
Nicola v. Stuckrad, 1976 in Bonn geboren, machte zunächst eine Buchhändlerausbildung und reiste dann aus Fernweh für ein Jahr nach Irland. Während ihres Germanistikstudiums entdeckte sie ihr Faible für mittelalterliche Literatur. Um auch ihre persönlichen Helden von heute zu würdigen, die oft still sind, aber viel zu sagen haben, begann sie, Kurzgeschichten und Dialoge über das vermeintlich Alltägliche zu schreiben. Zurzeit pendelt sie zwischen Hamburg und Berlin und lässt sich vom Hanse- und Hauptstadtleben inspirieren.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. In meinem Fall mit einem Aushang:
Liebe Mieter der Eulenstraße 10,
nun ist es endlich soweit. Ich darf Ihnen voller Freude mitteilen, dass wir das Sanierungskonzept zur Wärmedämmung vollendet haben. Die Arbeiten werden im August/September stattfinden.
Dazu werden beide Dächer gedämmt und neu eingedeckt sowie alle Fenster erneuert. Laut Energieberatungsgutachten kann eine Energiesparleistung von 40% erreicht werden.
Damit jeder genau weiß, was auf ihn zukommt, werde ich einen genauen Plan der Arbeiten bekannt geben.
Der Vermieter
Wenn das nicht vielversprechend war! Unser Dach würde saniert. Besonders meins, denn ich wohne direkt darunter. Ich prägte mir jedes Detail der Mitteilung ein. Eine Dachsanierung war nicht irgendeine Kleinigkeit. Nein, es war mehr als das: Es würde nicht einfach saniert werden, sondern vollendet. Meine Energiesparlampen würden noch mehr sparen, und es würde die schönste Heizperiode werden, die man sich wünschen kann. Ich wartete gespannt auf die nächste Bekanntgabe.
Meine Geduld wurde ziemlich auf die Probe gestellt, denn die nächste Ansage fand Anfang Oktober statt, als ich gebeten wurde, den Speicher frei zu räumen.
Anfang Oktober ist zwar nicht August/September, dachte ich, …aber immerhin: Die Heizsaison ist noch nicht eingeläutet, und der erste Frost ist noch weit entfernt. Ich stapelte die Kisten vor meiner Wohnungstür und harrte aus.
Dann überschlugen sich die Ereignisse. In kürzester Zeit wurde unser Haus mit einem Gerüst verkleidet. Ich bin etwas empfindlich, was Gerüste angeht. Sie verfolgen mich. Egal, wo ich wohne, wo ich zu Besuch bin oder wo ich Praktikum mache – sobald ich in Erscheinung trete, bekommt das Gebäude ein Gerüst. Ich glaube, es steckt irgendeine tiefere Symbolik dahinter.
„Nächste Woche geht’s los“, sagt Herr Erich, unser Hausmeister, den ich im Flur treffe. Er sollte Recht behalten.
20. Oktober. 7 Uhr. Die Invasion. Sie sind wie Aliens, die auf dem Dach landen. Sie sind überall und ganz nah – die Bauleute. Das spüre ich, obwohl ich sie nicht sehen kann, denn wegen der Privatsphäre hatte ich seit dem Gerüstaufbau meine Dachfenster verhüllt. Es ist soweit, denke ich und springe aus dem Bett, und es fühlt sich anders als sonst an, als ich das Haus verlasse. Gegen Mittag komme ich kurz zurück, um zu sehen, wie sich alles entwickelt. Die Straße ist inzwischen abgesperrt, Transporter und sogar ein Kran umzingeln das Haus, und die Handwerker brüllen sich Befehle zu. Bauleute leben in einer anderen Frequenz, denke ich, denn jegliche Kommunikation wird gebrüllt. Sie brüllen sich die Mittagspause zu, sie brüllen nach dem Klebeband, und sie brüllen sich den Weg frei.
Als ich meine Wohnung betrete, bleibt mir das Herz stehen. Mein Bett ist verrückt, ein Bild ist abgehängt, Bauschutt, Isolierwolle und Steine sind in der Wohnung verteilt. Hier war jemand drin, denke ich. Die Schweine! Ich sehe zum Fenster, aber da ist keins mehr. Stattdessen, eine von außen abgeklebte Fläche, und der gesamte Rahmen fehlt. Sie sind über das Fenster eingestiegen. Ich bin so wütend, dass ich zittere und hechte die Treppe runter.
„Sie waren in meiner Wohnung!“, rufe ich dem ersten zu, den ich sehe.
„Davon weiß ich nichts. Ich bin nur der Kranführer“, ruft er zurück.
„Ich will mit jemandem sprechen!“
Wir werden beobachtet. Drei Bauarbeiter auf dem Gerüst gucken zu uns runter:
„Was ist los?“, brüllt einer von ihnen.
„Die Frau will sich beschweren“, brüllt der Kranführer zurück.
„Ich will mit jemandem sprechen!“, rufe ich.
Einer von ihnen klettert zu mir runter.
„Waren Sie in meiner Wohnung?“
„Jaha, aber ich hab‘ nur Ihr Bett weggerückt und ein Bild abgehängt und die Wäsche, die im Fensterrahmen hing.“
„Sie steigen einfach so in meine Wohnung ein und verrücken meine Möbel? Haben Sie schon mal was von Privatsphäre gehört?“
„Ich hatte ja geklopft, aber Sie waren nicht da.“
„Dann haben Sie zu warten, bis ich zurück bin.“
„Aber, ich hatte morgens Licht gesehen bei Ihnen.“
„Als ob es das rechtfertigt. Und dass Sie meine Fenster ausbauen, ohne mit mir zu sprechen, ist das Letzte. Wie lange soll das jetzt so bleiben?“
Er zuckt mit den Schultern: „‘Ne Woche.“
„Wird ganz schön kalt, die nächsten Tage“, meine ich.
„Also, wir haben nur unseren Job erledigt, verantwortlich ist die Bauleitung, Herr Bode.“
Er gibt mir die Nummer, und ich rufe ihn sofort an:
„Ist doch klar, dass die Fenster ausgebaut werden, wenn das Dach saniert wird. Und außerdem: Sie sind doch informiert worden, ich hab‘ den Aushang selbst gesehen“, meint Herr Bode.
„Worüber? Dass Sie bei mir einsteigen, wenn ich nicht da bin?“
„Tja, da hat der Vermieter wohl versäumt, Ihnen allen Bescheid zu geben.“
„Bei mir ist mal eingebrochen worden“, sage ich, „… fühlt sich toll an, wenn man in seine Wohnung kommt, und merkt, es war jemand drin.“
„Ja, ne, klar. Versteh ich“, sagt er. „Das ist natürlich blöd für Sie.“
Es ist ihm scheißegal, was passiert ist, denke ich und beschließe, später mit dem Vermieter zu sprechen.
Als ich abends nach Hause komme, sieht die Wohnung aus wie eine Höhle. Alle Fenster sind abgeklebt, und ein eisiger Lufthauch weht durch mein Zimmer. Die Dunkelheit ist so gespenstisch, dass ich vergesse, das Licht anzuschalten und mir mit meinem Handydisplay den Weg leuchte. Infrarot wäre jetzt hilfreich, denke ich und taste nach meinen Möbeln.
Als ich mich langsam an die Dunkelheit gewöhne, kommt mir ein Gedanke: Es ist der ideale Platz für eine Fledermausaufzucht. Sie könnten sich an die Dachbalken hängen und bis zur nächsten Bekanntgabe warten, bis sie groß sind. Ich würde sie vom Gerüst aus füttern, dann wären sie ganz unter sich, und eines schönen Tages würde ich sie freilassen und zusehen, wie sie die Dunkelheit verschluckt.
Aber das ist Plan B. Plan A lautet:
Ruf den Vermieter an.
Ich wähle seine Nummer und lande am Empfang bei Herbst International. Eigentlich mag ich Herrn Herbst. Obwohl er in anderen Sphären lebt, denn er ist Polospieler, wie mir der Hausmeister verraten hat. Er spielt sogar Elefantenpolo in Thailand und hat dort eine Meisterschaft gewonnen.
„Er ist leider nicht vor Ort“, sagt die Sekretärin. Sie verspricht, ihm Bescheid zu geben, und ihm auszurichten, dass es dringend sei. Er ruft nicht zurück.
Ich will die Heizung anstellen. Dazu klettere ich auf meine Empore, auf der sich die Gastherme befindet und stelle den Schalter auf Heizung um. Nach drei Sekunden riecht es intensiv nach Gas. Als ich die Therme betrachte, sehe ich, dass in der Decke ein Loch ist, weil jemand das Abzugsrohr rausgerissen hat. Mein Gott, hier hätte alles in die Luft fliegen können!, denke ich. Ich hätte tot sein können. Da ich noch lebe, wähle ich meine persönliche Notrufnummer. Es ist die des Hausmeisters, Herrn Erich, bzw. Jürgen, denn wir duzen uns. Ich mag ihn sehr, und er kann alles.
„Du musst unbedingt vorbeikommen. Ich hätte tot sein können.“
„Bin schon unterwegs“, sagt er und steht zwei Minuten später vor der Tür. Er ist ein Mann der Tat. Als er die Therme sieht, rastet er aus: „Wie idiotisch kann man eigentlich sein? Was für Schwachköpfe! Ich rufe sofort Herrn Herbst an. Das gibt Ärger!“
Ich bin froh, dass mich endlich jemand ernst nimmt.
„Bin ich denn gerade außer Gefahr?“
„Ja, so kann nichts passieren, stell aber nichts wieder an.“
„Ich hätte tot sein können“, wiederhole ich.
Da ich heute nichts mehr erreichen kann, gehe ich schlafen. Ich ziehe ein paar Schichten übereinander an und fege vorsichtig das Geröll von meinem Bett. Es steht mitten im Raum, wie eine Insel im nachtschwarzen Ozean, denn der Handwerker hat gesagt: Nichts in der Nähe des Fensters lassen. Ich rolle mich zusammen und lausche dem eisigen Wind und dem Flappen der Isolierfolie. So fühlt es sich bestimmt im Krieg an, wenn das Dach zerbombt ist. Komischerweise hat die Vorstellung etwas Tröstliches, und mein Überlebenswille macht sich stark. Als mich ein Geräusch weckt, bin ich zunächst orientierungslos. Ist es der Ruf der Eule? Nein, es ist der Schrei des Handwerkers und es ist sieben Uhr morgens, wie mir die Leuchtziffern meines Handys anzeigen. Heute ist ein guter Tag für den Mieterschutzbund, denke ich und warte im Freien auf die Sprechstunde um 12. UV-Licht ist jetzt ganz wichtig. Als ich an der Reihe bin, werde ich von einem sehr freundlichen, älteren Herrn beraten.
„Das war Einbruch“, sagt er. „An Ihrer Stelle würde ich zur Polizei gehen und eine Strafanzeige aufgeben.“
Ich bin froh über seine Einschätzung, doch trotzdem will ich Herrn Herbst nicht anzeigen, denn schuld sind die Bauleute, nicht er.
Als ich wieder zurück bin und überlege, wo eigentlich meine Infrarotlampe geblieben ist, ruft er zurück:
„… Was haben die gemacht? Sie haben die Fenster abmontiert und waren in Ihrer Wohnung? Das tut mir unheimlich leid. Ich werd‘ sofort mit denen sprechen.“
Ich erzähle ihm von der Strafanzeige.
„Wir kriegen das bestimmt auch so geregelt“, meint er. „Haben Sie vielleicht irgendeinen Wunsch, was die Wohnung betrifft?“
Das war meine Chance.
„Ein Dachfenster auf der Empore fänd ich unheimlich schön. Das hab‘ ich schon beim Einzug gedacht.“
„Sie wünschen sich ein zusätzliches Fenster?“
„Ja, eins unterm Sternenhimmel.“
„Ich denke, das lässt sich machen.“
Ich kann es kaum fassen. Ein Dach überm Kopf ist das eine, aber ein Dach überm Kopf mit Fenster zu den Sternen ist so ziemlich das Schönste, was ich mir vorstellen kann. Wir verabreden uns für den nächsten Tag zur Bestandsaufnahme.
Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt eintreffe, empfängt mich eine kleine Delegation: Jürgen, ein geknickter Herr Bode und ein heiterer Herr Herbst.
Er strahlt mich an und schüttelt mir die Hand. Ich finde ihn gleich sympathisch. Er ist mindestens zwei Meter groß, hat ein längliches Gesicht und zurückgekämmtes gewelltes Haar. Er hat etwas Aristokratisches, wie von einer englischen Elite-Uni. Der Eindruck wird durch seine Steppjacke unterstrichen. Bestimmt hat er auch dunkelgrüne Gummistiefel für die Jagdsaison, denke ich. Da fällt mein Blick auf sein aufgenähtes Emblem. Es ist ein Polospieler. Tatsächlich. Auf einem Pferd allerdings. Ich hätte ihm wahnsinnig gerne ein paar Fragen zum Elefantenpolo gestellt, schließlich steht man nicht alle Tage einem echten Profi gegenüber, aber jetzt ist keine Zeit dafür. Wir gehen gemeinsam nach oben, und ich schließe meine Wohnung auf.
„Ganz schön frisch hier“, meint Jürgen und grinst mich an.
Als Herr Herbst den Schutt herumliegen sieht, wirkt er etwas betreten. Herr Bode schweigt. Er steigt auf die Leiter, um die Therme zu inspizieren. Schon auf der zweiten Stufe ruft er:
„Was für Idioten!“
Er wählt eine Nummer und bellt in sein Handy:
„Das ist nicht wahr, Leute! Wie doof kann man eigentlich sein? Ihr habt das Rohr direkt rausgerissen! Nein, ich verarsch Dich nicht, ich steh‘ direkt davor.“ Ich fühle mich ein Stück besser.
„Darf ich mal?“, frage ich und nehme ihm das Handy ab. „Ich hätte tot sein können“, sage ich zur Bekräftigung in den Hörer.
„Wir bringen das in Ordnung, Frau Peters“, sagt Herr Herbst.
Herr Bode verspricht, die Pläne für mein zukünftiges Fenster umzugestalten.
Abends klingelt der Handwerker, um die Therme zu richten. Er baut das Rohr wieder zusammen, und wir machen einen Teststart: Die Flamme zündet nicht.
„Komisch“, sagt er, „Wieso geht das denn nicht?“
„Das weiß ich doch nicht. Wieso rufen Sie nicht jemanden, der was davon versteht? Einen Klempner zum Beispiel?“
„Ja, weiß jetzt auch nicht“, sagt er und telefoniert: „Also, ich bin jetzt beim Boiler, aber diese Flamme geht nicht. Ja, ja, hier sind so drei Rädchen … Jaa, hab‘ ich … hab‘ ich … nein, unverändert.“
„Warum rufen Sie nicht einen Notdienst an?“, frage ich.
„Also, da weiß ich jetzt keinen. Sie vielleicht?“
Ich seufze:
„Lassen Sie! Ich kümmere mich drum.“
Ich wähle eine 24 Stunden-Notrufnummer. Die erste Rückfrage lautet:
„Sind Sie denn bei uns Kunde?“
„Was spielt das für eine Rolle? Sie sind ein Notdienst.“
„Wie sind Sie denn auf uns aufmerksam geworden? Über das Branchenverzeichnis, oder was?“
„Das ist doch vollkommen unwichtig. Ich brauche jemanden, der vorbeikommt.“
„Das geht nicht von jetzt auf gleich. Wir haben keine Termine mehr frei“.
„Sie vergeben Termine?“
„Ja, und in den nächsten Tagen ist leider schon alles voll. Ich kann Ihnen noch den Montag anbieten.“ Es war Donnerstag.
„Sie schreiben, Sie sind ein 24 Stunden-Notdienst, von mir aus kann auch nachts jemand vorbeikommen“.
„Nein, nein, das machen wir nicht. Schon gar nicht mehr heute Abend. So spät noch jemanden vorbeischicken, womöglich um 23 oder 24 Uhr, also das will ich keinem zumuten.“
Ich merke, es ist vergeblich und beende das Gespräch. Irgendwie scheint heutzutage niemand mehr ein Gefahrenbewusstsein zu haben.
„Nichts zu machen“, sage ich zum Handwerker nach oben. Er guckt zu mir runter, und wir befinden uns in einer gerüstähnlichen Situation. Wenigstens brüllt er nicht. Er wirkt ziemlich hilflos und schlägt vor, den Hausmeister zu Rate zu ziehen. Ein Königreich für Jürgen.
Am nächsten Abend baut Jürgen mit wenigen Handgriffen die fehlenden Teile ein und koordiniert die Wiederbelebung meiner Therme. Endlich springt die Flamme an:
„So, läuft wieder. Dann schönes Heizen.“
„Danke, mein Retter“, sage ich.
Als ich wieder alleine bin, fege ich das Geröll weg und drehe die Heizung bis zum Anschlag auf. Dann steige ich die Leiter zur Empore hoch. Wie eine Himmelsleiter, denke ich und setze jeden Schritt ganz bewusst. Oben angekommen, breite ich meinen Schlafsack aus, genau dort, wo in naher Zukunft mein neues Fenster sein würde.
Ich beschließe, der Dunkelheit noch ein wenig Raum zu geben und spüre, wie sie mich schützend umfängt. Ich lege mich hin, fühle, wie sich die Wärme ausbreitet und träume von meinem zukünftigen Blick in den Himmel. Die Sterne sind zum Greifen nahe.
Anregungsfragen:
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