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Heinz Ruch – Zorn darf nicht Gewalt werden

Heinz Ruch, geboren 1942,  lebt in Burgdorf/Schweiz, ist verheiratet.
Nach längerer Tätigkeit als Konstrukteur, Ausbildung zum Sozialarbeiter, danach Arbeit auf Sozialdienst, in einem Kinderheim und in der Bewährungshilfe. Schreiben und Malen sind seine Leidenschaft, neben wandern und Nichtstun. Erfolgreich sechs Ausstellungen als Maler organisiert. 2024 an akuter Leukämie erkrankt.

Neben vielen anderen sind seine Kurzgeschichten erschienen in:

1. Preis in Berlin „Verschüttete Gefühle“ ISNB 978-3-00-039279-5
„Das große Elfenbuch und die verschollenen Märchen“ ISBN: 978-3-00-023583-2
„Fernweh“ ISBN: 978-3-938728-18-5
„So ein Mensch“ ISBN: 978-3-86685-269-3
„Sepia“ ISBN 978-3-9523734-2-2
„Der Lärm verstummt, bis Stille in dir ist“ ISBN 978-3-86685-376-8 „Frau im Zug“ ISBN 978-3-9523734-6-0


Brennt,
Tobt,
Schäumt vor Zorn,
Bei Tag und Licht
Und Nacht und Finsternis,
Und geht nicht gelassen
In das sanfte Nichts.

Ich ergänze das Zitat:
Doch lasst nicht
die Fäuste sprechen.

Das hat Dylan Thomas 1951 veröffentlicht. Ein Gedicht des walisischen Dichters, das heute angesichts der Bedrohung der Lebenshülle der Mutter Erde und des darin langsam und still sterbenden Lebens an Bedeutung gewinnt. Dies sollte auf die Fahne der Politik deutlich gestempelt werden – statt, die Zeichen der Zeit missachtend, den Kopf in den Sand stecken. Ist es nicht fünf vor – oder ist es sogar später? Brennen sollen wir und toben, sogar schäumen vor Zorn? Wie soll das gehen? Wächst daraus nicht Wut, die sich in Gewalt und Zerstörung ausweitet? Das ist nicht die Lösung, ist kontraproduktiv, und schlussendlich werden – wenn Proteste gewalttätig werden – Protestierende als Störenfriede, als Chaoten abgestempelt und sogar rechtlich belangt. So funktioniert eine aufbauende und erfolgbringende Kundgebung nicht. Sie muss einen positiven Eindruck hinterlassen; etwas sein, das nachwirkt und vor allem die Jugend animiert, denn ihnen gehört die Zukunft.
Eine Möglichkeit wäre das geschriebene Wort. So wie Dylan es fordert: Geht nicht gelassen ins sanfte Nichts. Wir sind doch mehrheitlich still im sanften Nichts – zugegeben, auch ich. Was unternehme ich? Bisher nichts. Warum? Ich spüre eine Schuld und gleichzeitig Resignation. Dennoch halte ich meinen ökologischen Fußabdruck auf dieser Erde klein: Ich verbrauche nur vier bis fünf Liter Benzin im Jahr für den Rasenmäher und besitze seit 1981 kein Auto mehr – beschränke mich auf Reisen im Inland mit Bus und Bahn. So viel zu meiner „Leistung“. Ich schäume nicht vor Zorn; nicht bei Tag, auch nicht nachts vor dem Einschlafen. Innerlich bin ich zwar oft aufgewühlt, aber nach außen kommt es nicht. Ich fühle mich verzagt, weil ich zu schwarz sehe und mich im Reden nicht kompetent fühle. Da gibt es Leute mit Fachwissen, die sich tagtäglich mit den Auswirkungen schädlicher Emissionen beschäftigen und mehrheitlich im sanften Nichts schweigen. Ihre geschriebenen Worte oder Interviews in TV und Radio schäumen nicht vor Zorn, sondern zeigen harmlos auf, was uns „könnte“ erwarten. Sie halten die Uhr ständig auf fünf vor – und Abwarten ist das Losungswort. Was für Möglichkeiten gibt es noch?
Da ist der bewusste Verzicht auf überflüssigen Konsum. Mit Einschränkungen in Sachen „Luxus“ können wir das Produzieren unnötiger Produkte verhindern. Was natürlich Arbeitsplätze kosten wird. Jeder und jede sollte überlegen: Brauche ich das? Wenn nicht, Hände weg. Wir sollten uns auch mehr an die sieben Todsünden der modernen Gesellschaft erinnern, die Mahatma Gandhi um 1947 formuliert hat.
1. Reichtum ohne Arbeit
2. Genuss ohne Gewissen
3. Wissen ohne Charakter
4. Geschäft ohne Moral
5. Wissenschaft ohne Menschlichkeit
6. Religion* ohne Opfer
7. Politik ohne Prinzipien

Gandhis Religion ohne Opfer wandle ich (für mich) in Ethik ohne Opfer um, da es in Ethik keinen Allmächtigen, keine Weissagungen und Propheten gibt, was zudem ein Grund ist: Religion bildet Gruppierungen, macht selbstherrlich, zieht Grenzen selbst durch Völker, ja durch Familien –; Religion und Politik vertragen sich nicht – schließt andersgläubige und andersdenkende Menschen oft aus.
Eine Ethik auf Grundlage der Menschenrechte ist für alle Menschen gleich. Und lebt man Ethik, geht es eben nicht ohne Opfer. Ethik ist keine Religion, kann keine werden, da kein Allmächtiger, keine Weissagungen und keine Heilsverkündigungen dahinter stecken. Ethik ist Politik.
Ich erlaube mir das. Gandhi möge mir verzeihen.
Gerade Gandhi hat gezeigt, wie man Macht aufbaut und Ziele ohne Gewalt erreicht. Durch den »Zivilen Ungehorsam«, den das ganze indische Volk auf sein Geheiß und Vorleben praktizierte, zwangen sie die Engländer in die Knie. Wie können wir heute diesen »Zivilen Ungehorsam« in Bezug auf die Klimakrise praktizieren? Einerseits den schon erwähnten Verzicht auf alles, was nicht dringend nötig ist, und andererseits durch Manifestationen in friedlicher Art, in denen der Zorn jedoch deutlich wird – und vor allem durch Schreiben. Man sollte sich nicht provozieren und zu keiner Gewalt hinreißen lassen. Ganz Homer: Singe den Zorn, oh Göttin! Aber nur in Zorn singen (schreiben), keine Wut und keine Brutalität. Greta Thunberg lebte es vor – bis jetzt in stoischer, aber aufrufender und behaglicher Ruhe. Einsam, aber man nahm sie wahr – wenn auch von vielen belächelt und diskreditiert: von jenen, die ihre Pfründe in Gefahr sehen, und von den (vor allem älteren) Ewiggestrigen, Klimaleugnern und Verschwörungstheoretikern. Die Jugend muss aktiviert werden, denn ihr gehört die Zukunft. Leider werden anlässlich von Demonstrationen, die eigentlich förderlich sein sollten, oft Aggressivität und eine Zerstörung des eigentlichen Inhalts des Anlasses beobachtet. Die Chaoten scheinen das Zitat von Dylan Thomas leider misszuverstehen:

Brennt,
Tobt,
Schäumt vor Zorn,
Bei Tag und Licht
Und Nacht und Finsternis,
Und geht nicht
Gelassen
In das sanfte Nichts…

…heißt nicht, dass Gewalt und Zerstörung ausgetobt werden sollen. Es fordert aktives Handeln, das der Gesellschaft und dem Leben dienen soll. Also Lösungen suchen und der Politik vorschlagen. Und ebenso sind die Politiker aufgerufen, in ihrem Wirken nach einer lebenswerten Grundlage für alle zu suchen.

Wir träumen von „erneuerbarer“ und unschädlicher Energie. Gibt es das wirklich? Wissen wir wirklich, was die totale Elektrifizierung in gigantischem Umfang auf das Leben in der Lebenshülle der Erde ausübt? Wenn man bedenkt, wie viele Radio- und Fernsehsignale sowie viele andere Signale – dazu Handysignale, Sonnenenergie und das weltweite Satellitennavigationssystem – auf das menschliche Hirn einprasseln, bleibt die Frage: Wie viel ist genug? Kann und wird das untersucht? Ich denke, dass der Mensch nichts unternehmen kann, was sich nicht in irgendeiner Form auf das Leben auswirkt. Das Perpetuum Mobile gibt es nicht. Die Masse macht es aus. Was wird in zwanzig Jahren sein?

Singe den Zorn, oh Göttin!

Anregungsfragen:

  1. Wie lässt sich berechtigter Zorn politisch wirksam ausdrücken, ohne in Gewalt umzuschlagen?
  2. Reicht individueller Konsumverzicht aus – oder braucht es strukturelle Veränderungen?
  3. Ist ziviler Ungehorsam heute noch ein geeignetes Mittel demokratischer Einflussnahme?
  4. Wo liegt die Grenze zwischen berechtigter Kritik an Technologie und unbegründeter Angst?
  5. Welche konkrete Macht hat der Einzelne tatsächlich – und wo beginnt kollektive Verantwortung?

Soll der Text "Zorn darf nicht Gewalt werden" von Heinz Ruch Teil des Buches "630 - Stimmen der Gegenwart" werden?

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