Holger Vos – Die Angst vor dem weißen Blatt

Holger Vos, Jahrgang 1978, lebt im Landkreis Oldenburg. Sein Schreiben kreist überwiegend um düstere und/oder philosophische Themen, die häufig mit Fantasy-Motiven verwoben werden. Er hat zwei Geschichtensammlungen („Das Dunkel ist nicht leer“ und „Das Dunkel und die Einsamkeit“) sowie die Novelle „Teufelsauge“ veröffentlicht.
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Ich sitze bereits viel zu lange am Schreibtisch und bringe nichts zustande. Sie ist wieder da, die Angst vor dem weißen Blatt. Es muss schon ein guter erster Satz werden, der es wert ist, geschrieben und gelesen zu werden.
Der erste Satz muss sofort fesseln. Ich bin mir dessen bewusst. Deshalb wäge ich jeden Einfall sorgfältig ab. Und ich verwerfe ihn wieder. Ich las von einem Aufruf, unsere Gegenwart schreibend fühlbar zu machen. Im besten Fall kann mein Text, neben zahlreichen anderen, Politiker*innen erreichen, so stellt man in Aussicht.
Was möchte ich vermitteln, welche Geschichte will ich erzählen?
Wie muss mein Text sein, wenn er Menschen zum Nachdenken bringen soll?

Ich bin ein aufmerksamer Beobachter meiner Umwelt, das bringt das Autorendasein mit sich. Ich las kürzlich über den Erfinder des Sterbehilfe-Sarkophags, der etwas Neues entwickelt hat:
Einem Menschen mit Demenz im Anfangsstadium wird bei dessen Einwilligung eine Kapsel mit einer tödlichen Giftdosis injiziert, die mit einem Knopf verbunden ist. Vergisst der Mensch, den Knopf zu drücken – ist die Demenz also so weit fortgeschritten, dass der Zweck des Knopfdrückens nicht mehr bekannt ist –, wird das Gift freigesetzt – und der Mensch stirbt.
Ich fühle mich unwohl bei dem Gedanken an solch ein Gerät. Kurz habe ich überlegt, eine dystopische Kurzgeschichte daraus zu machen und das staatlich verordnete Damoklesschwert als wichtigsten Bestandteil einer verbesserten Kostenpolitik des Gesundheitssystems zu machen: Willst du Leistungen, musst du dir die Kapsel spritzen lassen.
Ich lasse davon ab und denke weiter, lasse eine Pflegekraft zum Schichtbeginn mit der Leiterin sprechen, die ihr eröffnet, sie müsse heute allein arbeiten, ihre beiden Kolleginnen wären gezwungen worden, das Land zu verlassen. Nun ist diese Pflegekraft gezwungen, die alten Menschen auf ihrer Station ganz allein zu versorgen. Am Morgen bricht sie dann erschöpft zusammen, und sie weint, während in den Nachrichten von halbherzigen Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel gesprochen wird.
Ich sehe dann vor mir einen Obdachlosen, der seine Tage mit dem Sammeln von Pfandflaschen und -dosen verbringt. Er geht kopfschüttelnd und mit etwas Sehnsucht im Blick an der Glasfassade des Kaufhauses vorbei, das schon seit Monaten leer steht. Irgendwo in einer Ecke würde er seinen Schlafsack hinlegen und etwas zur Ruhe kommen wollen. Als er im Kiosk sein Pfandgeld ausgeben will, hört er im Radio, wie man in Berlin eine Erhöhung der Diäten beschließt. Das fühlt sich wie ein Schlag in die Magengrube an.
Ich stelle mir vor, wie in den Bussen und Straßenbahnen die Leute mit gesenktem Kopf sitzen, Musik oder Podcasts in den Ohren, und Augen und Finger huschen über die Bildschirme. Niemand spricht. An der Haltestelle kommt eine Frau mit Kinderwagen hinein, keiner sieht auf. Sie blickt sich ratlos um, stellt sich in den Gang und greift zum Handy. Ein Mädchen am Fenster erstarrt beim Anblick dessen, was sie auf ihrem Bildschirm sieht. Ich denke mir, dass es eine schwere Kränkung war, eine von vielen, die sie in letzter Zeit erreichen. Zuerst hat sie versucht, die Kommentare unter ihren harmlosen Posts zu ignorieren, aber es sind zu viele geworden. Sie glaubt langsam an den Hass, der ihr entgegenschreit: Ich bin hässlich, ich bin wertlos, ich sollte besser tot sein. Soll sie es ihren Eltern sagen? Sie glaubt nicht, dass sie sie verstehen werden. Sie würden sagen: Leg das Ding einfach weg. Als ob das so einfach wäre. Oder: Achte nicht darauf. Als ob sie das nicht längst versucht hätte. Sie wird aufgeben, dem Hass zustimmen und es beenden. Und ein Junge ist da, er sitzt vielleicht hinter dem Mädchen, kennt sie aber nicht, und weiß nichts von ihren Problemen, weil er selbst welche hat. Sein Spiel fordert ihn auf, immer wieder zu spielen, damit sein erreichter Punktestand nicht verloren geht. Eines Tages hat ihn jemand angeschrieben und ihm Punkte angeboten, wenn er mal ein Foto von sich schicken würde. Das hat der Junge getan, und noch mehr Fotos, und jetzt ist er ganz allein, und seine Scham ist größer als alles, was er jemals gefühlt hat, und sein Spiel ist ihm nicht mehr wichtig.
Ich denke mich in den Park. Dort sehe ich Eltern, die mit ihren Kindern spazieren. Eine Hand fasst die Hand des Kindes, oder den Kinderwagen, die andere hält das Smartphone. Ich beobachte, wie die Kinder den Blick ihrer Eltern vergebens suchen. Sie begreifen, dass dieses kleine Ding, das Mutter oder Vater betrachten, wichtiger ist als sie selbst, und sie wollen es auch ansehen. Im Theater wird der Nathan gespielt, mit seiner Parabel von den drei gleichen Ringen ruft die Kunst zu Toleranz und Friedfertigkeit auf. Ich sehe Schulklassen, die in die Reihen gezwungen wurden. Im Gesicht eines Schülers erkenne ich Ablehnung. Gedanklich folge ich ihm auf seinem Heimweg, der an einer Synagoge vorbeiführt, ich stelle mir vor, dass er in der Nacht nochmal dorthin zurück schleicht und die Fassade des Gotteshauses mit braunen Gedanken besudelt. Seine Täterschaft wird bekannt in der Stadt, und als sein Deutschlehrer davon liest, wird er bleich und zweifelt an den Inhalten und Methoden seines Faches. Ich stelle mir vor, wie sie in der Schule Borchert lesen, vielleicht die Kurzgeschichte An diesem Dienstag. Bei der Stelle, wo ein Soldat erschossen wird, weil das Leuchten seiner Zigarette im Dunkel der Nacht ihn zur Zielscheibe macht, werden einem Mädchen die Tränen kommen – weil sie an ihren Vater denkt, der zu Hause für die Freiheit seines Landes kämpfte und nun tot ist.
Ich erwäge weiter, dass ich über eine wohnungssuchende Frau mit exotisch klingendem Namen schreiben könnte, die bei telefonischen Terminabsprachen immer abgelehnt wird.
Oder ich könnte von einem Kinderbuchillustrator erzählen, der keine Aufträge mehr bekommt, weil die Verlage zunehmend KI einsetzen. Dass KI große Mengen Wasser verschwendet, wäre eine Sache, die ich nebenher erwähnen würde.
Oder ich könnte die längst überflüssige Debatte, ob man Fleisch essen sollte, in einen Dialog zwischen Vater und Sohn am abendlichen Esstisch kleiden.
Schließlich denke ich, dass ich eine weitere Absurdität beleuchten könnte: Wie Rettungskräfte bei einem Hilfseinsatz angegriffen werden.
Aber diese kurzen Stichworte verweisen auf Dinge, die so eindeutig widersinnig sind, dass es mich langweilt, darüber zu schreiben.
Ich könnte mich über Umweltzerstörung auslassen, und dass im Zweifel das Wirtschaftswachstum immer gewinnt – weil wir keinen anderen Plan haben, als das Geschwür des Wachstums stetig weiter zu füttern, um unsere innere Leere zu füllen. Dabei fühlen wir längst, dass unsere wirtschaftlichen und technischen Errungenschaften uns keinen Frieden bringen werden.

Denn so sieht es aus:
Lachen, Licht, Orgasmen der Freude, Frieden und Freundschaft, Erkenntnis und Verheißung milliardenfach. All dies existiert, doch: Das Dunkel überwiegt. Drohung, Spott und Häme, unsäglicher Schmerz, Blutseen und Siechtum drücken nieder, nähren Zweifel und Furcht. Wir trinken Gift und essen Fäule, wenden uns ab vom Leid, starren es an in jedem Bildschirm, der allen Terror feilbietet, schmachtend nach Aufmerksamkeit.
Was getan werden muss, besprechen wir tausendfach, als schaffe dadurch eine fremde Magie gewünschte Wirklichkeit.
Reden und warten – warten und sterben lassen.
Wir bauen unsere Gegenwart auf den Gräbern unserer Kinder.
Ich überlege, dass der Mensch in dieser Gesellschaft nur dann wertvoll ist, wenn er den Kreislauf des Geldes zu Gunsten einiger weniger Personen am Laufen hält, indem er konsumiert und seine Aufmerksamkeit an Bildschirme vergeudet.
Wir sind doch fünfdimensionale Wesen:
Wieso lassen wir uns von zwei Dimensionen versklaven?

Ich überlege, wie absurd es ist, dass dieses System einen Mann hervorgebracht hat, dessen Reichtum Dagobert Duck die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, und dass jener Mann über Empathie spricht, als wäre diese menschlichste aller Regungen eine Krankheit.

Sind nun all diese Szenen und Gedanken es wert, als Text in einem Buch zu erscheinen?
Könnten sie zum Nachdenken, zum Neu- und Überdenken anregen?

Diese Fragen befördern meine Angst vor dem weißen Blatt. Das weiße Blatt – ein Symbol für einen Neuanfang. Ich lasse meine Wörter nun einmal so stehen. So haben wir es ja auch immer gemacht: die Dinge stehenlassen im Sinne einer im Zweifelsfall unvernünftigen Tradition.
Aber vielleicht brauchen wir als Gesellschaft ein weißes Blatt, und genügend Mutige, die darauf eine ganz andere Geschichte schreiben?
Eine Geschichte, in der Menschlichkeit nicht als Makel oder Hindernis, sondern als Ziel betrachtet wird?

Ach, ich lösche alles … oder? – Nein! Was soll’s, ich lasse den Text jetzt so. Ich wollte ja meine Ratlosigkeit dieser menschengemachten menschenfeindlichen Welt gegenüber veranschaulichen …

Anregungsfragen:

  1. Ist literarische Überfülle (Krisenakkumulation) ein adäquates Mittel, um Gegenwart abzubilden – oder führt sie zur Abstumpfung?
  2. Kann Literatur politische Wirksamkeit beanspruchen, oder ist dieser Anspruch selbst Teil der Überforderung?
  3. Ist die Kritik am Wachstumsparadigma inzwischen kultureller Konsens – und wenn ja, warum bleibt sie folgenlos?
  4. Wird digitale Entfremdung im Text differenziert genug dargestellt, oder reproduziert er ein vereinfachtes Kulturpessimismus-Narrativ?
  5. Ist das „weiße Blatt“ eher Symbol für Hoffnung oder für Flucht vor konkreter Handlung?

Soll der Text "Die Angst vor dem weißen Blatt" von Holger Vos Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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