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Frank Martis – Der sisyphische Vertrag

Frank Martis hat 2011 sein Studium der Politikwissenschaften, der Geschichte und des Verwaltungsrechts abgeschlossen und danach seine Lehrerausbildung. Er war dann sieben Jahre als Coach in der
Persönlichkeitsentwicklung und Jobvermittlung tätig und auch 12 Jahre in der politischen Bildung.

Sein eigenes Unternehmen hat er 2025 an den Nagel gehängt, um mit der Sicherheit einer Festanstellung für ein
Sicherheitsunternehmen sein Glück zu finden.


Es gibt Menschen, die das System nicht betrügen. Die nicht aufgeben. Die jeden Morgen aufstehen, obwohl gestern wieder nichts funktioniert hat – und trotzdem den Stein schieben.
Sebastian ist so jemand.
Ich habe ihn über Jahre beobachtet. Nicht von oben, nicht aus der Forscherperspektive. Eher so, wie man jemanden beobachtet, der neben einem auf einem schmalen Pfad läuft – manchmal voraus, manchmal zurück, aber immer auf demselben Weg.
Sebastian hatte gesundheitliche Probleme. Die Art, die man nicht einfach wegtrainiert, die aber auch nicht reicht, um als „wirklich krank“ zu gelten in einem System, das lieber klare Kategorien hat als Menschen. Er arbeitete, wann er konnte. Manchmal Vollzeit, manchmal gar nicht. Er meldete sich ehrlich an, meldete sich ehrlich ab. Er beantragte, was ihm zustand – nicht mehr.
Jedes Mal, wenn er den Kopf ein Stück rausstreckte, traf ihn etwas.
Ein Bescheid, der nicht mit dem anderen übereinstimmte. Eine Nachzahlungsforderung für Monate, in denen er nachweislich fast nichts verdient hatte. Ein Amt, das auf die Frage nach dem Grund mit dem Hinweis antwortete, er habe sich „an die Regeln anzupassen“. Nicht: Hier ist das Problem, so lösen wir es. Sondern: Das System hat Recht. Du passt dich an.
Das Absurde daran ist nicht die Bürokratie selbst. Bürokratie ist unvermeidlich, wenn viele Menschen gemeinsam Regeln brauchen. Das Absurde ist die Konstruktion:
Ein Mensch, der arbeiten will, der Fortschritt macht, wird in dem Moment bestraft, in dem er Fortschritt macht. Nicht weil er etwas falsch gemacht hat. Sondern weil das System Grenzwerte hat.

Wer nicht in der Sozialpolitik arbeitet, ahnt kaum, wie viele dieser Klippen es gibt.
Eine Klippe ist kein gradueller Übergang. Eine Klippe ist eine Linie: Auf dieser Seite bekommst du X. Einen Euro weiter bekommst du X minus 400. Manchmal X minus 600. Manchmal mehr als X.
Das Bürgergeld kennt solche Strukturen. Wenn Einnahmen eine bestimmte Grenze überschreiten, fallen Leistungen weg – nicht sanft, sondern sprunghaft. Was folgt, ist rechnerisch absurd: Jemand, der mehr verdient, hat am Ende des Monats weniger in der Tasche als jemand, der weniger verdient hat. Das nennt sich Transferentzugsrate. In manchen Konstellationen liegt sie bei über 100 Prozent.
Sebastian hat das nicht in einer Studie gelesen. Er hat es gelebt.
Das System sagt: Du sollst arbeiten. Das System sagt auch: Wenn du arbeitest, verlierst du. Das System sagt nicht, wie sich das auflösen lässt. Es verwaltet den Widerspruch, anstatt ihn zu beseitigen.
Camus beschreibt Sisyphus als den glücklichsten Menschen. Er sieht Sisyphus beim Abstieg – in dem Moment, in dem der Stein wieder unten liegt, der Aufstieg erneut beginnt. Camus sagt: Man muss sich Sisyphus als glücklich vorstellen, weil er seinen Stein kennt, weil er ihn annimmt, weil er ihn will.
Das ist schön als Philosophie. Als Sozialpolitik ist es eine Zumutung.

Es gibt einen Gedanken, der sich mir über die Zeit aufgedrängt hat – nicht aus einem Buch, sondern aus dem Beobachten von Menschen wie Sebastian.
Grenzwerte sind politische Entscheidungen, verkleidet als Sachzwänge. Das Bürgergeld beginnt bei einem Betrag, der irgendwann in einem Ausschuss beschlossen wurde. Es endet – in dem Sinne, dass es vollständig wegfällt – bei einem anderen Betrag, der ebenfalls irgendwann irgendwo beschlossen wurde. Dazwischen liegt ein Terrain voller Klippen, Schwellen, Sonderregelungen.
Jedes Mal, wenn jemand wie Sebastian in dieses Terrain gerät, muss er nicht nur arbeiten. Er muss gleichzeitig verstehen, wo genau er gerade steht, was das für seine Leistungen bedeutet, ob er besser mehr oder weniger verdient, und ob die Kombination aus Nebenverdienst und Hauptleistung diese Woche zu einer Rückforderung im nächsten Quartal führen wird.

Das ist keine Förderung von Eigenverantwortung. Das ist Verwaltung von Resignation.

Was wäre, wenn es keine Grenze gäbe – nur eine Kurve?
Der Gedanke klingt technischer als er ist. Eine Kurve bedeutet: Jeder Euro, den jemand verdient, verbessert seine Situation. Nicht dramatisch am Anfang – aber immer. Nie kehrt sich der Anreiz um. Nie verliert man mehr als man gewinnt. Die Unterstützung nimmt ab, aber sie nimmt immer ab, nicht plötzlich.
Das Modell, das ich dafür entwickelt habe, nennt sich Startergeld. Es beginnt nicht bei einem politisch gesetzten Betrag, sondern bei der lokalen Armutsrisikogrenze – dem wissenschaftlich definierten Schwellenwert, unterhalb dessen ein Leben in Würde statistisch nicht mehr möglich ist. Dieser Wert passt sich jährlich automatisch an. Kein Ausschuss muss tagen. Keine Koalitionsverhandlung muss stattfinden.
Das Startergeld endet nicht abrupt. Es läuft nach einer progressiven Formel aus – angelehnt an Prinzipien aus der Physik, die beschreiben, wie Energie sich über eine Kurve verteilt, ohne an einem Punkt zu kollabieren. Der erste verdiente Euro wird mit zehn Prozent angerechnet. Zehn Prozent – nicht mehr. Das ist die niedrigste Belastungsgrenze, die in der Geschichte des Steuerdenkens als natürlich gilt, der Zehnte, die älteste bekannte Form des Abgabeprinzips. Wer anfängt zu arbeiten, behält fast alles.
Je mehr jemand verdient, desto stärker steigt die Anrechnung – aber nie so stark, dass der Anreiz verschwindet. Die Kurve ist so konstruiert, dass die Grenzkosten des nächsten verdienten Euros immer unter einem Punkt bleiben, an dem Arbeiten sich nicht lohnt. Bis das lokale Durchschnittseinkommen erreicht ist. Dann ist die Unterstützung Null – nicht weil eine Grenze überschritten wurde, sondern weil die Kurve dort endet.

Das RIFF und warum es nicht gilt

Grundeinkommensdebatten scheitern häufig an denselben vier Einwänden. Ich nenne sie RIFF:
R – Reiche bekommen es auch. Warum soll jemand, der ohnehin gut verdient, ein Grundeinkommen erhalten?
I – Inflation. Wenn alle mehr Geld haben, steigen nur die Preise.
F – Faule bekommen es auch. Menschen hören auf zu arbeiten, wenn sie ohne Arbeit überleben können.
F – Finanzierung unsicher. Niemand kann erklären, wie das bezahlt werden soll.

Das Startergeld ist kein universelles Grundeinkommen. Es ist ein universelles Starteinkommen – und zwar bedingungslos angeboten, aber strukturell so gestaltet, dass es für Menschen, die gut verdienen, bedeutungslos wird, bevor sie es beantragen würden.
Die Armutsrisikogrenze als Startpunkt bedeutet: Wer deutlich darüber liegt, hat keinen Anspruch, weil die Kurve bei seinem Einkommen schon längst bei Null liegt. Reiche bekommen es nicht – nicht weil man es ihnen verbietet, sondern weil die Formel es gar nicht erst ermöglicht. Das ist kein Bürokratieaufwand, sondern Mathematik.
Inflation entsteht, wenn Geld in Umlauf kommt, ohne dass dem ein produktiver Gegenwert gegenübersteht. Das Startergeld schafft aber genau diesen Gegenwert – durch niedrige Grenzkosten entstehen Arbeitsanreize, die bisher gefehlt haben. Menschen wie Sebastian arbeiten mehr, nicht weniger, weil sich Arbeit endlich immer lohnt. Das erhöht das Angebot an Waren und Dienstleistungen, nicht nur die Nachfrage.
Zu den Faulen: Der häufigste Grund, nicht zu arbeiten, ist nicht Faulheit. Er ist Kalkulation. Wenn der erste Euro dazu führt, dass man am Ende weniger hat, rechnet man nach und bleibt zuhause. Das ist kein moralisches Versagen. Das ist rationales Verhalten in einem irrational konstruierten System. Wenn der erste Euro sich lohnt – immer, ohne Ausnahme – verändert sich die Kalkulation.
Zur Finanzierung: Das Startergeld ersetzt bestehende Leistungen, es addiert sich nicht zu ihnen. Es konsolidiert eine Vielzahl paralleler Transfersysteme – Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag, diverse Sonderleistungen – in einer einzigen, durchgängigen Kurve. Die Verwaltungskosten sinken. Der Aufwand für Bezieher sinkt. Die Treffsicherheit steigt, weil die Formel keine Ermessensspielräume kennt, die Behörden ausfüllen und Antragsteller ausnutzen müssen.

Was das mit Sebastian zu tun hat

Ich weiß nicht, ob Sebastian das Startergeld braucht. Ich weiß nicht, ob er heute arbeitet, ob es ihm besser geht, ob er den Stein noch schiebt oder ob er irgendwo sitzt und auf das Tal hinabschaut.
Ich weiß, dass das System, in dem er sich bewegt hat, nicht für Menschen wie ihn gebaut wurde. Es wurde für Idealtypen gebaut. Für jemanden, der entweder vollständig erwerbsfähig ist oder vollständig nicht. Für jemanden, dessen Gesundheit einer Linie folgt statt einer Kurve. Für jemanden, dessen Leben sich in Kategorien fügt.
Sebastian war keiner dieser Idealtypen. Er war ein Mensch.
Das System hat ihn nicht bestraft, weil es böse ist.
Es hat ihn bestraft, weil es Grenzwerte hat und keine Kurven. Weil es politische Setzungen hat, statt wissenschaftliche Formeln. Weil es alle paar Jahre neu verhandelt wird, statt sich automatisch anzupassen.
Das Startergeld ist kein Allheilmittel. Es löst nicht die Frage, warum Gesundheitsversorgung in Deutschland von Erwerbsstatus abhängt. Es löst nicht die Frage, warum Wohnraum in Städten unbezahlbar ist. Es löst nicht einmal alle Fragen der sozialen Sicherung – es beantwortet nur eine, aber eine grundlegende:
Wie stellen wir sicher, dass Arbeit sich immer lohnt – für jeden, in jedem Schritt?

Die Antwort ist keine Grenze. Sie ist eine Kurve.

Ich bin kein Sozialpolitiker. Ich bin jemand, der in einem mittelständischen Betrieb arbeitet, der vorher selbstständig war, der Menschen kennt, die in Systemen feststecken. Ich habe dieses Modell nicht aus akademischen Motiven entwickelt, sondern aus dem Unbehagen, das entsteht, wenn man versteht, wie etwas funktioniert und warum es nicht besser gemacht wird. Das Modell ist fertig genug, um beschrieben zu werden. Es ist nicht fertig genug, um unkommentiert eingeführt zu werden – keine Idee ist das je. Aber es wartet nicht auf Erlaubnis.
Camus schließt seinen Aufsatz mit der Behauptung, Sisyphus sei glücklich. Vielleicht. Aber es wäre schöner, wenn der Stein oben bliebe. Das ist lösbar. Man braucht keine neue Partei, keine Revolution, keine Utopie:

Man braucht eine andere Formel.

Anregungsfragen:

  1. Reicht es aus, ein System mathematisch zu verbessern – oder braucht es zusätzlich einen kulturellen Wandel im Blick auf Arbeit und Leistung?
  2. Ist politische Komplexität ein Versagen – oder ein Interesse? Wer profitiert davon, dass Sozialsysteme unverständlich bleiben?
  3. Wären wir eher näher dran, am demokratischen Grundgedanken, oder würden wir uns von diesem mit Startergeld entfernen?
  4. Produziert die aktuelle Politik systematisch einen Mangel und dadurch ein Verhalten, das sie offiziell bekämpft?
  5. Wenn (demokratische) Politik ein Sozialsystem so baut, dass es dieses selbst braucht – wem gehört dann eigentlich das Problem?

Soll der Text "Der sisyphische Vertrag" von Frank Martis Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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