
Bettina Hahn-Müller, 1961 in Hannover geboren, lebt heute mit ihrer Familie in Montabaur. Als Realschullehrerin unterrichtete sie Biologie, Englisch und Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Des Weiteren war sie Dozentin für Englisch und DaZ in der Erwachsenenbildung. Im DaZ-Bereich ist sie in Rheinland-Pfalz noch als Landesprüferin tätig. Um Inspirationen für kreative Texte zu sammeln, studierte sie „Creative Writing“ am INKAS Institut. Zu ihren Freizeitinteressen gehören Reisen und Line Dance.
„Holt bitte die Hausaufgaben raus! Wir wollen die Übung zum Perfekt …“
„Achtung, Achtung! Verlassen Sie sofort das Schulgebäude! Achtung, Achtung …“, dröhnte es aus dem knatternden Lautsprecher im Klassenzimmer, nachdem der durchdringende Heulton der Sirene verklungen war.
Ich klappte unvermittelt das Deutschbuch zu, schloss die Fenster und griff nach dem Klassenbuch.
„Lasst alles liegen! Wir müssen nach draußen“, wies ich meine Schüler an und deutete auf den an der Tür hängenden Fluchtplan.
Sasho kramte indes weltvergessen in seinem Rucksack und zückte schließlich sein Handy, das er auf keinen Fall zurücklassen wollte. Und Natalia? Sie suchte noch nach ihrer Brotdose.
„Achtung, Achtung …“, ertönte es erneut.
„Jetzt aber schnell, kommt endlich!“, rief ich ungehalten und zeigte zur Tür.
Ahmed und Berkan grinsten triumphierend. Wahrscheinlich haben sie ihre Hausaufgaben wieder nicht gemacht.
Nun sind endlich alle raus aus dem Klassenraum, dachte ich und wollte gerade die Tür hinter mir schließen, als ich ein verstohlenes Wimmern bemerkte. Unter der Bank kauerte Olena, eine Puppe fest an sich gedrückt. Sie hatte ihren Kopf gesenkt, sodass die Stirn den Boden berührte, und beide Hände auf ihre Ohren gepresst.
Tagelang hatte Olena mit ihrer Familie in einem dunklen Keller ausgeharrt, sich bei jeder lauten Detonation zitternd die Ohren zugehalten – ohne Essen und ständig in Angst vor den russischen Bomben. Als sie sich endlich aus dem Kellerverlies herauswagte, sah sie die ihr so vertraute Stadt Odessa im Tageslicht. Olena hatte ihre Heimatstadt nicht wiedererkannt – eine undurchdringliche Trümmerwüste. Nur da, etwa 20 Meter von ihr entfernt, entdeckte sie etwas Farbiges, das wie ein Fremdkörper aus dem endlosen Grau herausstach. Mühsam bahnte sich Olena an der Hand ihrer Mama den Weg dorthin über die große Geröllhalde. Es war Larissa, ihre Lieblingspuppe. Sie hatte sie in der Panik nicht mitnehmen können, als Mama beim letzten Bombenangriff mit ihr in den Keller gerannt war. Nun lag sie da, Larissa, und wartete darauf, dass ihre Puppenmutter sie wieder in die Arme schloss.
„Wir müssen hier raus“, hatte Mama zu Olena gesagt. Sie hatte sie zur Eile angetrieben, voller Furcht, beschossen zu werden, übermüdet, hungrig und durstig, vorbei an zerbombten Häusern und brennenden Trümmerteilen. Ein unerträglicher Leichengeruch stieg Olena in die Nase. Viele leblose Körper waren nur notdürftig mit zerrissenen Planen abgedeckt – Bilder, die sie bis heute nicht losließen.
Doch sie hatten fliehen können: Olena, ihre Mama und ihre Oma. Im letzten Moment. Olena hatte so sehr geweint, denn Papa und ihr großer Bruder Maxim hatten nicht mitkommen dürfen. Sie mussten ihr Land verteidigen.
„Wir werden uns bald wiedersehen“, hatte Papa Olena versichert. Und Maxim, sonst immer unerschütterlich, hatte Tränen in den Augen, als er sich von seiner zehnjährigen Schwester verabschiedete. Olena hatte ihren großen Bruder da zum ersten Mal weinen sehen. Olenas Oma konnte ein wenig Deutsch. Hallo hatte die Großmutter ihrer Enkelin beigebracht – und Danke. Mehr brauche sie nicht, denn bald würden sie zurückkehren, hatte Oma versprochen. Aber, ob das stimmte?
Heute war Olena fern von zu Hause, in diesem fremden Land, in diesem Klassenraum einer deutschen Schule. Sie war in Sicherheit, doch die schreckliche Vergangenheit holte sie immer wieder ein – gerade jetzt.
Ich stand mit meiner Klasse auf unserem Aufstellplatz in sicherer Entfernung vom Schulgebäude. Meine Schüler tollten ausgelassen herum und freuten sich über die schulisch angeordnete unterrichtsfreie Zeit. Sie kannten das: mal wieder ein Probe-Feueralarm zu Beginn des Schuljahres – eine willkommene Abwechslung vom Unterricht.
Olena zitterte noch immer am ganzen Körper und wich mir nicht von der Seite. Ich legte den Arm um sie, aber sie schaute mit angstvollen Augen in den Himmel, als erwarte sie ein Unheil von oben. Nur mit Mühe hatte ich Olena dazu bringen können, ihren Schutz unter der Schulbank aufzugeben und mit mir nach draußen zum Aufstellplatz zu gehen.
Nach fünf Minuten klingelte es auch schon zur großen Pause. Olena rührte sich nicht, während die anderen Schüler übermütig auf den Schulhof zurückliefen. Sie stand regungslos da und starrte ausdruckslos vor sich hin – ohne hörbare Sprache, aber ihre Körpersprache verriet, was in ihr vorging.
Da sah ich, wie Natalia vom Schulhof zurück zum Aufstellplatz rannte. Lächelnd hielt sie Olena ihre Brotdose entgegen und flüsterte ihr etwas auf Russisch ins Ohr. Olena zögerte ein wenig, doch dann griff sie in die verlockende Brotdose und nahm sich einen der goldbraunen, knusprigen Kekse heraus. Sie biss in das mit Zucker weiß gepuderte Plätzchen, schloss die Augen und genoss diesen kostbaren Moment. Natalia, die vor sechs Wochen aus Moskau gekommen war, hatte es geschafft, Olenas Vertrauen zu gewinnen. Im Deutschunterricht saßen die beiden nebeneinander und Natalia war Olenas zweites Ich. In ihrer neuen Heimat waren sie beste Freundinnen geworden.
Natalia klappte ihre Brotdose mit den Keksen zu, fasste Olena an der Hand und nahm sie mit auf den Schulhof.
Ich hatte Pausenaufsicht und beobachtete Natalia, wie sie mit ihren Klassenkameradinnen Himmel und Hölle spielte. Die Mädchen hatten mit einem Stein Hinkelkästchen in den Asphalt geritzt und Natalia hüpfte fröhlich von Kästchen zu Kästchen, die sie vorher mit einem Wurfstein markiert hatte. Olena stand unschlüssig etwas abseits. Sie schaute Natalia mit traurigen Augen zu, wie diese freudig in die Hinkelkästchen sprang. Die Zeit schien seltsam still zu stehen. Mit ihren Freundinnen in der Ukraine hatte Olena auch gern Himmel und Hölle gespielt. Sie wusste nicht, wo diese jetzt waren. Die Hinkelkästchen verblassten. Es gab keine ukrainischen Kinder mehr, die darin hüpften.
Doch gegen Ende der Pause ließ sich Olena in Natalias heitere Welt hineinziehen. Natalia nahm Olenas Hand, und wie siamesische Zwillinge hüpften die beiden im gleichen Takt vom Startfeld der Erde immer weiter und weiter, immer leichter und leichter bis zum sechsten Kästchen. Am Ende machten sie gleichzeitig einen großen Satz, übersprangen die Hölle und landeten im Himmel.
Anregungsfragen:
- Wie gehen Schulen angemessen mit traumatisierten Kindern aus Kriegsgebieten um – strukturell und pädagogisch?
- Welche Verantwortung tragen Aufnahmeländer für die langfristige psychische Stabilisierung geflüchteter Kinder?
- Wie kann Versöhnung zwischen Kindern aus verfeindeten Herkunftsländern im Alltag gelingen?
- Welche Rolle spielt Sprache bei Integration, wenn Trauma sprachlos macht?
- Wie verändert sich unser Verständnis von „Normalität“, wenn Kriegserfahrungen Teil des Schulalltags werden?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
Unterstützen Sie auch unser Ziel, das Buch in den Deutschen Bundestag zu bringen: