
Tom Scheinpflug, geboren 2000 in Bad Honnef, lebt seit 2019 in Bonn und studiert dort Geisteswissenschaften. Seit 2023 veröffentlicht er regelmäßig Prosa und Lyrik. Zuletzt wurde er in die Longlist des Hanns-Meinke-Preises für junge Lyrik 2025 aufgenommen und im Rahmen des Hattinger Förderpreises für junge Literatur 2025 zu einer öffentlichen Lesung eingeladen, bei der er den Publikumspreis gewann.
Der Redakteur P. hatte am vergangenen Abend ein Memorandum der Universitätsleitung erhalten, das ihn mit freundlicher, jedoch verbindlicher Mahnung in das Dekanat vorlud. Über den Grund dafür musste er nicht lange nachdenken. Er erwartete seit Wochen die Veröffentlichung seines letzthin verfassten Dossiers – eine für ihn – wie für das Magazin allgemein – ungewöhnlich scharfe Berichterstattung über die Behandlung der vor den mächtigen Steinportalen der Universität kampierenden Obdachlosen durch die sogenannte Sicherheitsgarde. Die Sicherheitsgarde war eine traditionsreiche Institution in der Universitätsgeschichte und genoss das unumstößliche Vertrauen der Leitung. P. wusste, dass ein derart schonungsloser Bericht ihn ins potenzielle Visier der Universitätsleitung bringen konnte. Aber die universitätsinterne Zeitschrift Vox subditorum, für die er schrieb, scherte sich für gewöhnlich nicht darum, worüber er berichtete, solange er nur zuverlässig am Ende der Woche einen Text vorweisen konnte. Er ging nicht davon aus, dass der Chefredakteur seinen Bericht überhaupt gelesen hatte, bevor er ihn freigegeben hatte.
Der Redakteur hatte versucht, einige Interviews mit den Obdachlosen zu führen, in fester Absicht, eine Erklärung für den desolaten Zustand dieses Flüchtlingslagers zu finden. Als er die vergangenen Tage durch ihr provisorisches Zeltlager gestreift war, die Ledertasche mit dem Schreibblock und die durch überlange Nutzung abgewetzten Bleistifte unter dem Arm, hatte ihn das Gesehene und Erzählte tief verstört. Innerhalb der Universität sprach man nur wenig von dem Lager, und wenn, dann nur als ein Ärgernis, dem man mit der vollen Härte des Gesetzes begegnen müsse. Bei den mühsamen Gesprächen fand er heraus, dass die Sicherheitsgarde Anweisung bekommen hatte, möglichst gewalttätig gegen das Volk vor den Toren vorzugehen. Dabei wurden mehrere Männer zusammengeschlagen, die meisten waren in die anliegenden Wälder geflohen und wurden seitdem nicht mehr gesehen. Einem schreckhaften Jungen mit leichtem Oberlippenflaum war durch einen Schmerzgriff die Schulter gebrochen worden, und eine schwangere Frau in Fetzen zeigte ihm ihren verdrehten rechten Arm, übersät von blau-gelben Flecken, der wohl nie wieder vollständig heilen würde. Er spürte, wie seine Mundwinkel zuckten, als er daran dachte.
Der Mittagsgong der Turmuhr tönte durch das beklemmende Halbdunkel der Flure, flutete tosend den vormals in Stille erstarrten Leseraum und ohne es zu bemerken, begab sich der Redakteur traumwandlerisch in Richtung der großen Haupttreppe. Zerstreut ergriff er das Geländer und schritt der Leitungsetage entgegen, von der er sich die endgültige Aufklärung seiner Angelegenheit erhoffte.
Die Treppe, unten noch von einer herrschaftlichen Breite und elegant in ihren verspielten Ausläufern, verjüngte sich auf halber Höhe zum Stockwerk der Privatgemächer und verwandelte sich von dort aus, Stufe für Stufe, immer weiter in ein verwinkeltes Geflecht aus niedrigen, engen Stiegen. Hier schliefen die hohen Herren der Akademie und ergingen sich in ihren Forschungen, während die schlüpfrige Dienerschaft sie fütterte, wusch oder ihnen sonstige Dienstleistungen erwies. Der Dozierendenstab, eine Gruppe vom Dekan persönlich ernannter Vertreter, bestand ausschließlich aus verwitterten und eingefallenen Herren der letzten Generation, die sich eher durch ihren bedingungslosen Gehorsam gegenüber ihrem Gönner auszeichneten als durch ihre fachliche Expertise. So kam es üblicherweise vor, dass die Herren Dozierenden auf ihren sauber abgesteckten Bereichen der Lehre entschlossen verharrten und darüber hinaus reichende Fragen der Studierenden nur mit schroffen Zurechtweisungen oder vielsagenden Seufzern beantworteten.
Von dort aus führte der Weg hinauf zum Dekanat über einen einzigen, verwinkelten Treppenabsatz, der sich zielstrebig bis zur dunklen Spitze der Universität erstreckte. Der Redakteur gewann die letzten, zur Unkenntlichkeit zertretenden Stufen und stand nun, kurzatmig und vor Erschöpfung schwankend, vor der höchsten Pforte. Während er seine Rechte um die gold-verzinnte und mit aufwendigen Ziselierungen verzierte Klinke schloss und sie sachte hinunterdrückte, ergriff ihn eine Kälte, die von seinen zitternden Fingerspitzen seine Adern aufwärts strömte. Der Aufstieg hatte ihn sein Anliegen, diesen einzigverbleibenden Gedanken, beinahe vergessen lassen, aber der kalte Schauer riss ihn aus seiner trägen Amnesie. Er besann sich für einen Augenblick darauf und trat ein.
Eine beklemmende Stille verhing den düsteren Saal und schien ihn trotz seiner opulenten Größe eigenartig zu begrenzen. Der Redakteur hörte sich selbst schlucken. Sein Blick floh zu den getäfelten Kolumnen in den unbestimmbar weit entfernten Ecken des Saales und folgte ihnen raumeinwärts, bis diese in die ausschweifenden Stuckverzierungen übergingen, die sich in prächtigen Schleifen über dem Herzstück des Leitungszimmers, der Fürstentafel, kunstvoll vereinten. Die Tafel selbst war reich gedeckt mit endlosen Variationen gebratenen Fleisches sowie einer stattlichen Anzahl an Rotweinflaschen. Am gegenüberliegenden Kopfende, am anderen Ende des Saales, saß der Dekan.
Er schien eine Art Mantel zu tragen. Eine dunkle, weniger akademisch-professionelle als zeremonielle Kutte, die an dem fleischigen Koloss hinabfiel, sich dann auf den Armlehnen des stattlichen Ebenholzsessels, auf dem er saß, in düsteren, sturmgeplagten Waldseen sammelte und schließlich den mit Weinflecken und fleischlichem Unrat beschmutzten Boden zu bedecken versuchte. Vor dem Dekan, majestätisch angerichtet und mit einem vergoldeten Lorbeerzweig drapiert, lag ein mächtiges Filet und verströmte einen süßlich-fleischigen Duft im Raum. Der Dekan schnitt das Fleisch mit einem vergoldeten Messer an, wobei er das blutrote Innere offenbarte und mit dessen dunklem Saft die weiße Spitzentischdecke befleckte. Die groben Stücke warf er sich danach genießerisch in den Mund und kaute laut
stark. Der Redakteur hörte das feuchte Klatschen des toten Fleisches hinter dem malmenden Kiefer des Dekans. Als dieser das Filet vertilgt hatte, schlug er sich mehrmals heftig mit der geballten Faust auf seine Brust, wobei er den Eingetretenen endlich bemerkte. Mit einer präzisen Bewegung, die so gar nicht mit dem animalischen Schlingen davor übereinzukommen schien, wischte er sich den öligen Fleischsaft von den Wangen und sagte:
„Ah, der Herr Redakteur! Nun, Ihren Namen habe ich heute bereits ein paar Mal gehört. Setzen Sie sich doch bitte.“
Der Redakteur tat, wie ihm geheißen wurde und setzte sich dem Dekan gegenüber. Zwar konnte er in verschwimmender Ferne erkennen, dass dieser seine wulstigen Lippen bewegte, jedoch kam es ihm so vor, als käme diese autoritäre, wenngleich nicht unfreundliche Stimme, nicht von der kaum zu erkennenden Gestalt am Tischende, sondern hallte von den Wänden wider.
„Es geht um Ihren Text, wie Sie sich sicher bereits denken konnten. Stilistisch sehr gekonnt, ein Genuss, ihn zu lesen, ja wirklich! Aber der Inhalt…“
Er schnalzte seine fette Zunge wie ein tadelnder Vater.
„Das ist ja eine regelrechte Beleidigung unserer Helden an den Toren! Ein polemischer Verriss, wenn auch von geringem Ausmaß und – davon gehe ich fest aus, lieber Redakteur! – einem fehlgeleiteten, aber doch wohlmeinenden Geist entsprungen. Dennoch wohnt ihm eine Kraft inne, die es vermag, durch seine böswillige Agitation die Gemüter zu erhitzen und Streit und Ungemach über unsere liebe Alma Mater zu bringen. Nein, nein, ein solches Textchen…“
Er war während des Sprechens tiefer in seinen Sessel gesunken, richtete sich nun jedoch kopfschüttelnd wieder auf und begann erneut.
„Nun, Sie können sich sicher denken, dass wir ihn nicht publizieren können. Ich bin mir sicher, Sie sind von hehren Motiven getrieben worden, als Sie diesen Bericht in ihrem Schreiberkämmerchen verfassten, aber auch aus hehren Motiven – ja gerade aus Ihnen heraus! – entstehen so häufig vermeidbare Schäden für die Universitätsgemeinschaft, deren bescheidenes Oberseheramt ich zu tragen bemüht bin. Ein schöner Artikel über die diesjährigen Sanierungsfortschritte oder anstehende Sportereignisse, das wäre etwas zum Publizieren geworden! Aber ihre schonungslosen Schilderungen dieser vollkommen unappetitlichen Themen… das kann ich meinen lieben Studenten doch nicht verantworten. Und Ihre Betrachtungen lassen unsere liebe Sicherheitsgarde doch äußerst…“ – er suchte nach einem treffenden Begriff, wobei er das gold-schimmernde Messer gedankenverloren vor sich kreisen ließ – „…rabiat erscheinen, finden Sie nicht?“
Es war eine rhetorische Frage, er wartete keine Antwort ab. Irgendwo in der fließenden Schattengestalt am Kopfende der Tafel blitzte ein kühl-berechnendes Paar Augen auf.
„Sicher, sicher, Gewalt ist ebenfalls eine hässliche Angelegenheit, aber doch nun mal leider notwendig. Die Schlechtigkeit der menschlichen Natur lässt uns da tragischerweise keine andere Wahl. Sie jedoch, als Presseschreiber wissen Sie das, bedienen sich derweil einer gänzlich anderen, gefährlich-unüberlegten und keineswegs nötigen Gewalt. Sehen Sie, es gibt nichts Vernichtenderes für eine einmütige Gemeinschaft als Uneinigkeit und moralische Konkurrenz, als eine Atmosphäre der misstrauischen Anklage an die Höchsten, als die Diskurshegemonie des Sowohl-als-Auchs und des ewigen Kompromisses! Wenn unsere Schäfchen nicht vollkommen überzeugt von der Rechtschaffenheit unserer ehrenwerten Beschützer sind, dann werden sie unruhig, bibbern ängstlich oder, was weitaus dramatischere Folgen haben könnte, lassen sich zu nervösen Spinnereien über Hierarchie und Ordnung herab. Der Mensch ist von Natur aus misstrauisch, das Volk naturgemäß wankelmütig und es ist meine väterliche Bürde dafür zu sorgen, dass unsere Studenten ihre geistigen Bemühungen auf ihre Studien richten und ihre kecken Nasen in ihre Folianten vertiefen, anstatt sie an uns und den alt-ehrwürdigen Säulen dieser Universität heraufzurecken. Und es ist doch in ihrem Interesse!“, schmatzte der Dekan gönnerhaft und führt weiter aus:
„Unsere Schützlinge könnten sich keine Vorstellung davon machen, was es hieße, nicht von uns gehütet zu werden. Ihre müden Körper würden den Ansturm der Realität nicht ertragen und ihre Gedanken würden ungehindert, in sinnlosem Kreislauf, durch ihre Köpfe rotieren, sich strecken und schärfen und irgendwann, ihre Schädeldecke von innen zerberstend hervorbrechen, worunter sie schrecklich zu leiden hätten. Der Mensch ist nun einmal als gemütliches Tier geschaffen; er hasst die Veränderung. Ein schmerzhafter Emanzipationsprozess, der nichts verspricht, außer sich den Panzer, der einen am Leben hält, abzustoßen, um sich den Schrecknissen der Welt alleine zu stellen. Freilich könnte man ihnen das nie erklären. Sie würden es nicht verstehen und uns Machthunger vorwerfen. Dabei handeln wir alle einzig in ihrem Interesse.“
Wieder meinte der Redakteur die Augen des Dekans vage zu erkennen. Zwar hatte sich die Dunkelheit des Saales inzwischen ein wenig gelichtet, sodass er die sprechende Gestalt inzwischen deutlicher gewahrte, jedoch konnte er, so sehr er sich bemühte, schlicht nicht begreifen,
was er dort vor sich sah: Der Körper des Dekans bewegte sich in konstanter Transformation. Immer wenn der Redakteur dachte, er würde verstehen, was er dort, am schummrig-entfernten Kopfende des Tisches zu sehen glaubte, entzog es sich wieder seiner Festlegung. Er sah nur die verschwimmende Form einer übermannsgroßen Gestalt, deren Grenzen sich nicht fassen ließen.
„Nie, niemals wird es möglich sein, diese zähe Masse in einen anhaltenden einmütigen Zustand zu bringen, wenn wir uns nicht anmaßen würden, sie zu lenken.“ Er klang bestimmt und selbstüberzeugt, aber nicht süffisant; eher, als ob er eine bereits zahllose Male erörterte Frage erneut abzuwägen suchte.
„Aber wie lenken, fragen Sie?“
Der Redakteur hatte sich kaum gerührt und erst recht nicht gewagt, den Monolog des Dekans mit einer Frage zu unterbrechen. Der formlose Körper des Dekans schien das Tafelende zu überfluten, uferte bedrohlich aus und es schien so, als müsste der üppige Körper sogleich aus seinen Konturen brechen. Dieser schien jedoch durch eine unsichtbare Macht begrenzt, ein Körperteil stützte das andere, verschlang ein weiteres und wurde selbst von einem nächsten verschluckt.
„Ein Dekan muss auf die Mittel bedacht sein, zu bewirken, dass seine Studenten seine Herrschaft beständig und zu allen Zeiten und unter allen Umständen brauchen – dann werden sie ihm treu bleiben. In weiser Voraussicht muss daher geplant, gezogen und reagiert, erhoben und gestürzt, zertrennt und abgesondert werden. Und Ihr Zug, lieber Redakteur, ist hiermit zu Ende.“
Der Dekan hatte geendigt, rang nun schweratmend und sichtlich überanstrengt von seinem Vortrag nach Luft und wirkte, als ob die schwere, autoritäre Gravitas seiner Worte ihn von innen heraus zu erdrücken drohe. Der Redakteur blickte zu ihm auf, wobei sein Blick seine Gestalt abermals nicht zu fassen vermochte; sie brach an den Stoffenden seiner Kutte in bunten Karavellen über seine körperlichen Grenzen hinaus, verformte sich, wobei sich seine Gliedmaßen in hektischen Zuckungen ergingen, und rauschte in aufbäumenden Sturmwellen wieder zurück in die schattenhaften Umrisse seiner grauenerregenden Gestalt. Der Redakteur P. fokussierte sich auf die metamorphe Erscheinung am Ende der Tafel und fühlte etwas aus der Tiefe in sich aufkommen.
„Und wenn Sie irren?“, brachte er mühevoll hervor.
Die groteske Mimik des Wesens, dieser Sturzbach fleischlichen Tosens geriet in eine unkontrollierte Hektik, als sie den unerwarteten Widerspruch hörte. Seine Grimasse verzog sich zu einem sardonischen Grinsen.
„Gehorchen müsst Ihr dennoch!“, gluckste dieses Etwas.
„Nicht, wenn Sie ungerecht sind“, entgegnete er standhaft.
Hatte der erste Einspruch das Wesen bereits irritiert, so brachte dieser offene Widerstand des Redakteurs es nun sichtlich aus seinem Gleichgewicht. Der Ebenholzsessel ächzte krachend unter seinem Anfall und das Porzellangeschirr und goldene Besteck wurde von den krampfartigen Ausfällen seiner Glieder durch den Raum geschleudert. Ein grauenhaftes, höhnisches Lachen dröhnte von den Wänden, als sich plötzlich ein dunkler Arm von dem Mantel des Wesens löste und eine ringbesetzte Klaue, die sich in ihrem purpurnen Flirren deutlich vom düsteren Hintergrund abhob, auf den Redakteur zu schnellte. Er spürte, wie etwas seinen stummschreienden Mund ausfüllte, sich in diesem dehnte und schmerzhaft ausbreitete. Er war sich sicher, in jedem Augenblick das Bewusstsein zu verlieren. Schließlich, in einem letzten, flüchtigen Moment seines Kampfes, verstand der Redakteur die Worte, die vom Kopfende her donnerten und ihm unmissverständlich offenbarten, dass sein Einwand hier niemals hätte bestehen können:
„Die Universität! Die Universität!“
Anregungsfragen:
- Ab wann schützt ein System nicht mehr die Gemeinschaft, sondern nur noch sich selbst?
- Wie verwandelt sich institutionelle Verantwortung in moralische Überheblichkeit – und wer kann das stoppen?
- Ist Gewalt dann besonders gefährlich, wenn sie als „notwendig“ und „alternativlos“ legitimiert wird?
- Welche Rolle spielen Medien innerhalb von Systemen: Kontrolle – oder Stabilisierung der Macht?
- Wie erkennt man den Punkt, an dem Widerspruch nicht mehr gehört, sondern verschlungen wird?
Hinweis: Nach der Abstimmung wird dieser Text als bereits bewertet markiert.
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