
Janina Häberle, geboren 1991, verbringt ihre Kindheit auf dem Lande. Sie liebt die Freiheit, das Reisen und die Berge. Nach ihrem Abitur geht sie für ein Jahr als Au-Pair nach Frankreich. Später studiert sie Französisch und Musikwissenschaften. Während ihres Studiums, in dem sie sehr gerne Lyrik-Seminare besucht, fängt sie an Gedichte zu schreiben. Über das Meer, über die Liebe, das Glück und den Frieden. 2019 erscheint Auf Wiederseh‘n, in dem Gedichtsammelband Am Ende des Regenbogens warte ich auf dich, sowie Was wäre, wenn in Die besten Gedichte 2019/2020 und Glück in der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte. Es folgen weitere Gedichte, wie 2020 Am Meer in Die besten Gedichte 2019/2020 und Krieg und Frieden in der letzten Ausgabe der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem Mann mal hier, mal dort.
Ein Hagel an Schüssen fällt auf die Erde hernieder. Steine stürzen zu Boden, Glas splittert, Metall schlägt auf, Holzbretter fliegen umher. Menschen schreien. Und dann ganz plötzlich ein immenser Knall. Eine Bombe schlägt ein. Die Erde vibriert. Über den Horizont hinweg zucken grelle Lichtblitze, gefolgt von einem dröhnenden Knall. Dem Einschlag folgt eine Druckwelle, die über den Boden peitscht wie eine riesige Wasserwelle auf dem hohen Meer. Ein zweiter Einschlag, dann ein dritter. Eine Serie von Explosionen fegt über das Land.
Der Geruch von Verbranntem dringt durch die Ritzen unserer Unterkunft. Ich sitze im Erdgeschoss unserer kleinen Wohnung in der Ecke – weit weg von den Fenstern. Meine Knie habe ich angezogen; sie zittern wie Espenlaub. Mein Herz schlägt schnell. Und so harre ich aus.
Es dauert eine ganze Stunde. Eine Stunde, in der ich um mein Leben bange. Eine Stunde, in der ich ein Stoßgebet nach dem anderen in den Himmel schicke:
Allah, bitte lass uns hier irgendwie heil herauskommen! Lass diese Schüsse aufhören, Allah! Allah, hilf uns!
Mit mir in der Wohnung sind meine Geschwister Aischa, Noor und Mohammed, meine Mama und mein Papa. Alle an die Wand gedrückt, alle am Boden kauernd, alle betend. Meine kleinste Schwester auf Mamas Schoß, hat die Augen geschlossen, Tränen fallen auf ihre Wangen.
Wumms. Das musste ein Haus ganz in der Nähe sein.
Mit einem ohrenbetäubenden Schlag stürzen Mauern ein. Schreie sind hörbar: Hier rüber! … Hilfe! … Nein, neiiin! Und dann – Stille.
Wir warten noch einige Zeit, nur um sicherzugehen, dass das auch das Ende des Angriffs ist.
Dann hören wir draußen Schritte, Rufe, Schreie und noch mehr Schreie. Wir kommen nur langsam aus unserer Versteinerung heraus. Erst dann wagen wir uns vorsichtig nach draußen.
Dort bietet sich uns ein Bild des Grauens. Es herrscht absolutes Chaos. Ganze Häuserblöcke sind eingestürzt, ganze Viertel liegen unter Schutt und Asche begraben. Hier und da liegen Tote oder Verletzte. Menschen füllen jetzt die Straßen, die kaum noch auszumachen sind – da größtenteils verschüttet. Die verzweifelte Suche nach Angehörigen beginnt.
Wir helfen den Verletzten und bei der Suche nach Vermissten. Die Luft ist noch völlig verstaubt vom Zusammensturz der Gebäude. Es fällt mir schwer zu atmen. Meine Mama weist uns an, wieder nach drinnen zu gehen. Sie will mit meinem Vater nach unseren Verwandten sehen. Also gehen wir wieder nach drinnen.
In der Wohnung nehme ich meine kleine Schwester bei der Hand. Sie hält ihren kleinen Plüschhasen fest an sich gedrückt. Auf dem großen Teppich fängt sie an zu spielen. Meine anderen beiden Geschwister kommen hinzu.
Ich setze mich auf einen Stuhl und schaue aus dem Fenster. Was ich sehe, gleicht einer riesigen Staubwolke, aus der Ruinen hervorschauen.
Wie nach jedem Angriff frage ich mich: War das der letzte?
Ich frage mich das noch den ganzen Tag über – frage Allah, frage meinen Vater und meine Mutter, die beide schon bald wieder nach Hause zurückkehren. Meinen Verwandten geht es gut. Meine Eltern wissen keine Antwort auf meine Frage.
„Es sieht nicht danach aus …“, gibt mir mein Vater zurück und nimmt mich in den Arm.
Meine Mama bereitet das Abendessen zu, und dann essen wir gemeinsam. Es gibt Brot und Tahin. Mehr haben wir nicht. Nach dem Essen gehen wir früh zu Bett.
Meine Geschwister und meine Mutter schlafen bald ein. Ich aber liege noch lange wach.
„Kannst du nicht schlafen, Ali?“, will mein Vater wissen.
„Nein. Wenn ich die Augen schließe, kann ich noch die Explosionen hören.“
„Es ist vorbei, Ali, es ist vorbei…“
Eine Weile liege ich mit geöffneten Augen wach.
„Papa, warum tun die Leute das? Warum bombardieren sie die Stadt?“
„Weil sie das Land wollen, Ali…“
Ich schaue meinen Vater mit großen Augen an: „Das Land?“
„Ja, das Land.“
„Es interessiert sie wohl nicht besonders, dass wir hier wohnen…“, murmele ich.
Wie geht es nun weiter?
Ich habe plötzlich schreckliche Angst alleine zu sein.
Nach einer Pause der Stille meint mein Vater – als könne er meine Gedanken lesen:
„Du bist nicht allein, mein Kind. Ich werde immer bei dir sein. Und wenn irgendwann mal nicht mehr hier auf Erden, so oben bei den Sternen und dann werde ich von dort zu dir heruntersehen und dich begleiten.“
Ich drehe mich um, sodass ich zu den Sternen hinaufschauen kann. Sie leuchten heute Nacht – wenn auch nur matt durch eine dicke Staubschicht hindurch.
„Gute Nacht, Papa.“
„Gute Nacht, Ali.“
Dann schlafe ich ein.
Am nächsten Morgen ist das Chaos zurück. Ich werde von quietschenden Autoreifen und Rufen geweckt. Die Menschen scheinen das Tageslicht zu nutzen, um nach Verschütteten zu suchen.
Das Essen wird knapp. Meine Eltern haben einen Vorrat, aber lange wird er nicht reichen.
Leute sind bei uns zu Besuch. Sie sagen, sie haben die Zufahrt der Konvois mit Hilfsgütern an der Grenze im Süden blockiert.
„Warum tun sie das? Warum tun sie das?“, will mein kleiner Bruder wissen. Meine Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen:
„Sie sind gottlos, Mohammed.“
Fünf Tage nach dem Angriff ist die Lage nicht besser. Eher schlechter. Es fehlt an allem. Auch an Essen.
Wir haben noch ein Brot im Vorratsfach. Die Läden, in welchen wir sonst Lebensmittel kaufen, gibt es nicht mehr. Zerstört.
Wir haben kein Brot mehr. Mein Papa sagt, er besorge welches.
Ich habe mich aus der Wohnung davongestohlen. Vielleicht kann ich auch eines erhaschen. Sie sagen, es gibt unweit unseres Hauses Leute, die Essen verteilen.
In der gleißenden Sonne gehe ich den verstaubten Weg entlang. Schon von fern sehe ich Zelte, die aufgeschlagen sind. Sie verteilen Brot. Aber eine riesige Menschenmenge umgibt sie. Ich quetsche mich hindurch. Es ist nicht gerade einfach. Jeder möchte gerne etwas haben. Irgendwie schaffe ich es aber nach vorne und halte eine halbe Stunde später ein Brot in den Händen. „Hier, nimm, Kind!“, höre ich eine Frau mit rot gelockten Haaren sagen. Ich lächle sie dankbar an und nehme das Brot, das sie mir reicht.
Ich will gerade das Zelt verlassen, da vernehme ich ein lautes Geräusch. Zuerst ist es nur ein fernes Grollen, dumpf und hohl, wie das Knurren eines gigantischen Tieres. Dann ist es laut wie Donner. Der erste Einschlag einer Bombe zerreißt die Erde. Es geht los – sie bombardieren uns wieder.
Ich schlüpfe unter den großen Tisch, auf dem das Essen steht; auch die anderen Leute gehen in Deckung.
Zum Glück sind wir nicht im Zentrum des Bombardements. Ich umklammere den Laib Brot.
Wieder zerreißen markerschütternde Schläge die Gegend. Wieder kann man ganze Häuserkomplexe einstürzen hören. Wieder schreien Menschen.
Es dauert eine ganze Weile, bis der Angriff vorbei ist. Irgendwann mache ich mich auf den Rückweg.
Müde und erschöpft gelange ich in die Gegend, in der sich unsere Wohnung befindet.
Schon von weitem ahne ich Schreckliches. Ich kann den Block nicht ausmachen, in der unser Haus normalerweise steht. Die Umrisse sind schwach, vom Staub, der in der Luft liegt. Je näher ich dem Zuhause komme, desto langsamer gehe ich. Schließlich bin ich angekommen.
Ich stehe vor den Trümmern des Hauses, in welchem sich unsere Wohnung befand. Alles ist dem Erdboden gleich.
Für einige Sekunden stockt mein Atem. Ich will das nicht. Ich glaube das nicht. Das kann nicht sein.
Ich schließe die Augen und bitte inständig darum, zu träumen. Als ich sie wieder öffne, zeichnet sich das gleiche Bild vor meinen Augen ab, das ich zuvor gesehen habe: Steine, Schutt und Asche.
Tränen rinnen meine Wangen herunter. Und noch mehr Tränen. Vor lauter Tränen sehe ich gar nichts mehr.
Ich fange an zu suchen. In meinen Sandalen stapfe ich durch den Haufen an Schrott und Überresten dessen, was mal ein Haus gewesen war.
Ich fühle mich so allein wie noch nie in meinem Leben zuvor. Nur langsam tragen meine Füße mich über die Trümmer. Die Sonne brennt heiß vom Himmel herab.
Das Treppengeländer schaut aus einem Haufen großer Ziegelsteine hervor. Ich sehe Bruchstücke von dem, was einmal unsere Fliesen gewesen waren. Die mit den türkisfarbenen Ornamenten. Ich gehe weiter. Es ist schwierig, auf dem unebenen Untergrund voranzukommen – und auch nicht ungefährlich.
Irgendwann stehe ich einfach nur so da und schaue um mich. Ich kann es immer noch nicht glauben. Ich blicke auf meine müden Füße. Da sehe ich etwas Weißes. Wie Wolle. Der Plüschhase meiner kleinen Schwester Aischa. Ich hebe ihn auf und klopfe den Staub ab. Nun fühle ich mich nicht mehr ganz so allein.
Der orientalische Teppich unseres Wohnzimmers liegt halb unter Steinen begraben. Ich schaufele ihn frei und ziehe ihn hinter mir her.
Verzweifelt suche ich nach meinen Geschwistern und meinen Eltern. Ich suche und suche – auch noch lange nachdem die Sonne untergegangen ist. Irgendwann – müde vom vielen in der Hitze Umherlaufen – setze ich mich auf die Straße und lehne mich an ein stehen gebliebenes Stück Mauer an. In den Teppich eingewickelt schlafe ich irgendwie ein.
Am nächsten Tag suche ich weiter, aber die Mauern sind zu schwer, die Steine zu massiv, die Schicht an Überresten ist zu dick, um irgendwie vorankommen zu können, um irgendwen finden zu können. Es scheint, als sei alle Mühe vergebens. Ich sehe niemanden von ihnen begraben liegen, aber ich weiß, dass sie es sind.
Die Sonne scheint und scheint. Ich sehe in die Ferne. Mein Blick gleitet zum Horizont. Die Luft flirrt vor Hitze. Der Staub und die Trümmer auf den Straßen vermischen sich mit meinem Kummer und meinen Tränen.
Im Durcheinander der vielen Häuserruinen sehe ich plötzlich etwas silbern leuchten. Ich blinzele und gehe auf das Glitzern zu. Auf den Überresten aus Steinen liegt eine Packung. Rot und silbern gestreift. Mit Sternen. Ich greife danach und hebe sie auf. Ein Glückskeks. Ich öffne ihn, esse den Keks und halte den darin eingewickelten Zettel mit einem Spruch darauf in den Händen:
Was du dir wünschst, geht in Erfüllung, wenn du nur fest daran glaubst.
Es zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Und ich schließe die Augen und denke an Frieden.
Anregungsfragen:
- Darf Literatur Hoffnung formulieren, wo reale politische Lösungen fehlen – oder ist das eine Form von Verharmlosung?
- Wie verändert die kindliche Perspektive unseren Blick auf geopolitische Konflikte?
- Ist die Reduktion auf individuelle Schicksale wirksamer als analytische politische Darstellung?
- Inwiefern normalisieren wiederholte Kriegsberichte – literarisch wie medial – das Unfassbare?
- Welche Verantwortung tragen Leserinnen und Leser, wenn sie solche Texte konsumieren?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
Unterstützen Sie auch unser Ziel, das Buch in den Deutschen Bundestag zu bringen: