
Franz-Josef Scholles, Jahrgang 1953, lebt mit seiner Ehefrau in Bad Neuenahr.
Als Spieleautor hat er über 40 Brettspiele entwickelt und veröffentlicht. Im Brotberuf
war der Diplom-Handelslehrer 30 Jahre lang als Lehrer für Deutsch und Wirtschaft
an einer Berufsschule tätig.
Seit einigen Jahren schreibt er. In verschiedenen Anthologien sind Texte von ihm
ausgewählt.
Seit 2035 – als europaweit die neuen Nutzungsregeln in der Landwirtschaft konsequent durchgesetzt werden – hat Anton kein Filetsteak mehr gegessen.
Anton, zur Jahrtausendwende geboren, hat in seiner Jugend noch die Zeiten des Überflusses erlebt, als Fleisch im Supermarktangebot häufig billiger als Gemüse und Obst war. Beim Metzger bekommt Anton als Kind ein Stück Fleischwurst direkt auf die Hand.
Die damals übliche Massentierhaltung und Tiermast gelten inzwischen als unethisch. Getreide darf ausschließlich für die menschliche Ernährung eingesetzt werden. Nahrungsmittelüberschüsse in Europa werden der Bevölkerung in den klimatisch benachteiligten Erdteilen überlassen.
So bleiben nur Wiesen für die Rindviehhaltung und Wälder für die Schweinemast. Überall, wo der Anbau von Nutzpflanzen im Flachland möglich ist, wird gepflanzt. Hanglagen werden für Rebflächen und den Obstanbau genutzt.
Anton empfindet ganz tief im Inneren die Weisheit der landwirtschaftlichen Behörde angesichts dieser Regelung. So kann er sein Traditionsweingut weiter bewirtschaften. Zusätzlich hat er mit Obstanbau und Brennerei ein zweites Standbein geschaffen.
Beim Arbeiten im Weinberg erfreut sich Anton an dem Blick der Viehweiden zu seinen Füßen. Überall grasen Milchvieh und Fleischrinder. Aber auch Hühnerfarmen mit großem Freilauf bevölkern die Wiesenlandschaft. Hühner sind schließlich die besten Fleischlieferanten und Eierproduzenten. Im etwas entfernten Wald sieht man die Sauen unter natürlichen Haltungsbedingungen ihr Futter weitgehend selbst suchen.
Ganz viele Hoferben, denen die Massentierhaltung verboten ist, haben auf Hangwirtschaft umgestellt und sind Antons Konkurrenten geworden. Das Angebot an Obst, Wein und Spirituosen ist daher gewaltig. Die Umwelt erholt sich langsam von der Massentierhaltung und industriellen Fleischproduktion. Welthunger gibt es nicht mehr, weil Getreideüberschüsse nicht mehr für Tiermast genutzt werden, sondern als Nahrungsmittelhilfe nach Afrika und Asien gehen. Außerdem hilft die tierreduzierte Landwirtschaft, die Klimaerwärmung abzuschwächen.
Das Gesundheitsministerium empfiehlt der erwachsenen Bevölkerung als Feierabendwein den Genuss einer Flasche in zwei Tagen. Wer nach dem Öffnen der Flasche viel trinkt, hat am nächsten Tag nur den kleinen Rest. Das Weinkontingent wird jeden Monatsanfang ausgeliefert.
An solchen Trinkregeln kann man die Lebensklugheit der Gesundheitsämter erkennen. Alternativ oder ergänzend werden als Absacker Obstler für Männer oder süße Liköre für die weibliche Bevölkerung von den Amtsdoktoren empfohlen. Freilich kann Anton sich nicht daran gewöhnen, dass er sich tierische Produkte wie Käsewürfel, Salami oder Bauchspeck zum Wein nicht leisten kann.
Denn der Viehbestand ist im Vergleich zu Antons Jugend auf ein Zehntel geschrumpft. Sündhaft teuer sind Milch, Butter, Käse und Fleisch, obwohl alles am Tier vollständig genutzt wird. Auch die früher verschmähten Innereien erfreuen sich, da relativ günstig, großer Beliebtheit.
Um Fleischrevolten zu vermeiden, werden für die Menschen im Prekariat Gemeinschaftssauen gehalten. Das Wohlfahrtsministerium hat nach dem Grundsatz „Von der Vergangenheit lernen“ einen alten Brauch aus dem Mittelalter adaptiert. Leider ist diese Sozialmaßnahme für Anton ein ständiges Ärgernis. Antonius-Schweine haben das Privileg, frei Land, Dorf und sogar Stadt durchstreifen zu dürfen. Im Herbst bevorzugen die Wutzen die Rebflächen und Obstplantagen des Winzers.
Jeder Bürger soll eigentlich das Borstenvieh füttern. Dies geschieht aber selten, da viele sich über die „Tiere für Arme“ in ihren Gärten und Höfen ärgern. Im Winter werden die nach dem Heiligen Antonius genannten Tiere eingefangen, geschlachtet, zerlegt und auf einen riesigen Freiluftgrill mit offenem Feuer gelegt.
Nur Bedürftige, die sich eine Fleischmahlzeit niemals leisten könnten, dürfen an den Schlachttagen Koteletts, Schnitzel und mehr genießen. Aus vielen Resten, die früher weggeworfen wurden, zaubern Köche wärmende Suppen. Obwohl die Obdachlosen und Wohlfahrtsempfänger immer noch dem Bier nachtrauern, was seit 2040, weil aus Getreide gebraut, nicht mehr angeboten werden darf, wird viel getrunken, notgedrungen Wein und Obstschnaps.
Der Fleischhunger des Proletariats führt dazu, dass – wie in den Anden – auch hierzulande das Meerschweinchen in der „Einfachen-Leute-Küche“ gehalten und mit Gemüseabfällen gefüttert wird. Als nicht einheimisches Tier wird es von den Behörden nur geduldet, obwohl sehr wohlschmeckend und fett.
Für Anton und die übrigen Bürger, die sich täglich (wenige), wöchentlich (einige) oder monatlich (viele) ein Stück Fleisch leisten, sind Grill-Restaurants angesagt. In der Kleinstadt, in der Anton lebt, gibt es für jede Fleischart einen rustikalen Grill am Stadtrand.
Anton hat einen exklusiven Zugang zu den Hühner-, Schweine- und Rinder-Grill-Stationen. Er beliefert die Fleisch-Restaurants mit Wein, Obstler und Likören. Alle Bratereien bieten eine Alkohol-Flatrate an, die häufig gebucht wird.
Manchmal begleitet Antons Tochter Ina den Vater bei den Auslieferungsfahrten, nicht ohne regelmäßige Dispute. Ina hat kein Verständnis für das Schlachten der Tiere. Dass die meisten Fleischgenießer beschwipst bis betrunken die Grillrestaurants verlassen, findet Ina widerlich. Wenn seine Tochter Anton begleitet, liefern die beiden nur schnell die Getränke im Lager ab. Wenn Anton jedoch alleine seine Weine und Spirituosen bringt, besucht er gerne den Grill. Traditionell gibt es Eintopfgerichte, ebenso Braten mit feinen Saucen. Wurst und Schinken zum Mitnehmen sind beliebt.
Am günstigsten sind die Hühnergaststätten, obwohl auf dem Schwarzmarkt ein Suppenhuhn gegen fünf Flaschen Schnaps getauscht wird. Geflügel verwertet das Futter besonders gut und kann auf engem Raum gehalten werden. Außerdem liefert es auch Eier in allen Zubereitungsformen, z.B. als Rührei, Spiegelei und Frühstücksei. Anton genießt als Vorspeise gerne eine Hühnersuppe. Als Hauptgang bestellt er meist in Knoblauch eingelegtes Hühnerklein mit Knochen. Das Gericht ist günstig und Anton kann das wenige Fleisch als Finger-Food abzuckeln.
Man kann auch Hühnerbrust, Schenkel und Flügel direkt vom Drehspieß bestellen. Überschüssige, unedle Hühnerteile werden nach Nordafrika exportiert. Gemüse und Beilagen werden nicht serviert. Dafür sind leckere Saucen gratis. Die Gäste konzentrieren sich ganz auf den Fleischgenuss. Niemand ist bereit, sein Fleisch zu teilen. Deshalb isst man auch meist alleine oder allenfalls mit dem Partner.
Nach dem Fleischmenü trinkt man einen Magenbitter und anschließend den gut gekühlten Weißwein oder schweren Rotwein.
Dabei versammeln sich die vorher einsamen Esser fröhlich an den äußeren Weintischen.
Leider setzen sich immer wieder Fleischliebhaber über das Verbot privater Nutztierhaltung hinweg und halten auf Hinterhöfen und Schuppen vor allem Hühner. Allerdings verrät der Gestank die Projekte. Bei Entdeckung werden die Hühner sofort geschlachtet und an den Hinweisgeber verteilt.
Schön kann man auf den riesigen Freilauf sehen, wo die Hühner in der warmen Jahreszeit genügend Futter finden. Sie streifen scharrend und pickend herum und finden dabei Samenkörner, Würmer, Blätter, Beeren, Gras und kleine Insekten.
Im Winter gibt es kaum noch Insekten, Gräser und Kräuter, so dass Obst, Gemüse und Küchenabfälle aus den Haushaltssammlungen im Futterspender angeboten werden. Am Tag vor der Schlachtung des nächsten Tagesbedarfs werden die Hühner, die ihr Mastgewicht erreicht haben, in den Stall getrieben. Danach bekommen sie bis zum nächsten Morgen kein Futter mehr. Kropf und Darm des Tieres sollen leer sein. Die Schlachtung erfolgt in den frühen Morgenstunden, wenn die Hühner noch schlafend auf der Sitzstange verweilen und die Gäste fern sind.
Anton leistet sich einmal im Monat ein Schweine-Kotelett. Die Restaurants im Landhaus-Stil haben in der Mitte einen riesigen Holzkohlegrill. Der ganze Gastraum duftet nach Fleisch. Die Schweine werden nach der Mast gruppenweise aus dem Wald bereitgestellt. Die neuen Schweinerassen können das ganze Jahr in den Wäldern verweilen. Das meiste Futter suchen sich die Sauen und Eber selbst. Kastanien, Bucheckern und Eicheln sind gefundenes Fressen für die Tiere.
Inzwischen haben die ehemaligen Hausschweine gelernt, auch Knollen, Früchte, Obst und Pilze, aber auch Insektenlarven, Mäuse und andere Tiere zu verzehren. Ergänzend werden die Schweine über dezentral aufgestellte Futterkrippen versorgt. Dort werden Gemüsereste, Küchenabfälle, Abfallprodukte der Lebensmittelproduktion, aussortierte Frischwaren der Supermärkte deponiert.
In jedem Wohnviertel sind fußläufig Tonnen für Küchenwertstoffe aufgestellt. Jeden Abend werden die Gemüse-, Kartoffel- und sonstigen Reste abgeholt und zeitnah die Futterkrippen aufgefüllt. Alle Sauen werden am Rücken mit den Brandzeichen der Grill-Station, die das Fleisch erhält, markiert. Riesige Zäune verhindern, dass die Wutzen den Wald verlassen.
Beim Restaurant werden sie in großen Gattern bereitgehalten und nach Bedarf tierfreundlich geschlachtet und zerlegt. Jeder Fitzel wird genutzt. Viele bestellen Schlachtfestsuppe aus Wurstbrühe mit Blutwursteinlage. Dabei wird die Blutwurst grammweise auf den Teller platziert, bevor die Suppe ausgeschöpft wird. Zufällige Blutwursteinlagedefizite oder Überschüsse werden so vermieden.
Am teuersten sind die Steak-Häuser im argentinischen Hazienda-Stil. Dort gibt es auch Milch, Joghurt und Käse. Während man ein Glas Milch gerne vor dem Steak trinkt, wählt man eine Käseauswahl zum Wein nach dem Grillfleisch.
Anton hat schon oft versucht, dem Fleisch-Luxus zu entsagen. Vergeblich, schließlich ist er von Kindheit an mit Rouladen, Gulasch, Hähnchen, Schnitzel, Steaks sowie diversen Fleischsuppen aufgewachsen.
Trotz Dutzender veganer Würstchen, Fleischklopsen, Schnitzel- und Hähnchenersatzangeboten kann kein pflanzlicher Burger für Anton die spezifische Konsistenz und Geschmacksentfaltung von Frikadellen erreichen. So ein Rindfleisch-Patty ist im inneren locker und weich, außen aromatisch und kross.
Ina versucht, Anton mit Burgern auf Basis von Erbsenprotein, Soja und Gemüse vom Fleisch wegzulocken. Sie kauft Pattys mit ganz unterschiedlichen Varianten mit Pfeffer, Paprika, Curry, Zwiebeln oder Knoblauch gewürzt. Ihre hausgemachten Soßen helfen beim Überdecken der matschigen Konsistenz. Anton mag noch am liebsten die Tofu-Bällchen mit vielfältigen Geschmacksrichtungen, die ähnlich wie Fleisch schmecken, riechen und aussehen. Ein aufwändiger Produktionsprozess sorgt dafür, dass die Klopse fest und saftig wirken. Fette, Aromen, Stabilisatoren und Zusatzstoffe sind optimiert.
Anton und Ina sehen sich gemeinsam Gesundheitssendungen an, die betonen, wie ungesund Fleisch ist und viele Krankheiten wie Rheuma, Arthritis, Herz-Kreislauf- und Gelenkerkrankungen verursacht.
Dagegen wird geschwärmt, wie gesund die vegane Ernährung ist. Tatsächlich sind Veganer durchweg schlank bis dünn, was die Chancen auf Langlebigkeit deutlich verbessert. Vor allem wird Tierleid vermieden. Schließlich hängen Tiere, genauso wie wir, an ihrem Leben.
Die Fleischtempel sind den vegetarisch und vegan lebenden Bürgern ein Dorn im Auge. Einmal wegen der Geruchsbelästigung durch die auf den Freiflächen gehaltenen Tiere. Zum anderen durch den nervenden Bratenduft. Zudem wegen der späten Gäste, die alkoholisiert die Gastronomie-Betriebe verlassen.
Personen, die mehrmals wöchentlich den Grill besuchen, werden ähnlich stigmatisiert wie die Raucher im Lande, bevor das Rauchen 2045 verboten wird und die Tabakanbauflächen für die Kartoffel- und Gemüseerzeugung genutzt werden.
Wie bei den Raucherentwöhnungsprogrammen sind auch die Fleischreduzierungsprogramme der Behörden gescheitert. Die Beamten appellieren inzwischen an die jungen Eltern, die Kleinkinder erst gar nicht an den Fleischverzehr zu gewöhnen. Dies verlangt allerdings, dass die Eltern erst spät abends, wenn die Kinder schlafen, mit dem Schnitzelbrutzeln beginnen.
Anton kommen inzwischen die Grill-Stücke als rohes Vergnügen vor. Seine Tochter, die Medien und Doktoren haben ganze Arbeit geleistet. Sein 50. Geburtstag soll sein letzter Besuch am Grill sein.
Die „Hazienda“ will er gemeinsam mit seiner Winzerin besuchen. Er wählt für sich das Komplett-Paket, bestehend aus einem Glas Milch zum Aperitif, einem Filetsteak 150 Gramm als Hauptgang sowie eine Käseauswahl als dritten Gang. Charlotte bucht lediglich eine Rindfleischsuppe und probiert von den Käsewürfeln. Als Getränk hat Anton eine Flasche Winzersekt gewählt. Dieser Abend kostet Anton den Gegenwert von 45 Flaschen Wein. Er wird viel Geld sparen als Fleischverächter. Mit Kartoffeln und Nudeln sowie Gemüsebeilagen wird er genügend Kalorien verzehren. Leckeres Brot mit Pflanzenmargarine und hausgemachter Marmelade mundet ihm ebenfalls.
Er hofft, bald zu vergessen, welchen besonderen Geschmack, welche Konsistenz und welchen Geruch echtes Fleisch von Nutztieren hat. Er ist stolz, dass Europa inzwischen mit den riesigen Getreideüberschüssen hungernde Menschen weltweit ernährt. Bedenklich findet Anton jedoch, dass in Afrika ein Teil des Getreides zur Hühnermast verwendet wird.
Anregungsfragen:
- Wie viel persönlichen Verzicht darf eine gerechte und nachhaltige Gesellschaft vom Einzelnen verlangen?
- Ist eine „Utopie“ noch wünschenswert, wenn sie zwar global hilft, aber individuell als Verlust erlebt wird?
- Wie ehrlich gehen Gesellschaften mit Ersatzhandlungen, Doppelmoral und Schwarzmärkten um?
- Kann staatliche Regulierung von Konsum langfristig Werte verändern – oder nur Verhalten erzwingen?
- Wo verläuft die Grenze zwischen notwendiger Transformation und kultureller Entfremdung?
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