Eisa Schmitt – Zeithunger

Eisa Schmitt hat ihr Studium an den Universitäten Maastricht und Freiburg genutzt, um sich mit Fragen der Ethik und des menschlichen Miteinanders auseinanderzusetzen. In ihrer literarischen Arbeit erforscht sie heute sich selbst und andere – auf der Suche nach einer neuen Art des Austauschs.


Ich liege auf meinem Bett und nichts passiert. Kurzer Blick zur Uhr – seit über einer Stunde – verflucht – passiert überhaupt nichts. Meine Wohnung, also mein Zimmer, liegt im Halbdunkeln der heruntergelassenen Rollläden. In diesem Licht kann man den Staub nicht sehen. Ich schmecke ihn beim Atmen, aber das lässt sich gut ausblenden. Er bedeckt die Bücher, meine Staffelei, die zusammengefaltet an der Wand lehnt, meinen Schreibtisch und wahrscheinlich auch mich. Kurzer Blick zur Uhr – seit zwei Stunden – verflucht – passiert nichts. Meine Seite meldet sich mit einem Druckschmerz, ich kippe mein Becken und verlagere das Gewicht.

Jared und Tim haben einen Couple-Urlaub in Thailand gemacht. Sie sind glücklich und schön. Sie haben ihren Hund Maxi dabei, den frechen Border Collie, der immerzu stürmisch über weite Flächen sprintet. Jared und Tim, ach ja… ich kenne die beiden nicht. Aber die Clips sind immer sehr süß. Ich habe Claire, einer US-Amerikanerin, eine halbe Minute beim Kochen zugesehen. Das weiß ich noch, weil sie extrem käsige Ofenkartoffeln gemacht hat und ich seitdem Hunger habe. Wann war das? Um eins dachte ich noch, dass ich langsam mal kochen könnte. Kurzer Blick zur Uhr – es ist zehn vor vier – verfluchte Scheiße! Ich habe wirklich Hunger.
Zwanzig Minuten kotzt sich ein Comedian über die ICE-Agenten aus, tritt nach oben, kriegt Applaus. Das ist wichtig! Es geht hier um das Leben von Menschen! Ich gebe ein Like. Derselbe Comedian – dreiundzwanzig Minuten über das neue Album von Taylor Swift. Lachen. Applaus. Meine Augen brennen und mir ist etwas schlecht vom Hunger. Es wird wirklich Zeit! Ich schalte das Display ab. Meine Wohnung summt. Oder mein Kopf.
Hoch motiviert springe ich vom Bett, mir wird direkt schwarz vor Augen und ich greife, Halt suchend, an mein Regal. Als sich mein Blick wieder klärt, schlurfe ich, nicht länger motiviert, zur Kochzeile. Eine Schüssel mit Reis vom Vortag, Gurke und Tofu – stimmt, ich wollte ja Sushi machen. Es ist so ruhig im Raum. Ich stelle die Sachen auf die Anrichte, greife nach den Nori-Blättern und der Sojasoße. Alles ready.

– Top-10 Songs 2025 –
– Beste Momente von Cillian Murphy –
– Katzen, die Englisch verstehen –
– in ETFs investieren, statt Altersarmut –
– Die krassesten Nazi-Momente von AFD-Mitgliedern –
– Die beste Suppe zum Einfrieren –
– Wie US-Schulen kugelsicher gemacht werden –
ICH HABE HUNGER! Kurzer Blick zur Uhr – FUCK! Ich schmeiße mein Handy auf das Bett. So, genug! Ich brauche dringend was zu essen – und außerdem muss ich mal.
– Kleine Angewohnheiten für ein gesünderes Leben –
– Wege raus aus der Sucht –
– Mehr Zeit in der Natur –
– Warum ich meine Kinder ohne Smartphone erziehe –
– Wie die Algorithmen dich gezielt abhängig machen –
– Der Grund, warum du gerade dieses Video siehst –
Mir ist die Scheiße am Arsch getrocknet. Es ist rau beim Abwischen. Kurzer Blick zur Uhr – ekelhaft.
Ich schaffe es, mir eine Rolle Sushi zuzubereiten, weil ich parallel zwei Podcasterinnen zuhöre, wie sie über sogenannte Pick-Me-Girls reden. Mein Mund isst, meine Augen glotzen, mein Magen rebelliert – ich kotze. Wieder leer rolle ich mich unter meiner Bettdecke zusammen. Ich fühle mich krank.

„So Tage hat man manchmal“, sagt Biene am Morgen beim Kaffee. „Brauchen wir alle mal. Nach so einer Woche Vollzeit, ist es schon gut, einfach zu entspannen.“
„Ja, kann schon sein.“ Ich arbeite nicht Vollzeit, ich bin nicht entspannt. „Aber müssten wir nicht wenigstens versuchen …“ Ich breche im Satz ab, Biene wischt auf ihrer Uhr herum und lächelt ihrem Handgelenk entgegen. Als die Stille sie erreicht, schaut sie schnell auf.
„Huh? Was meinst du?“
Ich nehme meinen Kaffee.
„Ach, nichts.“
„Sorry, Max hat mir nur geschrieben. Was müssen wir versuchen?“
„Anders zu – egal – zu leben oder so … Vergiss es.“ Ich trinke den letzten Schluck und greife nach meinen Sachen. „Bin spät dran.“
Sie gibt mir eine schnelle Umarmung: „Wir schreiben!“ Ihre Daumen mimen das Tippen auf einem Handy – ich versuche ein Lächeln.

Nothing beats a Jet 2 Holiday…– Fokus! Ich habe einen Ohrwurm, von einer Werbung, der mich vom Arbeiten abhält. Wie peinlich: Entschuldigen Sie, ich habe meinen Essay nicht schreiben können, weil mich die Werbung von YouTube verfolgt hat – wie entwürdigend! Immerhin ist es nicht mehr Ralf Schumacher! Ah, da ist er wieder. Ich sollte mich nicht ärgern, es gab schon immer ein kollektives Gedächtnis für Werbejingles. Carglass repariert… – verdammt, mein Hirn gehört nicht mehr mir! Wann hatte ich zuletzt einen originellen Gedanken? Blaue Augen sehen wie Saphire aus; frische Luft riecht nach frisch gemähtem Gras; ein offenes Gesicht ist sonnig – in meinem Kopf überschlagen sich die fremden Gedanken, fremde Worte, fremde Leben. Habe ich eine eigene Meinung? Habe ich überhaupt jemals selber über die Welt nachgedacht? Oder sitze ich hier einfach herum und lasse mich befüllen, nur um dann zwischen zwei gegnerischen Polen zu wählen?

Ich finde den Hass schlimm, ja, aber tue ich das, weil ich mitfühlend bin? Oder nur weil ich weiß, dass ich das sollte, wenn ich zu dieser oder jener Seite gehören will? Ich hasse, dass mich diese Gedanken anstrengen. Ich hasse, dass aktives Denken mir wehtut. Ich hasse Jared und Tim und ihren scheißsüßen Border Collie. Ich will durch meinen Screen klettern und den Comedian auf der Bühne erwürgen. Sie machen mich krank – sie bringen mich dazu, nicht zu essen, und dann viel zu schnell zu essen, und dann zu kotzen. Ich hasse sie alle! Jede einzelne Person, die je ein dummes Video gedreht und geteilt hat und am meisten den geizigen, gierigen, niemals satten Algorithmus, der nur will, dass ich möglichst lange da bin, damit die Werbung Geld bringt!
ICH HABE HUNGER: Nach Ruhe, nach Pause, nach Zeit! Zeithunger! Ich habe Hunger nach dem Gefühl, etwas geschafft zu haben, obwohl die Sonne gerade erst im Zenit steht. Mein Geist giert danach, freie Zeit zu haben, ohne sich schuldig zu fühlen – nach Ruhe, ohne sich faul zu fühlen. Es geht alles so schnell. Mit jedem Schlag meines Herzens muss etwas Neues beginnen. Mein Daumen wischt mich vom Schreibtisch ins Bad, vom Bad an den Schreibtisch, vom Schreibtisch in die Küche, zurück zum Schreibtisch; Haare auf, Satz geschrieben, Tee gekocht, Satz überarbeitet, Fenster auf, Haare zu, schnell aufs Klo, Cardigan aus, Fenster zu, Satz geschrieben, kurz ans Handy – Tag um. Ich tue nie etwas und nie nichts.

Der Reißverschluss ersetzt die Knöpfe, und dem Menschen fehlt wieder ein Stück Zeit, um nachzudenken, während er sich am Morgen ankleidet, dieser philosophischen, melancholischen Stunde.

Ich habe es vor Jahren gelesen und Bradbury hat es bereits in den 50ern geschrieben. Was für ein schöner Satz. Ein langer Gedanke, Kommata, ein Bild, das simpel daherkommt, aber trifft, originell, interessant – meine Welt besteht nicht aus Gedanken, sie besteht aus vorgekauten Tatsachen. Gras ist grün, ICE ist rassistisch, Menschen sollten nicht ertrinken, verhungern oder ausgebombt werden und Claire macht den genialsten Käseauflauf. Oder war es Gemüse? Was hatte ich heute früh zu Biene gesagt? Wir sollten versuchen, anderes zu leben? Es zumindest versuchen.

Die Sonne ist weg, ein zweiter Tag im Sumpf ist vergangen. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, werden Tage wie diese nicht erscheinen. Sie sind es nicht wert, erinnert zu werden. Niemand schreibt über sie in Tagebüchern, höchstens zur Selbsthilfe. Der Gedanke, dass ich mit Achtzig auf mein Leben schaue und all diese Tage des Nichts sich zu Jahren aufgehäuft haben … Achtzig sein, aber nur sechzig gelebt haben.

Mein Smartphone ist ausgeschaltet. Ich habe das Fenster geöffnet, um die kühle Nachtluft hineinströmen zu lassen. Draußen gehen vereinzelt Leute spazieren, deren Stimmen unverständlich zu mir ins Zimmer wabern. Im Kerzenschein sitze ich auf dem Boden und versuche, den Moment wirken zu lassen. Die friedvolle Atmosphäre steht im schrillen Kontrast zu meinem Innenleben und zeigt mir deutlich, wie krank ich mich fühle. Meine Gelenke ächzen, ob in Bewegung oder beim Ruhen – und in meinem Kopf zieht sich ein schmerzendes Pochen an meiner Schädeldecke entlang. Mir kommt diese Situation so abgefuckt vor. Wenn man sich einen Arm beim Skifahren bricht, hat man sich vorher irgendwann entschlossen, Ski zu fahren. Aber ich habe nie angefangen zu Swipen – da war kein Entschluss, dieser Parallelwelt beizutreten. Es ist einfach graduell mehr geworden. Es ist passiert, so wie mir alles bloß zu passieren scheint. Ich bin bloß am Zuschauen. Und das Absurde ist, dass mich zwar die einen Dinge wütender machen als die anderen, aber wenn das Video vorbei ist, tippe ich trotzdem auf das Nächste und das Nächste und das Nächste. Politik und Katastrophen reihen sich an Rezeptvorschläge und Popkultur – und ich ärgere mich hier und da. Manchmal empöre ich mich auch richtig über die Welt, und die Mächtigen und die Reichen – aber meine Wut wird noch im gleichen Moment sediert. Sie treibt mich nicht an.
Meine Gedanken springen umher, zirkeln um eine offensichtliche Tatsache. In diesem Moment ist Krieg, in diesem Moment wandeln sich Gesellschaften, die einst demokratisch waren, zu faschistischen Systemen. In diesem Moment wird der Hass gegen Arme, gegen Fremde propagiert. In diesem Moment tue ich nichts. Ein kurzer Blick zur Uhr – ach ja, ausgeschaltet. Mir kommt es lang vor. Unendlich lang. Kaum auszuhalten. Ich tue nichts, nichts passiert. Solange ich zusehe, liege ich hier. Ob ich zusehe oder nicht: Solange ich hier liege, dreht die Welt sich ohne mich.

Anregungsfragen:

  1. Ist digitale Überforderung ein individuelles Problem – oder ein strukturell erzeugtes?
  2. Wie verändert die Vermischung von Katastrophen, Werbung und Unterhaltung unsere politische Handlungsfähigkeit?
  3. Ist Empörung in sozialen Medien ein Ventil – oder eine Sedierung?
  4. Wem „gehört“ unsere Aufmerksamkeit – und kann man sie politisch regulieren?
  5. Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn viele Menschen das Gefühl haben, „nie etwas und nie nichts“ zu tun?

Soll der Text "Zeithunger" von Eisa Schmitt Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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