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Dagmar Zeblin – Wo sich Prunk und Pöbel treffen

Dagmar Zeblin, geboren 1985, lebt in Norddeutschland. Ihre Texte bewegen sich zwischen Kurzgeschichten, Fantasy, Science-Fiction und gedankennahen Miniaturen – kurzen Reflexionen, Essays und philosophischen Szenen.
Für sie ist das Schreiben weit mehr als ein Hobby: Es ist ein Anker im turbulenten Alltag mit drei Kindern und zugleich ein Ausdrucksmittel, um Emotionen und innere Bilder lebendig werden zu lassen. Ihre Texte entstehen meist organisch und selten nach einem festen Plan. Oft sind es die Figuren selbst, die sie während des Schreibens auf unerwartete Wege führen.
Seit 2025 tritt sie regelmäßig bei Lesebühnen und Poetry Slams auf und konnte bereits eine erste Veröffentlichung in einer Anthologie realisieren.
Ihre Texte spiegeln emotionale Zustände wider und laden dazu ein, zwischen den Zeilen und in inneren Bildern zu wandern.

Weitere Einblicke in ihr kreatives Schaffen bietet ihr Instagram-Account: @dagmars_schreibwelten


Die prachtvollen Fassaden der Gebäude strahlen heller als das Glitzern der Morgensonne auf der Binnenalster. Goldene, verschnörkelte Reliefs funkeln höhnisch von den Mauern hinab auf die Stadt. Ein Ort für die Noblen und Reichen. Wie in einem Film steigen sie die Treppe des Hotels hinunter, den Rollkoffer im Anschlag – eine Nacht, länger nicht. Mehr Platz bietet er nicht. Die schweren samtenen Vorhänge am Hoteleingang wirken wie Mauern gegen neugierige, arme Blicke. Ein Zeichen des Andersseins. Ein Zeichen des Schutzes.

Er hält seine Herzensdame eng bei sich und flüstert ihr mit einem charmanten Lächeln etwas ins Ohr, während sie gehen. Nicht für fremde Ohren bestimmt. Mit einer kleinen Geste deutet er auf die schwarze Limousine, die bereits vor dem Eingang wartet.

Auf der anderen Straßenseite sitzt ein Obdachloser auf einer Parkbank, den Rücken ihnen zugewandt, und starrt in den Morgen. Das Glitzern des Wassers spiegelt sich in seinen Augen.
Ob er sie wohl noch sieht?
Oder sie ihn?
Ein Wahrnehmen der Realitäten – so verschieden sie auch sein mögen?

Es wirkt wie eine schlecht inszenierte Filmszene. Fast erwarte ich, den Kameramann zu entdecken.
Doch da ist keiner. Verflucht.
Eine Bank weiter ist noch Platz.
Verdammt. Bin jetzt ich die Obdachlose – im Rücken eines weiteren prunkvollen Hotels, einer reichen Bank oder eines unbezahlbaren Geschäfts? Jemand, der hier nicht hineinpasst. Von außen kommend und doch einfach hier sitzend, den Platz beanspruchend?
Am Geländer vor mir hängen Spinnweben, als hätte das Leben selbst sie gesponnen. Hinter mir hingegen kein einziges falsch platziertes Staubkorn, das sich in eine Ecke verirrt hätte. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Schmutz gehört hier nicht hin. Man merkt es sofort. Und in mir drängt sich die Frage auf, was – oder wer – hier als Schmutz gilt.
Eine Joggerin läuft an mir vorbei. Ihr Blick fest geradeaus gerichtet, als liefe sie auf ein klares Ziel zu und nicht nur eine Straße entlang. Ihre Kleidung schreit geradezu: Geld!
Sie sieht mich nicht.
Und ehrlich gesagt – mir ist sie auch egal.

Vor mir glitzert das Wasser wie Diamanten im Sonnenlicht. Was nützt mir da eine Leggings, die mir ohnehin nicht passen würde. Weder vom Ego noch vom Körper.
Touristen laufen schnatternd vorbei wie die Enten am Ufer. Sie betrachten die Welt nur noch durch ihre Kameralinsen – auf der Jagd nach dem perfekten Bild fürs Urlaubsalbum oder der gestellten Realität für den nächsten Insta-Feed. Die Wirklichkeit scheint nur noch durch Bildschirme stattzufinden. Die Augen fixiert auf das kleine Rechteck. Weitwinkel gibt es nur noch in der Technik. HD im Kino. Klick. Klick. Klick.
Zwanzig, dreißig Bilder für einen perfekten Moment, den es kaum je wirklich gibt. Und selbst dann ist es nur eine Kopie dessen, was die Realität tatsächlich zeigt. Der Wunsch ist verständlich: festhalten zu wollen, was man sieht. Doch oft übersieht man gerade die Feinheiten, wenn man nur auf den Bildschirm schaut.
Eines haben diese Fotos fast immer gemeinsam: Die Reichen wie die Armen passen selten darauf. Sie sind zu vergänglich für ein Erinnerungsalbum – oder sie zeigen Dinge, vor denen wir lieber die Augen verschließen.
Auf eines allerdings kann man sich hier verlassen:
Tauben und Möwen machen keinen Unterschied. Sie scheißen auf die Reichen wie auf die Armen. Denn sie finden sie alle scheiße. Ironischerweise gelten genau diese Tiere bei den Menschen als Ratten und Diebe der Lüfte.
Wenn der Wind flüstern könnte – was würde er dem Reichen ins Ohr raunen, der eben aus dem Hotel trat und in ein Leben steigt, das ich nicht einmal erahnen kann? Und was würde er dem Obdachlosen erzählen, der ihn wie einen alten Bekannten spürt, jede seiner Stimmen mit jeder Pore aufnimmt? Und was würde der Wind über diese Stadt denken, wenn er durch ihre Straßen streicht? Wenn er sieht, ohne zu urteilen. Hört, ohne zu bewerten.
Für mich riecht die Luft heute nach Aufbruch.
Nach Chancen.
Nach Möglichkeiten.

Der Tag wird schön – ob seine Ereignisse es auch werden? Wer weiß. Vielleicht sollte ich weitergehen und es herausfinden. Einen Moment bleibe ich noch auf meiner einfachen Bank sitzen. Zwischen zwei Realitäten. Dann werde ich aufstehen und meine eigene in Angriff nehmen.
Die Flaggen großer Firmen flattern im aufkommenden Wind wie Werbetafeln ohne Neonlicht. Die Logos sprechen für sich. Das Schnalzen der Leinen klingt zugleich nach Versprechen und Missbilligung.
Selbst die Schwäne auf der Alster putzen sich heraus, als müssten sie etwas beweisen, als müssten sie ihren Rang behaupten. Ihr weißes Gefieder wirkt fast samtig, während sie über das Wasser gleiten, als gehöre es ihnen allein.
Eine Möwe wagt sich zu nah.
Sofort wird sie verjagt.
Woher kenne ich dieses Bild bloß?

Vielleicht sorgt nur der ständige Blick der Selfiestick-Jäger dafür, dass unser Pöbel vor den reichen Hotels noch geduldet wird. Weniger aus Toleranz, sondern aus Angst vor der nächsten Schlagzeile. Als die Möwe auffliegt, streift sie beinahe einen der Schwäne. Es wirkt wie ein stummer Protest. Ich mag den Gedanken, dass es Absicht war.
Die prunkvollen Gebäude spannen sich um das Wasser, als wollten sie es verdrängen. Zwischen Spott und Reichtum ragen sie in den Himmel und werfen ihre Schatten voraus – ohne zu bedenken, dass das Wasser schon oft genommen hat, was es zuvor scheinbar bereitwillig schenkte. Die Fenster wirken wie leere Augen, die teilnahmslos auf die Stadt herabblicken. Selbst die Sonne vermag sie nicht zu erwärmen.
Was sie wohl alles gesehen haben?
Aufstieg und Fall.
Triumph und Tragödie.
Anfänge und Abschiede.
Sie haben wohl ebenso viel gesehen wie die unzähligen Kameras, die an jeder Ecke hängen – kleine Gargoyles der Gegenwart – und Straßen, Schaufenster und Eingänge beobachten, so wie ihre steinernen Vettern einst die Kathedralen.
Und wenn man die Mietpreise betrachtet, fragt man sich ohnehin, was ein Geschäft täglich verdienen muss. Wie viele Smartphones über die Theke gehen müssen. Wie viele Stoffe mit hübschen Emblemen verkauft werden müssen, bei denen man sich fragt: Trage ich eine Hose – oder eine Marke?

Ritter trugen einst glänzende Rüstungen aus Blech und Nieten. Auf Empfängen verriet die Länge ihres Stabes ihren Einfluss – denn in voller Rüstung ließ sich schlecht flanieren.
Heute übernehmen edle Stoffe mit bekannten Zeichen diese Rolle. Die Länge des Stabes wird durch die Bekanntheit der Buchstaben ersetzt. Doch wovor diese Gewänder eigentlich schützen sollen, bleibt fraglich. Gegen steife Brisen helfen sie nicht. Gegen Wirklichkeit auch kaum. Nur dem Ego scheinen sie zu dienen – es aufzublähen wie die Federn eines Hahns. Da merkt man wieder, welche Macht Namen haben. Denn gekauft wird meist der Name – nicht das Textil.

Der Kaffee mit einem Stück Sahnekuchen im Café um die Ecke kostet bald so viel wie ein kompletter Tageseinkauf für eine Familie im Discounter. Ob er nun ein kulinarisches Meisterwerk ist oder eine glasierte Zuckerbombe mit gefärbter Plörre – das sei dahingestellt. Und dann wundern sich alle, warum die Innenstädte immer leerer werden. Geschäfte schließen. Schaufenster stehen leer, beschmiert oder verhangen.
„Das böse Internet“, flüstert man dann. Doch die astronomischen Kosten, die dieser scheinbar exklusive Standort verlangt? Darüber spricht kaum jemand.
Das Einzige, was hier wirklich noch wächst, scheinen Bärte zu sein. Barbiere schießen aus den Gehstraßen wie Pilze aus dem Boden.

Zwischen all den hübschen Fassaden und eleganten Menschen fällt es schwer, sich nicht selbst zu betrachten.
Die Hose verknittert.
Die Haare vom Wind zerzaust.
Zwei Flecken auf der Jacke.
Was denken die Leute wohl?
Sehen sie mich überhaupt? Eine ganz normale Person – weder reich noch arm – die durch ihre Straßen läuft? Oder bin ich nur ein unsichtbarer Schandfleck zwischen Yogastunde und Maniküre?
Der Wind dreht und trägt den Geruch der Großstadt zu mir. Irgendetwas zwischen Kloake und zu viel Ego auf zu engem Raum, überdeckt von einer seidigen Decke aus Parfüm und teuren Stoffen.
Mir wird flau.

Zwei Straßen weiter erwartet mich eine völlig andere Welt. Eine andere Stadt? Oder nur ein anderer Stadtteil? Wie kann ein und dieselbe Stadt so unterschiedlich sein? Hier riecht es nicht mehr nach Geld, sondern nach Müll und Elend. Die Gebäude sind höher, dichter. Die Gesichter verbissener. Hier denkt niemand an Luxus oder schnelle Autos. Hier geht es um Rechnungen. Um warme Wohnungen im Winter. Um Mägen, die gefüllt werden müssen.
Die Wände sind übersät mit Parolen – Erinnerungen an Zeiten, die es nie wieder geben darf. Ihre Farben wirken hell, fast freundlich. Doch sie leuchten wie Warnschilder. Ich verstehe die Sorgen dieser Menschen. Ihre Ängste. Doch in mir schreit alles: Nein. Der Weg, den sie einschlagen, ist der falsche. Viele Wege führen zum Ziel – doch sie folgen einer Fata Morgana. Schon einmal sind Menschen diesem Irrweg gefolgt und fanden am Ende keine rettende Oase, sondern Blut und Leid.
Sie klagen uns an, wir hingen veralteten unhaltbaren Thesen mit neuem Anstrich nach, ohne selbst zu erkennen, dass ihre farbenfroh daherkommenden Parolen ein braunes Kleid darunter tragen, das uns das Blaue vom Himmel herunterlügt und sich nicht einmal mehr die Mühe gibt, die eigentliche Farbe zu verstecken.
Und genau das ist es, was mir die Angst im Magen verknotet, das Atmen erschwert, denn wir alle wollen Veränderung hier und dort, doch nicht zu einem Preis, der schon vor Jahrzehnten viel zu hoch war.
Unbehagen steigt in mir auf. Auch hier fühle ich mich fremd. Ich gehe schneller. Immer schneller. Hetze durch die Straßen, biege um Ecken, bis die Parolen hinter mir leiser werden und die Enge mich endlich ausspuckt.
Und lande … Links. Der Hafen.
Hier wirken die Gebäude plötzlich bunt und frei. Die Banner im Wind sprechen eine ganz andere Sprache – obwohl ich ihre Worte ebenfalls verstehe. Auch hier wird gearbeitet. Doch anders. Hier wird Veränderung laut gedacht.
Wir alle gehen durch dieselben Straßen. Atmen dieselbe Luft. Und doch fühlt sie sich für jeden anders an.
Manchmal riecht sie nach Abwasser.
Manchmal nach Sternekoch.
Je nachdem, wo man lebt.
Je nachdem, wo man steht.
In den Schuhen eines anderen zu gehen – das wünscht man sich manchmal. Weil man nicht ahnt, welche spitzen Steine in seinen Sohlen stecken. Oder man würde sich lieber die Füße abschneiden, als einen Schritt darin zu tun. Weil man ahnt, wie schwer jeder einzelne davon sein muss.

Anregungsfragen:

  1. Ist soziale Ungleichheit in Großstädten ein unvermeidlicher Zustand – oder politisches Versagen?
  2. Warum werden extreme politische Parolen für manche Menschen attraktiver als differenzierte Lösungen?
  3. Macht Konsum wirklich frei – oder ersetzt er nur frühere Statussymbole?
  4. Wie beeinflusst räumliche Trennung (Stadtteile, Milieus) politische Radikalisierung?
  5. Können wir eine Gesellschaft sein, wenn wir nebeneinander leben, aber nicht miteinander?

Soll der Text "Wo sich Prunk und Pöbel treffen" von Dagmar Zeblin Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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