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Willi Dittrich – Unbehagen

Willi Dittrich wurde 1959 in Frankfurt/Main geboren, ist Ergotherapeut in einer Kinderklinik; absolvierte ein Studium mit Abschluss Magister Deutsche Philologie, Politikwissenschaft; war Erzieher in einer Elterninitiativ-Kindertagesstätte; und hat pädagogische Publikationen bei Cornelsen/ Verlag an der Ruhr und Klett-Kita.


Etwas ist faul, nicht nur im Staate Dänemark.1 Eine kollektive Unruhe hat uns erfasst. Wir spüren ein wachsendes Unbehagen mit den Umständen, in denen wir leben und damit, wie die Parteien auf die politisch zu lösenden Herausforderungen unserer Zeit reagieren. Gleichzeitig haben wir begonnen, uns an schlechte Nachrichten zu gewöhnen. Skandale und Missstände, die noch in Zeiten der Protestbewegungen die Menschen auf die Straße getrieben hätten, mit resignativem Achselzucken zu kommentieren.
Was ist richtig? Was ist wahr?

Wir werden täglich mit Informationen in nie gekanntem Ausmaß bombardiert, haben aber immer größere Schwierigkeiten, Fakt von Fake zu unterscheiden.
Lüge als Begriff befindet sich auf Rückzug in die Beichtstühle der katholischen Kirche, während sie selbst in demokratisch geführten Staaten – als „alternative Wahrheit“ geadelt – hoffähig geworden ist.
In den USA gelang es einem milliardenschweren Lügenbaron, trotz einer Politik nach Gutsherrenart mit Steuererleichterung für die Superreichen und Haftverschonung für Steuerhinterzieher mit dem einfachen Slogan „America first“ sich ausgerechnet den Ärmeren gegenüber glaubhaft als Heilsbringer zu verkaufen. Wir leben in einer Hochphase von Fundamentalisten, Verschwörungstheoretikern, „Influencern“ und Bauernfängern jeglicher Couleur.
Nun könnte man annehmen, dass in unserem digitalen Zeitalter mit einer sich in Mega-Giga-Tera-Peta-Quantensprüngen ausweitenden Informationsfülle Meinungsvielfalt und Differenziertheit der Positionen einhergingen. Doch der Beobachter reibt sich verwundert die Augen. Das Gegenteil ist der Fall. Anstelle eines alle wesentlichen Faktoren berücksichtigenden Disputs ist die Manipulation getreten. Ihr wichtigstes Werkzeug ist die Brechstange der Angst, dicht gefolgt vom Hobel der Vereinfachung. Die Angst ist evolutionsgeschichtlich älter als die Vernunft. Sie hat den Menschen das Überleben gesichert. Diesen Verdienst macht sie auch Jahrtausende später beim Kräftemessen mit der Vernunft geltend.
Was liegt näher, als sich dieses starken Mittels zu bedienen, um ein Interesse durchzusetzen? Hat uns die Angst erst einmal mürbe gemacht, wird der Hobel der Vereinfachung angesetzt. An strittigen Themen wird so lange gehobelt und geschliffen, bis störende Auswüchse wie Kritikvermögen und Verständigungsbereitschaft verschwunden und nur noch uniforme Meinungsblöcke übrig sind, es nur noch richtig oder falsch, dafür oder dagegen, gut oder böse gibt.
Um eine möglichst breite Mehrheit zu gewinnen, darf das ganze Arsenal der Desinformation genutzt werden. Die öffentlich-rechtlichen Medien haben lange genug voller Neid auf die zweifelhaften Methoden des Publikumfangs der privaten Sendeanstalten geschielt. Inzwischen wird auch hier mit manipulativen Bildern, unausgewogener Gewichtung, Unterschlagen von Informationen gearbeitet, dass die Mutmaßung, der bisher bewährten Gewaltenteilung geselle sich eine Vierte Macht hinzu, durchaus berechtigt erscheint. Eine propagandistisch anmutende Einhelligkeit in den Leitmedien provoziert geradezu jene Gemüter, die sich mit Vorliebe von einer „Lügenpresse“ manipuliert wähnen.
Kommt es mir nur so vor oder gab es im ausgehenden vergangenen Jahrhundert – beginnend mit der sogenannten 68er Bewegung – jenes zeitgeschichtlich kurze Intervall, in dem um das, was wahr und recht sei, und dem Gemeinwesen am besten diene, argumentativ gerungen, kritisches Hinterfragen an den Schulen gelehrt und Streitkultur in den Medien gepflegt wurde? „Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen“, dieser Leitspruch Immanuel Kants, der die Menschen einmal aus einer Zeit ungerechter Herrschaftsverhältnisse herausgeführt hat, war uns allen geläufig.

Wie anders als durch eigenständiges Nachdenken könnten wir aus dieser Informationsflut das herausfiltern, was der Wahrheit am ehesten entspricht?
Dabei hilft es zudem – Rosa Luxemburgs zeitlos gültiger Weisheit eingedenk, wonach die Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden sei – Menschen mit abweichender politischer Überzeugung zuzuhören, statt sie zu diffamieren, denn sie sind seit jeher das notwendige Korrektiv. Die Berücksichtigung oppositionellen Denkens hilft dabei, Fehlentscheidungen zu vermeiden, erhöht die Chance auf weitsichtige Konfliktlösungen und ist nicht zuletzt ein wesentlicher Beitrag zur gesellschaftlichen Integration. Stattdessen wird nur zur Kenntnis genommen, was die eigene Sichtweise bestätigt. Die Kanäle der Informationen verlaufen heute nebeneinander ohne ein Verbindungsstück. Das Ergebnis ist die beklagte Polarisierung politischer Positionen, die selbst Familien und Freundschaften entzweit.
Wie konnte es dazu kommen? Sind wir medial leichtgläubig geworden? Haben wir durch tägliche Nutzung der elektronischen Medien das eigenständige Denken verlernt, so wie jemand, der sich auf den Taschenrechner verlässt, irgendwann nicht mehr die Grundrechenarten eigenständig beherrscht?
Bei jeder gesellschaftlichen Veränderung gibt es neben denen, die den Schaden haben, auch Nutznießer, die die entstandene Situation ausnutzen, womöglich sogar provoziert haben. Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken…
Du liebe Güte, das klingt ja nach Verschwörungstheorie! Wohin nur haben meine Gedanken mich geführt? Es wirbelt in meinem Kopf …

„Krieg ist Frieden; Freiheit ist Sklaverei; Unwissenheit ist Stärke“2 – Die „schöne neue Welt“ – ist sie schon da?

Anregungsfragen:

  1. Wie verändert eine permanente Informationsflut unser Verhältnis zu Wahrheit und Vertrauen?
  2. Welche Rolle spielen Angst und Vereinfachung in politischen Entscheidungsprozessen?
  3. Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Meinungsbildung und gezielter Manipulation?
  4. Wie kann Streitkultur unter Bedingungen starker Polarisierung neu gelernt werden?
  5. Welche Verantwortung tragen Individuen – und welche Institutionen – für den Erhalt von Wahrheit im demokratischen Diskurs?

1 Frei nach William Shakespeare, Hamlet, 1. Akt

2 George Orwell, 1984


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