
Achim Stößer wurde 1963 geboren. Er studierte Informatik an der Universität Karlsruhe und erhielt dort Stipendien der Kunststiftung Baden-Württemberg sowie der Ars Electronica des ORF, war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität tätig und hatte einen Lehrauftrag an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Seit 1988 veröffentlicht er Kurzgeschichten, überwiegend Science-Fiction, u. a. in einigen Bänden der Reihe »Internationale Science Fiction Stories« Wolfgang Jeschkes (1993–1999). Seine Kurzgeschichtensammlungen »Virulente Wirklichkeiten« und »Die dunkle Seite der Erde« erschienen 1997 im dot-Verlag bzw. 2024 bei p.machinery. 2025 und 2026 wurde er Mitherausgeber der Anthologien »Trümmer am Milchstraßenrand« und »Diesseits fremder Sterne«. Als Angehöriger einer ethischen Minderheit gründete er 1998 die Tierrechtsinitiative Maqi. Entsprechend sind Antispeziesismus (und damit Veganismus), -theismus, -faschismus, -rassismus, -sexismus, -militarismus usw. Hauptthemen seiner Erzählungen und auch seiner Cartoons. Internet: https://achim-stoesser.de
Die Kusssequenz – die Weckphase – endete mit einem hydraulischen Zischen. Aus dem Schneewittchenschlaf erwacht, fühlte Carl sich benommen. Zwar war er sicher, dass sie im 22. Jahrhundert, das in wenigen Stunden begann, seine Krankheit würden heilen können, aber ein Quäntchen Ungewissheit nagte dennoch an ihm. Er öffnete den Sarkophag-Deckel und setzte sich mühsam auf. Erschrocken glaubte er zunächst, blind zu sein, doch dann nahm er einen schwachen Lichtschein wahr. Befand er sich überhaupt noch im Keller des Universitätsklinikums? Er stieg aus dem Sarkophag und tastete sich vorsichtig an das flackernde Licht heran. Eine Tür, dahinter Stufen, die nach oben führten, wo es heller war.
Er hatte den Eindruck, dass das Kribbeln am ganzen Körper, die Taubheit in den Fingern, vor allem die bleierne Müdigkeit stärker waren als vor dem Schlaf. Fortschreiten der Krankheit oder Nebenwirkung des Sarkophags? Die Wissenschaft hier wusste hoffentlich eine Antwort.
Am oberen Ende der Treppe angekommen, flatterte sein Herz. Er keuchte. Die Lunge schmerzte mehr als die Ödeme in den Beinen. Als er wieder zu Atem kam, stieß er die einen Spalt offenstehende Tür auf.
Davor saßen in einer Betonruine zwei Gestalten und brieten Fische an einem Stock auf zwei Astgabeln über einem großen Lagerfeuer. Erschrocken sprangen sie auf.
Glatzen in der Zukunft waren ein altes Klischee, aber dass die beiden Frauen nackt und von Kopf bis Fuß kahlgeschoren waren, wirkte dennoch befremdlich. Er kam sich in seinen Boxershorts beinahe overdressed vor.
„Die Magiezahl von dem Sarg hat ’stimmt!“, rief die kleinere der beiden freudig. Ihr Körper war übersät mit verschwommenen Tätowierungen.
Die größere wich einen Schritt zurück und verzog angewidert das Gesicht:
„Seh ihn dir an!“, stieß sie aus. „Haariger Aff’!“
Sieh!, wollte Carl reflexartig korrigieren, verkniff es sich aber. Sprache verändert sich, dachte er, es war nur eine Frage der Zeit, bis aus dem ewigen Kampf zwischen schwacher und starker Beugung ein Sieger hervorging, der von vorneherein festgestanden hatte. Auch der Genitiv schien der Vergangenheit anzugehören. Doch eine andere Veränderung beunruhigte ihn weit mehr.
„Ich heiße Carl“, sagte er mit brüchiger Stimme.
„Ka-Er-El“, versuchte die kleinere zu wiederholen.
„Nur drei ’staben? Nich’ mehr? Ich bin A-Ku-Er-Ef-U, sie El-We-Es-Es-Be.“ Sie trat zu einem Waschbecken, das an einer halb eingestürzten Wand hing und in dem eine Plastikschüssel mit trübem Wasser stand, und griff nach einem Rasierer und einem Klumpen Seife, die daneben lagen. „Mach das ab“, sagte sie und hielt ihm Rasierer und Seife entgegen. „Ist ja eklicht. Haare überall, sogar im Gesicht!“
Er näherte sich ihr und nahm zögernd beides, während sie es mit ausgestreckten Armen hielt und zurückwich, sobald er es ergriffen hatte. Er wollte sie nicht verärgern und begann, sich den Bart einzuseifen, musste würgen, denn die Seife stank ranzig und übertünchte sogar den widerwärtigen Geruch der Fische über dem Feuer.
„Hören Sie“, sagte er atemlos und presste die Hand an die Brust. „Ich bin sterbenskrank. Gibt es hier irgendeinen Arzt, mit dem ich sprechen kann?“
„Welche sie?“, fragte El-We-Es-Es-Be. „Was soll ein Arzt sein?“
„Ich glaub’, damit ist ’n’e Ärzt’in gemeint“, antwortete A-Ku-Er-Ef-U an seiner Stelle, und zu ihm gewandt: „’n’e Ärzt’in gibt’s nur in ’er Stadt.“
Er begann, die Bartstoppeln abzuschaben und fuhr zusammen. Der Plastikeinwegrasierer war rostig und stumpf – aus dem Schnitt in seiner Wange quoll Blut. Aber darauf kam es nun wohl auch nicht mehr an. Wenn er wenigstens einen Spiegel gehabt hätte … „Als ich in den Sarkophag gestiegen bin, war das hier eine Stadt“, sagte er. „Ich brauche medizinische Hilfe.“
„War Düsseldorf. Jetzt nich’ mehr. Keine Stadt. Wir haben ’denkt, dass du uns helfst“, erwiderte A-Ku-Er-Ef-U. „Die Schrift von dem Sarg sagt, dass du Fort-pflan-zungs-o-lo-ge bis’.“ Sie strahlte, stolz, dieses schwierige Wort gemeistert zu haben.
„Fortpflanzungsbiologe“, wiederholte er korrigierend, „Ja.“
„Dann kennst du dich also mit Kinderkriegen aus. Wir kriegen keine Kinder mehr.“
Er sah sie irritiert an. „Sie beide? Ich meine, ihr beide?“
„Wir alle. Die Menschheit sterbt aus.“
„Oh, ich verstehe.“ So hatte er sich die Zukunft nicht vorgestellt. Es mussten sicher nicht gleich fliegende Autos oder allgegenwärtige Hologramme sein, aber das … „Ich will gern sehen, wie ich helfen kann. Aber zunächst brauche ich einen Arzt – welchen Geschlechts auch immer, Hauptsache Arzt. Wie komme ich in die Stadt?“
A-Ku-Er-Ef-U deutete vage hinter ihn. „Immer dem Weg nach.“
„Zu Fuß?“ Wieder zuckte er zusammen, weil er sich erneut geschnitten hatte, sodass er sich kaum konzentrieren konnte.
Seine ständige Müdigkeit tat ein Übriges. Er keuchte.
„Kannst auch ein Boot nehm’, aber zu Fuß geht’s schneller als auf dem Rhein. Vier Tage. Karren fahr’n um die Jahr’zeit nich’ viel’.“
Er schnaubte. Offenbar war die Zivilisation, die er gekannt hatte, untergegangen. Ein Wunder, dass nicht irgendwelche Barbaren die Batterien aus seinem Sarkophag gerissen hatten, um Piercingschmuck daraus zu basteln. Kein Wunder, dass die Menschheit vom Aussterben bedroht war.
El-We-Es-Es-Be deutete auf seinen haarigen Bauch:
„Du bist … wie heiß’ das? Schwanger?“
Er verzog das Gesicht. „Witzig.“ Dann begriff er, dass sie es ernst gemeint hatte. „Ich kann nicht … das ist Übergewicht.“ Er lachte bitter auf, dann fuhr er mit der stümperhaften Rasur fort. „Ich dachte schon, dass ihr beide zusammen versucht hättet, Kinder zu bekommen.“
A-Ku-Er-Ef-U sah ihn verwirrt an und kratzte sich am kahlen Schädel:
„Ja, klar, haben wir. Wir und alle anderen. Aber es klappt nicht. Beim Großen Brand is’ scheint’s das Wissen, wie man’s macht, verloren ’geht.“
Er ließ den Rasierer sinken. „Was?“
El-We-Es-Es-Be lächelte milde. „Sehst du? Wir wissen auch was. Kanns’ du ja nich’ wissen. Warst ja in dein’ Sarg ’fangen die ganze Zeit. Der Große Brand, also das ist, wie alle die …“ Sie zögerte. Dann hielt sie die flache Hand senkrecht an den Mundwinkel und flüsterte „… Bücher …“ und fuhr in normaler Lautstärke fort: „… mit den ganzen N-Wörtern verbrennt sind.“
„N-Wörter?“, fragte er zaghaft.
„Nicht-Wörter“, sagte A-Ku-Er-Ef-U, als würde das alles erklären. „Unwörter halt.“
Er schüttelte verständnislos den Kopf:
„Aber für die Fortpflanzung sind Keimzellen beider Geschlechter erforderlich, männliche und weibliche, bei höherentwickelten Spezies auf dem ganzen Planeten jedenfalls. Die Alternative … mein Mann und ich haben ein Mädchen adoptiert. Aber dazu muss es Kinder geben.“ Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass ihre Tochter vielleicht längst nicht mehr lebte.
El-We-Es-Es-Be starrte ihn fassungslos mit halb offenstehendem Mund an:
„Beide?“, fragte sie dann. „Was ist mit all den and’ren? Außerdem, ’schlecht ist nur ein gesellschaf’liches Konstruk’.“
„Aber doch nicht biologisch!“, flüsterte Carl.
„Und soll’n wir jetzt etwa mit Menners …“ El-We-Es-Es-Be würgte, ein Schwall Erbrochenes schoss aus ihrem Mund. Sie spuckte aus und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.
„So funktioniert die natürliche Fortpflanzung nun einmal.“ Carl starrte ins Leere. „Eizelle und Spermium müssen zu einer Zygote verschmelzen.“
Die beiden Frauen warfen sich einen entsetzten Blick zu und stürzten sich dann auf ihn, zu zweit; und geschwächt wie er war, hätte er es nicht einmal mit einem einzelnen Kaninchen aufnehmen können. Er versuchte, zu erklären:
„Aber es muss doch ein paar Menschen geben, die … und wenn Geschlecht nur ein Konstrukt ist, was spricht dann gegen Heterosexualität? Oder Bi!“
Doch all seine Bemühungen, sie zur Vernunft zu bringen, blieben vergeblich.
„Mit Menners! Das’s’ ja pervers!“, kreischte El-We-Es-Es-Be. „Zwei ’schlechter! Ketzerei!“
Vom erloschenen Scheiterhaufen stiegen dünne graue Rauchschwaden auf, hier und da glomm noch Glut zwischen Carls verkohlten Knochen.
„Zwei ’schlechter“, murmelte El-We-Es-Es-Be verächtlich und schüttelte ungläubig den Kopf.
A-Ku-Er-Ef-U fragte: „Was nu’?“
El-We-Es-Es-Be zuckte mit den Schultern: „In drei Tag’ wacht die Gender-Studies-Prof auf, die helft uns.“
Anregungsfragen:
- Wann wird Sprachsensibilität zu Wissensvernichtung?
- Kann die Betonung sozialer Konstruktion biologische Fakten relativieren – oder entsteht hier ein Scheingegensatz?
- Ist Satire ein legitimes Mittel in hochsensiblen Identitätsdebatten, oder verschärft sie nur Fronten?
- Wie viel ideologische Homogenität verträgt eine Gesellschaft, ohne autoritär zu werden?
- Ist die größte Zukunftsgefahr technologischer oder kultureller Natur?
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