
Karin Lühr, geb. 1963, lebt und schreibt im Harz. Mit ihren Friedenstexten inspiriert sie Menschen, im Gewahrsein des einfachen Daseins zu verweilen.
Der Junge stand auf, zog seine blauen Verdunklungsgardinen zur Seite und kehrte unter die Decke zurück, um vom Bett aus durchs Fenster zu schauen. Es war Winter. Der Vater hatte die Vorhänge aus reiner Gewohnheit geschlossen.
Heute aber war nichts wie immer gewesen. Benni wollte die Mondsichel sehen, die schimmernd zwischen Wolken am Nachthimmel hing. Jetzt. Unbedingt.
Normalerweise gab ihm die Dunkelheit im Raum ein Gefühl von Geborgenheit, sobald er abends zu Bett ging. Wenn seine Mutter nach dem Gutenachtkuss das Licht bei ihm im Zimmer ausknipste, weil es fürs Lesen zu spät war, fühlte Benni sich bereit für das, was nun kam: Diese besondere Zeit zwischen Wachen und Schlafen gehörte ihm allein.
Bevor zunehmende Müdigkeit die Augenlider schwer werden ließ und sein Tagbewusstsein schließlich hinwegnahm, zeigten sich in dieser Stille oft die besten Einfälle. Er fand, sie machten einen echten Unterschied – auch wenn das übliche Ritual am nächsten Morgen sich zunächst vom Vortag wenig unterschied.
Benni schaute zum Mond. Er war sich nicht sicher, ob er zuvor bereits ein Weilchen geschlafen hatte. Schwierig herauszufinden, denn das Einschlafen passierte eher unbemerkt; erst kürzlich hatte er darüber nachgedacht. Auf jeden Fall war er nicht hochgeschreckt. Seine Arme lagen locker neben ihm und sein Nacken fühlte sich entspannt an.
Das war nicht immer so. Wenn der Schlaf ihn in die Traumwelt mitnahm, wachte er manchmal schlagartig auf. Ein Zusammenschrecken durchlief dann seinen gesamten Körper, als fände ein kleines Erdbeben statt. In solchen Momenten kam es ihm vor, als sei er liegend von der Matratze ein, zwei Zentimeter in die Höhe geworfen worden. Sich daran zu erinnern, ließ fast den Atem stocken.
Benni setzte sich auf:
Träume. Manchmal weiß man sofort, was das war.
Ich. Mittendrin. Die Hauptperson. Wie im Film.
Fast jedenfalls.
Oder eben nicht.
Dann bleibt nur ein Stück hängen. Eine Szene. Mehr nicht. Meistens so. Und später kommen noch Bilder zurück. Eins. Dann noch eins.
Nicht immer ist das angenehm. Dann war es ein Alptraum. Oft einer, der sich wiederholt.
Flugzeuge warfen Bomben ab. Die Bomben flogen von oben durch den blauen Himmel bis auf die Erde runter. Ja, der Himmel war blau gewesen. Rundlich sahen sie aus. Beinahe wie Zeppeline. Nur hochkant.
Plötzlicher Feuerschein. Alles rot.
Während sich Benni die Augen rieb, als könnte er die dramatischen Bilder einfach wegwischen, überlegte er, wie das überhaupt möglich war. Selten erlaubten ihm die Eltern das Fernsehen, und Kinobesuche waren für ihn nur Ausnahmen. Kein Streamen; er hatte das also nirgendwo auf einem Bildschirm gesehen. Wirklich niemals. Immer nur nachts.
Nachdenklich schaute er zur Decke, wo etwas im Mondlicht tanzte. Die nackten Zweige des Baumes vor dem Fenster warfen ihre bewegten Schatten. Es sah ein bisschen aus wie huschender Rauch. Eine Spur unheimlicher als bei der Großmutter, die den Vorhang für die Nacht nie zuzog.
Wachsein am Tag, Träume in der Nacht – der Elfjährige wusste, da gab es noch etwas: jenes unbekannte Reich, in dem die Menschen offensichtlich Stunden verbringen konnten, ohne dass ein einziger Eindruck entstand, an den sie sich nach dem Aufwachen hätten erinnern können. Dem Jungen war das aufgefallen, und er hatte seine Eltern danach gefragt. „Das ist Tiefschlaf“, war damals die Antwort gewesen. „Dabei erholen sich die Menschen am besten.“
Plötzlich waren diese Worte des Vaters wieder lebendig in seinem Ohr. Sie klangen immer noch beruhigend, genau wie damals. Draußen war alles still. Benni lauschte. Vielleicht schlief sein Papa schon. Statt auf die Uhr zu schauen, schloss er die Augen. Endlich wollte er ausruhen – doch warum nur liefen die Gedanken pausenlos weiter? Die Schulwoche war laut und anstrengend gewesen. Gestresste Lehrer, immer so viel Neues. Wenigstens saß er neben seinem besten Freund.
Seine linke Wade zuckte, wie gestern während des Unterrichts. Und nochmal. Doller. Es schmerzte sogar. Wie schade, dass Oma gestern verreisen musste. Am schönsten: die Wochenenden bei ihr auf dem Dorf.
Während Benni an seine Großmutter dachte, hörte er hastige Schritte im Gang. Sofort war er hellwach. Eine Tür wurde hörbar geschlossen – und trotzdem drang die erregte Stimme des Vaters bis ins Kinderzimmer.
Bennis Mutter versuchte zu besänftigen: „Eine Selbstauskunft. Beruhige dich doch endlich“, aber sie konnte ihrem Mann die Selbstbeherrschung nicht zurückgeben. Explosionsartig verschaffte sich Luft, was sich seit Wochen angestaut hatte:
„Katalogisierung … So fängt es an. Unsere Kinder werden zum verwalteten Datensatz. Zur verfügbaren Masse. Und eh du dich’s versiehst, kommt der Zugriff. Ich sage dir: …“
Der Vater wurde unterbrochen, weil die Schwester schluchzte. Ihre Stimme klang unnatürlich hoch: „Was ist, wenn er doch eines Tages irgendwo hingeschickt wird? Und wenn er nicht zurückkommt? Menschen sterben da doch. Ich will nicht, dass ihm sowas passiert.“
„Das ist erst mal nur ein Brief. Da passiert noch gar nichts. Das würde ich an deiner Stelle nicht gleich überbewerten. Und bitte nicht so laut! Benni schläft doch schon.“ Benni hörte die gedämpfte Stimme seiner Mutter, auch wenn er nicht jedes Wort verstand.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, dachte Benni an seine Schwester.
Wahrscheinlich ist sie jetzt in ihrem Zimmer. Sie hat Angst um ihren Freund – und Mama meint, sie übertreibt.
„So schlimm ist das doch nicht …“, „Da müssen die anderen auch durch …“ – reihenweise schwirrten Sätze wie diese durch Bennis Kopf. Am Nachmittag waren sie im Wohnzimmer zu hören gewesen, als die Mutter die Wogen glätten wollte. Für ihn hatte sich nichts davon überzeugend angehört, und auf einmal kam etwas hoch, das sich wie ein neuer, ungewohnter Widerstand anfühlte: gegen alle gut gemeinten Worte, gegen die hilflosen Beschwichtigungen und Trostversuche, die so leicht über die Lippen kamen. Der Unfrieden, der scheinbar zur großen Welt der Erwachsenen dazugehörte, machte ihn richtig wütend.
Als ob die Energie seines Vaters sich in ihm spiegeln wollte, sprang Benni auf, doch eine unsichtbare Hand bewirkte, dass er die Tür nicht aufriss, sondern in sein Bett zurückkehrte. Dort ging es eine Zeit lang noch wild durcheinander. Aber je länger Benni seinen Gedanken zusah – so, wie die Großmutter es ihm gezeigt hatte –, desto ruhiger wurde es.
Dauernd die gleichen Sätze. Sie merkt das nicht.
Ich höre es. Und Papa natürlich auch.
Er verdreht die Augen.
Aber heute schreit er. Zum ersten Mal.
Etwas Schlimmes.
Wenn es für jemand anders schlimm ist,
dann fühlt es sich für einen selber auch schlimm an.
Sofort. Richtig krass.
Vielleicht ist das für Mama zu viel.
Sie weiß nicht, wohin sie schnell wegkann.
Ich weiß das.
Zum Glück.
Benni atmete erleichtert aus. Er war wieder bei sich angekommen und konnte ohne Herzklopfen zurückblicken:
Vor einigen Stunden hatte die Familie Besuch bekommen.
Der Schulfreund seiner Schwester, gerade 18 geworden, war mit einem Briefumschlag in der Hand recht überraschend aufgetaucht. „Ich muss jetzt diesen Fragebogen ausfüllen“, hatte er gemurmelt und sogar die Begrüßung vergessen. Ihm war anzusehen gewesen, dass etwas Schweres auf ihm lastete.
Er selbst hatte nicht nur die Worte aufgenommen, sondern auch die bedrückende Ungewissheit, was noch passieren könnte. „Dir geht’s nicht gut, komm rein!“, hatte er ihn eingeladen – und sich gleichzeitig wie gelähmt gefühlt.
Das Gespräch war heftig aus dem Ruder gelaufen. Voll die Auseinandersetzung: Zwei Jugendliche und zwei Erwachsene reden ständig durcheinander. Ehe die Stimmung total gekippt war, hatte er schnell das Zimmer verlassen.
Nun war alles wieder präsent und er dachte an den gutmütigen jungen Mann, den er liebgewonnen hatte, seit seine Schwester mit ihm zusammen war.
Seit dem Brief fühlt sich seine Zukunft nicht mehr richtig nach ihm an.
Enger als vorher irgendwie. Keine Freiheit mehr.
Das Gefühl, als würde plötzlich jemand mitreden. Als könnte man gezwungen werden zu etwas, das man nicht will.
Erst hat er sich innerlich zurückgezogen.
Schweigen.
Es tat weh und war zu viel.
Dann noch die Angst seiner Freundin.
Und dieses schreckliche Schuldgefühl wegen all dem Zoff.
Kein Wunder, dass er gegangen ist.
Er hat keinen Vater mehr, mit dem er drüber reden kann.
Und unser Papa hat selber Angst.
Er traut sich kaum noch, was zu sagen.
Als ob man dafür Ärger bekommt. Ins Gefängnis kommt dafür.
Erneut nahm Benni im Bett eine aufrechte Position ein und zog die Schultern zu den Ohren hoch. Als er sie wieder fallen ließ, blieben die Muskeln angespannt. Das Schild vom Schlafanzug kratzte. Als seine Mutter es abgeschnitten hatte, war eine Kante entstanden. Für einen Moment zeigte sich die Traurigkeit, dass die Großmutter nicht zu Hause war, so stark, dass Benni aufstand und zum Fenster ging. Etwas drückte im Brustkorb und auch im Bauch.
Bestimmt hätte Oma Lene mir jetzt aus einem Buch vorgelesen.
Oder hätte mir eine neue Geschichte erzählt.
Und vielleicht das Mädchen im grünen Kleid gesehen.
Auf dem Fensterbrett stand ein tönerner Blumentopf mit einer Zimmerlinde. Gemeinsam hatten Großmutter und Enkel den Ableger eingepflanzt, und seither war er von Benni regelmäßig gegossen worden.
„Wie geht es dir?“ Benni war überrascht, als er sich flüstern hörte. Sein Zeigefinger streichelte vorsichtig über das Lindenblatt: Es war kühl und samtig zugleich. Ohne den Finger vom herzförmigen Blatt zu lösen, blickte er durch die Fensterscheibe in die Nacht hinaus. Eltern und Schwester lagen vermutlich längst im Bett. Alle Stimmen im Haus waren verstummt, doch unvermittelt zuckte Benni zusammen: Es klang sehr bedrohlich. Mit unglaublicher Geschwindigkeit überquerte ein lautes Flugzeug seine Stadt.
Wahrscheinlich ein Düsenjäger. Schrecklich. Fast wie im Krieg.
Bald hundert Jahre her, seit Urgroßvater geboren wurde. Von ihm hat Oma viel gehört. Und sie hat es mir erzählt.
Erst flogen nur Gedankenfetzen, doch schnell kamen Gefühle dazu. Benni schaute hoch. Nicht nur der Mond, auch die Sterne leuchteten nun ganz hell.
Ich will mich freuen auf morgen früh. Auf das, was kommt.
Es fühlt sich jetzt so komisch an.
Als ob es vorbei ist.
Vielleicht muss Papa auch bald fort. Wer weiß.
Der leicht bekleidete Junge begann zu zittern. Nachts lief die Heizung nur auf Sparflamme. Schnell kehrte er unter seine Decke zurück. Dort war es noch schön warm.
Es fühlte sich sicher an. Noch bevor er in die Schule gekommen war, hatte Oma Lene bemerkt, wie sehr er kleine Höhlen liebte. In ihrem Häuschen hatte sie ihm ein kleines Stoffzelt aufgebaut. Eine Kuscheldecke, ein paar Kissen. Auch die Hauskatze hatte dort einen neuen Platz und schnurrte ohne Ende.
Vorige Woche hatte seine Mutter ihn gesucht. Sie war nicht auf den Gedanken gekommen, dass er sich im Kleiderschrank versteckt haben könnte. Mit Absicht hatte er seinen Rückzugsort erst in dem Moment verlassen, als die Mama bereits in einem anderen Zimmer war. Dieser Platz war für absolute Notfälle. Er blieb geheim.
„Oma Lene kommt ja bald zurück.“ Wiederum flüsterte Benni, als ob er sich selbst gut zureden wollte. Als ihm dies bewusstwurde, drehte er sich auf die andere Seite. Er war elf und kein Kleinkind mehr. Nicht mehr lange hin, und auch er würde einen solchen Brief bekommen. Wer weiß. Falls es das noch gab. Die Welt noch funktionierte. Nicht ganz kaputt geschossen war.
Mich freuen können auf morgen früh.
Mich freuen auf morgen …
Mich freuen …
Benni lag noch eine Weile wach. Weil seine Füße kalt geblieben waren, zog er die Knie ein wenig an. Mit einer Hand rubbelte er kräftig an den Zehen, während die andere still unter dem Kopfkissen lag, und bald war es genug.
Obwohl der Mond nicht mehr im Fensterrahmen stand, war etwas heller geworden. Es war nicht schwierig, dabei zu bleiben. Licht zum Wiederfinden. Nicht mit den Augen. Einfach so.
Bevor er einschlief, stellte er sich vor, wie er in der Frühe als Erster in der Küche sein würde. Die Stehlampe anmachte. Nicht gleich das grelle Deckenlicht – aber Licht sollte morgen sein. Auch für die anderen.
Dann Omas Honigglas. Das war wichtig.
Vier Brettchen und vier bunte Tassen auf den Tisch.
Für Papa – die mit der Taube.
Anregungsfragen:
- Wie und ab wann spüren Kinder politische Entscheidungen und gesellschaftliche Krisen – auch wenn sie offiziell „nicht betroffen“ sein sollen?
- Welche Rolle spielen Angst und Unsicherheit der Erwachsenen bei der Weitergabe von Zukunftsbildern an die nächste Generation?
- Ist Zukunftsfreude eine private Emotion oder auch eine politische Haltung?
- Wo verläuft die Grenze zwischen notwendiger Information und emotionaler Überforderung – besonders bei jungen Menschen?
- Was bedeutet es, Hoffnung aktiv „verteidigen“ zu müssen, und wer trägt dafür Verantwortung in einer Gesellschaft?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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