Renate Kaiser – Der Geruch von Kupfer

Renate Kaiser wurde am 5. Januar 1964 geboren und studierte Betriebswirtschaftslehre.
Zu ihren bisherigen Veröffentlichungen zählen Lehrer, Liebe, Lügen (Schenk Verlag, 2010), 750 Gramm pro Woche (Schenk Verlag, 2011), Miri maßgeschneidert (Carlsen Verlag, 2012) sowie Ich date, also bin ich (KDP Publishing, 2022). Darüber hinaus veröffentlichte sie zahlreiche Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien.
Im Jahr 2025 erschienen mehrere ihrer Kurzgeschichten: Der 21. Geburtstag in Es geschah in Lingen (3. Preis im Schreibwettbewerb), Ruhestand in der Recklinghäuser Literatureule (Shortlist-Nominierung), Engel im Rahmen des Bubenreuther Literaturwettbewerbs sowie Vanessas heilige Nacht in der Winter-Anthologie 2025.

Weitere Informationen unter: www.renate-kaiser.de


Balu:
Ich liege unter dem Tisch. Es riecht nach alten Krümeln und Yasemins
Lederlatschen. Ihr Fuß zuckt. Tapp, tapp, tapp. Nervös. Ich hebe die Nase. Sie glotzt auf das helle Ding in ihrer Hand. Und plötzlich ist er da: ein Geruch, als würde ich an einer alten Cent-Münze lecken. Kupfer. Metallisch und beißend. Er kriecht in meine Nase, lange bevor die Menschen laut werden. Yasemin wirft dem Mann giftige Brocken hin. Er knirscht wie ein kaputter Motor. Dann Yasemins „Nein!“ Sie macht dieses Zischgeräusch: Hassss. Der Kupfergestank wird unerträglich. WUMM. Die Hand klatscht auf die Platte. Ich drücke meinen Körper gegen ihr Schienbein. Ihre Finger vergraben sich in meinem Nacken. Sie sind eiskalt und riechen nach Angst. Ich hasse das!

Du:
Martin, dein Chefredakteur, lässt die Schultern hängen. Du kennst dieses Seufzen. Kapitulation, getarnt als Pragmatismus.
„Yasemin, wir müssen das nicht senden. Wir kürzen auf die reinen Fakten, lassen das Streitgespräch einfach weg.“
Du starrst auf die ausgedruckten Hass-Kommentare. Giftige Tinte.
„Nein, Martin! Das wollen die doch nur. Dass wir einknicken, bevor sie überhaupt zuschlagen.“
Die Wut in deinem Bauch ist heiß und dreckig und drückt die Angst kurz unter Wasser.
Die Hälfte der Redaktion nickt, wenn es um Selbstschutz durch Schweigen geht. Aber du spürst nur Ekel bei dem Gedanken.
„Es geht hier um das Interview mit dem Typen von der Neuen Mitte.“ Deine Stimme ist zu viel laut. Ach, egal.
„Ich möchte ihm die Maske vom Gesicht reißen. Wenn wir schneiden, schenken wir ihm nur Raum, ohne ihm zu widersprechen.“
„Yasemin. Dein Leben ist in Gefahr!“, sagt Martin ganz leise.
„Und die Pressefreiheit landet auf dem Müll, nur weil ein paar feige Trolle im Netz Amok laufen?“ Deine Hand knallt auf den Tisch, die Gläser scheppern. „Wenn wir jetzt den Schwanz einziehen, können wir den Laden gleich dichtmachen.“
Stille. Du merkst, wie sie dich anstarren. Mitleid, Angst, Zustimmung – ein Chaos aus Blicken. Dein Herz boxt gegen deine Rippen. Du hast Recht, aber der Preis fühlt sich gerade verdammt hoch an. Unter dem Tisch: etwas Feuchtes, Warmes an deiner Hand. Balu. Dein Anker. Du holst tief Luft:
„Wir senden es. Alles!“

Balu:
Park. Endlich ist die Leine weg. Yasemin wirft mein Bällchen, aber ihr Arm ist schlaff. Dann erstarrt sie. Drei Männer auf der Bank. Ich rieche abgestandenes Bier und kalten Rauch. Einer grölt etwas. Yasemin wird zu Glas, als würde sie gleich zerbrechen. Ein neuer Geruch bricht aus ihr heraus. Kein Kupfer. Es riecht stechend, wie Essig. Der Mann lacht, ein hässliches Geräusch. Er sagt dieses Zischwort. Ich schiebe mich vor Yasemin. Mein ganzer Körper vibriert vom Grollen. Ich ziehe die Lefzen hoch. Der Mann verstummt. Yasemin zerrt an meinem Halsband, ihre Hände zittern. Wir rennen aus dem Park. Zuhause starrt sie nur die Haustür an. Der Essiggestank klebt wie Schleim im Flur.

Du:
Das Interview verfolgt dich. Der Politiker saß da, die Hände im Schoß gefaltet. Kein Schreien, keine Wut. Die Kameras waren an. Du hattest alles dabei: Studien, Zahlen, knallharte Fakten zur Integration.
„Frau Aydin“, er lächelte dich an, als wärst du ein kleines Kind, das zu viel Süßigkeiten genascht hat. „…Ich verstehe ja, dass Sie dieses Thema … emotional mitnimmt.“ Er machte eine Pause, taxierte dein Gesicht. „In Ihrem Kulturkreis ist das Temperament wohl einfach stärker ausgeprägt. Aber, wir sind im deutschen Fernsehen – bleiben wir doch sachlich.“
Die Hitze stieg dir in den Nacken.
Er hatte nichts Offensichtliches gesagt. Kein Schimpfwort. Aber er hatte die Rollen verteilt: Du, die hysterische Migrantin. Er, der kühle Staatsmann. Jede deiner Fragen nach dem Wohnungsmarkt bügelte er mit einem väterlichen Nicken ab.
„Wissen Sie, die Leute haben echte Sorgen. Wenn man die als ‚rechts‘ abstempelt, wie Sie das so gern tun, dann spaltet man das Land.“
Er redete an dir vorbei, direkt in die Linse. Du warst nur die Kulisse.
Für seine Show.
Als das rote Licht der Kamera erlosch, bot er dir seine Hand an. Trocken. Kühl:
„Nichts für ungut“, flüsterte er. „Sie machen ja auch nur Ihren Job.“

Balu:
Das Haus mit dem grellen Licht. Fremde verteilen mit einem Pinsel Puder in Yasemins Gesicht. Dann sehe ich sie in dem Leuchtding an der Wand. Neben ihr eine Frau, die nur kläfft. Die Yasemin im Fernsehen ist stark. Ihre Stimme ist glatt wie ein Kieselstein im Bach. Sie stoppt das Kläffen der Frau. Aber als die echte Yasemin zurück in die kleine Kammer kommt, bricht sie zusammen. Sie lehnt an der Tür. Ihr Atem rasselt. Sie rutscht einfach den Türrahmen runter auf den Boden.

Du:
Die Tür der Garderobe fällt ins Schloss, mit dem Klick entweicht die Luft aus deinem Körper. Die Adrenalin-Rüstung zerfällt. Du bist so leer. Du hast es geschafft, hast der Politikerin jede Lüge um die Ohren gehauen. Schlagfertig. Hart. Professionell. Aber die Quittung vibriert in deiner Tasche. Du nimmst das Handy raus. Du weißt, dass es Selbstverstümmelung ist, aber du kannst nicht anders. Die Benachrichtigungen explodieren. Hunderte, Tausende:
„Wir kriegen dich, du Kopftuch-Fotze!“
„Ab an die Wand mit dir.“
„Viel Spaß beim Ficken mit deiner Mutter.“
Die Sätze fühlen sich an wie Peitschenhiebe. Du scrollst und scrollst – dein Daumen ist wie fremdgesteuert. Eine Sintflut aus rassistischem Dreck und Gewaltfantasien. Du musst das alles lesen, musst den Abgrund sehen, gegen den du ankämpfst, auch wenn er dich gerade verschlingt. Balu stupst gegen dein Knie. Du siehst in seine Augen und fragst dich ernsthaft: Wofür das alles?

Balu:
Schlüsselgeklapper.
„Anna!“
Ein warmer Geruch flutet den Raum. Wie Sonne auf weichem Haar. Der beißende Gestank wird schwächer. Yasemin macht dieses glucksende Geräusch. Später beim Essen wird ihre Stimme grau. Da ist er wieder: Ein Hauch von Galle. Bitter, tief im Rachen. Anna greift nach ihrer Hand. Annas Stimme ist wie eine warme Decke. Sie drückt die Bitterkeit weg. Nachts höre ich Yasemin im Schlafzimmer lachen. Ich liege im Korb. Die Galle ist weg. Alles scheint okay.

Du:
Anna ist dein Rettungsring. Wenn sie da ist, darfst du aufhören zu kämpfen. Beim Essen versuchst du, die Sache im Park kleinzureden.
„Ach, nur ein paar Idioten“, sagst du und stocherst im Essen. Aber Anna sieht durch dich durch. Sie nimmt deine Hand, fest und warm.
„Yasemin, red‘ mit mir! Bitte!“
Und du brichst auf.
Du erzählst von der Kälte, von der Angst, die dein Herz zusammen schnürt. Aber du lügst sie auch an. Du verschweigst die Morddrohungen, die perversen Details.
Du willst diesen Dreck von ihr fernhalten. Doch tief drin weißt du: Sie steckt längst mit drin.
„Du bist nicht allein“, sagt sie.
Und für zehn Minuten glaubst du es sogar. Später im Bett hörst du ihren Atem und fühlst diese mörderische Mischung aus Liebe und Schuld. Du hast den Hass in ihr friedliches Leben geschleppt. Und hast keine Ahnung, wie du sie davor beschützen sollst.

Balu:
Anna ist weg. Yasemin glotzt wieder auf das helle Ding. Eine verzerrte Stimme kommt raus. Yasemin erstarrt zu Eis. Der Raum riecht wieder nach Essig. Die Stimme sagt einen Namen: Anna. Yasemin würgt. Dann bricht es aus ihr raus.
„NEIN!“
Das Leuchtding knallt gegen die Wand – Plastik und Glas splittert. Sie schreit und bricht auf den Teppich zusammen. Ich lecke ihr die Tränen aus dem Gesicht. Sie schmeckt nach Panik.

Du:
Die Stille ist eine Drohung, jetzt wo Anna weg ist. Du fühlst dich nackt. Trotz allem hebst du das Handy auf. Eine neue Sprachnachricht. Du drückst auf Play. Die Stimme ist elektronisch verzerrt, ein hässliches Zischen. Die üblichen Beleidigungen ziehen an dir vorbei, aber dann:
„…wir wissen, wo deine Freundin Anna wohnt. Pass gut auf sie auf.“
Dein Herz setzt einen Schlag aus.
Sie haben ihren Namen und haben eine Zielscheibe auf ihren Rücken gemalt. Die nächste Nachricht ist nur ein Flüstern:
„… wir wissen, was du letzte Nacht gemacht hast … wir beobachten dich … die Kugel ist schon gegossen!“
Die letzte Grenze ist weg. Dein Zuhause, dein Bett, dein Leben – alles ist verseucht. Du schleuderst das Handy gegen die Wand. Der Schrei, der aus dir rauskommt, ist nicht mehr menschlich. Es ist der Schrei eines gejagten Tieres:
„Ich kann nicht mehr!“
Du sackst auf die Knie, die Schluchzer schütteln dich so hart, dass dein ganzer Körper wehtut. Du bist jetzt Teil der Statistik: einer von den vielen Journalisten, die einfach nur noch hinschmeißen wollen. Du kriechst zu Balu, vergräbst dein Gesicht in seinem Fell. Er ist das Einzige, was noch nicht nach Hass riecht. Mit zitternden Fingern greifst du zum Arbeitshandy.
Erst Anna: „Pack deine Sachen“, flüsterst du. „Wir hauen ab. Jetzt sofort.“
Dann Martin: „Ich kann nicht mehr, Martin. Ich bin am Ende. Ich brauche Zeit.“
Es ist die Wahrheit. Du bist krank vor Angst.

Balu:
Die Wohnung riecht nur noch nach kaltem Eisen. Überall. Dann kommt Anna. Hektik. Die große Tasche wird vollgestopft. Yasemin flüstert nur noch. Wir gehen. Lange, monotone Autofahrt. Dann: Fenster runter. Salz! Das Eisen ist weg. Einfach weggeblasen. Hier riecht es nach Wasser und feuchtem Sand. Freiheit. Ich renne, bis meine Pfoten brennen. Yasemin atmet. Das erste Mal seit Ewigkeiten richtig tief.

Du:
Die Fahrt war wie ein Drogentrip, alles verschwommen. Anna am Steuer, ihre Hand auf deinem Knie, ein stummer Anker. Du starrst in die Dunkelheit, siehst nichts. Du bist innerlich abgestorben. Als das Auto hält und Balu gegen die Scheibe hechelt, dringt es zu dir durch. Salz. Die scharfe, ehrliche Luft des Meeres. Ihr steigt aus. Balu schießt los, ein schwarzer Punkt auf dem hellen Sand. Du stehst oben an der Düne, machst die Augen zu und saugst die Luft ein. Sie füllt deine Lungen und spült den Gestank der letzten Wochen aus deinen Poren. Am nächsten Morgen ist das Saure weg. Einfach weggewaschen.

Balu:
Yasemin hat keine Schuhe an. Sie wirft den Ball:
„Hol ihn!“
Das Ding fliegt mitten ins Wasser. Ich hinterher. Kalt, salzig – großartig! Ich renne zurück, schüttle mich direkt neben ihnen. Das Wasser spritzt auf Yasemin und Anna. Sie quietschen. Und dann…!
Yasemin lacht.
Endlich!
Dieses Kichern, laut, ohne Angst.

Du:
Abends auf der Veranda. Die Sonne brennt als roter Ball über dem Meer. Anna hat dir eine Decke umgelegt. Dein Kopf ruht auf ihrer Schulter. Balu liegt auf deinen Füßen, sein Fell klamm vom Salzwasser. Nur das Rauschen der Wellen.
In diesem einen Moment ist die Welt wieder ganz.
Die Angst ist nicht weg, sie wartet irgendwo da draußen im Dunkeln. Aber hier, mit Anna und dem Hund, findest du wieder so etwas wie Kraft.

Balu:
Kein Kupfer. Kein Essig. Nur Wind und Salz. Yasemin wirft Stöcke. Das Kichergeräusch ist wieder da. Sie macht klick-klick mit dem kleinen Leuchtding, aber sie starrt nicht mehr rein, als würde es sie fressen. Sie sieht mich an. Die Welt ist wieder heil.

Du:
Die Tage am Meer sind eine einzige Erleichterung. Der Knoten in deinen Schultern löst sich. Du schläfst wieder durch, ohne von Schritten im Flur zu träumen. Anna beobachtet dich, man sieht ihr die Erleichterung an.
„Du siehst wieder aus wie du selbst“, sagt sie.
Und du fühlst es auch. Aber die Ruhe ist zerbrechlich. Dann klingelt dein Arbeitshandy. Martin. Du starrst es an, dann
gehst du ran:
„Yasemin? Wie geht’s dir?“
„Besser, Martin. Ich brauche noch Zeit.“
„Nimm sie dir. Alle Zeit der Welt. Aber deine Stimme fehlt hier.“ Er macht eine Pause. „Die Quoten brechen ein. Die Leute fragen nach dir. Es gibt eine Riesenwelle an Solidarität.“
Solidarität.
Das Wort klingt wie aus einem fernen Universum.
„Ich kann nicht, Martin. Noch nicht. Vielleicht … nie wieder.“
Stille.
„Okay“, sagt er leise. „Pass auf dich auf!“
Du legst auf. Die Flucht hat dich gerettet. Aber sie hat dich auch verstummen lassen.

Balu:
Wir kommen vom Strand. Yasemin ist weich und entspannt. Das Leuchtding macht „Ping“. Ein winziges Geräusch, Yasemin erstarrt. Plötzlich riecht sie nach kalter Asche. Tot und grau. Sie zeigt Anna das Bild. Auch Annas Geruch kippt um. Asche. Auf dem Bild sind wir. Von weit weg, durch das hohe Gras fotografiert. Der Wind dreht sich. Jemand ist hier bei uns.

Du:
Du starrst auf das Display. Das Foto ist körnig, herangezoomt, aber es lässt keinen Zweifel. Du, Anna, Balu. Du zeigst es Anna.
„Ich hab vorhin eine Story gepostet. Aber keinen Ort angegeben. Nichts.“
Anna fixiert das Foto:
„Auf dem Bild trägst du den blauen Pulli. Den, den du gestern anhattest.“
Unter dem Foto steht kein Text. Nur dieses Winke-Emoji. Anna flüstert:
„Das ist von gestern.“
Du verstehst es sofort. Es war nicht die Story von eben. Die war nur der Grund für sie, sich zu erkennen zu geben.
„Die sind nicht erst seit heute hier“, sagst du tonlos.„… Die beobachten uns seit mindestens vierundzwanzig Stunden.“
Die Vorstellung ist der blanke Horror. Während ihr gelacht habt, standen sie in den Dünen. Ganz nah.
„Aber wie? Wir haben nichts gepostet, niemanden angerufen!“
„Das Auto“, sagst du.
Du rennst raus, tastest wie eine Wahnsinnige unter dem Radkasten, an der Stoßstange. Nichts. Deine Hände zittern so sehr, dass du kaum greifen kannst. Dann,
unterm Heck: Ein kleines, schwarzes Kästchen. Ein Magnet. Ein Tracker.
Sie haben dich nicht im Netz gejagt. Sie sind dir einfach hinterhergefahren. Du reißt das Ding ab und schleuderst es in den Sand.
„Rein!“, sagst du. „Wir packen. Sofort!“
Es ist keine Flucht mehr.
Es ist ein Rückzug, um sich neu aufzustellen.
Du versteckst dich nicht mehr.
Es gibt kein Versteck.
Es gibt nur noch den Kampf.

Balu:
Neue Wohnung, mitten in der Stadt. Yasemin sitzt am Tisch. Der Asche-Geruch ist weg. Manchmal riecht es nach Kupfer, wenn das Ding piept, aber es bleibt nicht hängen. Yasemin riecht jetzt anders. Trocken. Hart. Wie die Erde, kurz bevor ein Gewitter losbricht. Sie tippt – tack, tack, tack. Stundenlang. Ein fester Rhythmus. Das ist ihr Kampf-Geräusch.

Du:
Drei Uhr morgens. Die Wohnung ist ein Grab. Balu atmet schwer unter dem Tisch.
Du sitzt vor dem Laptop, dem einzigen Licht im Zimmer. Der Cursor blinkt: an – aus. Wie ein Drohfinger. Deine Finger schweben über den Tasten.
Sie zittern.
Du weißt genau, was passiert, wenn du auf Veröffentlichen drückst. Du kennst das Gesetz der Welle. Sie wird kommen – brutaler als die Letzte. Sie werden wieder drohen, wieder hassen.
Der saure Geschmack der Angst sitzt in deinem Hals. Vielleicht bleibt er da für immer. Du denkst an das väterliche Lächeln des Politikers. An das Foto in den Dünen. An den Tracker im Sand. Du atmest tief ein. Die Angst ist da. Aber sie hat das Steuer losgelassen. Sie hockt nur noch auf dem Rücksitz. Du senkst die Hände. Klick. Klack. Die Buchstaben fressen sich ins Weiß. Du schreibst sie nieder. Ohne Gebrüll, mit einer kalten, tödlichen Präzision. Du holst dir die Macht über deine Geschichte zurück. Satz für Satz.

Balu:
Die Tasten hämmern schnell. Es ist dunkel. Ich schnuppere. Kein Kupfer. Keine Galle. Yasemin riecht nach Strom. Nach purer Kraft. Sie krault mich kurz, ihre Hand ist ganz ruhig. Sie flüstert etwas in die Dunkelheit, ihre Stimme klingt fest. Ich lege den Kopf ab.
Alles ist bereit.

Anregungsfragen:

  1. Wie kann Pressefreiheit geschützt werden, wenn Einschüchterung zunehmend digital und anonym erfolgt?
  2. Ab wann wird Online-Hass zu realer Gewalt – und wie reagiert der Rechtsstaat darauf?
  3. Trägt mediale Konfrontation zur Aufklärung bei – oder verstärkt sie die Bühne für Populisten?
  4. Wie gehen Betroffene mit der moralischen Belastung um, ihre Angehörigen in Gefahr zu bringen?
  5. Ist Rückzug Selbstschutz – oder beginnt demokratische Verantwortung genau dort, wo Angst einsetzt?

Soll der Text "Der Geruch von Kupfer" von Renate Kaiser Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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