Christoph Bendfeldt – Meteoriten

Christoph Bendfeldt, geboren 1989 in Grömitz an der Ostsee, ist freiberuflicher Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Er studierte Germanistik und Romanistik in Göttingen und Kiel und promovierte 2023 in Neuerer deutscher Literaturwissenschaft zum Thema Wissenschaftstheorie und spekulative Literatur. Anschließend absolvierte er ein Volontariat beim Goethe-Institut Bonn und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz. Er lebt und arbeitet in Bonn.


Ich war schon eine ganze Weile unterwegs – mit dem Range Rover ging es durch das ostdeutsche Hinterland. Der Ur-Pole war gestorben – so hatte ich meinen Großvater immer genannt. Als Teil der Ruhrpolen war er damals von Posen nach Duisburg gekommen, um im Bergbau zu arbeiten. Meine gesamte Familie hatte keine große Verbindung in die Heimat meines Großvaters. Das kulturelle Erbe, das er mitgebracht hatte, war nur noch in meinem Nachnamen zu erkennen, was aber in Duisburg kein großes Ding gewesen war. Nun jedenfalls hatte das Herz des alten Mannes aufgegeben. Er hatte immer viel Wut in sich gehabt, ob das sein Leben verlängert oder verkürzt hatte, konnte keiner von uns mit Sicherheit sagen.

Für die Beerdigung ging es jetzt in das Land der Vorfahren, so hatte er es sich gewünscht. In Posen gab es einen alten Friedhof, auf dem seine Eltern begraben lagen. Er hatte schriftlich verfügt, dass er nach seinem Tod zu ihnen zurückkehren sollte. In wenigen Tagen stand die Beilegung bevor. Wir alle – das heißt die Angehörigen –
hatten gehörig Bauchschmerzen bei der Sache. Der Grund dafür waren die seit letztem Jahr laufenden Grenzkontrollen. Wer die Nachrichten verfolgte, konnte jeden Tag Berichte über die privat geführten Sicherheitsfirmen sehen, die neuerdings an den deutschen Außengrenzen arbeiteten. Da der Staat chronisch pleite war und das privat erwirtschaftete Vermögen vorbei an den immer klammer werdenden Taschen der Regierung geschleust wurde, hatte man drastische Einsparungsmaßnahmen ergriffen. Ganz konkret hieß das, dass die Tausenden von Sicherheitskräften, die zur Grenzsicherung eingesetzt wurden, in private Hände übergegangen waren.
Überall hatte sich herumgesprochen, dass es heikel war, die Grenzen zu passieren, selbst mit deutschem Pass. Immer wieder kam es an den Übergängen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Offiziell ging es darum, unberechtigten Personen die Einreise zu verwehren. In Wirklichkeit aber schien sich dort einiges mehr abzuspielen, wenn man sich ansah, wie bedrohlich die Lage im Grenzland geworden war.
Dabei wirkte es hier im tiefsten Osten eigentlich total friedlich. Ich hatte heute bereits mehrere hundert Kilometer quer durchs Land zurückgelegt, nun lagen die großen Ackerschläge des Ostens vor mir. Die Weite des Landes war beeindruckend. Zu Hause stand alles dicht an dicht; hörte eine Stadt auf, befand man sich längst in der nächsten. Hier aber erstreckten sich riesige Felder in alle Richtungen und der weite, unverstellte Himmel lag schützend über der Landschaft. Ein leichter Wind, der über die Ähren des reifen Getreides strich, ließ alles weichgezeichnet erscheinen.
Nur gelegentlich wurde die Ruhe durch die großen futuristischen Maschinen durchbrochen, die in hohem Tempo über die sonst so leeren Straßen donnerten. Es war Erntezeit und tausende von Hektar mussten geerntet und weggeschafft werden. Die Maschinen erinnerten mich an etwas, das mein Großvater mir erzählt hatte. Allzu häufig hatte er sich in langen Tiraden über den großen Ausverkauf – wie er es nannte – ergangen.
Goldgräberstimmung hätte damals geherrscht, nachdem die Grenze aufgegangen war. Aber nur für einige. Unternehmer aus dem Westen hatten weite Teile des Ostens aufgekauft. Das Geld hatte sich damals wie ein Sturzbach über allem ergossen und alles mitgerissen, was nicht tief genug verwurzelt war.
Was bleibt von einem Land übrig, wenn es alles verkauft?, hatte er mich damals gefragt und ich hatte nur mit den Schultern gezuckt. Nie hatte ich bemerkt, dass er mir die Antwort schuldig geblieben war.

Die Anzeige im Range Rover zeigte bereits 19:00 Uhr und ich hatte noch einige Kilometer vor mir. Auch war ich so in Gedanken gewesen, dass ich übersehen hatte, dass die gelbe Tankleuchte seit kurzem aufleuchtete. Ich hielt am Straßenrand und befragte mein Handy nach nahegelegenen Tankstellen. In wenigen Kilometern befand sich eine der sogenannten freien Tankstellen, ich hatte Glück.
Kurz darauf fuhr ich auf das größtenteils leerstehende Gelände. Einzig der Tanklaster, der gerade auf die weite Betonfläche vor mir fuhr, zeigte an, dass an diesem Ort gelegentlich noch Betrieb herrschen musste. Die rostigen Buchstaben an der Fassade einer langgestreckten Lagerhalle verrieten, dass hier vor der Wende eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft gestanden hatte. Dies musste ein lebhafter Ort voller Bewegung gewesen sein. Nun war er wie ausgestorben. Die weiß getünchte Halle war mit roten Ziegeln bedeckt, von denen die meisten verschwunden waren. In ihrer Verwahrlosung bot die Anlage einen trostlosen Anblick.
Ich hielt an der einzigen Zapfsäule, die verloren auf dem brüchigen Asphalt stand. Weder ein Kassenhäuschen noch irgendeine Form von Bewegung war auf dem Gelände zu sehen. Dann aber knallte am äußeren Ende der Lagerhalle eine Tür auf und ein kleiner hagerer Mann in abgeschnittenen Jeans platzte heraus. Er warf mir einen missmutigen Blick zu, strich sich über die Glatze und ging auf den Tanker zu, aus dem ein braungebrannter, haariger Arm herausragte. Nachdem die beiden ein paar unverständliche Worte gewechselt hatten, stapfte der kleine Mann zurück in die Halle. Ich wartete ab, doch nichts geschah. Auch der haarige Arm hatte sich zurück in die Kabine gezogen. Komplette Stille lag über dem Hof.
Ungeduldig stieg ich aus, um zu sehen, was vor sich ging. Ich steuerte auf die Lagerhalle mit ihren vielen Fenstern zu und näherte mich der Tür, in der Glatze verschwunden war. Vorsichtig klopfte ich an die Metalltür, deren braune Farbe großflächig abblätterte, als würde sie sich häuten. Mein Klopfen blieb unbeantwortet. Ich öffnete die Tür und fand die Halle leer vor. Alles war geräumt worden; Stützpfeiler standen nutzlos herum, Wände waren gewaltsam aufgebrochen, wahrscheinlich um nach Kupferresten zu suchen. Ich hatte das Gefühl, diesen Räumlichkeiten unangenehm nahe zu sein. Zu meiner Rechten bemerkte ich einen kleinen Raum, der offensichtlich als Büro diente. Ein Radio war zu hören, in dem wieder einmal über bewaffnete Konflikte an der Grenze berichtet wurde. Rückwärts ging ich wieder zur Tür hinaus.
Auf der anderen Seite der Halle fand ich sie. In großer Anzahl waren hier notdürftig errichtete Wohncontainer aufgestellt worden. Vor einem dieser Container an einer weißen Plastikgarnitur saßen Glatze und der Tanklasterfahrer und unterhielten sich.
„Hallo“, rief ich aus der Distanz und winkte auffällig. „Die Tankstelle ist geöffnet, richtig?“ Ich machte schnell ein paar Schritte auf sie zu, um nicht weiter unnötig Zeit zu verlieren. Jetzt endlich hoben die beiden die Köpfe.
„Heute passiert hier nichts mehr. Morgen geht’s weiter, bis dahin ist hier Schicht“, sagte Glatze. Das Thema schien sich damit für ihn erledigt zu haben und er wendete sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
„Ich muss heute noch nach Posen“, beharrte ich, bemüht mein Ärger zu verstecken.
Der massige Körper des Tanklasterfahrers drehte sich abrupt zu mir um. Das Stichwort Posen musste etwas in ihm ausgelöst haben. Aus warmen braunen Augen blickte er mich neugierig an.
„Familie?“, fragte er halbwissend. „Habe ich gleich gesehen. Familie lässt uns ganze Kontinente überqueren. Es gibt nichts Wichtigeres als Familie.“
Ich nickte dumpf und ließ meinen Blick über die Container schweifen. „Was ist das hier für ein Ort?“, fragte ich schließlich.
„Arbeitslager“, sagte Glatze kurz.
„Keine Angst, nicht so wie früher“, mischte sich der Fahrer lachend ein. „Die sind alle freiwillig hier. Alles Ausländer. Man will sie nicht in den Ortschaften haben. Da reagieren die Deutschen empfindlich drauf, besonders die, die nichts haben.“
Er schien kurz zu überlegen. Nachdem er mich genau gemustert hatte, sprach er weiter:
„Ich sage dir was: Wir vertreiben uns ein bisschen die Zeit und ich zeige dir einen besonderen Ort. Morgen früh tankst du voll und kommst einfach einen Tag später. Denk dir was aus: Stress an der Grenze, höhere Gewalt. Juckt doch keinen.“ Mit großen Augen und einem breiten Grinsen schaute er mich an. „Na, was sagst du?“

Kurze Zeit später standen wir auf dem Hof und blickten in die allmählich einsetzende Abenddämmerung. Das Blau des Himmels rutschte ins Lila, die Luft war ein Gewebe aus kalten und warmen Strömen, die meine Haut verwirrten. Ich hatte keine Lust länger hier zu bleiben als nötig, aber ich verstand schnell, dass dieser Ort seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten folgte. Ich hatte gar keine andere Wahl, als mir die Zeit zu vertreiben, bis ich meine Reise fortsetzen konnte. Meinem Schicksal ergeben und mit den Händen in den Taschen empfing ich den Abend.
„Ist nur eine halbe Stunde von hier“, der Fahrer deutete in Richtung Osten, wo der Himmel bereits am dunkelsten war. Offenbar würden wir den Weg zu Fuß zurücklegen, was mir ganz recht war, hatte ich doch das Bedürfnis nach der langen Fahrt und den Eindrücken des Tages einen klaren Kopf zu kriegen. Wir setzten uns langsam in Bewegung.

Wir waren schon mehrere Minuten schweigend gelaufen, als der Fahrer die Stille durchbrach: „Ich habe meine Familie auch lange nicht gesehen. Ganz früher haben wir alle gemeinsam diesseits der Grenze gelebt. Jetzt darf hier nur noch leben, wer aktiv arbeitet. Meine Frau und die Kinder sind wieder in Bulgarien.“
„Bulgarien …“, begann ich meinen Satz, ohne jedoch zu wissen, was ich sagen sollte. Ich hatte keine Ahnung von Bulgarien, ich hatte auch keine Ahnung davon, wie es war, von der eigenen Familie getrennt leben zu müssen. Familie war für mich dieser Verbund, der aus vielen Verpflichtungen bestand, ansonsten aber einfach wie ein Hintergrundrauschen vorhanden war. Es war seltsam, sich vorzustellen, dass dieses Rauschen verschwinden könnte, ja, dass ich es sogar einmal vermissen könnte.
„Ich empfehle dir, die Grenze in Tschechien zu passieren und dann weiter nach Polen zu fahren. Dort ist es ruhiger“, sagte mein Weggefährte. „Mit diesen selbsternannten Patrioten an der Grenze ist nicht zu spaßen. Glaube mir! Ich habe die kennengelernt. Das sind keine Menschenfreunde.“
Ein Stück weiter voraus lichtete sich das Feld – wir hatten auch die letzten Spuren von Zivilisation hinter uns gelassen. Die gesamte Landschaft schien nur noch aus Sternenhimmel zu bestehen. Sie leuchteten in einer Masse, wie ich es nie zuvor gesehen hatte.
Der Fahrer war ernst geworden. Verschwunden war das Jungenhafte, das zuvor in seinen Zügen gelegen hatte. Gebannt starrte er in den Nachthimmel.
„Ordnungen kommen und gehen. Wir leben heute in einer Zeit, in der nur noch das Recht des Stärkeren gilt“, sagte er und sprach zum Himmel. Dann legte er mir väterlich eine Hand auf die Schulter und sah mich an: „Der Stärkste ist der mit den stärksten Verbindungen. Wusstest du das?“ Ein paar stumme Sekunden vergingen. „Verbindungen und eine starke Währung“, ergänzte er schließlich und trat gegen etwas Hartes, das vor seinen Füßen lag.
Plötzlich blitzte ein Stern auf und erhellte die dunkle Nacht. Rot aufleuchtend stürzte er einfach senkrecht herab zur Erde.
„Scheiße, da geht der nächste Satellit!“, sagte der Fahrer, „Das heißt, schlechtes Internet in nächster Zeit. Das liegt an dieser Zone. Nichts kann sich darüber im Himmel halten. Das ist hier wie das Bermudadreieck.“ Er holte eine Taschenlampe heraus und begann den Boden vor seinen Füßen zu beleuchten, während er weitersprach: „Dies ist ein besonderer Ort, weißt du. Ich vertraue dir, also weihe ich dich in ein Geheimnis ein“, sagte er. „Weißt du, wie viel ein Gramm Meteoritengestein wert ist?“
Tatsächlich hatte ich einmal einen Radiobericht gehört, der vom Einschlag gleich mehrerer Meteoriten in Russland berichtete. Die Leute aus den umliegenden Dörfern waren zu der Einschlagstelle gepilgert und hatten sich ihren Teil des Gesteins gesichert. Es war nur eine kleine Nachricht gewesen, ein Kuriosum ohne Wert, trotzdem hatte ich damals recherchiert und gesehen, dass die selteneren Meteoriten aus Mond- oder Marsgestein beträchtliche Summen einbrachten.

Unvermittelt setzte sich der Fahrer in Bewegung. Der helle Kegel der Taschenlampe bewegte sich wild von links nach rechts, als hätte er die Witterung aufgenommen. Nach ein paar Metern kniete er nieder und begann mit den Händen in der Erde zu graben. Er hatte die Lampe neben sich auf den Boden gelegt und wühlte wie ein Besessener. Es vergingen Minuten, in denen ich einfach nur zuschaute und ernstlich jede Entscheidung der letzten Stunden in Zweifel zog. Endlich hörte er auf – nur noch sein Schnaufen war zu hören. Er richtete sich auf und hielt ein kieselgroßes Stück Gestein unter den Schein seiner Taschenlampe.
„Das hier sind 2.000 €“, sagte er und grinste über das gesamte Gesicht. Der Stein war dunkel, helle kristallene Linien funkelten unter dem Strahl der Taschenlampe. Als ich nach dem Stein greifen wollte, um sein Gewicht zu fühlen, zog er die Hand zurück ins Dunkel. „Im Leben gibt es nichts geschenkt, tut mir leid. Ich habe dir diesen Ort gezeigt und ich vertraue dir, dass du es nicht an die große Glocke hängst. Du darfst hier gerne graben und selbst dein Glück versuchen. Ich wette mit dir, dass es hier noch einiges zu finden gibt.“ Er nahm die Taschenlampe und drückte sie gegen meine Brust.
Ich leuchtete über das abgelegene Stück Brachland und sah nur Staub und Schmutz. Ein Tritt gegen einen Erdklumpen ließ diesen zerplatzen und seine Partikel im Lichtschein schweben. Gut möglich, dass das Ganze hier absolut sinnlos war. Andererseits vertraute ich diesem großen, haarigen Unbekannten, der hier irgendwo im Dunkeln stand und darauf wartete, dass ich wertvolle Metalle aus der Erde hob. Ganz egal, was ich in diesem Schmutz finden würde, ich war dankbar für diese Nacht. Ich schaute zum Horizont in Richtung Osten, ein schwaches Glimmen erhob sich aus der Nacht. Meine Familie erwartete mich.

Anregungsfragen:

  1. Was passiert, wenn staatliche Gewalt privatisiert wird?
  2. Ist ein Aufenthaltsrecht, das an Arbeitsfähigkeit gebunden ist, mit Menschenwürde vereinbar?
  3. Was geschieht mit Gesellschaften, wenn Zugehörigkeit zur Ware wird?
  4. Sind „Verbindungen“ heute wichtiger als Recht?
  5. Wenn Ordnungen zerfallen – graben wir dann nach Meteoriten oder bauen wir neue Strukturen?

Soll der Text "Meteoriten" von Christoph Bendfeldt Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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