
Maria Lehner wurde 1954 in Graz/Österreich geboren, hat dort Germanistik studiert und lebt seit 1991 in Wien/Österreich.
Sie schreibt Kurzgeschichten, gedankliche Kurzprosa und Lyrik. Sie ist als Lektorin, Jurorin und (Mit)herausgeberin tätig.
Essays und wissenschaftliche Texte entstehen unter ihrem zivilen Namen „Maria Dippelreiter“
Veröffentlichungen erfolg(t)en in Verlagen und Zeitschriften in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie Online.
Sie ist Mitglied im PEN-Club, dem Österreichischen Schriftstellerverband und der IG Autorinnen und Autoren.
Literarische Einzelwerke:
Maria Lehner: Krumme Eiche bis Unteres Feld. Erzählbrücken. Klagenfurt: Wieser. 2023.
Maria Lehner: …und dann ins Schwarze Meer. Porträts. Ulm: danube books, 2025.
Mehr über sie ist unter https://www.marialehnergemischtersatz.at/ zu erfahren.
Wer sich weiterentwickeln will, muss ehrlich zu sich selbst sein; dazu gehört auch der Mut zur Dystopie – einer Annäherungsform, die von einer politiktheoretischen Zukunftsforschung ernst genommen werden sollte. Was bleibt mir also anderes übrig, als in schreckliche Welten einzutauchen, mag es nun angenehm sein oder nicht…
Da waren Tage des Verloren-Seins. Ich hing frei im Raum. Ausgesetzt aller Vieldeutigkeit, jeglichen Widrigkeiten und Zumutungen. Meine Filter-Bubble war geplatzt. Ich trieb orientierungslos in der Ursuppe der Informationen. Kurz konnte ich mich an einer vorbeischwebenden Blase festhalten und man klärte mich auf:
„Eine Superbubble brauchst du. Die ist widerstandsfähiger als diese dünnhäutigen Ballone.“
Es ist da, mein Paket; obenauf liegt die Gebrauchsanweisung:
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Kaufentscheidung. Enjoy your Superbubble (die reißfeste Blase zum Überziehen dient der völligen Abschottung von allem, was Ihnen unwichtig ist, und bietet Ihnen die Möglichkeit, sich an andere Blasen anzudocken – volle Adhäsionskraft ohne Verschleiß!)
Ein Fortschritt. Reißfest. Andocken. Ich entfalte die luftballonartige Riesenhaut.
Die Person schlüpft hinein und entschwebt. Die Gebrauchsanweisung bleibt liegen.
Ja! Meine Blase lässt mich sanft über schroffe Auffassungs-Abhänge schweben. Falls ich auf Aluhut-Träger treffe, kann ich mich elegant wegducken. Freunde werden in ihren Blasen an mir vorbeischweben – wir werden einander zuwinken und Zettelchen an den Rand der durchsichtigen Wand halten: „Dare to be different!“ Wir wollen nämlich anders sein. Anders als die, die so anders sind als wir. Solche wie wir müssen zusammenhalten. Und wenn wir uns so nahe kommen, dass wir einander mit der offenen Hand an der Wand unserer Bubbles berühren können, sind wir in einem Netzwerk verbunden – zu einer gewaltigen Traube aus Blasen formiert. Dann seht euch vor!
Fünfundfünfzig Prozent von uns, also mehr als die Hälfte, bevorzugen die Nähe zu denen, die sind wie wir und lehnen die ab, die anders sind. Was, die Aufgaben, die wir als Gesellschaft stemmen müssen, erfordern Zusammenhalt? Genügt es nicht, dass wir uns ohnehin im selben Universum bewegen? Man kann sich das Leben auch selber schwer machen. Die haben wohl nicht den ersten Satz der Gebrauchsanweisung gelesen – E n j o y your Superbubble. Enjoy your eindeutiges und stabiles Weltbild. Da lobe ich mir meine kuschelweich gepolsterte Blase. Keine Orientierungsnotwendigkeit – ungestörtes Fliegen, Gleiten, Segeln, Spazieren-schweben…
Wo wir spazieren-schweben? Na, in dem weiten Raum, den sie „Demokratie“ nennen. Sie verkaufen sie uns als eine Errungenschaft, doch mitunter ist das ein Minenfeld: Gesinnungs-Erdrutsche, Anschauungs-Explosionen, Standpunkt-Kaskadenbrüche. Daran könnten unsere wertvollen Blasen Schaden nehmen. Zum Glück gibt´s unsere Reisebegleiter. Manche nennen sie – je nachdem, von welcher Seite man sie sieht – Populisten, andere Spin-Doktoren. Die sagen uns, wo´s lang geht. Den anderen Vorbeischwebenden sagen andere Reisebegleiter anderes.
Aber da oben unser Ruhmestempel, leuchtend! Ja:
„Google wacht über uns wie ein Gott, und wenn wir etwas suchen, dann gibt er uns Reime darauf“ (Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther. Suhrkamp 2025, Seite 12).
Andächtig werden wir: „Oh Logarithmus, du riesiges Spiegeluniversum, der du personalisierte Wahrheiten für uns erzeugst! Oh Welterklärer, der du so weise unsere Ziele reflektierst! Oh Alles-Strukturierer, der du dies alles in unsere Bubble-Trauben implementierst!“
Da draußen: die alten Onkel und Tanten. Die „Generation Widerstand“. Transparente tragend, hektisch, unentspannt. Sie fürchten sich vor smarter Diktatur? Meine Güte, man kann sich das Leben auch selber schwer machen. Miesmacher. Sie behaupten, der Stoffwechsel der modernen Gesellschaft sei der Konsum. Richtig – und weil die Flut der Konsumgüter unüberschaubar ist, wollen wir bitte passende Vorschläge bekommen. Schließlich verwenden wir auch beim Autofahren ein Navigationssystem, warum also nicht auch in der Bubble? Sollen wir uns etwa über veraltete Straßenkarten ärgern oder ständig die Vorbeischwebenden fragen? Nein: bitte liefern! Möglichst verlässlich und zeitnah.
Her mit dem eindeutigen, stabilen Weltbild! Nicht auszudenken, ich müsste dafür die Komfortzone meiner Bubble verlassen. Das hatten wir schon – alles neu, alles anders; alle Regeln verkehrtherum. Da lob ich mir meine Cozy-Blase. À propos Blase, ich müsste da mal dringend … Vielleicht steige ich aus?
Die Person versucht, sich aus der Blase heraus zu manövrieren.
Hm … wie mach ich das? Da war doch was in der Gebrauchsanweisung?
Die Person bemüht sich, an die Stelle zurückzukommen, an der außerhalb der Blase das auseinandergefaltete Papier liegt, erreicht es aber nicht, gestikuliert und ruft nach draußen, wo ein paar starke Männer mit Besen unterwegs sind:
„Die Gebrauchsanweisung bitte!“
Die Müllmänner in Overalls reden miteinander und blicken nicht zu den Blasen hinauf. Gemeinsam fegen sie ein Papierkonvolut, darunter die Gebrauchsanweisung, weg. Einer hält kurz inne und liest vor, was auf einer Mappe steht:
„Reflexion der Studie Entkoppelte Lebenswelten. Soziale Beziehungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland.“
Er schüttelt den Kopf und wirft das Papier in einen Container.
„Da kannst du putzen wie ein Verrückter; der Plastikmüll schwebt jetzt sogar schon!“, hört man den einen kurze Zeit später nach oben zeigend sagen.
„Ja ja“, sagt der andere.
Anregungsfragen:
- Ab welchem Punkt wird freiwillige Abschottung zu einer Gefahr für demokratischen Zusammenhalt?
- Sind Filterblasen ein technisches Problem – oder Ausdruck eines menschlichen Bedürfnisses nach Eindeutigkeit und Komfort?
- Welche Verantwortung tragen Plattformen und Algorithmen für gesellschaftliche Spaltung – und wo beginnt die individuelle Verantwortung?
- Kann Demokratie funktionieren, wenn große Teile der Gesellschaft einander nur noch aus der Distanz ihrer „Bubbles“ wahrnehmen?
- Warum erscheint Unsicherheit heute bedrohlicher als Unfreiheit – und was sagt das über unsere Gegenwart aus?
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