
Lella Marinelli ist 1989 in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur hat sie sowohl Kunstgeschichte als auch Vergleichende Literaturwissenschaften in Wien studiert. Danach folgte eine Ausbildung zur Theater- und Maßschneiderin. Sie war zehn Jahre im Kostümbereich in verschiedenen Theatern und Opernhäusern tätig.
Vor zwei Jahren wanderte Lella nach Süditalien aus, wo sie mit ihrem Mann einen Pub betreibt.
Ich fixiere den fortlaufenden Text auf meinem flimmernden Computerbildschirm. Im Hintergrund höre ich das Klicken der Tastaturen meiner Kollegen. Die Worte auf dem Bildschirm überfliege ich nur. Es sind Lügen, die nie gehört werden, da der Wahrheitschip sie direkt überschreibt und mit der Wahrheit, die der Mensch wirklich denkt, ersetzt. Beim Lesen ist nur wichtig, dass der zweite externe Satz, der registriert wird, mit dem ersten internen Satz übereinstimmt. Das Gesprochene muss immer dem Gedachten entsprechen – sonst muss ich den Fehler melden. So weit ist es in den letzten vier Jahren nie gekommen. Der Chip ist unfehlbar. Er hat keine Defekte. Auch meine Kollegen des Veritas-Audits haben noch keine Anomalie gefunden.
Die weißen Buchstaben auf dem schwarzen Bildschirm lassen meine Augen tränen. Ich wische mir über die Lider und schließe sie für einen Moment. Nach genau drei Sekunden piept der Sensor, der meine Augenbewegungen überwacht. Eine Pause ist mir nicht vergönnt. Als ich die Augen wieder öffne, fällt mir sofort eine rot markierte Zeile auf. Hastig setze ich mich auf und halte den fortlaufenden Test an.
„Oh!”, entweicht mir ein überraschter Laut.
Der zweite Satz entspricht nicht dem ersten. Mein Herz beginnt zu rasen.
Ich klicke auf die Sätze, ein neues Fenster öffnet sich. Chipnummer und Name erscheinen:
WB280824AV1511 – Wolf, Benjamin – verstorben
Intern: „Nur die Lüge ist die Wahrheit”
Extern: „Nur die Wahrheit ist die Wahrheit”
Eine Lüge. Ich erstarre. Das Protokoll sieht vor, dass ich die Notiz sofort speichere und melde. Eine heiße Schweißperle rollt mir den Rücken hinab. Wie kann es sein, dass Benjamin Wolf verstorben war und sein Chip dennoch seine Lüge registriert? Der Chip sitzt hinter dem Ohr – direkt mit dem Nervensystem und Sprachzentrum verbunden. Er soll pure Wahrheit bringen. Mit ihm wurde vor 33 Jahren die Transparenz-Ära eingeleitet. Keine Fake News, keine Verbrechen, keine Manipulation. Er war das direkte Ergebnis des dritten Weltkrieges. Danach herrschte Frieden. Aber keiner war zufrieden.
Unauffällig werfe ich einen Blick nach links und rechts. Niemand hat mich bemerkt. Einem Impuls folgen – dem Drang, die Lüge verschwinden zu lassen – lösche ich die Zeilen, nehme die Lüge aus dem System und lege die Hände in meinen Schoß. Die Entscheidung war schneller gefällt, als dass ich den Gedanken hätte formen können. Ich bin wie ferngesteuert. Hitze durchströmt meinen Körper. Meine Atmung beschleunigt sich, als mir bewusst wird, was ich soeben getan habe. Sie werden kommen und mich verhaften.
„Alles in Ordnung?”, fragt meine Kollegin aus der Kabine neben mir. Sie sieht nicht wirklich interessiert aus.
Ich starre sie an.
Ich habe gerade eine Lüge gelöscht, denke ich und unterdrücke die Tränen. Der Zwang, die Wahrheit zu sagen, ist so groß, dass sich eine dicke Faust in meinem Hals formt. Eine Faust, die drückt, sich Bahn brechen will. Meine Kehle schnürt sich zu, ich atme einmal tief ein und öffne den Mund.
„Alles in Ordnung”, höre ich meine Stimme, als wäre sie nicht die meine.
Die Kollegin wendet sich schulterzuckend ab. Mir wird schwindelig. Eine Tür wird aufgeworfen, mehrere Schritte betreten das Großraumbüro. Ich schließe die Augen mit der Gewissheit, dass ich jetzt verhaftet werde. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich habe gelogen. Das Konzept ist mir neu. Die Schuld liegt schwer auf meinem Gewissen. Ich habe einen Fehler begangen. Ich muss bestraft werden.
„Schichtwechsel!”, ruft jemand. Im Kollektiv werden Stühle gerückt, Taschen gepackt. Ich öffne die Augen, als der Sensor wieder piept. Die nächsten Kollegen stehen bereits bereit. Neben mir steht ein ungeduldiger junger Mann. Mit einem letzten Blick auf den Bildschirm greife ich meine Tasche und verlasse das Großraumbüro.
Die kalte Winterluft schlägt mir wie eine Faust ins Gesicht. Hastig überquere ich die Straße, renne um die nächste Ecke und übergebe mich hinter einer Mülltonne. Keiner hat mich verhaftet. Noch nicht. Ich höre Schritte hinter mir und richte mich auf. Eine ältere Dame sieht mich an.
„Widerlich”, zischt sie, bevor sie wieder weitergeht.
Schwach wische ich mir mit dem Handrücken über den Mund und schlucke den schalen Geschmack hinunter. Ich habe gelogen.
Hat mein Chip einen Fehler? Hat jemand meine Lüge verschleiert – so wie ich es getan habe? Mir wird siedend heiß bewusst, dass ich mich verstecken muss. Ich kann nicht nach Hause gehen.
Wenn mich jemand gemeldet hat, würden die Veritas-Agenten dort schon auf mich warten.
Mir fällt nur eine Adresse ein, die mir vielleicht Antworten geben könnte. Ich ziehe meinen Mantel enger, atme tief durch und laufe zitternd auf die U-Bahn-Station zu.
An der offenen Haustür von Benjamin Wolf klebt ein abgewetztes Namensschild. Die Tür ist nur angelehnt. Ich schiebe sie vorsichtig mit dem Fuß auf.
„Hallo?”, flüstere ich in den leeren Flur. Leise drücke ich die Tür hinter mir zu und verriegle sie. Mit klopfendem Herzen spähe ich durch den Türspion nach draußen. Der Hausflur ist dunkel und leer. Keiner ist mir gefolgt.
Ich gehe ein paar Schritte in die Wohnung hinein, halte inne, als ich einen Zettel auf dem Boden sehe. Ein Partezettel – darauf das Foto eines jungen Mannes, der in die Kamera lächelt. Dunkle Haare, ein markantes, freundliches Gesicht.
Ein abgewetztes Sofa steht an der Wand neben dem Fenster. Das orangefarbene Licht einer Leuchtreklame wirft unheimliche Schatten auf die kahlen Wände. Die menschenleere Einraumwohnung riecht nach Staub und abgestandener Luft.
Erschöpft lasse ich mich auf das Sofa sinken: Vielleicht sollte ich mich stellen. Die Wahrheit wird in unserer Gesellschaft angestrebt. Sie wird belohnt. Die Lüge wird bestraft. Wenn ich mich verstecke, mache ich mich dadurch nicht strafbarer? Die Idee, mich zu stellen, klingt plausibel. Aber ich bewege mich nicht. Im Gegenteil. Ich sinke noch tiefer in das muffige Sofa, während ich dem Geräusch vorbeifahrender Autos lausche. Werden sie mich hier finden? Ist mein Leben, wie ich es bisher kannte, vorbei? Werde ich verhaftet? Hingerichtet? Es gibt Geschichten über Verräter aus anderen Ländern. Nicht bei uns. Unser System ist unfehlbar.
Ich fange an zu zittern. Meine Atmung geht wieder schneller und das brennende Gefühl in meiner Brust kehrt zurück. Ich lasse mich auf die Seite sinken und schließe die Augen. Der Chip hinter meinem Ohr beginnt zum ersten Mal in meinem Leben zu jucken.
Ich werde wach, weil mich jemand anstarrt. Als ich die Augen öffne, sitzt mir der junge Mann vom Foto gegenüber. Mit weit aufgerissenen Augen blicke ich ihn an und setze mich hastig auf. Seine Augen folgen mir. Er sieht freundlich aus.
„Benjamin Wolf”, platzt es aus mir heraus und er nickt.
„Hallo!”
„Willst du mir was antun? Bist du hier, um mich zu verhaften?”
Er verzieht sein hübsches Gesicht zu einer Grimasse und schüttelt den Kopf. „Nein.”
Ich glaube ihm. Wie kann ich auch anders? Er kann nicht lügen.
„Das Archiv sagt, du seist tot.”
Er zuckt mit den Schultern: „Das Archiv lügt.”
Verwirrt blinzle ich ihn an: „Niemand kann lügen.”
Er lächelt schmal, und in seinen Augen blitzt etwas auf:
„Du kannst lügen.”
Ein siedend heißer Schauer rollt mir über den Rücken und mir wird wieder schlecht.
„Ich kann nicht lügen”, antworte ich. Der Impuls, die Wahrheit zu verstecken, ist stärker als ich. Ich erwarte jeden Moment, dass jemand die Tür aufbricht.
„Das war gelogen.” Seine Stimme ist weich, er lächelt.
„Du hast gesagt, du bist nicht hier, um mich zu verhaften.”
„Bin ich auch nicht. Ich bin hier, um dich abzuholen.”
„Wie bist du in die Wohnung gekommen?”
Er hält kommentarlos einen Schlüssel in die Höhe.
„Woher willst du wissen, dass ich lüge?”, meine Stimme ist nur ein leises Zittern.
„Du hast den Blickkontakt vermieden. Du hast noch nie in deinem Leben gelogen – du bist nicht besonders gut darin.”
„Kannst du lügen?”
Wieder lächelt er. Diesmal zeigt er dabei seine Zähne.
„Ich habe es gelernt.”
„Woher soll ich wissen, dass du gerade nicht lügst?”
„Ah. Das nennt sich Vertrauen. Es ist ein kompliziertes Konstrukt.”
„Ich weiß, was Vertrauen ist”, brumme ich unwirsch.
„Natürlich. Du kennst das Vertrauen in das System. Aber du weißt nicht, wie man einem Menschen vertraut. Warum auch? Du vertraust der Tatsache, dass die Menschen dir die Wahrheit sagen. Es gibt keine Unsicherheit in deinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber es gibt auch kaum zwischenmenschliche Beziehungen. Richtig?” Ich zögere, dann nicke ich. „Dein Vertrauen in die Wahrheit, die dir aufgezwungen wird, ist so unerschütterlich, dass du nicht weißt, wie man jemandem vertraut, der behauptet, er lüge. Und jetzt kannst du selber lügen.”
Mein Herz hämmert. „Woher willst du das wissen?”
„Nur die Lüge ist die Wahrheit. Nur die Wahrheit ist die Wahrheit.”, wiederholt er ruhig die Zeilen vom Bildschirm. Meine Augen weiten sich. Zufrieden lächelt er: „Du hast unsere Nachricht gelesen.”
„Was soll das bedeuten?”
Es fängt an zu regnen. Der Regen prasselt gegen das Fenster und hüllt unsere Unterhaltung in ein rauschendes Flüstern.
„Die absolute Wahrheit gibt es nicht. Sie ist ein Konstrukt. Ohne Lügen gäbe es kein Bewusstsein für die Wahrheit. Menschen lügen. Sie haben immer gelogen. Die absolute Wahrheit ist die größte Lüge von allen. Wahrheiten sind subjektiv. Meine Wahrheit muss nicht deiner Wahrheit entsprechen.”
„Warum sollten wir lügen?”, frage ich. Meine Augen brennen. Ich bin müde. Ich will nach Hause und diesen Albtraum vergessen. „Die Wahrheit ist so viel einfacher. Die Wahrheit bringt Frieden.”
„Warum hast du gelogen?”
Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.”
„Warum hast du die Zeilen gelöscht?”
„Wer sagt dir, dass ich sie gelöscht habe?”
„Es wären schon längst Agenten hier”, sagt er gleichgültig. „Wir platzieren Lügen im System, um zu sehen, wer das Potenzial hat, sich uns anzuschließen. Du bist die zweite, die keine Veritas-Agenten geschickt hat. Jedes andere Mal war die Wohnung innerhalb kürzester Zeit überlaufen mit ihnen.”
„Ein Impuls”, sage ich. „Ich habe nicht nachgedacht.”
„Du wolltest etwas beschützen. Vielleicht mich. Vielleicht die Wahrheit in dir. Menschen lügen aus so vielen Gründen. Aber vor allem, weil sie etwas schützen wollen oder weil sie einen Vorteil für sich herausschlagen wollen.”
„Ich sehe keinen Vorteil.”
Sein Schmunzeln ist so flüchtig, dass ich es beinahe übersehen habe.
„Freiheit”, sagt er schlicht.
„Wahrheit macht frei”, zitiere ich, wie ich es schon so oft in der Schule getan habe.
„Das ist Propaganda. Nicht alle Wahrheit macht frei. Wenn du deinen Nachbarn fragst, wie er dein Kleid findet und er dir sagt, dass er es scheiße findet, macht dich das frei? Das macht dich wahrscheinlich traurig und voller Zweifel. In diesem Fall macht dich die Notlüge deines Nachbarn, dass ihm dein Kleid gefällt, frei. Für ihn hat die Lüge keine Konsequenzen, du bist frei, dich in deinem Kleid schön zu fühlen und den Tag zu genießen.”
Ich sehe auf meine Hände. Hat er Recht? Ist die absolute Wahrheit nichts anderes als ein Mittel, uns alle einzusperren?
Er kommt auf einmal ins Schwärmen: „Fantasie, Märchen, Religion – alles verschwunden. Dabei brauchen wir diese Dinge. Sie geben uns Halt, sie vereinen uns. Aber das ist der Regierung ein Dorn im Auge. Menschen leben in Isolation, weil die Wahrheit zu verletzend ist. Ist das der Sinn unserer Gesellschaft? Wir sollten nicht in Isolation leben.”
„Warum kann ich lügen?”
„Immer mehr Menschen können den Chip umgehen – gewollt oder ungewollt. Wir holen sie, bevor die Agenten es tun.“
„Aber der Chip ist unfehlbar”, platzt es aus mir heraus.
„Du bist der beste Beweis dafür, dass das eine Lüge ist.”
Ich sinke tiefer in das Sofa. Mein Körper ist bleischwer. Ich beginne zu zittern. Benjamin Wolf steht langsam auf und setzt sich neben mich. Seine Nähe beruhigt mich.
„Die Regierung lügt seit jeher, Ada. Es ist nur fair, wenn wir auch lügen dürfen.”
Ich frage ihn nicht, woher er meinen Namen kennt.
„Wer seid ihr?”, frage ich heiser.
„Wir sind viele. Wir leben im Geheimen. In der Freiheit der Lüge”, ein Zucken umspielt seine Lippen. „Wir suchen Menschen wie dich.”
„Wieso ich?”
Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht ein Fehler in der Programmierung, eine genetische Anomalie oder vielleicht Evolution.”
„Was … was soll ich jetzt tun? Ich kann nicht zurück”, meine Stimme bricht am Ende des Satzes und das Brennen lodert wieder in meiner Brust. Diesmal ist es warm.
Er erhebt sich und reicht mir die Hand: „Ich zeige es dir.”
Einen Moment lang starre ich auf seine von den Straßenlaternen orange erleuchtete Hand. Ich ergreife sie. Und tue den ersten Schritt in die Wahrheit, die größer ist als jede Lüge.
Anregungsfragen:
- Kann es in einer pluralistischen Gesellschaft überhaupt eine „absolute Wahrheit“ geben – oder ist Wahrheit immer perspektivisch?
- Wann wird der Kampf gegen Desinformation selbst zu einem Instrument der Kontrolle?
- Ist eine Gesellschaft ohne Lügen tatsächlich freier – oder verliert sie dadurch Menschlichkeit?
- Wo verläuft die Grenze zwischen notwendiger Transparenz und totalitärer Überwachung?
- Ist Vertrauen in ein System stabiler als Vertrauen zwischen Menschen – oder umgekehrt?
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