
Sara Rodriguez, die unter dem Pseudonym Saliah Ylenia schreibt, findet ihre Sprache in Gedichten, Prosa und gesellschaftlichen Essays. Ihre Texte erscheinen in verschiedenen Anthologien und Online‑Magazinen. Sie schreibt, um Menschen zu berühren und um etwas zu verändern, aus dem Bedürfnis heraus, das sichtbar zu machen, was oft übersehen wird. Für sie ist Schreiben ein Raum, in dem Worte Halt geben, aufrütteln und manchmal eine neue Richtung öffnen können.
Es ist 23 Uhr.
Die Nachrichten laufen –
oder vielleicht nur noch in meinem Kopf.
Die Deutschen leisten zu wenig.
Rente erst ab siebzig.
Vierzig-Stunden-Woche –
als Fortschritt gepriesen.
Irgendwann verschwimmt alles,
und ich falle in einen Albtraum.
Doch ich bin mir nicht sicher,
ob das nicht auch Wirklichkeit war.
Plötzlich sehe ich die Kinder.
Die Vergessenen.
Die Verwahrlosten.
Die, die niemand schützt.
Es brennt in mir. Aber ich schweige.
Ich stehe plötzlich vor dem Bundeskanzler,
vor den Abgeordneten.
Der Saal ist voll. Ich soll sprechen.
Und als ich in die Gesichter vor mir blicke,
erinnere ich mich an Antoine de Saint Exupéry
und ich beginne mit ihm zu sprechen.
Antoine de Saint Exupéry, Pilot, Soldat, Schriftsteller und im Kern ein Mensch mit Substanz, beschreibt in Der kleine Prinz jene Autoritäten, die sich im Glanz ihres eigenen Ruhms verlieren. Das sind Figuren, die nur ihren Interessen folgen. Ihrer Gier. Ihrer Wichtigkeit. Dabei verlieren sie die Essenz des Menschseins aus dem Blick.
Man sieht einen Geografen,
der alles weiß und nichts erlebt hat.
Einen Mann, der die Welt kartiert,
ohne je einen Fuß auf sie zu setzen.
Der über Berge urteilt,
die er nie bestiegen hat.
Er verlässt sich auf Forscher,
die ihm berichten,
und spricht über Dinge,
die er nie selbst erfahren hat.
Und dann ist da der Geschäftsmann.
Ein Mann,
der Besitz mit Bedeutung verwechselt.
Der die Welt addiert
und das Leben subtrahiert.
Ein Sternbesitzer,
dem der Himmel verschlossen bleibt.
Und plötzlich erkenne ich sie wieder. Ich blicke hin zu denen, die uns sehen, aber nur aus dem Fenster eines schnellen Zuges.
Sie sprechen von Ressourcen,
doch es sind Leben.
Sie reduzieren Menschen zu Körpern, zu Funktionen.
Sie reden von Strukturen.
Ich spreche von Menschen,
die darin zerbrechen.
Schauen Sie auf Ihre Hände.
So sauber, als hätten Sie mit all dem nichts zu tun.
Etwas in mir brennt weiter. Ich erinnere mich an Matthäus 18,6, und das Schweigen zerreißt:
Kinderschutz ist keine Option.
Jede Gesellschaft hat die Pflicht,
Kinder kompromisslos zu schützen.
Es darf keinen Raum für Nachsicht geben,
keinen Spielraum für Relativierung
und keine Lücken,
durch die Täter entkommen können.
Kindesmissbrauch ist das schwerste Verbrechen,
das ein Mensch begeht.
Schon die heiligen Schriften sprechen klar darüber.
Wer einem Kind Schaden zufügt,
verfehlt nicht nur das Gesetz,
sondern das Menschsein selbst.
Gehen Sie in eine Kita.
Erzieher sind keine Aschenputtel, keine Alexa,
doch sie arbeiten, als wären sie beides zugleich.
Besuchen Sie die Kinderpsychiatrie,
wenn Sie Menschlichkeit erkennen wollen.
Dort, wo junge Seelen an ihren Rissen zerbrechen,
und Stille manchmal lauter ist als jeder Schrei.
Nehmen Sie sich Zeit für die Kinder und Jugendlichen.
Schauen Sie hin – wirklich hin – und fragen Sie sich,
ob Sie Ihr eigenes Kind dort sehen möchten.
Haben Sie von Vierzig Stunden Wochen gesprochen und davon, dass Menschen hier zu wenig leisten?
Gehen Sie in die Fabriken. Schauen Sie hin,
wie Menschen sich verausgaben,
bis ihre Körper die Rechnungen schreiben
und ihre Seelen im Takt der Maschinen zerfasern.
Im Übrigen: Maschinen arbeiten. Menschen zerfallen. Allmählich.
Gehen Sie dorthin,
wo ältere Menschen ihre letzten Tage verbringen.
Schauen Sie hin – wirklich hin – und fragen Sie sich,
ob Sie auch dort enden wollen.
Denn niemand ist sicher vor einem System,
das Menschen leise zerreibt
und immer wieder verschleißt.
Und dann sah ich die Häuser.
Nicht die glänzenden Fassaden der Broschüren,
sondern die Räume, in denen Menschen leben sollen,
als wäre Wohnen ein Privileg und kein Recht.
Ich sehe Familien, die zittern,
weil ein Investor entscheidet,
weil ein Vertrag endet,
und weil der Staat schweigt.
Ein Dach über dem Kopf
ist kein Schutz mehr.
Hohe Zahlen, die steigen.
Eine Drohung.
Ein Mittel, Menschen zu bewegen,
zu verdrängen, zu brechen.
Wohnen ist zur Waffe geworden,
weil Politik nur zusah,
wie aus Heimat ein Markt wurde
und aus Menschen Objekte.
Dann springt eine Tür auf,
als wäre es der einzige Weg weiter.
Dahinter stehen Hallen,
die aussehen wie Museen.
Stille. Spotlights.
Erst beim zweiten Blick begreife ich:
Es sind Supermärkte.
Regale, die sich wie Vitrinen aufreihen.
Brot, eingeschlossen wie ein Artefakt.
Obst, glänzt wie Schmuck,
den sich kaum jemand leisten kann.
Und die Preise glimmen,
als wollten sie mich vertreiben.
Hände, die zögern,
bevor sie etwas in den Korb legen.
Kinder, die auf das Obst starren,
weil sie wissen, dass es nicht für sie ist.
Alte Menschen, die an der Kasse
Münzen sortieren wie Gebete.
Es kann nicht sein. Nein.
Meine Kinder …
meine Kinder dürfen das nicht erleben.
Mit diesen Worten öffne ich die Augen.
Der Traum ist vorbei.
Doch seine Wahrheit bleibt.
Und in meinem Mund liegt ein Satz,
der nicht vergeht:
Wohin gehst du, Deutschland?
Während die Frage in mir nachklingt, denke ich an die letzten Jahre zurück – an all die Risse, die sie brachten, die tiefen Veränderungen seit 2020. Und aus diesem Nachdenken beginnt meine Sprache zu brechen, die Worte zittern, suchen Halt und werden langsam zu einem Gedicht.
Ist unser Ringen um dich wirklich vergebens?
Lass mich hoffen, lass mich glauben,
dies ist nur der Anfang deines Erwachens.
Geliebtes Deutschland,
du läufst, als würdest du vor dir selbst fliehen.
Die Wahrheit liegt in Ketten,
Worte sterben auf den Lippen,
erstickt von Filtern,
von Netzen aus Staub und Algorithmen.
Was du denkst,
darfst du nicht sagen,
flüstern die Schatten,
und niemand weiß,
ob sie warnen oder drohen.
Du hast den Namen – doch trägst du ihn noch?
Die Kindergartenkinder tanzen
und singen im Morgenwind,
das Lied des Seelentods.
Vom Baum der Erkenntnis
naschen sie schon,
den Apfel.
Ihr Lächeln verblasst heimlich.
Deine Erde erzählt von Schutt und Asche,
doch aus den Trümmern bist du auferstanden.
Deutschland, in dir lebt die Demokratie.
Oh, wecke nicht die Diktatur, nähre nicht den Krieg!
Du hast Herbste des Wandels erlebt,
vom Kaiserreich bis hin zur Mauer,
die uns trennte.
Doch der Deutsche, wie die Sonne, erhob sich,
ließ die Mauer fallen, die uns entzweite.
Nie ermüdet, nie besiegt.
Der Kölner Dom reckt sich hoch,
doch der Himmel weint in goldenem Licht.
Städte aus Stahl und Draht
wachsen in der Nacht
und zerreißen unser altes Heim.
Im Land der alten Lieder und der stolzen Träume
füllen neue Gesichter deine Straßen,
die Lieder klingen fremd.
Deine Sprache, in Echos verloren,
wird neu gesprochen, in fremden Tönen.
Während Kinder schweigen,
die Städte wachsen,
und wir alle fragen,
wer wir noch sind.
Steuern steigen,
die Kassen der Superreichen klingen.
Doch der Teller
deiner Landeskinder bleibt immer leerer.
Der Boden hart, kein Brot, kein Heim.
Wir zahlen und zahlen –
und das Leben kostet immer mehr.
Klimageld für die Zukunft, gespart durch Opfer,
doch der Lohn bleibt nicht bei denen,
die am meisten für die Erde kämpfen.
Bist du die Wiege oder der Wanderer?
Heute trauere ich um dich, mein Heimatland,
am Dämmergrau deines Lebens denke ich an dich.
Vielleicht ist dies der Anfang deines Erwachens,
vielleicht nur Wehen, die sich bald entladen.
Vielleicht ist es doch dein Zerfallsglanz.
Doch wenn du der Lauheit erliegst,
dein Glanz wird verblassen, du wirst es fühlen.
Hoffentlich wirst du dich noch rechtzeitig wehren –
Wählst du den Weg?
Wohin wird er führen?
Anregungsfragen:
- Wann wird gesellschaftliche Kritik zur notwendigen Warnung – und wann zur Überzeichnung?
- Ist politische Empörung ein Motor demokratischer Erneuerung oder ein Zeichen von Ohnmacht?
- Wie lässt sich soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Leistungsforderung vereinbaren?
- Ist die Sorge um kulturelle Identität Ausdruck legitimer Selbstvergewisserung – oder Risiko für Ausgrenzung?
- Welche Verantwortung trägt Politik konkret für Kinder, Pflegebedürftige und Mieter – und wo beginnt gesellschaftliche Eigenverantwortung?
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