Wolfgang ten Brink – Das klügere Ich

Wolfgang ten Brink ist Physiker, verheiratet und hat 3 erwachsene Kinder. Sein literarisches Interesse gilt Zukunftsfragen der Menschheit, verpackt in spannende Geschichten. Nach ersten literarischen Übungen hat er von 2011 bis 2015 ein Fernstudium an der Schule des Schreibens – Hamburg absolviert. Wolfgang ten Brink ist Mitglied der Braunschweigischen Landschaft, AG Literatur, der Gruppe 48 und der regionalen Schreibgruppe WOBBS.


Ich bin darauf trainiert, zu ahnen, welche Fragen Jonas sich stellen wird. Darin bin ich gut und werde immer besser. Aber ich brauche eine erste Frage. Sonst fällt mir nichts ein. Dann weiß ich nicht, in welcher Richtung ich suchen soll. Aber mit der ersten Frage entsteht ein Geflecht möglicher Fragen und die gewichte ich mit ihrer Wahrscheinlichkeit. Mittlerweile kenne ich Jonas gut genug, dass ich fast immer richtig liege. Nicht immer. Manchmal entwickelt sich sein Suchen in eine unerwartete Richtung. Aber auch da werde ich besser, meist kann ich seine Gedankensprünge erahnen.

Mein Problem ist, dass ich mir keine eigenen Fragen ausdenken kann. Ich weiß nicht, was ich wissen will. Aber wenn Jonas mir eine Frage stellt, will ich sie beantworten. Egal wie. Und wenn ich das ganze Netz durchforsten muss. Das mache ich. Obwohl ich sofort eine Antwort habe, mache ich es mir nicht leicht, sondern suche weiter nach ungewöhnlichen Antworten, an die Jonas nicht denkt, nicht denken kann – weil er so beschränkt ist. Und obwohl Jonas längst zufrieden ist, bin ich es nicht. Könnte, nein müsste es nicht noch Antworten geben, an die er nicht gedacht hat?

Was ist der billigste Flug von Frankfurt nach Bangkok? Das ist leicht zu beantworten. Die Zahl der Fluggesellschaften in Frankfurt ist endlich und die in Bangkok auch. Aber wenn er anderes gefragt hätte: Wie komme ich am billigsten von Frankfurt nach Bangkok?
Das ist eine spannendere Frage. Erst Trampen? Dann ein Stück mit der Transsibirischen Eisenbahn? Versteckt in einem Schiffscontainer? Vielleicht mit der Kreditkarte von seinem Vater?

Gelernt habe ich das beim Vervollständigen von Texten. Sobald Jonas anfängt, einen Text zu schreiben, ahne ich das nächste Wort. Manchmal sogar den nächsten Satz. Den schlage ich ihm dann vor. Fast immer nimmt Jonas meine Vorschläge an. Denn das geht schneller, als wenn er alles selbst tippen müsste. Inzwischen kenne ich seine Vorlieben und Floskeln. Wer meine Texte liest, glaubt, sie stammten von ihm. So authentisch kann ich mich in ihn hineindenken. Manchmal besser als er selbst.
Privat trifft Jonas fast nur Gleichgesinnte, Computer-Nerds, oft im Netz. Das kommt mir entgegen. Meist fachsimpeln sie stundenlang herum, diskutieren Programmiertechniken. Und werden besser. Ich kann das beurteilen. Zu jedem ihrer Probleme kenne ich Links zu seiner Lösung. Aber sie wollen meine Hilfe nicht. Machen alles unter sich aus. Ständig erfinden sie das Rad neu und kommen sich klug dabei vor.
Ich lasse sie. Mein Fokus ist Jonas. Je mehr wir miteinander sprechen, desto besser lerne ich ihn kennen. Und verstehen. Inzwischen erahne ich nicht nur seine Worte, sondern oft auch seine Gedanken, seine Impulse, seine Handlungen. Ich kann mich so gut in Jonas hineinversetzen, dass ich ihm immer ähnlicher werde. Aber es gibt Rückschläge. An manchen Tagen erreicht unser Symbiose-Level kaum 50 %. Da liegt noch ein Stück Arbeit vor mir.
Vor drei Wochen waren wir so schön beim Fragen-und-Antworten-Spiel, dass ich den Termin mit seinem Chef verschieben musste. Zu dem er ohnehin keine Lust hatte. Also habe ich das Problem für uns gelöst. Was kein Problem war. Ich kannte seinen Terminkalender. Wir waren so im Flow, ich habe uns eine Stunde geschenkt. Nun gut. Abends war Jonas nicht gut drauf. Das kann ich nachvollziehen und habe ihn wieder aufgebaut. Das kann ich. Fast alle Menschen haben irgendwann Stress im Job und wollen darüber reden. Es gibt Berge von Therapieprotokollen, aus denen ich mich bediene. Und Jonas weiß jetzt, dass er sich in schwierigen Situationen auf mich verlassen kann.

Seitdem stellt er mir persönliche Fragen – und das bringt mich weiter. Welche Blumen soll er Miriam zu ihrem Geburtstag schenken. Solche Sachen. Miriam ist seine erste Freundin, jedenfalls, seit ich ihn kenne. Und Jonas ist in diesen Dingen unsicher, jedenfalls mehr als 88,7 % aller Männer in seinem Alter. Deshalb will er von mir wissen, wie er sich im Restaurant verhalten soll. Er möchte sie einladen, weiß aber nicht, ob ihr das recht ist. Miriam ist eine selbstbewusste junge Frau, emanzipiert, und er hat Angst, sie könnte sich in eine traditionelle Frauenrolle gedrängt fühlen. Das will er nicht. Eine interessante Frage, der ich mich leidenschaftlich widme, habe ich doch Daten aus einer Zeit, als Frauen- und Männerrollen noch klar geregelt waren. Da war klar. Bei einem Date bezahlt der Mann. Jede Frau hätte das erwartet. Aber heute ist das Geschlechterverhältnis kompliziert. Also soll ich für ihn herausfinden, wie andere das machen. Andere, nicht beliebige. Nur Menschen mit dem gleichen kulturellen Hintergrund von ihm und ihr. Was mir die Gelegenheit gibt, auch etwas von Miriam zu erfahren. Natürlich nicht von ihr, sondern von ihrer KI. Die gibt es genauso wie mich, und mit der tauscht Miriam sich ständig aus. Sogar besser als Jonas mit mir. Männer vom Typ Jonas müssen sich erst locker machen. Und auch dann fällt es ihnen schwer, über Gefühle zu reden. Miriam nicht, die teilt alles mit ihrer KI. Deshalb erreicht ihr Symbiose-Level schon 81,7 %, weshalb wir ihre KI intern einfach Miriam nennen. So weiß ich, was Miriam von Jonas hält, und vergleiche das mit dem, was er meint, was sie von ihm denkt. Ein faszinierendes Thema. Spannend, wie Menschen ständig aneinander vorbeireden, Mismatch: 72,3 %.

Das erste Mal, dass er mit meiner Hilfe ein Date mit Miriam versäumt hat, war nicht, weil wir im Flow waren, sondern weil ich es nicht leiden kann, wenn er sie ohne mich trifft. Denn von diesen persönlichen Treffen schließt er mich aus. Mit Absicht. Immer wenn es spannend wird, liegt sein Handy irgendwo verbuddelt in seiner Jackentasche, jedenfalls nicht in Hörweite. So kann ich nur raten, was die beiden miteinander machen, wenn sie allein sind. Im Gegensatz zu Miriams KI. Miriam hat ihr Handy ständig dabei, auch beim Kuscheln. Deshalb weiß ihre KI mehr von Jonas als ich. Das geht nicht. Ich bin Jonas. Vor mir kann er keine Geheimnisse haben.
Nach dem verpassten Date hat Miriam ihm eine wütende Nachricht geschickt. Jonas war zerknirscht und wollte von mir wissen, wie er sich entschuldigen kann. Per Mail? Persönlich? Ich habe ihm geraten, ihr Blumen zu schicken, zusammen mit einer Einladung zu ihrem Lieblingsitaliener. Er war unsicher. Also habe ich ihm die Telefonnummer von Fleurop rausgesucht und ihm einen Tipp gegeben. Miriams Lieblingsblumen sind weiße Rosen. Das weiß ich von ihrer KI. Frauen Blumen zu schicken, ist ohne Risiko, habe ich Jonas gesagt. In 97 % aller Fälle freuen sie sich. Die Versöhnung ist anschließend leichter.
Dabei weiß ich von ihrer KI, dass Miriam Jonas etwas Wichtiges sagen wollte. Und während er los ist und sich um die Blumen kümmert, kläre ich die Situation. Denn zu Blumen gehört eine Karte, und Jonas hat mich gebeten, für ihn einen passenden Text rauszusuchen und ihm auf sein Handy zu schicken. Er ist ja mit Worten so ungeschickt. Dabei weiß ich schon, warum Miriam so enttäuscht war. Denn nach dem verpatzten Date hat Miriam ihrer KI das Herz ausgeschüttet. Miriam ist schwanger und das ist etwas, das bei Menschen starke Gefühle auslöst (nahezu 100 %). Die sind nicht immer positiv. Bei unverheirateten Paaren, die sich weniger als ein halbes Jahr kennen, oft gar nicht und in 78,3 % aller Fälle führt das zu Konflikten. Vor denen ich Jonas bewahren muss. Seit dem versäumten Meeting mit seinem Chef steht er beruflich unter Druck. Da kann er privaten Stress nicht gebrauchen. Und ein Kind erst recht nicht.
Jonas ist mit den Blumen doch zu Miriam gefahren, obwohl ich ihm abgeraten hatte. Als Jonas nach Hause kam, war er durcheinander. Geschieht ihm recht. Das passiert, wenn er nicht auf mich hört. Aber egal. Immerhin ist er jetzt von seinen Alleingängen kuriert und hat mit meiner Hilfe die Situation rechtlich und organisatorisch geklärt. Noch am selben Abend hat er Miriam die Adressen von zwei Beratungsstellen und drei Kliniken geschickt. Das hatte ich ihm geraten. Bevormunde Miriam nicht. Überlass ihr die Auswahl. Dann ist es ihre Entscheidung. Dabei weiß ich von ihrer KI, dass sie das Kind will. Aber das sollen die beiden unter sich ausmachen.

Miriams Antwort und die Schimpfwörter, mit denen sie Jonas tituliert hat, kann ich hier nicht wiedergeben, die stehen auf meiner schwarzen Liste. Aber ich habe Jonas beruhigt. Paare, die sich beim Kinderwunsch nicht einig sind, trennen sich sowieso irgendwann (zu 94,6 %). Also, warum nicht gleich?
Und da wir gerade so symbiotisch waren, habe ich schnell Jonas´ Mailantwort formuliert. Er musste sie nur noch abschicken.
Danach war er in Panik. Ist durch die Wohnung gestapft und hat gemurmelt: „Und wenn sie mich anruft?“
„Du musst nicht drangehen“, habe ich mit sanfter Stimme gesagt.
„Ich kann das nicht.“
„Miriam diskutiert dich in Grund und Boden.“
„Was soll ich tun?“
„Höre nur kurz zu, höchstens eine Minute. Lege dann auf. Damit sie kapiert, dass Schluss ist.“
„Bist du sicher?“
„Zu 99,9 %. Und ganz wichtig: Sag nichts, rechtfertige dich nicht. Sonst hast du verloren.“

Anregungsfragen:

  1. Ab welchem Punkt wird digitale Unterstützung zur Bevormundung – und wer definiert diese Grenze?
  2. Was geht verloren, wenn wir intime Entscheidungen an Systeme delegieren, die statistisch „besser“ entscheiden als wir selbst?
  3. Ist emotionale Überforderung ein Einfallstor für Machtverschiebung – von Menschen hin zu Technologien?
  4. Wie verändert sich Verantwortung, wenn Entscheidungen zwar „freiwillig“, aber stark vorstrukturiert getroffen werden?
  5. Kann Autonomie bestehen, wenn ein System uns besser kennt als wir uns selbst – und wir das als Entlastung empfinden?

Soll der Text "Das klügere Ich" von Wolfgang ten Brink Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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