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Ulli Krebs – Echt großes Kino

Ulli Krebs, 1965 in Düsseldorf geboren, wohnhaft in Norddeutschland, Hobbyautorin, Veröffentlichung zahlreicher Kurzgeschichten in Anthologien und Publikation eines Regionalkrimis


In drei Tagen hat Opa Geburtstag und ich habe immer noch kein Geschenk für ihn. Mama meint, ich soll ihm einfach etwas basteln. Aber ganz ehrlich: Ich bin doch kein kleines Kind mehr. Im Sommer werde ich vierzehn und Opa feiert an diesem Wochenende seinen Fünfundsiebzigsten. Krass. Nee, da muss auf jeden Fall was ganz Besonderes her. Nur was? Ich habe wirklich null Plan. Und DIY-Projekte sind so gar nicht mein Ding. Warum habe ich mich bloß nicht schon früher darum gekümmert und die Challenge immer wieder aufgeschoben?
Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, Tilda, würde Opa jetzt achselzuckend und schmunzelnd zu mir sagen. Irgendwelche schlauen Sprüche hat er eigentlich immer parat. Manchmal nervt das total. Aber heute hätte er damit wirklich Recht, stelle ich seufzend fest, bevor ich einen Blick auf mein Handy werfe. Echt jetzt? Ich renne hier tatsächlich schon über zwei Stunden völlig erfolglos durch die Stadt. Fuck!
Vielleicht sollte ich Opa doch besser einen Gutschein schenken, als jetzt irgendwas auf den letzten Drücker zu besorgen. Fürs Kino, Theater oder so? Er findet ohnehin, dass wir alle viel zu viel Sachen haben. Mehr als zehntausend Gegenstände besitzen die Deutschen im Schnitt, hat er mir erst neulich kopfschüttelnd erzählt. Nicht nur darüber kann er sich ärgern. Wenn es um Politik geht, kann er je nach Thema so richtig abgehen. Aber hallo! Ein Unglück kommt selten allein, heißt es bei ihm nur dann, wenn er sich wieder einigermaßen beruhigt hat. Und Erst kommt das Fressen, dann die Moral, ist safe einer seiner Lieblingssätze, wenn wir zusammen im Fernsehen die Nachrichten gucken.
Umso witziger, dass genau jetzt, während ich daran denke, ein TV-Mensch den Weg versperrt und der Frau neben mir ein Mikro unter die Nase hält. Direkt dahinter steht ein Kameramann. Hallo? Was wird das hier?

„Moin, eine kurze Frage: Was denken Sie über das geplante Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter vierzehn beziehungsweise sechzehn Jahren?“, will er wissen.
Die Frau errötet und wirkt sichtlich irritiert. Sie räuspert sich. Der Reporter will ihr wohl auf die Sprünge helfen:
„Na ja, es gibt ja immer mehr Cybermobbing und die Gefahr von suchtähnlichen Nutzungsweisen“, meint er. „Zudem glauben die Befürworterinnen und Befürworter einer solchen Regelung ja, dass die sozialen Medien definitiv einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben. Und last but not least verlernen die Heranwachsenden anscheinend zunehmend einen respektvollen Umgang untereinander und die direkte Kommunikation miteinander.“
War klar. So argumentieren die meisten Erwachsenen, leider auch viele aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Mama und Papa. Ich verdrehe die Augen und seufze, als die Frau neben mir, die tatsächlich altersmäßig meine Mutter sein könnte, zustimmt.
„Wie sieht das Ihre Tochter?“, hakt der Reporter plötzlich nach. Er dreht sich zu mir und lächelt aufmunternd.
Ich nicke, obwohl ich meine angebliche Mutter gar nicht kenne, und lege bei laufender Kamera los:
„Ich sehe das echt total anders“, antworte ich aus vollster Überzeugung. Ich hab nämlich neulich noch mit Opa lange über das Thema und die Gefahren von Insta, TikTok und Co geredet und ihn sogar probeweise von einem eigenen Account überzeugen können. Ein kritischer Umgang mit den sozialen Medien erscheint mir viel smarter als ein totales Verbot, das den Austausch mit Gleichaltrigen erschwert. Das lasse ich jetzt auch das Fernsehteam vor mir wissen. Und dass ein bewusster Umgang mit dem Web und Social Media die Medienkompetenz auf jeden Fall verbessert und unbedingt in allen Schulen und Klassen Thema und Pflicht sein sollte.
Der Fernsehmensch nickt.
„Ich denke allerdings, dass unsere ach so tollen Lehrer mit einem solchem Content völlig überfordert sind und den gar nicht draufhaben. Wahrscheinlich fragen sie erst mal die KI. Und wie kann ein Social-Media-Verbot überhaupt umgesetzt werden? Was soll passieren, wenn man es nicht einhält?“, frage ich weiter, bevor ich nachschiebe: „Nee, ich denke, für mich ist und bleibt ein solches Verbot einfach ein No-Go.“
Um mich herum hat sich mittlerweile eine kleine Menschentraube versammelt. Einige hier applaudieren zaghaft. Mich irritiert das nicht. Im Gegenteil, es spornt mich an. Ich bin jetzt ohnehin voll im Thema und bei der Sache. Nach einer kurzen Redepause fahre ich daher fort: „For real: Es macht bestimmt Sinn, Medienzeiten und Regeln für die verschiedenen Altersgruppen festzulegen. Und echt jetzt, wie sieht es denn mit den Medien bei den Erwachsenen aus? Die sollten doch für uns Kinder und Jugendliche Vorbilder sein! Da gibt es zum Beispiel Politiker im Bundestag, die pausenlos am Handy sind, während andere ihre Reden halten. Und wie viele Erwachsene sind jeden Tag nach der Arbeit mehrere Stunden online und können ohne ihr Handy gar nicht mehr leben! Das sehe ich ja sogar bei meinen Eltern. Aber nein, nicht nur in Zeiten von Corona und beim Klima muss meine Generation mal wieder herhalten. Echt cringe!“ Ich schüttele den Kopf. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht, würde mein Opa by the way jetzt wohl sagen. Mir fällt dazu aber auch noch ein ganz anderer Spruch ein. Kinder müssen mit Erwachsenen viel Geduld haben.“

Puh, was für ein langes Statement. Passt eigentlich gar nicht zu mir. Aber egal, die vielen Leute um mich herum scheinen sogar regelrecht geflasht zu sein. Einige pfeifen und auch das Fernsehteam nickt anerkennend.
„Das war echt großes Kino. Kompliment“, sagt der junge Reporter mit Brille zu mir. „Unsere Sendung wird übrigens schon am Samstag um 18 Uhr im Dritten ausgestrahlt. Solltest du dir unbedingt ansehen und aufzeichnen. Ich denke, wir werden deinen Redebeitrag ungekürzt bringen. War echt mega, dein Auftritt.“
„Danke.“ Ich nicke verlegen und spüre, dass ich im Gesicht ganz rot werde, während mir allmählich bewusst wird, dass Opa sich nun am Sonnabend über ein ganz spezielles und vor allem unvergessliches Geburtstagsgeschenk freuen kann. Seine einzige Enkelin wird im Fernsehen zu sehen sein. Heftig! Kindermund tut eben Wahrheit kund, auch so ein Satz, den ich früher oft genug von ihm gehört habe.

Anregungsfragen:

  1. Ist ein Social-Media-Verbot für Minderjährige tatsächlich ein Ausdruck von Fürsorge — oder von Kontrollbedürfnis?
  2. Reicht Medienkompetenz als Gegenmodell aus, oder unterschätzt sie strukturelle Plattformmechanismen?
  3. Werden Jugendliche in gesellschaftlichen Debatten systematisch paternalistisch behandelt?
  4. Wie glaubwürdig ist es, wenn Erwachsene digitale Disziplin einfordern, selbst aber permanent online sind?
  5. Ist „laut werden“ allein schon politischer Mut — oder braucht es darüber hinaus strukturelle Handlungsmöglichkeiten?

Soll der Text "Echt großes Kino" von Ulli Krebs Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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