
Almira Sehic (34) ist Seminarleiterin im Beruflichen Fortbildungszentrum und freie Rednerin. Sie verwandelt ihre Erfahrungen in ein Spiel aus Worten und schreibt über Gefühle und Themen, die viele in sich tragen, aber selten aussprechen. Dabei ist sie direkt und trifft bewusst dort, wo es schmerzt – nicht, um zu verletzen, sondern um zum Nachdenken und Aufwachen anzuregen.
Da ihr Mann, ihre Eltern und ihre Schwester in der Pflege arbeiten, erlebt sie täglich, wie sehr dieser Beruf an seine Grenzen stößt. Ihr Text ist daher auch eine Hommage an sie – und an all jene, die trotz Schmerz, Erschöpfung und Stillstand weiterhin Menschlichkeit schenken.
Was wir jeden Tag machen,
fragt man uns oft.
Müssen wir was verpacken?
Oh ja, sogar sehr oft.
Wir verpacken Schamgefühl
der Menschen, die wir pflegen,
und versuchen,
die Würde immer hervorzuheben.
Jeden Tag die Lebensqualität zu sichern,
und mal auch mit den Menschen zu kichern.
Viel Leid und Tränen –
besonders, wenn sie von uns gehen.
Es hat schöne und schlechte Seiten.
Aber, können die Politiker das begreifen?
Von Balkonen beklatscht, als Helden betitelt –
aber keiner will in den Pflegekittel.
Wir sind keine Helden! Wir sind Begleiter,
und bald wissen wir selbst nicht mehr weiter.
Immer mehr neue Menschen zum Pflegen –
aber keine neuen Kollegen.
In Bürokratie und Dokumentation
ersticken wir bald,
und haben keine Zeit
für das Wichtige:
Halten der Menschenhand.
Heute heißt es: Wir arbeiten zu wenig
und sind oft krank.
Fragt sich ein Politiker,
wie man die Pflege überhaupt schafft?
Im Büro kann man bis 80 sitzen.
Aber in der Pflege kannst du nur bis 50 schwitzen.
Kaputter Rücken und das Herz,
vor lauter erlebtem schmerz.
Ihr könnt es nicht begreifen
und deshalb auch nicht als Menschen reifen.
Immer vor den Wahlen
legt ihr los mit unseren Qualen.
Ihr wollt die Pflege revolutionieren,
aber wisst nicht einmal zu praktizieren.
Mehr Verantwortung uns übertragen,
von den Ärzten Aufgaben Delegieren,
Wisst nicht, dass wir Pflege
dadurch noch mehr verlieren.
Euch interessiert es nicht,
wie wir die Schicht heute schaffen,
Hauptsache das Geld
stimmt in den Kassen.
Menschlichkeit ist euch fremd.
Habt ihr nicht mal darüber nachgedacht,
dass ihr eines Tages in unsere Hände fällt?
Keine Angst, liebe Politiker,
wir haben für alles gesorgt.
Wenn wir wegbleiben,
werdet ihr von Robotern versorgt.
Wieso fragt ihr nicht bei uns nach,
bevor ihr die Gesetze zum Abstimmen bringt?
Ihr habt einfach keinen Realitätssinn.
Ihr seid herzlich Willkommen zum Praktikumstag.
Ob ihr danach nach schmerzen klagt?
Doppelschichten und Überstunden
sind euch fremd,
aber von uns wollt ihr
das letzte Hemd.
Von Gewissensbissen habt ihr nie gehört –
das ist für euch völlig verpönt.
Wir sind zwar Pfleger – aber keine Tiere.
Und dass hier ist auch keine Satire.
Für Menschen da zu sein und sie zu begleiten –
bis zum letzten Atemzug, bei Ihnen zu weilen.
Wir sind die Zauberer, die den Schmerz
verschwinden lassen.
Und, auch wenn die Gesichter
Verblassen,
bringen wir die röte wieder –
mit dem bekannten Griff kommt Leben zurück.
Unsere Würde ist euch egal.
Die Würde, die ihr so oft
mit Pflege zusammenbringt,
damit es für die Wähler
mal wieder gut klingt.
Schwere dieses Berufs
ist euch nicht bekannt.
Aber zu Experten
habt ihr euch ernannt.
Wie könnt ihr
über unser Schicksal entscheiden?
Denn mit eurem Wissen,
werdet ihr nur in der Sackgasse bleiben.
Ihr wollt uns von Digitalisierung
und Neuheiten erzählen,
dabei können wir in der Schicht
nicht mal zu Toilette gehen.
Pausen haben wir längst
vergessen.
Uns ist es wichtig:
Die Pflegebedürftigen essen.
Immer mehr Pflegebedürftige
Menschen
haben wir.
Wenn es so weiter geht,
gehören wir
bald auch dazu,
denn Bandscheibenvorfall
bekommt man hier im Nu.
Beim Notstand gibt es keine Regeln:
Es ist nur vorübergehend –
nur für die nächsten paar Jahre.
Körperlich
und seelisch gebrochen,
aber wir haben
unseren Patienten Hilfe versprochen.
Es ist unsere Pflicht,
denn wir bringen den Menschen das Licht.
Das, was ihr tut, um uns zu helfen –
die Gesetzte und Neuerungen:
Das nennen wir Klar „ein Verbrechen“.
Bester Freund, Sohn
und Wegbegleiter.
Um zu euch zu gelangen,
benötigen wir eine Leiter.
Hochgehoben und realitätsfern,
bleibt ihr den Problemen fern.
Was müssen wir noch durchmachen?
Wir sehen über alles hin weg,
von unseren Menschen –
und Arbeitsrechten erst recht.
Würdevollen Weg für Pflegebedürftige,
das ist uns immer sehr wichtig.
Eine Reform ist zwar richtig,
aber bitte bezieht uns mit ein –
wir wollen doch auch nur Menschen sein.
Wir können beschleunigen den Prozess,
denn wir behandeln diesen Abszess.
Den Dekubitus dieser Gesellschaft
wollen wir heilen.
Wir können das gut,
müssen uns nur beeilen.
Mit den richtigen Materialien
und unserem Geschick,
behalten wir
wichtige Themen im Blick.
Wir können aus der Praxis berichten,
die Probleme euch auch dichten.
Wir sind Pfleger die Menschen begleiten
und den letzten Weg bestreiten.
Wir schaffen alles, mit einem Lachen,
auch wenn wir danach in Tränen erwachen.
Wir rufen euch auf, uns einzubeziehen,
bevor wir die Medizin verlieren.
Es ist noch nicht zu spät,
für den richtigen Weg.
Mit uns könnt ihr noch die Kurve kriegen,
dann ist die Pflege wieder zufrieden.
Wir brauchen kein Klatschen
von Balkonen –
ihr müsst nur die Gesetze befolgen
und dann ist jedem geholfen.
Ihr habt keine Zeit,
um den Ernst der Lage zu begreifen –
vor lauter Gesetzgebungen
und euren Parteibestrebungen.
Von schönster Arbeit,
die man machen kann,
zum Notstand der Gesellschaft –
das habt ihr gut gemacht.
Wir helfen gerne – so sind wir.
Keine Scheu braucht ihr zu haben.
Wir schaffen alles, ohne zu fragen.
Die Menschenwürde ist unantastbar,
dann lasst uns abreißen – dieses Pflaster,
das an unseren Herzen klebt.
Nein, keine Angst: Es ist nicht zu spät.
Heute sind wir noch
allein mit dem Pflegenotstand gelassen.
Lasst uns nicht
in der Erinnerung verblassen!
Anregungsfragen:
- Warum wird systemrelevante Arbeit gesellschaftlich beklatscht, aber strukturell oft nicht ausreichend verbessert?
- Wie kann Politik Pflegekräfte konkret in Reformprozesse einbeziehen, statt nur über sie zu entscheiden?
- Wo liegt die Grenze zwischen politischer Verantwortung und gesellschaftlicher Mitverantwortung für den Pflegenotstand?
- Welche Rolle spielt Bürokratie bei der Entmenschlichung von Pflege – und wie könnte sie reduziert werden?
- Ist die Pflegekrise ein politisches Versagen oder Ausdruck eines tieferliegenden gesellschaftlichen „Dekubitus“1?
1 Ein Dekubitus (oft auch Druckgeschwür oder Wundliegen genannt) ist eine Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes, die entsteht, wenn eine Körperstelle über längere Zeit unter Druck steht. Dadurch wird die Durchblutung unterbrochen, und das Gewebe kann absterben.
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