlich sagen. „Hier die Penner, am Bahnhof die Kanaken. Überall Schmarotzer, die nichts arbeiten. Und wir füttern sie durch.“
Andreas nahm einen kräftigen Schlug seines Kaffees und stellte die leere Tasse geräuschvoll auf dem Tisch ab. Ich brauchte eine Weile, um zu realisieren, was ich gehört hatte. Hatte er das alles gerade wirklich gesagt? Hatte er es ironisch gemeint? Hin und wieder versuchte ich, die Schüler in meinen Klassen mit vergleichbar zugespitzten Äußerungen zu provozieren und zum Widerspruch anzuregen. Ihr dürft niemals schweigen, wenn die Demokratie angegriffen wird, hörte ich mich Stunde für Stunde meinen Schülern predigen. Wenn man schweigt, macht man sich mitschuldig. Ich war mir immer sicher gewesen, dass ich sofort dagegenhalten würde, wenn ich in eine Situation kam, in der Äußerungen wie diese fielen. Und doch saß ich neben Andreas, blickte auf den Tisch, auf den Rondellplatz, die Verfassungssäule, und brachte keinen Ton heraus. Es war so schön gewesen, ihn wiederzusehen. Die Begegnung im Supermarkt, die vertraute Gesprächsbasis, die wir sofort wiedergehabt hatten.
„Um mich hat sich niemand gekümmert in dieser Zeit“, sagte Andreas. „Niemand hat mir geholfen. Ich musste mich selbst durchschlagen. Und auch heute hilft mir niemand. Ich stehe jeden Morgen auf, gehe für einen Spottlohn zur Arbeit und finanziere Asylanten, die hier herkommen und unsere Kultur missachten. Unser System plündern. Unsere Frauen …“
„Andreas“, hörte ich mich sagen. Hätte er mich nicht angesehen, wäre ich mir nicht sicher gewesen, ob es meine innere Stimme war, die seinen Namen sagte oder ob ich ihn tatsächlich laut ausgesprochen hatte.
„Was!?“ In seinen Augen blitzte Verachtung auf. „Das passt dir nicht, was? Das hörst du nicht gerne, oder? Das passt nicht in dein heiles Weltbild. Das ist dir zu viel Realität, zu viel …“
„Andreas“, sagte ich wieder, „… es reicht. Hörst du dich eigentlich reden?“
Andreas lachte, sein Gesicht wirkte verzerrt. „Ob ich mich reden höre, fragst du? Hörst du dir zu? Du hast doch von den realen Zuständen keine Ahnung. Du warst immer auf der sicheren Seite. Hast immer dafür gesorgt, dass deine Schäfchen im Trockenen sind.“
„Niemand kann etwas dafür, wie dein Leben gelaufen ist“, sagte ich. „Dass deine Ehe kaputt ist, dass du deine Kinder kaum siehst. Dafür können Ausländer nichts.“
Andreas lachte noch immer. „Ach, je“, sagte er. „… wie muss es sich anfühlen, moralisch immer so überlegen zu sein? Immer das letzte Wort zu haben?“
„Ich kann das, was du gesagt hast, nicht stehenlassen“, sagte ich. „Es ist falsch! Es ist verachtend. Ich erkenne dich nicht wieder.“
Andreas kramte seinen Geldbeutel aus der Jackentasche und warf einen 5-Euro-Schein auf den Tisch. „Mach’s gut“, sagte er und ging einfach.
Ich sah ihm nach, wie er den Rondellplatz überquerte, an der Verfassungssäule vorbeiging und hinter dem Markgräflichen Palais verschwand. Ich starrte noch eine ganze Weile auf die Stelle, an der ich ihn aus der Sicht verloren hatte. Dann atmete ich durch, bezahlte ebenfalls und verließ das Café. Ich schob das Fahrrad an die Gabelung mit der Erbprinzenstraße, schwang mich auf den Sattel und radelte los. Mich begleiteten Gedanken auf dem Hinweg:
Bedrückend, was da passiert ist. Dieses Treffen. Ganz anders verlaufen, als ich es mir vorgestellt hatte. Und die Freundschaft? Wird wohl nie wieder so sein wie früher. Andreas. Sein Schicksal. Tut mir leid. Wirklich. Und trotzdem: gut, dass ich widersprochen habe.
Der Sand auf dem Schlossplatz knirschte unter den Reifen meines Fahrrads. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt längst verlassen. Am Horizont hinter dem Schloss verfärbte sich der blaue Himmel rötlich. Ich hielt kurz an und sah in Richtung des Verfassungsgerichts. Ein Ort, der mich Tag für Tag daran erinnerte, dass die Demokratie geschützt werden musste. Ich hatte mich daran seit meinen Kindheitstagen sattgesehen. Hatte für logisch gehalten, dass nicht nur für mich die Demokratie so alltäglich, so selbstverständlich war. Ich war Andreas fast dankbar, denn er zeigte mir, dass nichts selbstverständlich war. Vielleicht würde ich ihn irgendwann wiedersehen. Wie werden wir uns dann begegnen? Ich blickte einem solchen möglichen Treffen gespannt und auch hoffnungsvoll entgegen. Dann schwang ich mich wieder auf das Rad und fuhr nach Hause.

Anregungsfragen:

  1. Ist Widerspruch im privaten Umfeld schwieriger als auf öffentlichen Demonstrationen?
  2. Wo verläuft die Grenze zwischen Verständnis für persönliche Notlagen und klarer Abgrenzung gegenüber menschenfeindlichen Aussagen?
  3. Reicht es, einmal zu widersprechen – oder beginnt Verantwortung erst danach?
  4. Wie entstehen Radikalisierungen im Alltag?
  5. Wird Demokratie eher durch große politische Entscheidungen oder durch kleine Alltagsmomente verteidigt?

Soll der Text "Rondellplatz" von Maximilian Muck Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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