
Wolfgang Mebs wurde am 9. November 1954 in Schmölln (Thüringen) geboren.
Von 1974 bis 1988 absolvierte er ein Studium für das Lehramt in den Fächern Englisch und Sozialwissenschaften. In diese Zeit fielen zudem Zivildienst, Referendariat sowie verschiedene berufliche Tätigkeiten und Reisen.
In den Jahren 1988 bis 1989 ließ er sich zum Abfallwirtschaftsberater umschulen und übernahm anschließend 1989/90 die Leitung einer Abteilung in einem Entsorgungsunternehmen.
Von 1990 bis 2019 war er als Lehrer an Gymnasien in Menden und Halver tätig. Seitdem widmet er sich seiner Arbeit als Autor, engagiert sich ehrenamtlich und ist weiterhin auf Reisen.
Seine Kurzgeschichten und Gedichte erschienen in zahlreichen Literaturzeitschriften, Magazinen und Anthologien.
Seit Mai 2025 ist er zudem als Rezensent für die Plattform schreiblust-leselust.de tätig.
Bereits 1988 wurde er mit dem Hafiz-Literaturpreis für Satire des Persischen Literaturclubs Düsseldorf ausgezeichnet.
Zu seinen Romanveröffentlichungen zählen Blick ins Kaleidoskop (Chemnitz: net-Verlag, 2020), Django macht sich auf den Weg (Chemnitz: net-Verlag, 2022) sowie Mordsspaß – Fast ein Kriminalroman (Pliening: Verlagshaus Schlosser, 2025).
Liebe Aliens,
irgendwann werdet ihr kommen, das ist klar. Das ist keine Hellseherei oder Science-Fiction, sondern schlichte Logik. Auch, wenn wir uns einbilden, ganz oben auf der Spitze der Schöpfung zu thronen – die Annahme, wir wären die einzigen potenziell intelligenten Wesen im unendlichen Universum, ist egozentrisch und ignorant. Und insofern typisch für unsere Spezies.
Vielleicht beobachtet ihr uns ja schon eine Weile und stellt fest, dass es sich bei uns um eine unterentwickelte Lebensform handelt. Vielleicht ward ihr auch schon mal da, habt uns auf die Sprünge geholfen und kommt demnächst nachschauen, ob es funktioniert hat – und hakt uns dann als hoffnungslosen Fall ab.
Vielleicht kommt ihr auch erst in 200 Jahren, wenn vom Homo sapiens, der seinen Namen völlig zu Unrecht trägt, nur noch Fossilien geblieben sind und von Dickicht überwucherte Ruinen. Vielleicht beugt ihr euch dann ja wie einst unsere Ägyptologen über unsere Hieroglyphen und versucht zu entschlüsseln, ob es sich bei uns um eine nennenswerte Existenzform gehandelt hat.
Falls ja, lasst euch nicht täuschen von den Anzeichen von Zivilisation, die ihr sicher finden werdet. Aber, um es gleich klar zu sagen: Zivilisiert waren wir nicht. Unsere Sprachen kannten mehr Schimpf- als Kosewörter, wir hielten Konkurrenz für wichtiger als Kooperation, und seit der erste Menschenaffe entdeckt hatte, was man mit einem Unterschenkelknochen so alles anstellen kann, gab es nicht einen Moment in unserer Geschichte, in dem wir nicht irgendwo Kriege gegeneinander geführt haben.
Unsere Vorstellung von Zivilisation wird euch etwas einfältig anmuten. Wir definierten sie als ein System von Staaten und Regierungen mit sozialer Differenzierung, Arbeitsteilung und fortgeschrittener Technik und Wissenschaft. War all das ganz besonders komplex, sprich für die meisten von uns undurchschaubar, nannten wir es Hochkultur. Menschen, die sich mit Jagen und Sammeln begnügten, nannten wir primitiv. Das galt allerdings nur für Hirsche und Nüsse. Das Sammeln von Konsumgütern und Geld hingegen war Ausdruck hoch entwickelter Gesellschaften.
Davon überzeugt, die menschliche Zivilisation auf immer höhere Stufen zu heben, erfanden unsere Wissenschaftler so fortschrittliche Dinge wie Selfie-Toaster und Schokolinsen, die nicht in der Hand schmelzen. Vor allem aber entwickelten sie Dinge, mit denen wir unseren Artgenossen den größtmöglichen Schaden zufügen konnten, wie Morgensterne, Dum-Dum-Geschosse, Giftgas und Atombomben.
Was Regierungen angeht, spielte deren konkrete Form keine Rolle. Auch Diktaturen und Sklavenhaltergesellschaften waren Hochkulturen, solange Unterdrückung und Folter differenziert, arbeitsteilig und auf hohem technologischem Niveau betrieben wurden. Also Elektroschocker statt Marterpfahl, 100 Dezibel Dauerbeschallung mit Heavy Metal aus High-End-Boxen statt Daumenschrauben. Regimegegner aus Flugzeugen ins Meer zu werfen oder Pyramiden zu bauen aus nackten, gefolterten Gefangenen, waren Markenzeichen sich überlegen fühlender Kulturen.
Auch die soziale Differenzierung trieben wir auf dem Weg zur Hochkultur voran. Gab es einst das Diktum, kein Mensch sei eine Insel, stellten wir diese so grundlegende – wie den Kern des Menschen definierende – Erkenntnis auf den Kopf und erklärten das Inseldasein zur ultimativen Selbstverwirklichung. Von der Einzigartigkeit in Vielfalt blieb allein das Ich. Das Individuum wurde zum Zentrum allen Denkens und Fühlens, bis die Selbstbespiegelung und die Verabsolutierung der eigenen Bedürfnisse im Chaos gesellschaftlicher Einzeller endete.
Jeder Mensch hatte die Freiheit, ein Individuum zu sein und sich um sich selbst zu kümmern. Unter welchen Bedingungen man lebte, war davon unberührt. Schließlich war man auch in einem indischen oder einem amerikanischen Slum ein Individuum. Genauere Analysen waren unserem Weltbild nicht zuträglich. Uns reichte die Differenzierung zwischen Nord und Süd, privilegiert und benachteiligt, und dazwischen diejenigen, die von der Hoffnung auf Auf- und der Angst vor dem Abstieg getrieben wurden.
Dass das nicht gutgehen konnte, hätte uns klar sein können. Die Illusion implodierte aber erst, als sich die zu Einzelkämpfern stilisierten Degradierten der Erde in Scharen das holten, worauf sie Anspruch hatten.
Wie ihr, liebe Aliens, sofort erkennen werdet, kam unsere Definition, unser Verständnis von Zivilisation, völlig ohne Kunst und Kultur aus! Sie waren mehr das der allgemeinen Entspannung und Erheiterung dienende Beiwerk. Denn Kultur, so glaubten wir, sei eine Vorstufe der Zivilisation. Kulturen, also auf einem System von Wertvorstellungen, Denkstrukturen und Verhaltensweisen beruhende Gesellschaften, gab es viele, und überall fanden wir Formen künstlerischer Tätigkeit. Aber eben auf entwicklungsgeschichtlich niedrigem Niveau.
Einfach nur auf einer aus Weidenholz geschnitzten Flöte spielen, ist ja ganz nett, aber zur Zivilisation wird das erst, wenn man in riesigen Fabriken tausende Maschinen herstellt, mit denen unter massivem, umweltruinierendem Einsatz Rohstoffe gewonnen werden, mit denen wiederum in anderen riesigen Fabriken millionenfach technologisch hochkomplexe Gerätschaften produziert werden, mit denen man vollautomatisch, per schlichtem Knopfdruck, nicht nur die Flöte, sondern 365 verschiedene Instrumente ertönen lassen kann, ohne sich in jahrelanger, mühseliger Übung diese spezielle kulturelle Fertigkeit des Flöte-, Piano- oder Ukulele-Spielens aneignen zu müssen.
Es wird euch angesichts dieser Geisteshaltung nicht wundernehmen, dass die Menschheit es irgendwann als Gipfel der Zivilisation ansah, auch das Denken ganz den Maschinen zu überlassen. Ohne wirklich begriffen zu haben, was wir taten, schufen wir uns als Kontrolleure der Geister, die wir riefen, selbst ab. In einem Akt mörderischer Selbsterkenntnis erklärten wir unsere eigene Intelligenz als unzureichend und überließen alles Weitere der sogenannten künstlichen Intelligenz. Wohlgemerkt: nicht künstlerischer, sondern artifizieller, nicht-natürlicher, nicht-menschlicher Intelligenz, einer Form des Denkens, die allein auf Rechenleistung beruhte, auf hochdifferenzierter Technologie, bar jeder Emotion und Empathie.
Wo das mit unserer Daseinsform hinführen sollte, war übrigens nicht Gegenstand unserer Überlegungen, von wenigen Exoten abgesehen, die wir entweder als Apokalyptiker und Maschinenstürmer denunzierten oder Philosophen nannten und für abgehoben und unproduktiv, d. h. weitestgehend entbehrlich hielten. Unser Leitstern war die Illusion, unser Leben immer leichter und bequemer zu machen durch immer mehr und immer neue Güter. Manche träumten sogar davon, uns eines Tages von jedweder körperlichen Arbeit zu befreien und jedem zu ermöglichen, sich ganz der freifließenden Kreativität zu überlassen und den Künsten zu frönen. Ein Traum, so naiv wie paradox, überließen wir doch auf diese Weise unsere Zivilisation vollständig der Technologie und den Algorithmen, während wir selbst auf ein Niveau zurückfielen weit unterhalb des in seiner Höhle auf einer aus Weidenholz geschnitzten Flöte spielenden Neandertalers.
Höchstzivilisatorisch und tiefstkulturell erschufen wir Computerprogramme, die uns nicht nur das Musizieren, sondern auch das Malen und Dichten, das Schauspielern und Bildhauern abnahmen. Aus dem Menschen als schaffendes Subjekt wurde das dauerkonsumierende Objekt.
Das alles wird euch zu Recht zweifeln lassen an unserer Intelligenz. Aber keine Sorge, ihr werdet wirklich intelligentes Leben finden. Delfine z. B. – und Krähen. Der enormen Kapazität des menschlichen Gehirns jedoch stand kein entsprechend reifer Verstand zur Seite. Wir waren die einzige Spezies, die zwar den persönlichen Selbsterhaltungstrieb kannte, nicht aber den unserer Gattung als solcher. Ich denke, ihr werdet zahlreiche Beispiele unseres suizidalen Lebensstils entdecken, all die Gifte in Boden, Luft und Wasser, den methodischen Wahnsinn der Monokulturen, die radikale Reduzierung des ökologischen Reichtums. Wir sahen uns als allen anderen Kreaturen überlegen an und leiteten daraus das Recht ab, uns Flora und Fauna untertan zu machen. Sich als einen winzigen Teil der Natur zu begreifen, als demütiger, dankbarer Mitbewohner dieses Planeten, war naiven, etwas schrulligen Käuzen und unterentwickelten Gemeinschaften vorbehalten, die wir bezeichnenderweise Naturvölker nannten. Natur und Hochkultur konnten wir nicht zusammen denken.
Und so gerierten wir uns als Herren der Erde; unsere Gier kannte weder Ziel noch Maß; sie war sich selbst genug – koste es, was und wen es wolle. Grenzenlose Ausbeutung war unsere Ultima Ratio. Unsere Zivilisation lief auf Hochtouren und fraß erst ihre Grundlagen und dann ihre Kinder. Wir waren zivilisatorische Analphabeten, technologiegläubige Lemminge, eine fatale evolutionäre Fehlentwicklung.
Wieso, werdet ihr fragen, verharrten wir in unserem Irrtum, machten wir immer weiter auf diesem Irrweg, wo doch der Irrsinn offen zutage lag? Nun, es gab sie, die Warner und Weisen, aber sie blieben ungehört und unverstanden. Der Mensch als Masse war gefangen in seiner Hybris, wissend blind.
Und so steht zu befürchten, dass der vermeintliche Herrscher der Erde bald auf seinem Thron hoch oben auf einer Halde aus zivilisatorischem Abfall sitzen wird, umgeben von endloser Wüstenei. Allein, unfruchtbar, nicht Schöpfer, sondern Totengräber.
Dennoch hege ich, auch das übrigens typisch Homo sapiens, allen Menetekeln zum Trotz noch Hoffnung. Nicht wegen eines Apfelbäumchens. Nein, die einzige Hoffnung, die noch bleibt, ist, dass ihr gerade noch rechtzeitig kommt, uns vor dem Schlimmsten zu bewahren, uns Verstand und Kultur zu bringen, und uns zu lehren, was es heißt, wahrlich zivilisiert zu sein.
Anregungsfragen:
- Ist technologischer Fortschritt automatisch kultureller oder moralischer Fortschritt?
- Haben wir „Zivilisation“ zu eng über Technik und Wirtschaft definiert – und Kultur entwertet?
- Führt Individualisierung zwangsläufig zu gesellschaftlicher Vereinzelung?
- Wie viel Verantwortung dürfen oder sollen wir künstlichen Systemen überlassen?
- Ist Hoffnung auf äußere Rettung (Technik, Markt, „höhere Mächte“) Ausdruck von Resignation – oder realistischer Pragmatismus?
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