
Elke Messer-Schillinger, geboren 1972 in Oberfranken, lebt und arbeitet in Heidelberg. Sie schreibt privat wie beruflich. Als Grafikerin arbeitet sie im Marketing und war lange in der grafischen Industrie tätig.
„Sei ein guter Verlierer!“, wurde von mir verlangt. Da war ich noch ein Kind und es ging um Dinge wie eine Partie Mensch ärgere Dich nicht.
Ich mache immer, was man von mir will. Im Falle des guten Verlierens dauerte es eine Weile, bis ich den Bogen raus hatte. Es ist gar nicht so einfach, denn es gibt keine Regeln.
Für manche ist ein guter Verlierer, einer der lächelnd die Hand reicht, dem Gewinner applaudiert oder das Spielfeld aufräumt. Für andere muss sich ein guter Verlierer richtig aufregen, heulen, schreien und mit Dingen werfen.
Es kommt auf den Gewinner an.
Erfolgreiches Verlieren ist ein Handwerk. Eine Kunst.
Aber sehen Sie selbst:
Momentan bin ich in einer ganz dummen Situation.
„Jaja, das ist alles sehr ernst. Wissen wir“, winkt der Moderator ab. Ich lehne mich mit hochgezogenen Augenbrauen in meinem Stuhl zurück. Meine Vorstellung ist also beendet und hat nicht den nötigen Unterhaltungswert geliefert.
„Aha.“, sage ich.
„Natürlich!“, nickt er. „Aber jetzt mal ehrlich: Muss alles immer so düster klingen? Passiert einer linken Aktivistin nie was Lustiges?“
Der Rechtspopulist auf der anderen Seite des Gesprächshalbrunds verkneift sich ein Grinsen und schüttelt den Kopf.
„Woher soll ich das wissen?“, frage ich.
Der Moderator stutzt.
„Ich erkenne Lustiges nicht. Aktivisten gehen zum Lachen in den Keller. Besonders Frauen.“, antworte ich und beuge mich verschwörerisch zu ihm hinüber, um ihm ein Geheimnis zuzuflüstern: „Die mit Doppelnamen sind die schlimmsten!“
Er runzelt die Stirn und blickt auf seine Unterlagen, um nochmal nachzulesen, wie ich heiße. Als er den Kopf hebt, ist nur noch meine linke Augenbraue hochgezogen.
Der Moderator räuspert sich: „Also keine Anekdote für unser Publikum?“, fragt er säuerlich.
Ich zucke mit den Schultern.
„Kommen wir zu Ihnen, Herr Dings“, wendet er sich an den Rechtspopulisten. „Sie sind eines der bekanntesten Gesichter Ihrer Partei und polarisieren immer wieder in der Öffentlichkeit.“
Ich schnaube. Herr Dings legt los: „Zuerst mal, Herr Bumms: Ich wurde in die Irre geführt! Hier sitzt eine bekannte Linksextremistin und Sie erwarten, dass ich mich dem aussetze? Ich hätte gute Lust zu gehen.“
„Ich geh‘ mit“, werfe ich aus dem Off ein.
„Sie sind nicht dran!“, schnauzt Dings in meine Richtung und Bumms hebt beschwichtigend die Hände.
„Ja, was ist jetzt?“, frage ich.
„Gehen Sie doch!“, schreit Dings.
„Nö!“, sage ich.
„Beruhigen Sie sich!“, versucht Bumms wieder Kontrolle zu erlangen. Dabei sieht er mich an und ich fange an zu lachen.
„Da, völlig hysterisch!“, kreischt Dings.
Dann herrscht Schweigen.
Man hat uns neben die Stühle kleine Wasserflaschen gestellt. Der Kunststoffring unter dem Deckel knirscht, als ich ihn drehe und die Versiegelung aufbreche. Leider ist es stilles Wasser und nichts zischt. Ich biege den tethered cap nach hinten und nehme einen Schluck. Das Wasser hat Zimmertemperatur und null Geschmack. Über den blauen Deckel hinweg bemerke ich, wie der Rechtspopulist mich fixiert. Oder besser: Die Flasche.
Mit ausgestrecktem Zeigefinger stochert er in meine Richtung. Bumms folgt der Geste mit dem Blick. Seine Hand mit den Moderationskarten zittert.
„Da! Auswüchse der EU-Bürokratie! Bevormundung freier Bürger! Das wird es mit uns nicht geben!“ blafft Dings.
Ich setze gemächlich die Flasche ab, drehe den Deckel wieder zu und stelle sie zurück auf den Boden. Der Moderator sieht mich erwartungsvoll an.
„Wussten Sie, dass Kohlensäure die Verdauung anregen kann?“, frage ich ihn.
„Darum geht es doch jetzt nicht.“, antwortet er verwirrt. Kleine Schweißperlen stehen auf seiner Oberlippe.
„Worum geht es denn?“, frage ich zurück.
Nebenan erklärt der Rechtspopulist farbig, wie sehr er darunter leidet, dass ich ihm nicht gefalle, nichts gelernt habe, von der Antifa bezahlt werde und intellektuell unterlegen sei.
Bumms bittet darum, sachlich zu diskutieren und nicht ad hominem.
Dings fährt deshalb aus der Haut, verbittet sich die Zensur seiner Meinungsfreiheit und bezichtigt Bumms, ein Systemling zu sein. Er solle sich schon mal Gedanken darum machen, welchen Job er ausüben wolle, wenn Dingsens Partei das Sagen habe.
„Weg mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk!“, trötet der Rechtspopulist.
Es liegt etwas Flehendes im Blick des Moderators, als er mich ansieht. Ich hebe die Schultern und breite meine Hände aus. Die Scheinwerfer strahlen hell auf uns. Deshalb ist vom Publikum nichts zu erkennen, aber ich sehe eine Uhr an der Wand über einem der Kameramänner. Die Livesendung läuft seit etwa 10 Minuten. Von 75.
Bumms lauscht auf etwas, das ihm die Aufnahmeleitung über seinen Knopf im Ohr mitteilt. Er holt Luft, dreht sich zu mir und schlägt einen autoritären Ton an:
„Das hier ist ein Diskussionsformat!“
Ich nicke interessiert.
„Sie haben die Gelegenheit, Herrn Dings inhaltlich zu stellen!“
Der Rechtspopulist springt auf, deutet auf den Moderator und kreischt, das sei ja klar gewesen. Man habe ihn an den Pranger stellen wollen! Manipulation!
Bumms schlägt nach den Händen von Dings, die vor seinem Gesicht herumfuchteln. Mit einem Klatschen treffen ihre Handrücken zufällig aufeinander. Dings schreit auf und ruft nach der Security. Bumms starrt ihn schockiert an.
Ich schlage die Beine übereinander.
Meine Ellenbogen liegen auf den Armlehnen des Sessels und meine Fingerkuppen formen einen spitzen Turm vor meiner Brust.
Jemand mit einem Headset auf dem Kopf und einem DIN-A4-Blatt in der Hand stürzt auf die Bühne, stellt sich zwischen Dings und Bumms und redet auf den Rechtspopulisten ein.
Der will nicht zuhören. Mit überschnappender Stimme droht er rechtliche Konsequenzen an, geht aber nicht weiter ins Detail. Dann stürmt er von der Bühne.
Neben mir kniet ein Kameramann, der das Chaos aus einem besonders dramatischen Winkel filmt.
„Sind wir noch live auf Sendung?“, frage ich.
Er nickt knapp.
Der Mensch mit Headset geht ab, der Kameramann steht auf, um das komplette Set zu filmen. Darauf zu sehen sind: Ein leerer Stuhl, ein schockierter Moderator und ich. Eine Weile sagt niemand etwas, dann fragt mich der Moderator mit leiser Stimme:
„Warum?“
Die beiden Kameraleute nehmen ihre Geräte von den Schultern. Geräusche von der Zuschauertribüne signalisieren aufkommende Unruhe. Der Moderator zupft sich seinen Knopf aus dem Ohr. Wir sind raus. Er schüttelt matt den Kopf.
„Konstruktives Verlieren“, antworte ich ihm.
Bumms sieht mich fragend an.
„Ich nenne es die Bartleby-Methode“, sage ich, stehe auf und gehe.
Anregungsfragen:
- Ist bewusste Verweigerung („Nicht-Mitspielen“) eine legitime demokratische Strategie – oder überlässt sie problematische Räume kampflos den Lautesten?
- Wie sehr prägt das Format politischer Talkshows die Inhalte – und wann scheitert Diskurs am System selbst? Führt Informationsüberfluss zu mehr Mündigkeit – oder begünstigt er den Wunsch nach einfachen Antworten und Autoritäten?
- Wird politische Debatte heute stärker als Unterhaltung inszeniert – und welche Folgen hat das für demokratische Kultur?
- Ist „konstruktives Verlieren“ ein Zeichen von Resignation oder von strategischer Klugheit?
- Wo liegt die Grenze zwischen notwendiger Auseinandersetzung und der Einsicht, dass ein Gespräch strukturell nicht möglich ist?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
Unterstützen Sie auch unser Ziel, das Buch in den Deutschen Bundestag zu bringen: