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Daniela Grommisch – Der Unbekannte

Daniela Grommisch wohnt mit ihrer Familie am nördlichen Harzrand. Ihre Freizeit verbringt sie in der Natur, im Garten oder mit Büchern. Seit der Schulzeit schreibt sie Kurzgeschichten, die vereinzelt veröffentlicht wurden.


6:00 Uhr. Eine Melodie unterbricht seinen traumlosen Schlaf. Müde reibt er sich über das Gesicht und schlägt die Decke auf. Duschen, Zähneputzen, vier Scheiben Toast, eine Tasse Kaffee – wie jeden Morgen. Das Radio berichtet von Krieg und Zerstörung, anschließend tönt Pharrell Williams‘ Happy aus dem kleinen Lautsprecher und bestimmt damit den Ohrwurm des Tages.
Er zieht sich Schuhe und Jacke an, nimmt den Rucksack und verlässt seine kleine Wohnung in der 7. Etage des Hochhauses einer Neubausiedlung. Neun Stockwerke, je acht Wohnungen pro Etage. Die Wohnungen sind klein und billig, selten sieht er ihre Bewohner. Im Treppenhaus riecht es nach kaltem Rauch und aus einer der anderen sieben Wohnungstüren dringt Kindergeschrei. Er steigt in den Fahrstuhl und drückt das grüne E.
Unten angekommen bemerkt er eine offene Wohnungstür. Die Bewohnerin, eine alte Dame, steht an den Briefkästen und zieht die Tageszeitung heraus. Sie trägt braune Schlappen und einen Morgenrock.
Ausdruckslos blickt sie kurz hoch, als er vorbeigeht.

Kalt ist es heute. An der S-Bahn stehen vermummte Menschen, die Mützen tief über die Stirn gezogen und den Schal bis über die Nase. Die Bahn hält, alle drängen ins warme Innere. Egal welche Bahn, egal zu welcher Uhrzeit – derselbe seltsame Geruch hängt im Inneren. Ein Geruch nach Abgasen, Polstern und dem Gemisch der hunderten von Leuten, die jeden Tag für einige Zeit in den Waggons sitzen und niemanden ansehen.
Er setzt sich und zieht sein Handy aus der Tasche. Keine Nachrichten. Facebook, Insta, Threads – kurz durchscrollen, gucken was es Neues in der Welt gibt. Hunde im Schnee, eine Frau zieht sich warm an, jemand kocht ein Gericht mit Eiern – da ist die Haltestelle schon.

Kurz noch zum Bahnhofskiosk, eine Cola und eine Schachtel Marlboro kaufen. An der Kasse steht ein schwarzhaariger Mann mit Vollbart, der seine Artikel wortlos einscannt. Er hält seine EC-Karte hoch, der Mann drückt eine Taste und zeigt auf das Kartenlesegerät. Ohne auf die Zahlen zu achten, hält er seine Karte an das Gerät.
Schulkinder mit dicken Rucksäcken laufen links und rechts neben ihm, als er den Bahnhof verlässt. Er schwappt mit der Menschenmenge über die Straße und dann ist er da. Hinter der großen Glastür stehen ein paar Kollegen im Foyer und telefonieren. 2. Etage, rechter Gang, Großraumbüro, hinterer Block am Fenster. Es stehen immer drei Schreibtische zusammen, getrennt von modernen Akustikpaneelen, die für ein besseres Raumklima sorgen sollen. Heute sitzt er mit einer blonden Frau und einem bärtigen Mann zusammen, die er noch nie gesehen hat. Er sieht sie kurz, bevor er sich auf den Drehstuhl fallen lässt. Freundliche hellgrüne Wände umgeben ihn, heute ein kleiner Fleck in der linken Ecke.

Er packt seinen Laptop, die Maus und eine Cola aus, und wählt sich ins Intranet. In den nächsten Stunden fließen Zahlenkolonnen über seinen Bildschirm, Fehler werden erkannt und korrigiert. Ab und an telefoniert jemand im Raum, ansonsten arbeiten alle still und konzentriert.
Um 12:00 klappt er den Laptop zu und geht in die Kantine. Er nimmt ein Tablett und wählt über den Bildschirm ein Menü aus. Ein Bon wird gedruckt. 86 ist seine Abholnummer, die 69 wird gerade angezeigt. Also sucht er einen freien Platz und wartet auf den Aufruf.
Currywurst mit Pommes – geht immer. Er blickt aufs Handy, keine Nachrichten. Also scrollt er sich durch kurze Videos. Leute tanzen über Zebrastreifen. Eine Katze fällt vom Dach. Vier Personen sitzen mit ihm am Tisch, alle die Augen auf dem Smartphone. Irgendwo am Ende des Raumes unterhalten sich die Männer am Tisch lautstark über Sport. Am Nebentisch erzählt eine Frau, wie dumm sich ihr Mann gestern in der Küche verhalten hat.
Alle lachen. Dabei scheint es, als ob jede versucht, ein bisschen mehr Spaß zu haben, indem sie lauter als die anderen gackert. Damit die Kollegen am Nebentisch sehen, wie lustig man sein kann. Die Dunkelhaarige streicht sich eine Träne aus dem Auge, was das schrille Lachen der Erzählerin erneut anfeuert.
Die meisten Kollegen hier sind ihm jedoch unbekannt, trotz der langen Zeit, die er schon hier angestellt ist. Vier Etagen voller Großraumbüros, eine Produktionshalle angrenzend. Stetiger Wechsel, Teilzeit, Vollzeit, Home-office. Wer hier nicht zeitgleich mit Bekannten anfängt, hat kaum Chancen Anschluss zu finden. Erst recht keine introvertierten Leute, denen die Fähigkeit fehlt, laute Storys erzählen zu können.
Er bringt sein Tablett weg und betritt die Terrasse, zündet sich eine Zigarette an. Leer ist es hier im Winter. Nur eine Handvoll Raucher. Hinter ihm öffnet sich die Tür und ein Feuerzeug schnappt vergeblich nach Flammen.
„Feuer?“, fragt eine Stimme neben ihm. Schwarze Jacke, dunkle Mütze. Er öffnet seine Zigarettenschachtel erneut und reicht sein Feuerzeug rüber. „Danke.“ Schritte entfernen sich.
Er atmet eine Wolke Rauch in die Luft, anmutig wabert sie in den Himmel, weg von dem tristen Innenhof mit den überfüllten Aschenbechern.
Noch drei Züge, dann steckt er seine erloschene Kippe in den schmutzigen Sand des Aschenbechers und geht zurück zu seinem Laptop. Noch drei Stunden. Manche arbeiten länger, um ein paar Überstunden anzusammeln. Für einen extra freien Tag. Work-Life-Balance, freie Zeiteinteilung, komm wann du willst, arbeite von zu Hause, Hauptsache du machst deinen Job. Modernes Arbeiten, mehr Effizienz. Perfekt für Familien oder Paare, schaff dir lange Wochenenden und unternehme Kurztrips ins Grüne. Ob die zwei Kollegen an seiner Schreibtischinsel Familie haben?
Draußen dämmert es langsam. Auf der Straße fahren geschäftige Lichtkegel hin und her, alle mit wichtigen Aufgaben. Bring die Kinder zum Sport, kauf noch Getränke für den Spieleabend.
Er öffnet die Desk-Sharing-Seite des Unternehmens und sucht einen freien Platz für den nächsten Tag. Dritte Etage, rechtes Großraumbüro. Irgendwo hinten in der Ecke, kein Fensterplatz. Homeoffice bietet der Arbeitgeber auch an, aber zu Hause ist zu still und einsam. Während der Coronazeit konnte er in seinem Wohnzimmer ohne Unterbrechung weiterarbeiten, eine optimale Lösung für die Firma! Keine Ausfälle wie in anderen Branchen, immer Geld auf dem Konto. Geld für die braunen Kartons mit dem Lächeln auf der Seite, die alle paar Tage mit der Post kamen. Eine seltsame Zeit war das. Freie Zeiteinteilung, Schlafen, solange er wollte. Doch die Wände waren erdrückend.
Sein Cursor blinkt schon seit einer Weile ratlos im Dokument und er beschließt Feierabend zu machen.
Vor ihm verlassen zwei Kollegen das Gebäude, freundschaftlich klopft einer dem anderen zum Abschied auf die Schulter.
Er atmet tief durch und stellt sich zu den anderen dunklen Winterjacken, die über helle Bildschirme wischen, während sie an der roten Ampel warten. Neben ihm ein schmaler Grünstreifen. Zwischen Kronkorken und Papierschnipseln schiebt sich ein Krokus aus dem platt getretenen Erdreich. Das Gelb der Blütenblätter erinnert ihn an einen Abend vor ein paar Jahren. Ein gelber Schal, draußen auf dem Boden vor dem Club. Blonde Haare, zum Zopf gebunden, ein dicker, weißer Pullover, sie hatte den Schal verloren, als sie nach dem Rauchen wieder in den Club ging. Er sammelte ihn auf und trug ihn rein. Laute Musik, seine Freunde lachten mit ihm. Die Blonde spendierte ihm ein Bier und sie tanzten, der gelbe Schal wieder auf ihren Schultern. Perfekte Zeiten waren das damals, während des Studiums. Es gab immer eine Party am Wochenende, in der WG oder im Club. Ab und zu gingen sie samstags von Bar zu Bar, die ganze Straße eine einzige Partymeile. Nach dem Abschluss hatten sie alle verschiedene Pläne. Der Dicke wollte ein Auslandsjahr machen, keine Ahnung, ob er je zurückkam. Holzfällerhemd zog nach Nürnberg, gutes Jobangebot da. Die anderen hat er einfach aus den Augen verloren, während er selbst Bewerbungen schrieb und sich von Job zu Job hangelte. Man traf sich seltener, man wurde bequemer. Lieber gemütlich zu Hause bleiben, um Serien zu streamen, wenn es kalt und regnerisch draußen war. Mit den Kumpels mittels WhatsApp über die Serie chatten. Bilder von Füßen auf der Couch und Bierflaschen in der Hand. Eine Woche später hatten die anderen keine Zeit und so gingen die Monate (Jahre) dahin.
Die unsozialen Medien schlugen ihm immer wieder neue Serien und Staffeln vor, lockten mit Bildern, Teasern, Spoilern. Die Hochzeitsfotos seines besten Kumpels gingen darin unter – Das Leben der realen Freunde wurde allmählich vom Algorithmus verschluckt. Die neuen Bezugspersonen waren nur noch online – Seriendarsteller, Youtuber, die jetzt ein Teil seiner Welt wurden. Eine Welt, die alle verbinden soll – und doch die meisten umso stärker voneinander isoliert.
WhatsApp Chats schliefen ein, Antworten blieben aus, Facebook zeigte keine Partybilder mehr an.
Den Anschluss an das Leben zu verlieren war genauso einfach, wie einen Kiesel in die Ostsee zu werfen. Und genauso unmöglich ist es, diesen nach mehr als drei Jahren wiederzufinden.

Der Funken der Erinnerung brachte ihn dazu, in die 12 Richtung Stadtmitte zu steigen, statt in die 6, die ihn nach Hause brächte.
In der Nähe der Uni verließ er die Station und stand kurz auf der altbekannten Straße, voller unbekannter Menschen. Inzwischen war es dunkel, doch trotzdem waren die Fußgängerwege voll von eilig huschenden, eingemummelten Menschen. An einer Häuserecke bleibt
er stehen. Hier war früher der Späti, wo sie die Bierträger geholt hatten. Der Besitzer war cool drauf und manchmal tranken sie ihr Bier zusammen mit ihm. Ein Versicherungsunternehmen besitzt den Raum inzwischen. Das Büro ist jetzt am Abend jedoch dunkel und verlassen.
Er läuft weiter an den Bahnschienen entlang. Früher umkreist von Freunden, jetzt Einzelgänger. Ein neon-greller Supermarkt spuckt Feierabendmenschen mit ihren Einkäufen auf die Straße. Noch über eine Nebenstraße, da ist der Hinterhof. Kies und Glasscherben knirschen unter seinen Schuhen. Hier lag damals der gelbe Schal. Er stoppt und blickt auf die zugeschlossenen Türen des Clubs, Graffiti an den Wänden, eine eingeschlagene Scheibe, Sperrmüll wo zuvor Freunde rauchten.
Irgendwo über ihm öffnet sich ein Fenster und eine Stimme schreit ihn an.
„Privatgelände!!!“
Er zuckt mit den Schultern, geht wieder zur Straße, und sucht mit den Augen nach bekannten Läden. Doch die Fenster der ehemaligen Bars sind dunkel oder leuchten als abstruse Reinkarnationen in den Abend. Nagelstudio, Barbier, Secondhand Mode, wo früher Musik und Partyvolk lärmte, herrscht Stille. In einem Dönerladen steht eine Gruppe Jugendlicher. Statt miteinander, wartet jeder allein mit dem Blick auf das Display gesenkt.

Am Bahnhof herrscht ebenfalls diese einzigartige, konzentrierte Stille, die Menschen haben, während ihre Gehirne 10 Sekunden Video erfassen und scrollen.
10 Sekunden Video Euphorie und scrollen. 10 Sekunden Video und vergessen. 10 Sekunden Video und in den Zug steigen.
In seiner Bahn sucht er einen Sitzplatz und blickt aus dem Fenster. Die Menschen um ihn herum sprechen nicht miteinander, sie sitzen in ihrer eigenen Blase. Die älteren sehen aus dem Fenster, die jüngeren scrollen sich Endorphine ins Hirn.
Aussteigen, Treppe rauf, Treppe runter, in die Bahn, die nach Hause fährt. Seine Schritte lenken ihn automatisch, jeden Abend der gleiche Weg: Aussteigen, den Bahnhof hinter sich lassen, raus aus dem werbegeschwängerten LED-Licht, rein in die kühle Dunkelheit.

Im Winter kann er die Menschen seiner Straße hinter den Fenstern sehen. Jeden Abend leuchten andere Fenster in den Wohnblöcken. Mal sieht er Kinder am Tisch beim Hausaufgaben machen, mal kocht jemand in der Küche. Fernseher laufen, Bücherregale stehen an den Wänden, Paare streiten sich, Kinder lachen laut, Gespräche dringen auf die Straße, die Geräusche verschiedener Leben.
Er öffnet die schwere Glastür seines Hochhauses und schaut kurz und vergeblich in den Briefkasten. Wenn er nichts bestellt, bekommt er keine Post.
Durch den Duft gebratener Zwiebeln steigt er in den Fahrstuhl und im kalten Zigarettenrauch steigt er wieder aus. Aus einer der Türen dringen Stimmen.
Er schließt seine weiße Holztür auf und steht im dunklen Flur. Die Geräusche der Menschen verstummen als er die Tür ins Schloss drückt und er hört nur noch seinen Atem. Schuhe aus, Jacke aus, Rucksack in die Ecke. In der Küche stellt er eine Tiefkühl-Lasagne in die Mikrowelle und drückt auf den Knopf. Während das Brummen des Gerätes die Stille verscheucht, sinkt er in die Hocke und vergräbt den Kopf in den Händen.
„Noch ein Tag … noch ein Tag … noch ein Tag“, murmelt er.

6:00 Uhr. Eine Melodie unterbricht seinen traumlosen Schlaf.

Anregungsfragen:

  1. Inwiefern ist die im Text beschriebene Einsamkeit ein individuelles Schicksal – und ab wann wird sie zu einem gesellschaftlichen Problem?
  2. Welche Rolle spielen Arbeitsformen (Großraumbüros, Desk-Sharing, Homeoffice) für soziale Bindungen und Entfremdung?
  3. Verbinden soziale Medien Menschen tatsächlich – oder ersetzen sie reale Beziehungen durch algorithmische Nähe?
  4. Was geht verloren, wenn öffentliche Orte wie Clubs, Spätis oder Bars verschwinden oder kommerzialisiert werden?
  5. Ist diese Form der „stillen Gegenwart“ politisch gewollt, billigend in Kauf genommen – oder schlicht unbeachtet?

Soll der Text "Der Unbekannte" von Daniela Grommisch Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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