Hannah Schulte – Kommst du mit?

Hannah Schulte studiert Soziologie in Hamburg, spielt gerne Theater und beschäftigt sich damit, wie sie ihre Stimme auf künstlerische Weise gegen die Klimakrise und für soziale Gerechtigkeit einsetzen kann.  


Sie wanderte mit den Fingern durch die Gräser, hielt blindlings Ausschau nach den Käfern. Wenn sie sie fand, ließ sie sie über ihre Arme, ihr Gesicht, in ihre Ohren laufen, murmelte etwas von der aufkommenden Sonnenfinsternis und verschwand dann im Wald. Inga verschwand immer und kam erst zurück, wenn sich der Himmel kohlenschwarz gefärbt hatte. Alle Nächte waren hier kohlenschwarz. Man sah keinen einzigen Stern am Himmel. Und so wunderte ich mich immer wieder, wie sie trotzdem nach Hause fand, blindlings. Ich bin sicher, sie brauchte ihre Augen eigentlich gar nicht. Sie blickte durch die Dinge hindurch und verstand alles, ohne wirklich hinzusehen. Wenn man mit ihr sprach, mied sie jeden Augenkontakt, schaute nach unten oder zur Sonne hinauf – nicht schüchtern, sondern klar und aufrecht, als würde sie über etwas wachen. Über die Käfer, die unter den Dielen krabbelten, oder über etwas anderes, wovon sie mir nie erzählte.

Es klang des Nachts manchmal ein Getöse aus dem Wald heraus, das mir Angst machte. Die Angst hielt mich wach, und ich konnte erst einschlafen, wenn Ingas Körper warm und zerzaust neben mir im Bett lag und sich um mich schlang.

Während Inga tagsüber durch die Gräser oder vielleicht schon durch das Walddickicht kriecht, liege ich auf der Wiese vor unserem Haus. Mit dem Kopf auf Sternmoos gebettet zähle ich die Schmetterlinge und Motten, die vorüberziehen, während meine Augen immer schwerer und schwerer werden. Ich wache auf. Die Sonne steht schon tief und orange wie ein Stück glühende Kohle am Himmel, und meine Haut – die brennt. Und als ich über sie fahre, ist sie ganz heiß und schmerzt noch mehr. Ich laufe zum Tümpel vor unserem Haus und spritze mir Wasser über die heißen Wangen. Mich sticht eine Bremse, und ich schreie auf, schreie instinktiv nach Inga, aber Inga ist nirgendwo.
Mit pochendem Stich renne ich ins Haus, meine Nase beginnt zu bluten und ich suche wie verrückt nach dem grünen Fläschchen mit der Tinktur, die Inga hergestellt hat aus Flechten, Mosen und grünen Gewächsen mit denen sie aus dem Wald zurückgekehrt ist. Ich finde sie nicht. Weinend lege ich mich ins Bett und schlafe irgendwann wieder ein.
Als ich morgens aufwache, klingt da ein Surren aus der Küche. Die Dielen knarren unter mir und da ist Inga, die Kaffee kocht und Brot in der Pfanne in gelbem Öl anbrät.
„Warum musst du immer gehen?“, frage ich. Sie schaut nach oben zur Decke und sagt gläsern:
„Es muss sich etwas ändern.“
„Ja, das finde ich auch“, murmele ich und reibe über den Bremsenstich an meinem Bein, der zu einem roten gewölbten Fleck geschwollen ist.
„Nein, du verstehst nicht.“, sagt sie. Noch nachdrücklicher formuliert sie: „Es muss sich etwas ändern.” Sie räuspert sich. „Das Große muss sich ändern. Etwas mit den Menschen.”
Sie schaut zum Fenster hinaus.
Das Licht strömt satt durch die Vorhänge hindurch und wirft ein tanzendes Muster auf ihre Haut. Ihre Stimme nun mehr ein Hauch:
„Ich muss gehen, Ronja.“
Ihre Worte greifen nach mir, doch ich kann sie nicht verstehen. Wie betäubt tapse ich langsam zum Fenster, reiße den Vorhang zur Seite und schrecke laut auf. Auf einmal sind da Marienkäfer überall wo ich hinsehe, brummen und surren sie mir entgegen, tanzen und fliegen durch den Raum, setzen sich an die Zimmerdecke. Ich renne aus dem Haus heraus aufs Feld.

Meine Schreie sind laut. Meine Schreie schlagen zum Himmel hinauf und gegen die Hauswände, bäumen sich auf und prasseln mit einer Wucht zurück – auf mich drauf wie ein Bumerang.
Ingas Schritte ertönen hinter mir.
„Ronja!“, ruft sie. Ihre Stimme ist fest. „Ronja!“
Ich drehe mich zu ihr herum. Sie blickt mir direkt in die Augen.
„Kommst du mit?“

Wir verlassen das Haus früh am Morgen. Der vergangene Tag ist der erste, an dem Inga nicht von meiner Seite gewichen ist. Ihr Blick verlor sich zwar oft im Draußen mit einem Flackern darin wie ein Feuer, das nur noch ein wenig Zündholz braucht, bis es lichterloh brennen wird, doch sie blieb mit mir.
Sie hat mir alles erklärt. Als ich angefangen habe zu verstehen, ist das Getöse aus dem Wald erst lauter und dann plötzlich still geworden.
Jetzt laufen wir durch das kniehohe Gras und der Ginster streift säuselnd meine Knöchel. Spinnen weben flüsternde Fäden durch die Halme. Tautropfen haben sich darin verfangen, glänzen wie zerbrechliche Perlen im Licht. Der Stoff meines Kleides verfängt sich zwischenzeitlich in einem Gebüsch. Als ich die Dornen behutsam aus dem Stoff lösen will, beginnt der Busch zu brennen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mein Kleid auszuziehen und es zurückzulassen. All das zurückzulassen.
Als wir in der Stadt ankommen, hat sich der Himmel bereits dunkel gefärbt, aber bei weitem nicht so dunkel wie bei uns zuhause. Wenn ich mich anstrenge, erkenne ich sogar ein paar Sterne und verzerrte, leuchtende Konturen am Himmel. Inga hat den ganzen Weg stur geradeaus geblickt, meine Hand aber nie losgelassen. Nun löst sie sich aus meinem Griff und schaut auch nach oben zum Himmel.
„Hier müssen wir sein“, sagt sie mit einer Klarheit in der Stimme, die noch lange in mir nachhallen wird.
Wir schlafen in einem Raum mit vielen anderen Menschen. Sie alle bereiten sich auf etwas vor – auf das, wovon Inga mir erzählt hat. Sie alle bringen sich ein auf ihre Weise. Manche sitzen über Papier gebeugt mit Stiften in der Hand, grübeln, werfen Sätze in die Runde, diskutieren, flüstern. Andere stehen mit roten feuchten Gesichtern beim Herd, schnibbeln Mohrrüben, Petersilie und raspeln Käse. Ein paar kümmern sich um Kinder, die sich krabbelnd über den Boden bewegen und quietschend auf ihrem Bauch herumrollen. Wieder andere üben lachend eine Choreographie. Von draußen werden immer mehr Kisten herein geschleppt, die mit Transparenten, Megafonen und anderen knisternden Gegenständen gefüllt sind. Es wird gemalt, gegessen, Musik gehört. Hände greifen gleichzeitig und versetzt in kristallene Gläser, legen sich Bonbons in die Münder und zeigen einander kichernd ihre blau eingefärbten Zungen. Inga ist, sobald wir angekommen sind, mit ein paar anderen die Treppe hinauf verschwunden. Ich fühle mich in all dem Trubel zunächst etwas verloren, doch als mir ein Junge mit bernsteinfarbenen Augen einen Kürbis in die Hand drückt und mich fragt, ob ich in der Küche helfen will, ergießt sich eine Wärme und das Gefühl hier richtig zu sein über mich, und sickert wallend bis zu meinen Zehen herab. Ich lerne ihre Namen, ihre Motive und ihre Sommersprossen kennen.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, strahlt die Sonne rot durch die Fenster und treibt mich nach draußen. Es zischt ein lauer Wind umher, bereitet sich vor auf die knisternde Fülle, die dieser Tag bringen wird. Ein Käfer landet sanft auf meiner Hand. Ich lasse ihn über meine Finger laufen und setze ihn auf den Rasen auf der anderen Straßenseite ab. Es flimmert in mir, dieses Gefühl. Dieses Gefühl, das mich trägt und mein Herz pochen lässt. Hier müssen wir sein, hallt es in mir auf.

Inga drückt mich noch einmal, bevor wir loslaufen. Wir reihen uns neben dem Jungen von gestern ein. Und hinter uns wachsen die Menschen an zu einem riesigen surrenden Schwarm. In Ihren Augen glänzt der Mut.
Wir laufen, wir strömen, wir nehmen den Platz ein.
Inga läuft mit fokussiertem Blick voraus, klettert auf die hohen Steine, die in der Mitte des Platzes stehen. Ihre Bewegungen sind flink und fließend.
Auf einmal wird es still. Buntes Licht flimmert durch die bogenförmigen Fenster der Häuser auf das Pflaster. Ein Raunen tanzt durch die Reihen und dann öffnet Inga ihren Mund.
Ich habe Inga noch nie zuvor singen gehört. Doch drängt sich ihre Stimme nun in alle Weiten, kriecht erst zittrig die Wände entlang, kaum mehr als ein Rascheln und steigt dann immer kräftiger hinauf nach oben, bis sie einen klaren Körper formt. Das Getöse wächst wütend aus ihrem Rachen heran. Und da erkenne ich es. Das Getöse des Waldes, das schon immer nichts anderes war als der Wald selbst, der Wald, der Wald ist – in all seinen Klängen, die nun immer wütender werdend nach draußen toben.
Und da verstehe ich es. Dass sie das Echo ist. Sein Echo. Des Waldes Echo. Dass sie verschwand, weil sie dem Wald lauschen musste. Dem Wald lauschen.
All seinem Krabbeln und Rascheln,
seinem Flüstern und Flimmern,
seinem Knistern und Wimmern,
seinem Rauschen und Winden und Blühen,
seinem Plätschern und Tropfen
und Flügelschlagen, seinem Gezwitscher,
seinem flehenden, wütenden Gesang.
Dass Inga seine Stimme finden musste, bis sie ihn verstand, dass er sie brauchte – so sehr, wie wir den Wald brauchen.
Doch können wir alle ein Echo sein. Das muss Inga nicht allein.

Anregungsfragen:

  1. Ist laut werden wichtiger – oder zuerst richtig zuhören?
  2. Kann Protest ohne innere Verwandlung glaubwürdig sein?
  3. Wer oder was braucht heute ein „Echo“?
  4. Ist Aktivismus individuell oder immer kollektiv?
  5. Wie entsteht aus Naturwahrnehmung politisches Handeln?

Soll der Text "Kommst du mit?" von Hannah Schulte Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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