Katharina Dobrick – Lebe anders

Katharina Dobrick ist Jahrgang 1947. Sie schreibt mit Freude und Leidenschaft. Ihre Geschichten sind für Kinder und Erwachsene. Wichtig ist ihr, dass sie die Hoffnung nicht aufgeben und an sich glauben. Ihre Texte sind in etlichen Büchern, Anthologien, Literaturmagazinen und Online-Plattformen erschienen. Katharina Dobrick widmet sich auch der Leseförderung für Kinder.                                                    
Mehr erfahren: www.katharinas-buchstaben-welten.de


Nichts ist so, wie du denkst
Dieser Satz fällt mir vor die Füße. Was habe ich mir alles erträumt, als ich erfuhr, dass ich kommen darf! In Deutschland wollte ich ein neues Leben starten! Was hier alles möglich sein würde! Doch in diesem Traumland hat man mich nicht sofort willkommen geheißen.

Bereits in meiner Heimat beschäftigte mich das Ausfüllen etlicher Formulare. Was ich später hier alles an Formalitäten erledigen musste, hat mich total frustriert. Sollte ich noch einer Aufnahmeprüfung unterzogen werden, ohne dass es mir vorab mitgeteilt worden war? Sehr oft war ich am Ende meiner Zuversicht und Energie, weil ich jeweils unendlich lange auf eine Antwort warten musste. Darauf war ich nicht gefasst gewesen. Ich hatte mir vorgestellt, die Menschen würden sich auf mich freuen. Ich war enttäuscht. Das Heimweh hat mich darüber hinaus sehr mitgenommen.
Letztlich konnte ich jedoch die Arbeitsstelle, auf die ich mich vor Jahren in einem Förderprogramm der Wirtschaft beworben hatte, antreten. Bei einem Chef, der über mein Kommen froh war und mich sofort in meine neue Aufgabe als IT-Mitarbeiter einwies. Er hat sich dafür eingesetzt, dass meine Ausbildung, die ich in meiner Heimat absolviert hatte, anerkannt wurde, und sich in den ersten Wochen intensiv um mich gekümmert. Für mich war diese Firma eine andere Welt. Nun darf ich zeigen, was ich gelernt habe. Es macht mir Spaß, und doch hadere ich mit manchen Situationen.
Obwohl ich in meinem Heimatland einen Deutschkurs im Goethe-Institut erfolgreich absolviert hatte, ist es schwer, mich hier mit meinen Arbeitskollegen zu verständigen, obwohl alle sehr wohlwollend und hilfsbereit sind. In meinem Arbeitsumfeld kann ich zwar auf die englische Sprache ausweichen, aber mein Ziel ist: ich will richtig Deutsch lernen. Ich habe nicht gewusst, wie groß die regionalen Unterschiede hier sind. Kontakt zu den Nachbarn zu bekommen, ist obendrein sehr mühsam, da ich mich nicht aufdrängen will. Haben die Menschen hier Angst, weil ich anders aussehe? Vielleicht denken sie, ich nehme ihnen einen Arbeitsplatz weg? Oder liegt es daran, dass alle sehr eilig unterwegs sind und nie Zeit haben? Dabei sehen die meisten Menschen sehr ernst aus. Ein freundliches oder lachendes Gesicht ist selten.
Neulich hat mich mein Chef in seine Singstunde mitgenommen. Das hat mir sehr gut gefallen, und ich wurde freundlich aufgenommen. Überrascht bin ich über mich, denn ich stelle fest, ich kann sogar singen. Im Gospelchor darf ich meine Gefühle zeigen und kann mich bei den Liedern austoben. Ich darf traurig sein, tanzen oder lachen, so wie mir gerade zu Mute ist. Niemand nimmt Anstoß daran. Ein wunderbarer Ausgleich zu meinem alltäglichen Leben!
Alle Chormitglieder pflegen das Miteinander, begegnen einander herzlich und respektvoll. Mir geben sie Tipps zu meiner Kleidung, wenn ich es wieder eilig hatte und alles wie Kraut und Rüben an mir herumhängt. Sie erkundigen sich nach meinem Wohlbefinden, denn sie wissen, ich lebe allein in einer kleinen Wohnung. Diese hat mir mein Arbeitgeber vermittelt. Heute weiß ich: Dies ist keinesfalls selbstverständlich. Umso dankbarer bin ich. Ich habe Kollegen kennengelernt, die flüchten mussten und in einer Sammelunterkunft untergebracht waren. Das stelle ich mir schrecklich vor.

Meinen Haushalt organisiere ich selbst, wobei das Kochen mir besonders viel Freude macht. Da kann ich kreativ sein. Das Einkaufen ist für mich immer noch gewöhnungsbedürftig. Oft weiß ich nicht, wie die Lebensmittel heißen. Dann zeige ich mit dem Finger darauf. Hier ist die Reaktion der Menschen sehr unterschiedlich. Manche lächeln und helfen mir, andere tippen sich an die Stirn.
Inzwischen hat es sich bei meinen Kollegen und Chormitgliedern herumgesprochen, dass ich gut kochen kann. Häufig werde ich nach Rezepten aus meiner Heimat gefragt. Das tut mir gut und hilft mir über mein Heimweh hinweg. Ich spüre das Interesse an meiner Person. Darüber freue ich mich sehr.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, planen wir eine kleine Weihnachtsfeier im Clubhaus. Ein großes Büfett haben wir vorgesehen. Dazu bringen alle Mitglieder etwas mit. Ich stelle mir die Vielfalt schon jetzt farbenfroh vor. Das wird sicher großartig. Ich freue mich darauf, denn dann werde ich nicht allein sein. Was ich dazu beitragen kann, habe ich noch nicht entschieden. Dazu fällt mir bestimmt noch etwas ein. Exotisch wird es sicher werden.
Bei der Weihnachtsfeier geht es nicht nur ums Essen. Seit einigen Wochen studieren wir mit dem Chor neue Songs ein –Oh happy Day liebe ich besonders. Das Singen erzeugt eine besondere Atmosphäre. Ich stelle es mir wunderbar vor, wenn wir im festlich geschmückten Raum unsere Lieder vorstellen und alle Zuhörer mitsingen. Vielleicht darf ich auch Lieder aus meiner indischen Heimat vorsingen. Das wird – nicht nur für mich – ein besonderes Erlebnis.

Turbulente Zeiten habe ich hinter mir und ich freue mich auf alles, was neu ist. Die Zeit ist schnell vergangen, seit ich nach Deutschland kam. Beruflich geht es mir ausgezeichnet. Etliche Aufgaben wurden mir komplett übertragen, die ich in eigener Verantwortung bearbeite. Eine Wertschätzung, über die ich mich sehr freue!
Schön ist außerdem, dass ich mich mit einigen Kollegen freundschaftlich verbunden fühle. Einige konnte ich als Chormitglieder vermitteln. Das habe ich mir so nicht vorstellen können. Inzwischen kann ich sogar unterschiedliche Dialektformen verstehen. Sprechen kann ich sie nicht, muss ich auch nicht. Was mich besonders begeistert: ich kann meinen Beruf, der zugegeben etwas nüchtern ist, mit dem Kochen und Singen sehr gut kombinieren.

Aller Anfang ist schwer, so heißt es hier. Inzwischen fühle ich mich integriert und motiviert, sozusagen angekommen, habe Anschluss gefunden. Doch, ich spüre eine Veränderung in diesem Land, die ich mir zwar nicht erklären kann. Zu beobachten ist, dass große Teile der Bevölkerung Angst vor allem Fremden haben. Meine Meinung darf ich noch sagen, ohne dass ich befürchten muss, verhaftet zu werden. Was mich besonders freut ist, mein Heimatland und die EU haben inzwischen ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Das beobachte ich bereits seit vielen Jahren und hatte gehofft, dass es früher zum Abschluss kommt. Mir hätte es auf meinem Weg vieles erleichtert. Ich bin mir sicher, es wird uns allen in unserem Alltag helfen, denn es wird einfacher, gute Beziehungen zu pflegen und extrem einseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten können vermieden werden. Für alle Fachkräfte wird es leichter. Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen.

Meine Eltern freuen sich mit mir und kommen mich immer gerne besuchen. Es wäre wunderbar, ich hätte sie in meiner Nähe. Sie wollen jedoch ihre Heimat und die Familie nicht verlassen. Das kann ich verstehen. Daher pflegen wir einen intensiven Kontakt über Videoanrufe oder Social Media.
Nicht aufgeben, an sich glauben – es gibt immer einen Weg, diese Lebenseinstellung gebe ich gerne weiter.
Ich lebe meinen Traum.

Anregungsfragen:

  1. Wie viel Verantwortung trägt ein Aufnahmeland für gelingende Integration – und wie viel liegt beim Einzelnen?
  2. Welche Rolle spielen Arbeitsplatz und kulturelle Angebote (z. B. Chöre, Vereine) für gesellschaftliche Teilhabe?
  3. Warum wird Migration in öffentlichen Debatten oft problemorientiert diskutiert, obwohl individuelle Geschichten differenzierter sind?
  4. Wie wirken sich bürokratische Hürden auf Motivation, Identifikation und langfristige Bindung von Fachkräften aus?
  5. Wie können Ängste in Teilen der Bevölkerung ernst genommen werden, ohne Zugewanderte unter Generalverdacht zu stellen?

Soll der Text "Lebe anders" von Katharina Dobrick Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

Wird geladen ... Wird geladen ...

Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.

Unterstützen Sie auch unser Ziel, das Buch in den Deutschen Bundestag zu bringen:

error: Der Inhalt ist geschützt!