Erika Kuhn – Die Jagd nach Frieden

Erika Kuhn, geboren in Nürnberg, lebt mit ihrer Familie im bayerischen Odenwald. 
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg. Dozentin in der Erwachsenenbildung. Ehrenamtliche Tätigkeit in einem Hospizverein. Veröffentlichungen: „Ich bin nicht du. Mut zur eigenen Meinung“, 2019, „Alltag oder Leben zwischen Tragödie und Komödie“, 2020. „Die drei Leben des Maylo“, Aug.2025. Mitwirkung an den Anthologien „365 Tage Liebe“ und „365 Tage Frieden“, Hrsg. Rüdiger Heins. Zudem veröffentlichte sie diverse Beiträge in der Literaturzeitschrift „Experimenta“. 


Eine Wespe. Im Badezimmer. Anfang Dezember.
Bevor ich sie sehe, höre ich ihr Summen.

Mit dem Lied „Ein bisschen Frieden“ erreichte Nicole Anfang der Achtzigerjahre den ersten Platz beim Eurovision Song Contest und wurde damit in ganz Europa sehr erfolgreich. Der Frieden wird nicht nur besungen, es wird über ihn gesprochen, geschrieben, gelesen und diskutiert. Auf Wahlplakaten wird er provokativ in Szene gesetzt und auf Demonstrationen laut geschrien.
Von Frieden sind wir heute weiter denn je entfernt, ein bisschen Frieden ist nicht in Sicht, und einen 1. Platz haben wir mit unseren bisherigen Bemühungen auch nicht errungen. Wespen haben eine Vielzahl natürlicher Feinde. Menschen erschaffen sich ihre Feinde, und man könnte meinen, dass ihnen diese näher am Herzen liegen als ihre Freunde.

Ich hole den Kescher, versperre ihr den Fluchtweg, ziehe den Vorhang hoch, öffne das Fenster und befördere sie ins Freie. Sie fliegt davon. Die Wespe weiß nicht, dass sie den Winter nicht überleben wird.
Ich schon.
So hoffe ich zumindest.

Alle Menschen wissen, dass sie sterben werden und dass ihre Lebensspanne im Vergleich zur Sonne und den Planeten relativ kurz ist. Wann werden sie ihre Zeit nicht mehr damit vergeuden, sich gegenseitig umzubringen?
Eine Birke, eine Eiche
Nebeneinander
Blühen zusammen, vergehen zusammen
Zwei Enten
Getragen vom Fluss
Ein Vogelschwarm
Eine Richtung
Menschen schlagen sich tot

Wenn wir von Krieg sprechen, tauchen meist Bilder von zerstörten Städten und Landschaften, fliehenden, verletzten oder toten Menschen auf. Das sind die Kriege, die Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen führen. Doch was ist mit den kleinen Kriegen? Den Nachbarn, mit denen wir wegen schattenspendender, laubverlierender Bäume streiten, den Partnern, der Familie, den Kollegen? Den Kollegen, die wir nicht leiden können, die wir mobben? Was ist mit den Kriegen in uns? Dem Ringen mit den eigenen Gedanken, Gefühlen, Werten oder Entscheidungen. Unseren Ängsten, Unsicherheiten, Schuldgefühlen und widersprüchlichen Bedürfnissen, die als anhaltender innerer Konflikt und Kampf in uns stattfinden können. Was hat dies jedoch mit den Kriegen in der Welt zu tun? Es hat damit zu tun.
Seit Jahrtausenden ringt die Menschheit mit der Frage nach Krieg und Frieden – von den ältesten literarischen Zeugnissen wie dem Gilgamesch-Epos über die Bhagavad Gita und antike Philosophen bis in die Gegenwart.

Die Wespen werden mehr.
Ich zähle viele lebende und mehrere tote.
Inzwischen öffne ich die Badezimmertür ganz vorsichtig, spähe durch den Spalt und betrete erst dann das Badezimmer.
Eine Wespenphobie macht sich breit, was dazu führt, dass ich über meine anderen Phobien nachzudenken beginne, sofern mir welche einfallen.
Das Badezimmer nicht mehr zu betreten, ist auch keine Option.

„Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“
Dieser bekannte Spruch erinnert an die Proteste der Friedensbewegung der 1960er-Jahre. Er wird dem amerikanischen Dichter Carl Sandburg zugeschrieben, wenngleich die Formulierung in seinem Gedicht „The People“ lautet: „Sometime they‘ll give a war and nobody will come.“ Deutsche Übersetzung: „Eines Tages werden sie einen Krieg ausrufen, und keiner wird kommen.“
Dieser Tag ist leider noch nicht gekommen, und blickt man heute in die Welt, könnte einen die schiere Verzweiflung überkommen.

Die Wespen sind immer noch da. Der Unfrieden auch. Ich öffne das Fenster nicht mehr. Meine Vermutung, dass sie von draußen kommen, erweist sich als falsch. Sie sind im Innern.

Die Einsicht, die das Gilgamesch-Epos vor ca. 2100 Jahren v. Chr. vermittelt, hat die Menschheit bisher nicht erreicht: die Erkenntnis, dass Frieden und innere Akzeptanz erfüllender sind als kriegerische Eroberungen und dass die wesentlichen Werte im Leben nicht durch Gewalt, sondern durch Weisheit und menschliche Verbundenheit erreicht werden können.
Ähnlich dem Gilgamesch-Epos erzählt auch das Mahabharata, eines der bedeutendsten Epen der indischen Literatur, von Krieg, Frieden und Gewalt. In der Geschichte der rivalisierenden Familien der Pandavas und Kauravas und ihres Krieges auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra spielt das Thema Frieden eine komplexe Rolle. Eindringlich werden hier die schrecklichen Folgen des Krieges aufgezeigt. Bhishma, einer der weisen Ältesten des Mahabharata, erklärt auf dem Sterbebett, dass Frieden ein erstrebenswertes Ideal ist und wahrer Frieden auf Gerechtigkeit, moralischen Werten und dem Respekt vor dem universellen Gesetz beruht. Die Pflichten eines Königs und Anführers bestehen darin, Frieden zu schaffen und Gewalt zu vermeiden.
Aus dem Mahabharata-Epos ist Jahrhunderte später die Bhagavad Gita hervorgegangen. In dieser spricht unter anderem der Gott Krishna zu dem Krieger Arjuna, der sich auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra befindet und Zweifel hat, ob er in einem Krieg kämpfen soll. Frieden wird in der Gita nicht nur als äußere, sondern auch als innere Dimension des Seins behandelt.
Die zeitlose Botschaft der Bhagavad Gita bezieht sich nicht nur auf eine historische Schlacht, sondern auf den kosmischen Widerstreit zwischen Gut und Böse. Sie beschreibt das Leben als eine Reihe von Kämpfen, die zwischen dem Geist und der Materie stattfinden – zwischen Seele und Körper, Leben und Tod, Wissen und Unwissenheit, Gesundheit und Krankheit, Beständigkeit und Vergänglichkeit, Selbstbeherrschung und Versuchung, Unterscheidungskraft und blindem Sinnesbewusstsein. Vyasa weist darauf hin, dass man die Kraft der Innenschau aufbieten muss, um die Konflikte, die der Tag mit sich gebracht hat, in Gedanken zu untersuchen und festzustellen, ob das Ergebnis günstig oder ungünstig war.

Mein Konflikt mit den Wespen nimmt zu. Ebenso die Anzahl der Herumschwirrenden in meinem Badezimmer. Viel Zeit verbringe ich damit, sämtliche Ritzen einschließlich der Holzdecke nach möglichen Schlupflöchern abzusuchen. Ich finde nichts.

Krishna lehrt Arjuna, dass wahrer Frieden aus dem Inneren kommt und niemals durch Gewalt, sondern nur durch Einsicht, Mitgefühl und Verständnis erreicht werden kann.
Diese Erkenntnis wurde von vielen großen Denkern und Philosophen in späteren Jahren aufgegriffen und vertieft.
Jiddu Krishnamurti, ein indischer Philosoph und spiritueller Lehrer, war der Überzeugung, dass Frieden nur durch Selbsterkenntnis, innere Transformation und das Ende des Denkens in Gegensätzen erreicht werden kann. Nicht die äußeren Umstände oder politischen Bemühungen sind erforderlich, sondern eine radikale Veränderung in der Psyche des Einzelnen ist unverzichtbar.
Frieden sei nur möglich, wenn das Individuum frei von Angst, Vorurteilen und Konditionierungen ist. Er sah einen tiefen Zusammenhang zwischen Liebe und Frieden. Liebe war für ihn nicht nur ein emotionales Gefühl, sondern ein Zustand des Seins. In diesem ist der Mensch frei von Ego, Selbstsucht und Besitzgier. Frieden entsteht, wenn der Mensch fähig ist, in bedingungsloser Liebe zu leben, ohne Trennung oder Konflikte. Eines seiner zentralen Zitate hierzu:
„Frieden kann nicht ohne Liebe existieren. Wenn du Liebe verstehst, verstehst du Frieden.“

Soll ich die Wespen lieben? Ich mag Tiere und vermeide es, sie zu töten. Aber liebe ich sie? Den Zustand von Agape habe ich noch nicht erreicht, und zugegeben, im Alltag verhalte ich mich auch nicht immer wie ein Jainist. Mitunter mache ich einer Fliege, die mich bei der Zubereitung des Essens penetrant umschwirrt, schon mal den Garaus.

Für Krishnamurti war klar, dass innerer Friede der Schlüssel zum weltweiten Frieden ist.
In ähnlicher Weise sieht es auch Rumi, der große persische Mystiker und Sufi-Dichter des 13. Jahrhunderts. Sein oft zitierter Spruch „Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns“ zeigt seine Überzeugung, dass wahrer Frieden nur entstehen kann, wenn wir die dualistischen Vorstellungen von Gut und Böse, Richtig und Falsch überwinden und uns auf einer tieferen Ebene begegnen. Auch für Rumi ist Frieden in erster Linie ein innerer Zustand, der durch Liebe, Selbstlosigkeit, Vergebung und die Vereinigung mit dem Göttlichen erreicht werden kann. Frieden ist nicht von äußeren Umständen abhängig, sondern von der Reise eines jeden Menschen hin zu seinem wahren Selbst und zu Gott.
Setzen wir die Liste der Dichter und Philosophen noch etwas fort, so dürfen Khalil Gibran und Rabindranath Tagore nicht unerwähnt bleiben. Auch Gibran ist der Überzeugung, dass Frieden kein äußeres Ziel ist, das durch politische oder militärische Mittel erreicht werden kann. Als wesentliche Schritte auf dem Weg zum Frieden betont er die Bedeutung von Vergebung, Mitgefühl und der Überwindung des Egos und des Grolls.
Der Dichter, Philosoph und Friedensaktivist Rabindranath Tagore reflektiert wie viele andere sowohl über den inneren Frieden als auch über den Frieden in der Weltgemeinschaft. Für ihn ist Frieden eine zutiefst spirituelle und menschliche Angelegenheit. Erreicht werden kann dies durch innere Harmonie, Liebe, Bildung und die Erkenntnis der universellen Einheit.
All diese Gedanken ließen sich mit der Sichtweise des Dalai Lama zusammenfassen: „Weltfrieden muss durch inneren Frieden erreicht werden.“

Mit dem Kescher gelingt es mir nicht mehr, alle Wespen einzufangen und ins Freie zu entlassen. Ich greife zur Fliegenklatsche und habe sofort ein schlechtes Gewissen. Der Dalai Lama fällt mir ein und dass der starke Drang, am Leben zu bleiben, also diese spezielle Bewusstseinserfahrung nicht aufzugeben, bei Mensch und Tier gleich ist.

Weniger spirituell, dafür pragmatischer waren Immanuel Kant und Albert Einstein in ihren Vorstellungen von Frieden. Kant beschreibt in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ die Bedingungen für einen dauerhaften Frieden. Seine Version baut auf einem internationalen Rechtssystem, republikanischen Verfassungen und einem Völkerbund auf. Frieden war für ihn ein ethisch notwendiges Ziel und eine universelle Pflicht der Menschheit.
Auch Albert Einstein, ein bekannter Pazifist, setzte sich immer wieder für Frieden, Abrüstung und internationale Zusammenarbeit ein. Fortwährend machte er deutlich, dass Gleichgültigkeit und Inaktivität ebenso schädlich sind wie direkte Gewalt und es in der Verantwortung eines jeden Einzelnen liegt, aktiv für den Frieden einzutreten. Zusammen mit dem Philosophen Bertrand Russell unterzeichnete er 1955 die sogenannte Einstein-Russell-Erklärung. In dieser riefen sie Wissenschaftler und Regierungen weltweit zur Zusammenarbeit auf, um internationale Konflikte friedlich zu lösen und auf Atomwaffen zu verzichten.

Nach Tagen erfolgloser Bekämpfung der Wespenplage findet sich endlich die Quelle des Einflugs: ein unsauber abgedichtetes Rohr in der Wand. Wir verputzen es. Die Wespen sind weg. Mein vorsichtiges Betreten des Badezimmers, mein Lauschen und meine umherschweifenden Blicke nicht.

Nicht unerwähnt bleiben sollen auch jene, die über Frieden nicht nur nachdachten, sondern zusätzlich aktiv wurden. Die bekanntesten darunter sind Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Martin Luther King.
Für Gandhi war Gewaltlosigkeit das oberste Gebot, und er war der Überzeugung, dass Frieden nur durch Gerechtigkeit und den Verzicht auf Gewalt erreicht werden kann. Mit der Beendigung der britischen Kolonialherrschaft zeigte er der Welt, wie dies mit friedlichen Mitteln gelingen kann.

Gerechtigkeit war für Nelson Mandela eines seiner zentralen Anliegen. Dies sei eine wesentliche Voraussetzung für den Frieden und nicht die Abwesenheit von Konflikten. Er betonte immer wieder die Bedeutung der Versöhnung und des Dialogs.
Saß Mandela für seine Überzeugungen jahrelang im Gefängnis, so kostete der Kampf gegen Rassendiskriminierung, für Bürgerrechte und gewaltfreien sozialen Wandel Martin Luther King das Leben.

Einige Tage Ruhe, dann taucht die erste Wespe in der Küche auf. Weitere folgen. Ich fühle mich bedroht. Eine sticht mich in den Finger.

Ich bin nicht allergisch, kenne aber einige, die ohne Gegenmittel im Sommer das Haus nicht verlassen. In meiner Erinnerung taucht ein junger Mann auf, der mit seinem Fahrrad den ganzen Tag Runden dreht. Er war geistig behindert, und es wurde gemunkelt, dass die Hebamme während der Geburt vor der Haustür stand, um zu rauchen. Deshalb hat er bei der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten. Alle mochten ihn, er war immer freundlich, hilfsbereit und mit seinem Fahrrad sofort zur Stelle, wenn etwas Außergewöhnliches passierte. Eines Tages war er mit seinem Vater, der viele Gärten und Äcker hatte, auf einem Feld weit vom Ort entfernt. Da stach ihn eine Wespe. Das Spray hatte er nicht dabei. Der Notarzt kam zu spät, er war tot. Festgestellt hat man allerdings, dass er nicht an dem Wespenstich, sondern an einem Herzinfarkt starb. Er war derart in Panik geraten, dass sein Herz stehen blieb.

Nicht alle großen Denker sind hier zu Wort gekommen. Für viele ist Frieden weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg. Es ist ein Zustand der inneren und äußeren Harmonie, der Gerechtigkeit, der Mitmenschlichkeit und der Freiheit. Voraussetzung dafür sind die Achtung der Menschenrechte, Verständnis und Liebe.

Wir finden auch hier die Einflugschneise
und machen sie dicht.
Die Wespen sind weg,
die Kriege nicht.

Anregungsfragen:

  1. In welchem Verhältnis stehen innere Konflikte des Einzelnen zu gesellschaftlichen und globalen Kriegen?
  2. Kann Frieden politisch verordnet werden, oder muss er immer beim Individuum beginnen?
  3. Wo liegen die Grenzen von Gewaltlosigkeit, wenn Angst und Selbstschutz ins Spiel kommen?
  4. Welche Verantwortung trägt der Einzelne angesichts weltweiter Konflikte, die er nicht direkt beeinflussen kann?
  5. Ist Frieden eher ein moralisches Ideal oder eine praktisch erreichbare gesellschaftliche Realität?

Soll der Text "Die Jagd nach Frieden" von Erika Kuhn Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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