Marius Schüssler – Kindergarten Degendorf

Marius Schüssler, 1987 in Trier geboren. Studium der Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich und der Kansai Gaidai University in Hirakata, Japan. Psychologe und Qigonglehrer. Wohnhaft in Offenbach am Main.

Veröffentlichungen:
Bilderbuchkarrieren, in: Erfolg, Block Verlag (November 2025).
Aubrac, in: #76 Wind & Wetter, & Radieschen (Dezember 2025).


Lisa-Marie: „Ich begrüße euch zu unserer heutigen Versammlung und freue mich, alle Geladenen zu sehen: Torben vom Club Schlauer Unternehmungslustiger, Nele von Den Sandigen, Yusuf von Sicher Pudelwohl Degendorf, Aileen von Den Vertikalen und Bärbel von Bärbel Susi Wagendorf. Anders als beim letzten Mal ist René von den Frechen Degendorfer Playern nicht mehr dabei. Ich bin für den Clan Der Unternehmungslustigen hier, und meine Mama hat beschlossen, heute auch dabei zu sein. Sie wird keine Entscheidungen treffen und sich nicht auf eine Seite schlagen. Aber sie hat gesagt, sie will diesmal definitiv dabeisitzen. Wie die letzten Male hat sie Tassenkuchen und Schokoladenschnitten gemacht. Die könnt ihr euch genauso nehmen wie die Cola und Fanta, die daneben stehen.“
Yusuf: „Ich bin allergisch gegen Schokolade und Mehl.“
Lisa-Marie: „Dann isst du eben keine.“
Mutter: „Ich bringe dir ein paar Flips.“
Yusuf: „Danke.“
Lisa-Marie: „Gut! Jetzt, wo das geklärt ist, können wir über unser eigentliches Problem reden. Wir treffen uns heute, um zu besprechen, wie wir …“
Nele: „Ich muss A-a machen.“
Lisa-Marie: „Mama, Nele muss A-a machen!“
Torben: „Du sollst doch vorher auf die Toilette gehen!“
Nele: „Das habe ich nicht gewusst.“
Mutter: „Komm, wir gehen kurz.“
Lisa-Marie: „Das fängt ja schon gut an. Also, wir sind heute hier, um zu besprechen, wie wir die Degendorfer Spielplätze vor den Rabauken von Alle Für Degendorf beschützen können.“
Yusuf: „Die werden immer stärker. Wenn das so weitergeht, dann …“
Lisa-Marie: „Genau deswegen sind wir ja heute hier.“
Mutter: „Mit den Spielplätzen haben diese Jungen und Mädchen aber bisher nichts angestellt.“
Aileen: „Aber das werden sie. Guckt sie euch an. Man kann es in ihren Gesichtern lesen. Und sie haben auch gesagt, dass sie sehr streng sein werden, wenn sie bestimmen dürfen. Die werden nur noch sich selbst auf die Spielplätze lassen und ein paar wenige von uns anderen. Das müssen wir unbedingt verhindern.“
Yusuf: „Ja, genau. Alle sollen auf unseren Spielplätzen spielen dürfen – alle aus Degendorf, und aus allen anderen Dörfern auch.“
Torben: „Also das finde ich nicht gut. Wir müssen schon aufpassen, dass nicht jeder einfach so auf unsere Spielplätze kommen und anstellen kann, was er will. Das hat sich echt herumgesprochen, dass wir ganz viele bei uns spielen lassen, und so sieht es dann manchmal auch aus.“
Aileen: „Das sagen die Kinder von Alle Für Degendorf auch. Wir dürfen nichts wollen, was die auch wollen.“
Nele: „Ich spiele sehr gerne mit den Kindern aus den anderen Dörfern. Nur immer mit denen aus Degendorf zu spielen ist langweilig. Und außerdem gehen wir doch auch manchmal auf deren Spielplätze. Dann ist es nur fair, wenn sie genauso hierher kommen dürfen.“
Yusuf: „Ich finde, du übertreibst, Torben. Die Kinder aus den anderen Dörfern sind meistens lieb und fangen keinen Streit an. Die kümmern sich oft sogar besser um unsere Spielplätze als wir hier in Degendorf.“
Bärbel: „Und die Kinder aus Wilmershof genauso.“
Torben: „Du weißt genau, das stimmt nicht. Aber du behauptest das immer wieder.“
Aileen: „Bärbel hat mal eine Zeit lang in Wilmershof gewohnt, sie wird es also schon wissen. Wenn das so schlimm gewesen wäre, wie du meinst, würde sie das doch nicht sagen.“
Torben: „Die haben ihr vielleicht den Kopf verdreht, ich glaube das im Leben nicht. Habt ihr vergessen, was die Wilmershofer mit den Spielplätzen in ihren Nachbarsdörfern gemacht haben? Die waren am Ende kaputt.“
Aileen: „Es sind die Kinder aus den Weilern, die alles kaputt machen. Die aus Landsweiler, aus Gutweiler und noch ein paar anderen gehen überall auf die anderen Spielplätze, weil sie sehr lange keinen eigenen hatten. Auf unsere kommen sie auch, schon lange. Zu lange.“
Lisa-Marie: „Und haben noch nie etwas kaputtgemacht oder Streit angefangen.“
Vater: „Hallo, meine Kleine! Na ihr, das ist ja eine ganz schöne Versammlung hier drinnen! Draußen sind auch einige Kinder.“
Yusuf: „Die gehören nicht zu uns.“
Vater: „Aber ich sehe euch doch alle zusammen auf den Spielplätzen.“
Nele: „Mit denen spielen wir aber nicht.“
Yusuf: „Die wollen die Spielplätze ganz für sich alleine haben und mit ihren strengen Regeln bestimmen, welche Kinder was worauf spielen dürfen.“
Aileen: „Die Kinder von Alle Für Degendorf sind Wölfe im Schafspelz. Und es gibt noch ein paar andere schwarze Schafe unter uns. Am besten, die dürften gar nicht spielen. Ansonsten soll jeder kommen können, und wir wollen auch, dass alle dieselben Spiele spielen und dieselben Spielgeräte benutzen dürfen. Sonst ist das ungerecht. Wenn die Kleinen nicht auf die großen Spielgeräte gehen können, dürfen die Großen das auch nicht.“
Mutter: „Das klingt aber auch nicht gerade gerecht.“
Torben: „Das stimmt, was Lisa-Maries Mama sagt. Es gibt einfach größere und kleinere Kinder. Wenn die größeren nicht die Spiele spielen und die Geräte benutzen dürfen, die für die größeren gedacht sind, ist das ungerecht.“
Vater: „Schatz, und du?“
Mutter: „Ich spiele heute die Stimme der Vernunft.“
Lisa-Marie: „Wo waren wir?“
Torben: „Ich will jedenfalls, dass wir aufpassen auf unsere Spielplätze. Die hat Degendorf schließlich für uns gebaut.“
Aileen: „Für alle gebaut. Auch für die Kinder, von denen die meisten sagen, dass sie komisch sind. Besonders für die.“
Nele: „Da bin ich auch dafür.“
Aileen: „Nur nicht für die Weiler-Kinder.“
Yusuf: „Erinnerst du dich nicht mehr an damals, als die großen Geschwister von den Kindern von Alle Für Degendorf die Kinder aus den Weilern verprügelt haben? Das war schrecklich. Die sind ganz lange nicht mehr gekommen. Du hast selbst gesagt, wir dürfen nichts wollen, was die auch wollen.“
Aileen: „Das ist etwas anderes.“
Mutter: „Und die behinderten Kinder?“
Aileen: „Wer?“
Vater: „Na, dann will ich nicht weiter stören. Viel Spaß euch allen, und dir auch, Schatz!“
Yusuf: „Lisa-Maries Mama meint die Kinder, die nicht gehen oder nicht so gut sprechen können.“
Torben: „Wenn wir uns noch mit denen beschäftigen müssen, kommen wir gar nicht mehr zum Spielen.“
Aileen: „Meine Güte, wir können uns nicht um alle kümmern.“
Lisa-Marie: „Ich denke, wir sind uns einig, dass wir alle unsere schönen Spielplätze behalten wollen.“
Nele: „Dafür ist es aber wichtig, dass wir uns um die Sauberkeit auf den Spielplätzen kümmern. Der Sand muss schön sauber bleiben.“
Bärbel: „Das geht aber nicht bei so vielen Kindern.“
Nele: „Das sagen die anderen auch, das darfst du deshalb nicht sagen!“
Torben: „Was schlägst du denn dann vor?“
Nele: „Ich muss wieder A-a.“
Lisa-Marie: „Mama!“
Mutter: „Komm, Nele.“
Aileen: „Wie sollen wir denn vorankommen, wenn Nele die ganze Zeit kackt?“
Bärbel: „Aileen! Wie redest du denn? Du klingst ja schon genauso wie die anderen.“
Torben: „Das zu sagen ist wirklich nicht nett. Aber Bärbel hat recht: Nele ist einfach zu jung hierfür.“
Mutter: „Wer hat sie denn dann überhaupt hier dazugeholt?“
Torben: „Einige Kinder mögen Nele sehr gerne, weil sie lieb und unschuldig ist. Aber das reicht nunmal nicht, doch denen ist das nicht klar.“
Vater: „Eine Sache noch, Kinder. Die anderen draußen werden immer mehr und fragen sich, warum sie nicht dabei sein dürfen.“
Aileen: „Das geht die nix an.“
Mutter: „Aber sie möchten auch auf den Spielplätzen spielen und mitentscheiden dürfen.“
Bärbel: „Und die werden immer unzufriedener, schaut doch mal alle aus dem Fenster!“
Lisa-Marie: „Sollen sie doch. Dafür können wir nichts.“
Aileen: „Wenn es nach mir geht, dürfen die überhaupt nicht mehr auf die Spielplätze.“
Mutter: „Habt ihr mal versucht, einfach mit ihnen zu reden oder ihnen zuzuhören?“
Yusuf: „Nein.“
Aileen: „Das wird auch nie passieren!“
Mutter: „Warum denn nicht?“
Yusuf: „Wir wollen nicht das, was die wollen. Und die wollen nicht das, was wir wollen. So einfach ist das.“
Aileen: „Basta!“
Mutter: „Was wäre denn, wenn …“
Lisa-Marie: „Mama!! Raus!!“

Anregungsfragen:

  1. Macht Humor politische Konflikte erträglicher – oder verharmlost er sie?
  2. Warum reproduzieren selbst Kinder so schnell Muster von Ausgrenzung und Gruppendenken?
  3. Ist „Ressourcenschutz“ ein legitimes Argument – oder oft nur ein Vorwand für Exklusion?
  4. Warum wird die „Stimme der Vernunft“ in aufgeheizten Debatten häufig ausgeschlossen?
  5. Kann gemeinsames Spiel (oder gemeinsame Praxis) politische Spaltungen überwinden – oder verstärken sie sich gerade dort?

Soll der Text "Kindergarten Degendorf" von Marius Schüssler Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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