
Kathinka Reusswig wohnt und wirkt im Main-Kinzig-Kreis. Sie hat studiert und schreibt in ihrer Freizeit gerne Kurzgeschichten. Inspiration findet sie beim Wandern in der Natur oder in alltäglichen Dingen. Sie hat bereits einige ihrer Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlichen dürfen.
Der Wecker klingelte um Punkt 6.00 Uhr. Der frühe Vogel kann mich mal, dachte Jona. Jona war es nämlich leid. Am liebsten hätte er den Wecker gegen die Wand geklatscht. Stattdessen drückte er auf die Schlummertaste und schlief noch einmal ein. Es hilft ja alles nichts …
Jona fiel es mittlerweile schwer, jeden Morgen pünktlich aus dem Bett zu kommen, da die Nächte in letzter Zeit sehr kurz waren. Jona starrte lustlos an die Decke und krabbelte aus dem warmen Bett. Irgendwie fühlte er sich unmotiviert und leer: „Ich bin reif für die Insel“, scherzte Jona und schmunzelte.
Permanent lastete Zeitdruck auf ihm. Dem Zeitdruck ausgesetzt zu sein, gehörte zu seinem stressigen Alltag. Jona war von früh bis spät gut durchgetaktet. Lediglich an den Wochenenden konnte Jona ein paar Stunden entspannen und auftanken. Jedenfalls war Jona sehr disziplinär, trotz des ganzen Alltagsstresses. Verschlafen gab es für Jona nicht. Seine Motivation aufzustehen entstand aus finanzieller Not heraus. Jona funktionierte oftmals einfach nur. Und das war gut so. Denn, jedes Zuspätkommen bedeutete nämlich, dass er den Stoff allein aufarbeiten musste. Zudem gab es Anwesenheitslisten in den Veranstaltungen und die Professoren waren ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Später erscheinen und früher gehen – das sollte eine Ausnahme bleiben. Nicht die Regel. Außerdem störte man beim Zuspätkommen oder früheren Gehen. So viel Aufmerksamkeit wollte Jona nicht erwecken.
Jona bewohnte ein sehr kleines Zimmer in einem dunklen, rustikalen Altbau, bei dem jeder Schritt, den man tat, knarrte. Der Altbau bestand aus mehreren Wohneinheiten, die allesamt an Studenten, die dort in WGs zusammenlebten, vermietet waren. In seinem kleinen möblierten 16-Quadratmeter Zimmer herrschte Chaos. Ein paar Regale hingen an der Wand – sie boten Stauraum für Bücher, Ordner mit wichtigen Dokumenten, Fotos und einer Pflanze. Gegenüber seinem Bett hing ein Poster von Albert Einstein an der Wand. Auch ein Kleiderschrank fand Platz in dem kleinen Zimmer. Ansonsten stand vor seinem Fenster ein Schreibtisch, an dem Jona arbeiten konnte. Der sah allerdings wüst aus. Überall lag Schreibkram verteilt: Wichtige Notizen lagen herum, aufgeschlagene Bücher stapelten sich übereinander, und bunt markierte Texte waren darunter zu finden. Eine wilde Zettelwirtschaft tummelte sich auf dem Schreibtisch. Ganz typisch für einen Studenten. Einen Fernseher hatte Jona nicht, dafür besaß er einen Laptop. Das Fachwerkhaus selbst war etwas baufällig, innen wie außen. Jona hatte das Beste herausgeholt. Er wohnte gerne dort. Seine Mitbewohner waren angenehm und vor allem war das WG-Zimmer bezahlbar.
Die Finanzen waren ein sehr unliebsames Thema für Jona. Nach seinen täglichen Veranstaltungen an der Universität, ging er nämlich für maximal 20 Stunden pro Woche einem Nebenjob nach, um sein Einkommen aufzubessern. Allein mit BAföG kam er nicht über die Runden. Deshalb arbeitete Jona neben dem Studium auf Minijob-Basis in einem Supermarkt als Regal-Auffüller. Nach seiner Arbeit hatte er noch den Haushalt vor sich. Bis er endlich dazu kam, den Uni-Stoff durchzuarbeiten und sich auf Prüfungen vorzubereiten, wurde es immer sehr spät. Freizeit hatte er kaum. Jona musste sich sehr anstrengen. Mit viel Disziplin, einer durchdachten Struktur und einem „Ende in Sicht“, hielt sich Jona eisern an seine Pläne.
In der Gemeinschaftsküche knallte sich Jona auf die Couch und gönnte sich erst einmal eine heiße Tasse Kaffee zum Wachwerden. Sein Kopf fühlte sich randvoll, blockiert und so gar nicht leistungsfähig an. Da half nur noch das schwarze Gold zum Gegensteuern. Er war sehr erschöpft, nicht bloß müde. Die Küche wirkte durch die Couch gemütlich. So gemütlich, dass Jona fast weg döste. Trotz seines Kaffees.
Alle Küchenschränke waren sehr „used“ und wild zusammengewürfelt. Nichts fürs Auge, allerdings zweckmäßig eingerichtet und noch funktionstüchtig – auch wenn es hier und dort mal schepperte. Eine neue Küche wäre mal fällig, jedoch hatten die Studenten dafür kein Geld übrig.
Zum Frühstück gab es Haferflocken mit Leitungswasser und einem älteren Apfel aus einer Rettertüte vom Discounter. Im Kopf rechnete er durch, wie viel Geld er noch bis zum Monatsende hatte. Jona kam auf 76,37 Euro für zwei Wochen. Er sah sich deshalb gezwungen, ab und zu containern zu gehen – oder er rettete abgelaufene Lebensmittel für wenig Geld.
Jona erwischte gerade noch rechtzeitig die Straßenbahn. Kein Ausfall, und die Straßenbahn war pünktlich. Das Glück schien auf Jonas Seite zu sein. Wie fast immer war die Straßenbahn völlig überfüllt und das bei einer Fahrt mit 25-minütiger Dauer. Meistens bekam Jona noch einen Sitzplatz, da er im Sich-vorbei-drängeln mittlerweile recht geübt war. Er fing wieder an nachzudenken:
Den Semesterbeitrag in Höhe von 343 Euro habe ich gestern gerade noch rechtzeitig überwiesen. Das Geld müsste heute ankommen. Jetzt geht es wieder darum, für die nächsten Semestergebühren zu sparen. Ich brauche wieder eine Kostenübersicht für meine Einnahmen und Ausgaben. Für dieses Semester benötige ich noch:
– drei Reader für meine Seminare,
– das ein oder andere empfohlene Fachbuch,
– und neue Schreibutensilien plus Ordner.
Die Anschaffungen werden auch wieder teuer werden. Genug gegrübelt. Ich sollte die Zeit sinnvoller nutzen!
Die restliche Fahrtzeit in der Straßenbahn nutzte Jona, um Vorlesungsfolien zu studieren. Jedoch war Jona plötzlich wieder so müde, dass er sich kaum konzentrieren konnte. Der Supermarktchef meldete sich plötzlich via SMS mit der Frage, ob Jona heute spontan länger arbeiten könnte. Eigentlich ja nicht, dachte Jona. Allerdings brauchte Jona das Geld und sagte seinem Chef zu.
Jona erreichte pünktlich den übervollen Vorlesungssaal.
Hier ist ja was los! Und kein Sitzplatz mehr frei. So ein Mist! Wieder auf dem Boden sitzen.
Es kommt nicht selten vor, dass Vorlesungen so überfüllt sind. Die Anzahl der Studierenden in diesem Fach wird sich erfahrungsgemäß noch reduzieren. Um 8.15 Uhr begann Jonas Statistikvorlesung, gefolgt von einer Vorlesung über Grundkenntnisse der Analysis. Jona fiel es schwer zu folgen. Er versuchte mitzuschreiben, schweifte allerdings erneut gedanklich ab:
Die Miete meiner Wohnung in Höhe von 615 Euro warm ist auch bald wieder fällig und der BaföG-Bescheid ist noch immer nicht da. Die Situation wird immer brenzlicher. Also muss ich nochmal beim BaföG-Amt anrufen. Ich komme halt nie durch. Am besten wäre es wohl, wenn ich beim Amt persönlich vorstellig werde und nachfrage, warum die Bearbeitung des Antrages sich so in die Länge zieht. Ich brauche das Geld doch so dringend. Das möchte ich der Sachbearbeiterin unbedingt klarmachen. Nur wann soll ich das machen? Ich habe doch kaum Zeit.
Nach den Veranstaltungen verließ Jona den Vorlesungssaal und kam – um das Gebäude zu verlassen – an der neuen Mensa vorbei. Dort duftete es total lecker nach Essen. Nur musste Jona jeden Cent zweimal umdrehen und entschied, dass ein Gericht für 4,20 Euro heute zu teuer war. Also gab es für ihn das Nudelgericht, das er von gestern noch übrig hatte – wie fast jeden Tag. Nudeln waren sein Hauptnahrungsmittel. Es gab mindestens fünfmal die Woche Nudeln, in den verschiedensten Variationen. Die waren nämlich super günstig und auch lecker. Jona kochte abends meistens Nudeln für den nächsten Tag vor. Das Essen konnte er dann in einer Tupperdose mit in die Uni nehmen. So sparte er auch Geld ein.
Der Duft nach Burgern, Pommes und Fleischgerichten stieg Jona in die Nase, während er sich mit seinem Essen arrangierte. Neben ihm stand eine Gruppe seiner Kommilitonen, die sich lautstark unterhielt. Sie schmiedeten eifrig Pläne für einen Ausflug. So unsagbar gerne hätte sich Jona ihnen angeschlossen, jedoch hatte er für Ausflüge kein Geld übrig. Traurig und ein wenig Mutlos aß Jona seine kalten Nudeln mit Tomatensoße.
Nachmittags hatte Jona dann Seminar: Funktionsanalysis – der Spektralsatz. Es wurden Arbeitsgruppen gebildet und jede bekam eine unterschiedliche Aufgabe, die es zu lösen galt. Abgabe der Abhandlung war in zehn Tagen fällig. Die Kommilitonen wirkten sehr entspannt. Nur Jona nicht. Jona wusste genau, wie das wieder werden würde. Er räumte abends die Regale im Supermarkt ein und würde dann irgendwann nachts erst Zeit zum Recherchieren und Lernen finden. Das waren Aussichten! Zumal Jona noch weit mehr Seminare und Vorlesungen besuchte, in denen auch solche Anforderungen gestellt wurden. Jona war übervoll mit Sorgen und stellte sich erneut die Frage: Wie soll ich das alles nur bewältigen?
Nach einer kurzen Pause begann dann am späteren Nachmittag die Schicht im Supermarkt. Vier Stunden durfte er stehen, schleppen und Regale einräumen, und musste dabei immer freundlich zu den Kunden bleiben.
Das war ziemlich viel verlangt – egal wie sehr ein Kunde nervte oder sein Rücken schmerzte; egal wie müde er war, er hatte zu funktionieren. Er brauchte das Geld. Während einer 15-minütigen Pause nutzte er die Zeit, um mal aufs Handy zu schauen: Fünf neue und wichtige E-Mails von der Universität, ein Anruf in Abwesenheit – seine Mutter.
Völlig erschöpft von diesem langen und ereignisreichen Tag kam Jona dann endlich gegen 21.30 Uhr zu Hause an. Fix und fertig ließ er sich auf das Bett fallen. Er musste sich noch auf morgen vorbereiten. Die E-Mails musste er durchgehen und mit der Seminararbeit beginnen. Also setzte er sich umstandslos auf seinen Stuhl an den Schreibtisch und legte los. Die Müdigkeit wurde immer größer. Sein Kopf war übervoll. Er gab trotzdem Vollgas. In seiner Arbeit vertieft, vergaß Jona dann doch die Zeit. Auch seine Müdigkeit war zweitrangig geworden. Es war bereits nach 0:00 Uhr, als er zum ersten Mal auf die Uhr blickte. Er stellte fest, dass er nicht mal im Ansatz fertig mit seinen Aufgaben war.
Würde ich weniger arbeiten, dann könnte ich mehr lernen.
Dieser Gedanke schwirrte ihm immer wieder durch den Kopf. Dann müsste er an anderer Stelle allerdings wieder einsparen und er lebte schon so sparsam wie es ging. Jona drehte sich zur Wand hin und betrachtete das Poster von Albert Einstein:
„Ja, strecke mir ruhig die Zunge heraus. Ich versuche, meine Situation mit Humor zu nehmen – sonst wäre der Druck kaum auszuhalten. Ob sich Thales, Archimedes und Gauß wohl auch nur von Nudeln ernährten? Gab es Nudeln mit Tomatensoße damals überhaupt schon? Wahrscheinlich war die Lage vieler Mathematiker früher noch prekärer als heute, zumindest wenn sie nicht aus wohlhabenden Familien stammten. Forschung bedeutete damals wie heute eine enorme Doppelbelastung. Viel geändert hat sich wohl nicht.
Warum schmeiße ich eigentlich nicht einfach alles hin? Warum arbeite ich nicht Vollzeit? Meine finanzielle Situation wäre sofort entspannter und dieser ganze Stress wäre weg.
Aber ich liebe mein Studium. Wirklich. Ich habe eine tiefe Leidenschaft für Wissenschaft. Schon immer. Ich sitze gerne in der Bibliothek, stöbere in Büchern nach Antworten und erweitere meinen Horizont. Neues lernen, Altes hinterfragen. Zahlen jonglieren, Gleichungen auseinandernehmen und den Dingen logisch auf den Grund gehen.
Mathematik fasziniert mich einfach. Sie ist ein Schlüssel, um die Welt zu verstehen. Wenn ich eine Formel plötzlich begreife und alles mit einem Mal klar wird, schlägt mein Herz schneller. Es ist ein unglaubliches Gefühl zu verstehen, was Pythagoras oder Euklid mit der Sprache der Mathematik beschrieben haben. Man erkennt Zusammenhänge – im Alltag genauso wie in komplexen wissenschaftlichen Fragen.
Und dann funkt der Alltag dazwischen.
Ich beziehe BAföG und arbeite fünfmal pro Woche im Supermarkt. Ich räume Lebensmittel in Regale, die ich mir selbst oft nicht leisten kann. Trotzdem bleibe ich freundlich zu den Kunden, egal wie anstrengend der Tag war. Während andere sich Bio-Produkte und frisches Obst kaufen, überlege ich, ob ich noch Suppennudeln und Brühe zu Hause habe.
Rein statistisch lebe ich an der Armutsgrenze – trotz Job und BAföG. Neulich ging mein Laptop kaputt. Das hätte beinahe alles zum Einsturz gebracht. Zum Glück konnte ein Kommilitone ihn reparieren. Eine gebrauchte Festplatte aus dem Internet hat gereicht.
Freizeit? Kaum vorhanden. Meine Freunde sehe ich selten, meine Familie noch seltener. Gitarre habe ich seit fast einem Jahr nicht mehr gespielt. Früher habe ich viel Sport gemacht – heute fehlt mir einfach die Zeit.
Und trotzdem nehme ich das alles in Kauf. Ich möchte später meinen Doktor machen. Mein Bruder arbeitet bereits in der Wissenschaft. Als Doktorand bekommt er nur 65 Prozent seines Gehalts – aber auch er brennt für die Forschung.
Ich will nicht berühmt werden. Ich möchte einfach meinen Beitrag leisten. Einen kleinen Beitrag zur Wahrheit.
Warum wird es uns Studenten so schwer gemacht? Wir brauchen doch gute Wissenschaftler. Vielleicht halte ich durch. Vielleicht freunde ich mich irgendwann sogar mit meinem Erzfeind an – dem Wecker.“
Gegen 1:00 Uhr klappte Jona völlig übermüdet die Bücher und seinen Laptop zu. Er war zufrieden. Bald würde der Wecker zwar wieder klingeln, allerdings war morgen auch schon Freitag. Und am Wochenende hatte er etwas Luft zum Durchatmen. Jona fiel müde ins Bett und schlief ein.
6:00 Uhr.
Der Wecker klingelte.
Und die Formeln des Alltags begannen von vorn.
Anregungsfragen:
- Wie gerecht ist ein Bildungssystem, das Studierende faktisch an die Armutsgrenze bringt?
- Fördert Leistungsdruck wissenschaftliche Exzellenz – oder verhindert er sie langfristig?
- Warum gilt akademische Leidenschaft als Privileg, während finanzielle Sicherheit oft fehlt?
- Wie viel Nebenarbeit ist mit einem anspruchsvollen Studium realistisch vereinbar?
- Ist die permanente Selbstoptimierung im Studium Ausdruck von Freiheit – oder von strukturellem Zwang?
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