Wolfram Liebing – Das weiße Band am linken Arm


Wolfram Liebing, geboren 1955, absolvierte eine Ausbildung zum Zerspaner und war anschließend in verschiedenen Berufsfeldern tätig, unter anderem im Messebau und in der Gestaltung.

Seit dem 15. Juli 2013 ist er Bürgermeister von Wolkenstein und zudem als freier Autor aktiv.

Zu seinen Veröffentlichungen zählen mehrere Lyrikbände im Selbstverlag, darunter Ruhestörung (1999), Liebe, Lyrik (2000), Traumzeit (2001), Gehirn-Hälften-Dominanz (2002), Tropfen (2009) sowie weiblich (2013). Darüber hinaus erschien Das Zündblättchen Nr. 22 (Edition DreiZeichen, Meißen, 2007).

2022 veröffentlichte er Die Umarmung der Demokratie im Telescope-Verlag.


Ich genieße die Sonne an diesem Juninachmittag. Allein sitze ich auf dem Hang. Vor mir ruht der kleine Kurort Warmbad in einem kleinen Tal. Hinter mir laufen die Badegäste in Richtung Therme. Diese 150 Meter trennen den Parkplatz von der Eingangstür. Manche älteren Ehepaare schlendern gemütlich. Ein Großteil hastet jedoch ohne einen Blick für diese Beschaulichkeit zum Wasser oder zurück zum Auto.

Ich genieße die Sonne auf meine ganz neue Art. In meinen zurückliegenden, erfolgreichen 25 Lebensjahren habe ich zur Erholung in Urlauben und Kurzurlauben viel in der Sonne gelegen. Nein, ich habe nicht in der Sonne gelegen. Später wir haben in Tunesien, Ägypten, Australien, Indonesien und vielen anderen Prospektinseln an Stränden gelegen. Wir konnten es uns leisten, dazuliegen. Eigentlich haben wir nicht so einfach gefaulenzt. Wir haben aktiv geurlaubt. Man lag da nicht einfach im Sand, sondern man wollte gesehen werden. Alle sahen alle und alle wurden gesehen. Im Nachhinein gesehen war es manchmal anstrengender als die Tätigkeit in der Firma. Viel Hallo und Küsschen und Lächeln vom Frühstücksbuffet bis zum nächtlichen Barhocker. Manchmal hatten wir zwei Wochen Zeit oder drei, oder es war nur ein Kurztrip. Wir haben es genossen, keine Zeit zu haben. Natürlich haben wir uns das Gegenteil eingeredet. Geredet haben wir viel. Gestikuliert haben wir viel. Getrunken haben wir manchmal auch viel. Viel unternommen haben wir.
Ich genieße die Sonne und die Zeit, die ich mir nehme. Über dem Tal kreist ein Bussard. Mit meinen Augen folge ich ihm über viele Runden, die er dreht. Plötzlich scheint ein Luftzug ihm eine Botschaft zu bringen. Ohne einen Flügelschlag trägt ihn eine unsichtbare Kraft in westliche Richtung. Wegen der Sonne kann ich ihm nicht mit den Augen folgen. Seit ich hier zur Kur weile, habe ich schon mehr Bussarde beobachtet als in meinem bisherigen Leben. Ich habe sie alle gesehen, die Adler im Hochgebirge, die Geier in Afrika, den Kondor in Südamerika, den Albatros über den Ozeanen. Richtig gesehen habe ich den Bussard erst über dem Erzgebirge. Eine Kur im Erzgebirge – meine damaligen Freunde hätten mich für verrückt erklärt – damals.
Jetzt haben sie es getan.

Ich genieße die Sonne, ohne dass mich dabei jemand sehen muss. In alter Gewohnheit denke ich an die Uhrzeit. Wo einst die Uhr ruhte – es waren immer teure Uhren –, umgürtet nun ein weißes Band das Handgelenk. Da ist keine Uhr mehr, und in meinem Leben wird dort auch keine Uhr mehr hinkommen. Dieser Sekundenzeiger hat mich am Schluss des alten Lebens wie eine Peitsche vor sich hergetrieben. Ich habe Zeit geschunden, um mehr Geld zu verdienen, damit ich mir Freizeit kaufen konnte. So sieht ein Krankheitsbild aus, sage ich heute. Damals war es: mein Leben. Ich war effizient. Konnte ich doch telefonieren, eine SMS schreiben, eine E-Mail beantworten und für ein Konzept Gedanken auf ein Papier schreiben, zur gleichen Zeit.
Ich genieße die Sonne.
Ich ertrage mich beim Nichts-Tun. Das muss ein Mensch erst einmal schaffen. Vor einem Jahr waren solche Gedanken vertane Zeit – Geschwätz von Spinnern. So bin ich halt, ein Spinner, bei meinen alten Freunden, die nicht mehr meine Freunde sind. Ihnen kämpfe ich zu wenig. Ich solle Rad fahren, Bahnen schwimmen, mit Rennen beginnen. Stattdessen schlurfe ich durch die Landschaft. Ich will nicht rennen. Ich will noch ein paar Jahre leben. Meine freie Zeit jetzt ist nutzlos, aber sie hat Sinn.

Ich genieße die Sonne in einer Region mit weniger Sonne. Ganz langsam denke ich über meine Zukunft nach. Die moderne Medizin hat mir – vielleicht – ein paar Lebensjahre geschenkt. Als ich auf der Intensivstation erwachte, schwappten meine alten Lebensvorstellungen über das Gewirr von Drähten und Schläuchen. Diese hatten eine Verbindung aus dem Jenseits in das Diesseits geschaffen. Davor hätte ich gesagt: „Alles abschalten“. Aber als Teil der Maschine war ich ganz froh über sie.

Ich genieße die Sonne, und meine Frau genießt die Scheidung. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Sie war in meinen Vorgänger verliebt. Einige Wochen Maschine haben dazu geführt, dass eine Verwandlung stattgefunden hat. Bei mir war es so: Aus einem Schmetterling wurde eine Raupe. Somit erklärt sich meine Scheidung ganz einfach.

Ich genieße die Sonne. Morgen werde ich wieder über den Berg in die nahe Kleinststadt Wolkenstein laufen. In einem Haus am Markt gibt es eine leere Wohnung.
Vielleicht ziehe ich dort ein. Bei angenehmem Wetter sitzen da Menschen einfach auf Bänken. Sie unterhalten sich. Für die Wegstrecke benötige ich eine Stunde. Im Schmetterlings-Leben hätte ich dafür 20 Minuten gebraucht. In dieser beschaulichen Region werde ich wenig Geld benötigen. Mit meiner Frau aus dem Vorleben werde ich mich einigen. Allein der Verkauf von Motorrad, Sportwagen, dem Kleinflugzeug und diversen Sportgeräten bringt genug Geld.

Ich genieße die Sonne. Wenn es dann hier regnet und schneit, werde ich mich in die Bibliothek setzen. Eine wunderbare Bibliothek haben sie am Markt. Eigentlich war es die Gaststätte „Ratskeller“. Aber, weil es nicht lief, blinzelt nun die Morgensonne durch die großen Bogenfenster auf die Bücher. Ein Café gibt es dort ebenso, wie eine Apotheke. Die Bedürfnisse eines Menschen können sich radikal ändern. Im Winter würde dann eine Pyramide, mit von Hand geschnitzten Figuren, sich mitten auf dem Markt drehen.

Ich genieße die Sonne noch einen Augenblick. War es nicht John Lennon, der gesagt hat: „Leben ist das, was passiert, während wir andere Pläne machen.“ Er konnte keine Pläne mehr machen. Ich kann noch etwas planen. Sicher werde ich mir die alte Gitarre mitnehmen, die auf dem Hausboden liegen müsste. Meine Hände und Finger kann ich ja richtig benutzen. Die Gedanken werden noch etwas schneller werden, sagen die Ärzte. Das linke Bein wird mich bei jedem Schritt daran erinnern, dass ich nie wieder Herr über die Zeit sein werde. Ich bin dankbar, in ihr sein zu dürfen.

Anregungsfragen:

  1. Muss es erst einen körperlichen Bruch geben, um Lebensgeschwindigkeit zu hinterfragen?
  2. Ist Verlangsamung ein Privileg oder eine Notwendigkeit unserer Zeit?
  3. Definieren wir uns zu stark über Leistung – und was bleibt, wenn sie wegfällt?
  4. Bedeutet weniger Besitz auch mehr Freiheit?
  5. Kann Zukunftsfreude gerade im Bewusstsein der Begrenztheit entstehen?

Soll der Text "Das weiße Band am linken Arm" von Wolfram Liebing Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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